Efeu - Die Kulturrundschau

Der Gesang der Deutschen als Gesang für die Deutschen

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29.08.2015. Schlachten um Flüchtlingsboote und Kinder vor der Terroristenfotowand - der Standard amüsiert sich in Banksys Vergnügungspark "Dismaland". Der Tagesspiegel fordert: Emeka Ogbohs Soundinstallation "Brüderlich mit Herz und Hand" muss ins Humboldt-Forum. Die taz fragt: Warum schreiben Schriftsteller?. Welt und Standard erliegen der unterirdischen Wirkungsweise der Sprache von Clemens Setz. Die SZ sucht nach einem schönen Auto.

Literatur

Warum schreiben Schriftsteller? Trotz unterirdischer Honorare und demütigenden Konkurrenzdrucks, fragt Dirk Knipphals in der taz. Um ihr Außenseiterdasein zu transzendieren - das wäre das typische Künstlerromanmotiv, wie es etwa Gary Shteyngart in "Kleine Versager" beschreibe. Andere Wege gehen Karl Ove Knausgard, Andreas Maier und Gerhard Henschel, so Knipphals: "Aber eins eint sie doch: der Impuls, das Künstlermärchen links liegen zu lassen und einmal genau zu beschreiben, wie der Wunsch, Schriftsteller zu werden, bei ihnen entstanden ist. Die Details dazu schreiben sie akribisch und mit einer Ehrlichkeit auf, die bis zur Nacktheit geht. Anders als Shteyngart macht sie das anschlussfähig an ein Nachdenken darüber, dass Kreativität in unserer Gesellschaft nicht mehr nur als Verheißung zur Selbstverwirklichung auftritt, sondern auch als Forderung. Nicht kreativ sein wollen - das geht gar nicht mehr."

Die Wirkung von Sprache ist das vorrangige Thema in Clemens Setz" neuem Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", analysiert Bernhard Oberreither im Standard: "Streckenweise könnte das eine Handreichung aus einem NLP-Seminar für Soziopathen sein. Für einen Autor wie Setz geht es dabei wohl um die genuin literarische Frage nach den Verbindungen, die neben den landläufigen sonst noch zwischen Wörtern und Welt herrschen; um die Frage nach einer unterirdischen Wirkungsweise von Sprache, für die er vielleicht keine klaren Antworten liefert (warum sollte er auch), aber reichliches und prächtiges Anschauungsmaterial." In der Welt beginnt Richard Kämmerlings" Rezension des Romans mit dem Satz: "Dieses Buch hat mir den Kopf verdreht."

In einem sehr amüsanten Interview mit der NZZ spricht Autor Gary Shteyngart über seinen neuen Roman "Kleiner Versager", über das Aufwachsen in einem fremden Land und über das Verhältnis der Russen zu Amerika: "Vor einigen Jahren saß ich in einem Taxi in Moskau, der Fahrer war betrunken, weinte und sagte: "Ich kann meine Familie nicht ernähren. Ich habe kein Geld und möchte nach Amerika ziehen." Ich sagte: "Ja, dort gibt es eine gute Einwanderungspolitik, aber das beste Land mit einer sehr guten Einwanderungspolitik ist Kanada." Und darauf er: "Kanada, puh! Ich kann nur in einer Supermacht leben.""

Jonathan Franzen plaudert im Interview mit FAZ und Welt über seinen neuen Roman "Unschuld", das böse Internet und Schuld: "Dreißig Jahre lang habe ich ein Buch schreiben wollen, in dem Deutschland eine Rolle spielt, und der Tag, an dem mir klar wurde, dass jede der fünf Hauptfiguren in meinem deutschen Roman an einer Schuld litt, war ein glücklicher Tag."

Weitere Artikel: In der Welt erinnert Annett Gröschner an den vor 50 Jahren verstorbenen Dichter Johannes Bobrowski. Hans-Jörg Neuschäfer schreibt in der NZZ zum 400. Geburtstag des zweiten Teils des "Don Quichotte". In der FAZ berichtet Jürg Altwegg von den Diskussionen über die Nutzungs des Parks rund um Hermann Hesses Casa Rossa in Montagnola: Die eine Fraktionen will auf dem Gelände eine Villensiedlung aus dem Boden stampfen, während der schweizerische Heimatschutz sich für einen "Literaturpark Hermann Hesse" stark macht.

Besprochen werden Olav H. Hauges Tagebuchband "Mein Leben war Traum" (NZZ), Anna Baars Debütroman "Die Farbe des Granatapfels" (Standard), Erwin Einzingers Roman "Ein kirgisischer Western" (Standard), der Bildband "Talking Stones" der Fotografin Elaine Ling (Standard), ein Band mit nachgelassenen szenischen Texten von Wolfgang Bauer (Standard), Margarita Kinstners Roman "Die Schmetterlingsfängerin" (Standard), Günter Grass" "Vonne Endlichkait" (SZ, FR), Alina Bronskys "Baba Dunjas letzte Liebe" (taz), Marco Kunsts "Flieg" (Tagesspiegel) und Shumona Sinhas "Erschlagt die Armen!" (Tagesspiegel).
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Bühne

Noch nie fand ein Theaterstück soviel Zuspruch in den jährlichen Kritikerumfragen von Theater Heute (hier die Ergebnisse) wie "Die lächerliche Finsternis" von Wolfram Lotz, meldet Katrin Bettina Müller in der taz. Eleonore Büning (FAZ) schreibt zum Tode des Opernregisseurs Nikolaus Lehnhoff.

Besprochen werden die Erstaufführungdes Anne-Frank-Stücks in Hamburg (Welt), eine Frankfurter Bearbeitung von Anna Seghers" Roman "Transit" (FR) und neue beim "Tanz im August" in Berlin aufgeführte Choreografien von La Veronal und dem Tao Dance Theatre (Tagesspiegel, taz).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Anne Frank, Tanz im August

Kunst



Anita Moser streift für den Standard durch Banksys Vergnügungspark "Dismaland" in Weston-super-Mare. Er ist genauso deprimierend, wie er sein soll, selbst das Wetter spielt mit. Werden die Besucher hier nicht ganz schön vorgeführt? Schon, aber sie machen es dem Künstler auch verdammt einfach: "In einem Interview mit dem Guardian bezeichnet Banksy sein Dismaland als Ort, wo "counterculture easily available over the counter" zu haben sei. Tatsächlich wird in der düsteren Anti-Glamour-Welt selbst das Makaberste problemlos konsumiert. So wirkt der Freizeitpark im doppelten Wortsinn "bemusing", betäubend und verwirrend gleichermaßen: etwa wenn Besucher die überfüllten Flüchtlingsboote, eine Installation von Banksy, fröhlich herumnavigieren und deren Kollisionen mit Gejohle kommentieren oder Eltern ihre Kinder bei der "Terroristen"-Wand für ein Foto posieren lassen."

Emeka Ogbohs Soundinstallation "Brüderlich mit Herz und Hand" gehört ins Humboldt-Forum, fordert Marie Luise Knott in einem Porträt des nigerianischen Künstlers für den Tagesspiegel. Erstmals sah und hörte sie die Installation auf der Biennale in Venedig (mehr hier). Dort kann der Besucher, begleitet von Haydns Musik, in einem Wachturm "das Begleitbuch aufschlagen, "boñango bo be bwasam" auf Douala mitsingen und dabei die deutsche Übersetzung "brüderlich mit Herz und Hand" mitdenken. [...] Im Forums-Prospekt liest man: "Im Idealfall ist ein Museum ein Ort, an dem im Besucher eine Verwandlung stattfindet." Eben das leistet Ogbohs Klangkunstwerk. Es entmusealisiert die Neugier, holt die Stimmen der Migranten ins Land hinein, fragt nach dem Zusammenhang zwischen den historischen Schätzen und den heutigen Lebensumständen der Menschen außerhalb Europas. Der Gesang der Deutschen als Gesang für die Deutschen, er gehört ins Humboldt-Forum."

Die Zeichenhaftigkeit der Dinge erkennen, nicht ihre Sinnlichkeit - darauf kam es dem 1975 verstorbenen belgischen Künstler Marcel Broodthaers an, an dessen Werk gerade mit einer großen Retrospektive im Kasseler Fridericianum erinnert wird. Unanstrengend ist das nicht, bekennt Hans-Joachim Müller in der Welt, aber ein Ereignis: "Gerade im Rückblick auf das Werk wird deutlich, wie Broodthaers seine Themen aus dem Funktionskomplex gewonnen hat, in dem Kunst immer neu zur Kunst erklärt wird. ... Heute würde man sagen, er hat sich wie ein Hacker im Machtkomplex Kunst aufgehalten und mit subtilen Programmen dessen eigene Gesetze parodiert, um so die Störanfälligkeit des Betriebs zu demonstrieren."

Weiteres: Waltraud Schwab plaudert in der taz mit der Berliner Künstlerin Galli. Für die SZ besucht Gottfried Knapp den Shoah-Überlebenden Max Mannheimer, den die Kunst Wassily Kandinskys zu eigenem therapeutischen Kunstschaffen inspirierte: "Er wusste nun, wie aufregend schön Farben sein können, die nicht mehr im Dienst eines Gegenstands stehen." In Jerusalem sieht Peter Münch (SZ) Nova Dobels im Rahmen des Jerusalemer Kultursommers errichteter Eismauer beim Schmelzen zu.

Besprochen werden eine Ausstellung von Roman Pfeffer in der Innsbrucker Galerie im Taxispalais (Standard) und ein koreanisches Kunstprojekt im Migros-Museum in Zürich (NZZ).
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Film

Bert Rebhandl gratuliert William Friedkin zum 80. Geburtstag. Auch im Alter ist er immer noch Hollywoods zornigster Mann, wie dieser Ausschnitt aus der Sendereihe "Durch die Nacht" belegt:



Besprochen werden Sergei Loznitsas Dokumentarfilm "Maidan" (taz), Max Josephs Debütfilm "We Are Your Friends" mit Zac Efron (Presse), die Netflix-Serie "Narcos" (Tagesspiegel), Matteo Garrones "Das Märchen der Märchen" (Tagesspiegel, Perlentaucher), Mark Dornford-Mays "Lilien im Winter" (ZeitOnline) und, nachgereicht, ein von Matthias Dell und Simon Rothöhler herausgegebenes Buch über den Dokumentarfilmer Thomas Heise (Neues Deutschland).
Archiv: Film
Stichwörter: Maidan, Netflix

Design

In ihrem Buch Zwei beklagt die SZ den Niedergang des Automobils zu einem reinen Funktionsgegenstand. Wo bleibt da die Form, die Sinnlichkeit, die Eleganz? David Pfeier sieht sich im Alltag auf der Straße gar von "Monstrositäten" umzingelt. Unter Verweis auf die täglichen Vier-Stunden-Staus in Mega-Citys wie Jakarta, wo das Auto längst Quasi-Wohnraum ist, schreibt er: "Die Straßen und die Autos, die auf ihnen fahren, prägen unseren visuellen Alltag. Je mehr aus einem Automobil also ein Immobil wird, desto wichtiger wäre eigentlich eine schöne Außenhaut."

In der großen, begleitenden Reportage sucht Thomas Steinfeld in Italien nach Spuren des legendären Autoklassikers Aurelia, der auf ihn eine fast schon erotische Anziehung ausübt: "lang, schlank und elegant, mit gerundeten Flanken, die in den Scheinwerfern begannen und hinter den Sitzen noch einmal ansetzten, so als bekomme sie von den Hinterachsen noch einmal neuen Schub, mit einem Kühlergrill wie eine große, teure Brosche und einer lang gestreckten Haube, unter der man sich gern ein Meisterstück der Mechanik vorstellt, und einem kleinen Cockpit mit wenigen Instrumenten, sodass offensichtlich war, dass dieses Auto nicht einfach bedient werden konnte, sondern im strengen Sinne gefahren werden musste." Eine große Rolle spielte der Wagen auch in Dino Risis vergessenem und großartigem Film "Il Sorpasso":

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Musik

In der Berliner Zeitung mag Jens Balzer nicht ins allgemeine Gemäkel seiner Kollegen - Staatsfestival! Handyverbot! - über das Berliner Pop-Kultur-Festival einstimmen: Er freut sich über wenig Werbung und wenig Smartphones: "Das Pop-Kultur-Festival wirkt wie eines, das so auch vor 20 Jahren hätte stattfinden können, vor der Erfindung von Smartphones und Digitalüberwachung und der flächendeckenden Durchsetzung von Sponsoring-Deals. Und es ist interessant, sich gelegentlich vor Augen zu führen, wieviel Regulationen, Restriktionen und Subventionen es inzwischen braucht, um auf einem Pop-Festival des Jahres 2015 jenen Zustand der Freiheit zu rekonstruieren, den man auf einem Pop-Festival des Jahres 1995 noch für selbstverständlich erachtete." In der taz resümiert Juliane Streich und hofft darauf, dass im nächsten Jahrgang "die Welt der Frauen" nach vorn rücken möge. Im Tagesspiegel berichtet Nadine Lange von den Auftritten von Mary Ocher, Schnipo Schranke und Neneh Cherry.

Weitere Artikel: Anne-Sophie Balzer stellt im Tagesspiegel die dänisch-finnische, in Berlin arbeitende Band Liima vor. Maurice Summen (taz) und Wolfgang Sandner (FAZ) gratulieren Helge Schneider zum Sechzigsten.

Besprochen werden eine konzertante Aufführung von Verdis "Ernani" mit dem Orchestra Giovanile Luigi Cherubini unter Riccardo Muti in Salzburg (Presse), eine konzertante Aufführung von Verdis "Falstaff" beim Lucerne Festival (NZZ), ein Konzert des Pianisten Kristian Bezuidenhout beim Lucerne Festival (NZZ), ein Konzert des Gustav-Mahler-Jugendorchesters unter Herbert Blomstedt mit Mozart und Dvořák in Salzburg (Presse), Kalnein & Abenes" CD "Dreamliner" (Standard), das neue Motörhead-Album (dem sich für die Welt Literaturkritiker Wieland Freund aussetzt) und Destroyers "Poison Season" (Spex) Außerdem verweist die Spex auf das neue Video der Fehlfarben:

Archiv: Musik