Efeu - Die Kulturrundschau

Demokratie ist billiger

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12.09.2015. Starke Nebenreihen und Dokus entschädigen die Kritiker für einen eher schwachen Wettbewerbsjahrgang der Filmfestspiele in Venedig. Die FR rät zur Entdeckung des expressionistischen Malers Reinhold Ewald in Frankfurt und Hanau. Der Architekturhistoriker Jürgen Tietz beschwört in der NZZ das identitätsstiftende Potenzial der europäischen Baudenkmäler. Und die taz ergründet die Sehnsucht nach Waldeinsamkeit und Natur in den aktuellen Alben von Deradoorian, White Poppy und DJ Richard.

Kunst

Eine prächtige Doppelausstellung im Frankfurter Museum Giersch und dem Historischen Museum Hanau bietet Gelegenheit, den zu Unrecht kaum bekannten expressionistischen Maler Reinhold Ewald (1890-1974) kennenzulernen, berichtet Judith von Sternburg in der FR: "Wir sind nichts als Farbe und Raum. Graue Alltagsmenschen, wilde Tänzerinnen, der Gekreuzigte, die koketten Mädchen, die ernsten, sehr dünnen Mütter, sie sind das Material, das der Maler jetzt formt und füllt und zerrt und doppelt und mit Farbflächen bedeckt, changierenden, plakativen, je nachdem. Weil es sich gleichwohl meistens um konkrete Situationen und Menschen handelt, haftet ihnen bei aller Dynamik und Biegsamkeit etwas Verschlossenes an. Es lässt sich leicht sagen, was man sieht, es lässt sich kaum sagen, was es bedeutet." (Bild: "Dame in Rot und Gelb - Hella Brückner", um 1950. Foto: Philippa Pfahler)

Im ZeitMagazin spricht Christine Meffert mit der Porträtmalerin Marlene Dumas. Besprochen wird die Ausstellung der Sammlung Reinhold Würth im Berliner Gropiusbau (Tagesspiegel, mehr hier).
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Stichwörter: Reinhold Ewald

Film

Kurz vor Ende der 72. Filmfestspiele in Venedig rüttelte Zhao Liangs wuchtige Bergarbeiterdoku "Behemoth" das Festival nochmal gehörig durch, begeistert sich Christiane Peitz im Tagesspiegel: Sie sah "ein Dante"sches Poem über die Hölle auf Erden, über Schönheit und Schrecken der gewaltigen Umwälzungen im Reich der Mitte. Gigantische Kohle-Tagebaureviere verwandeln die Innere Mongolei in eine Mondlandschaft, Explosionen bringen halbe Gebirge zum Einsturz, die letzten Nomaden mit ihren Schafherden ziehen davon. Schwarze Sonne, giftgrünes Weideland: unfassbare, gestochen scharfe, ausnahmslos heimlich gedrehte Aufnahmen auch aus den Fegefeuern der Stahlkocher und den Geisterstädten nie bewohnter Megacitys mitten in der Wüste." Einen kurzen, aber sehr schönen Ausschnitt daraus gibt es auf Vimeo:



Vom Wettbewerb ist Cristina Nord (taz) zwar eher enttäuscht, doch dafür konnte sie in den Neben- und filmhistorischen Reihen umso schönere Entdeckungen machen: Charles Burnetts restaurierten Film "To Sleep With Anger" (hier ein Ausschnitt) aus dem Jahr 1990 etwa. Burnett, erklärt Nord, zählt "zu den Akteuren der "L. A. Rebellion", einer Gruppe afroamerikanischer Filmemacher, die mit neorealistischen Verfahren ihre spezifische Erfahrungswelt fürs Kino bargen", sich in Hollywood aber nicht durchsetzen konnten: "Wenn man aus der Distanz von 25 Jahren auf "To Sleep with Anger" schaut, kommt man nicht umhin, dies als riesigen Verlust zu begreifen: Der Reichtum dieses Erfahrungsschatzes steht in traurigem Kontrast dazu, dass er, wenn überhaupt, nur in den Randbereichen des Kinos sichtbar wird."

Auch Verena Luekens Festival-Fazit in der FAZ fällt ernüchternd aus - zumindest für das fiktionale Kino: Den starken Dokumentarfilmen des Festivals konnten sie "nicht das Wasser reichen." In der Welt freut sich Dirk Schümer, dass zum Ende des Festivals auch Deutschland noch eine Rolle spielt - sogar gleich drei Rollen, in Gestalt von Bruno Ganz, Heinz Lieven und Jürgen Prochnow in Atom Egoyans Nazikomödie "Remember". Lea Wagner (Spex) schwärmt von Charlie Kaufmans im Wettbewerb gezeigten Puppentrickfilm "Anomalisa".

Besprochen werden der Psychoanalyse-Film "Therapie für einen Vampir" mit Tobias Moretti (Tagesspiegel), Giuseppe Piccionis "Rot und Blau" (Tagesspiegel), Alexandra Schneiders Doku "Private Revolutions" (Welt) und Terrence Malicks "Knight of Cups" (ZeitOnline, Perlentaucher).


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Literatur

Unter der Regie von Wolfgang Becker kommt nächste Woche mit "Ich und Kaminski" die Verfilmung von Daniel Kehlmanns erstem großen Bucherfolg ins Kino. Mit Richard Kämmerlings unterhält sich der Autor in der Literarischen Welt über die Wiederbegegnung mit seinem Frühwerk: "Ich bin als Schriftsteller düsterer geworden. Nicht von meiner Weltanschauung her, die war immer schon düster, aber in der Atmosphäre meines Werks. Wahrscheinlich würde ich einen so positiven Schluss wie in "Ich und Kaminski" heute nicht mehr schreiben. Ich habe kurz überlegt, ob ich für die Neuausgabe zum Film den Schluss ebenfalls verändere, aber dann dachte ich: Nein, man muss ja auch dem, der man einmal war, nicht immer dreinreden."

Weiteres: Jörg Häntzschel (SZ) fragt sich nach Lektüre eines Blogeintrags (auf den wir gestern hinwiesen) auf Harper"s, ob der auf Versteck- und Vexierspiele bestens spezialisierte Thomas Pynchon im April dieses Jahres unter dem Pseudonym Adrian Jones Pearson einen Roman veröffentlicht hat. Im Gespräch mit Thomas David erklärt Kazuo Ishiguro in der Literarischen Welt, weshalb er seinen jüngsten Roman "Der begrabene Riese" in einer mythischen Welt angesiedelt hat. Katrin Hillgruber (Tagesspiegel) stellt den polnischen Dichter Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki vor, der heute in Berlin liest. Mit "Mr Cleghorns Seal" hat Judith Kerr ein wunderbares neues Kinderbuch geschrieben, meldet Joseph Wälzholz in der Welt. Die FAZ hat Tilman Spreckelsens Bericht von seinem Besuch der Grimmwelt in Kassel online veröffentlicht. Und Florian Balke (FAZ) stellt die auf historische Romane spezialisierte Schriftstellerin Rebecca Gablé vor.

Besprochen werden Seamus Smyths irisch zupackender Krimi "Spielarten der Rache" (Zeilenkino), Jenny Erpenbecks "Gehen, ging, gegangen" (taz), Nora Bossongs "36,9" (taz), Heinz Helles "Eigentlich müssten wir tanzen" (taz), Philip Kerrs "Der Wintertransfer" (FAZ), Katharina Hackers "Skip" (Zeit), Jochen Schmidts "Der Wächter von Pankow" (FR), Adolf Endlers "Kiwitt, kiwitt" (FR), Marilynne Robinsons "Lila" (SZ) und Feridun Zaimoglus "Siebentürmeviertel" (FAZ, mehr).
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Musik

Die Neuveröffentlichungen von Deradoorian (mehr), White Poppy (mehr) und DJ Richard (mehr) zählen nicht nur zu den "musikalisch aufregendsten Popalben dieser Saison aus Nordamerika", schreibt Julian Weber in der taz, sie eint auch eine gewisse Sehnsucht nach Waldeinsamkeit und Natur. Als im Hintergrund mitrauschenden Stichwortgeber identifiziert der Popkritiker die Thesen des Zivilisationsskeptikers Thoreau: Doch "was passiert mit Thoreaus Autonomiebestrebungen in Zeiten der totalen Transparenz, die auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land verwischt? Zurück zur Natur kann keine befriedigende Antwort sein, aber die Sehnsucht nach Abgeschiedenheit oder die Projektion von Natur und Distanz, und sei es durch je unterschiedliche famose klangliche Ausgestaltungen (...), erschaffen wenigstens temporäre autonome Zonen."

In den Wald zieht es auf seinem gleichnamigen, hier in der Spex besprochenen Album im übrigen auch den Elektro-Musiker Pole, mit dem sich Thaddeus Hermann von Das Filter unterhält. Für das Freitext-Blog von ZeitOnline unterhält sich Thomas von Steinaecker mit Steve Reich über Arvo Pärt, dem Gregor Dotzauer im Tagesspiegel zum 80. Geburtstag gratuliert (hier Jüri Reinveres Geburtstagsgruß in der Berliner Zeitung). Jan Brachmann staunt in der FAZ einmal mehr über die "unerhörte Kraft und Effizienz in Sachen Musikkultur" in Polen, wo nach Danzig, Köslin und Tschenstochau nun auch Breslau sich eine neue Philharmonie gönnt. Die erstmalige Veröffentlichungen der in den 50er Jahren in Berlin entstandenen Radioaufnahmen der Violinistin Zara Nelsova lassen Harald Eggebrecht (SZ) "gefesselt von der Magie dieser Musikerin" zurück. Tim Neshitov (SZ) flaniert mit Rocko Schamoni durch Hamburg. Und Jens Uthoff (taz) äußert seine Bedenken, dass das in Berlin anstehende Lollapalooza-Festival "ein eher austauschbares Format" wird.

Besprochen werden das Comeback der Libertines (SZ), ein von Christian Thielemann dirigiertes Konzert in Frankfurt (FR), diverse neue Popalben, darunter Neuheiten von Romano und Beirut (ZeitOnline), und ein Auftritt von King Crimson in London (FAZ).
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Bühne


Die fortschrittlichste Gemeinde aller Zeiten: Ibsens "Volksfeind" in Zürich. (Foto: Tanja Dorendorf)

"Willkommen in der Gegenwart", ruft in der NZZ Barbara Villiger Heilig Henrik Ibsens "Volksfeind" zu, der in einer Überarbeitung von Dietmar Dath und inszeniert von Stefan Pucher am Schauspielhaus Zürich aufgeführt wird: "Das Städtchen, Ort der Handlung, steht als 3-D-Modell auf der Bühne; die Webcam zoomt Details heran: zum Beispiel das Wellnessbad, dessen Wasser, dies Stockmanns umstürzende Entdeckung, schwer verseucht ist. Keine Frage: Als Kurarzt muss er damit an die Öffentlichkeit. Der "Volksbote", jene Zeitung, welcher Stockmann seine Entdeckung anvertrauen will, mutiert durch die Neubearbeitung zur Plattform "DEMOnline"; Hovstad, ursprünglich Redaktor, zur Bloggerin (auch der Frauenquote wird Rechenschaft getragen); Buchdrucker Aslaksen zum Softwareunternehmer. Peter Stockmann aber, Tomas" Bruder, sein Gegenspieler und das regierende Oberhaupt der Stadt, die er als "fortschrittlichste Gemeinde aller Zeiten" rühmt, hat auf E-Government umgestellt, um den Haushalt zu entlasten: "Demokratie ist billiger", so lautet der Slogan des PR-Profis."

Nicht sehr theaterfreundlich findet Alexandra Kedves im Tages-Anzeiger die Aktualisierung: "Wäre [Hauptdarsteller Markus] Scheumann nicht ein derart toller Akteur, der sein reiches Applausbouquet hundertmal verdient hat, dann würde dieses postdramatische, demokratiekritische Rasen in digitaler Zeit als trockenes Thesentheater vor sich hin langweilen. Was es im ersten Teil der Soiree über weite Strecken auch tut."

Im Gespräch auf dem Bayerischen Rundfunk gibt Leonhard Koppelmann Auskunft über seine Hörspielbearbeitung von Elfriede Jelineks NSU-Theaterstück "Das schweigende Mädchen" (mehr zu dem Stück hier, hier der erste Teil des Hörspiels als Download).
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Architektur

Vierzig Jahre nach dem "Europäischen Jahr für Denkmalschutz" 1975 nimmt der Architekturhistoriker Jürgen Tietz in der NZZ begeistert den Plan für ein "European Year of Cultural Heritage" im Jahr 2018 auf, von dem er sich einen städtebaulichen Paradigmenwechsel in Europa hin zu mehr Transparenz und Partizipation verspricht. Im Zentrum soll dabei die "Wertschätzung des gebauten Bestandes" stehen, dessen Vielschichtigkeit es zu bewahren, zu qualifizieren und zu vermitteln gelte: "Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch nicht, städtische Veränderungsprozesse zu unterbinden. Es fordert vielmehr dazu auf, Denkmale nicht in erster Linie als Störfaktoren bei der Weiterentwicklung unserer Städte zu begreifen. Monumente sind selten erratische Blöcke, sondern sie sind offen für veränderte Nutzungen und kluge Ergänzungen. Als Zeugnisse unterschiedlichster Epochen stellen sie identitätsstiftende Eckpfeiler in einer sich wandelnden Umwelt dar. An ihren Zeitschichten lassen sich veränderte Nutzungsvorstellungen ablesen. Das macht sie zu lebendigen Zeugnissen jener Adaptionsprozesse, die die europäische Baukultur seit je begleiten."

Ebenfalls in der NZZ schildert Roman Hollenstein seine Eindrücke von dem von Ivano Gianola realisierten Kulturzentrum LAC in Lugano: "Mit seinen dunkelgrünen Steinfassaden gleichsam aus dem Berg hervorwachsend, will er sich nicht als exzentrisches Zeichen im Stadtgefüge aufspielen, sondern den jahrzehntelang vernachlässigten Ort in ein neues urbanes Zentrum verwandeln. Ob das gelingt, muss sich noch zeigen."
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