Efeu - Die Kulturrundschau

Gegen Vorstellungen des Formvollendeten und Runden

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28.08.2015. Die NZZ schwebt selbstbewusst als Schmetterling über einem Spargel von Adriaen Coorte. Die FAZ schwärmt von der großen Piero-di-Cosimo-Schau in den Florentiner Uffizien. Die Welt berichtet über die Hintergründe des neuesten Fälschungsskandals bei dadaistischer Kunst. Die Filmkritiker trauern um Peter Kern. Die taz bestaunt die Kreuzbestäubung von Disco und Punk durch Ebony Bones. Ohne Klassiker verkümmert das deutsche Theater, ruft die SZ besorgt. Die Welt winkt ab: der Beweis des Puddings liegt im Essen!

Kunst

Absolut sehenswert ist die Ausstellung "Ein goldenes Zeitalter" mit rund 40 niederländischen Werken von Anfang des 17. Jahrhunderts im Kunsthaus Zürich, versichert in der NZZ Samuel Herzog. "Ihre Malereien erzählen nicht nur von der Welt, sondern auch von der Kunst, sie anzuschauen. Sie sind folglich so beschaffen, dass der Blick sich auf eine neue Weise darin bewegen kann - zum Beispiel, indem er ins Bild schlüpft, eine Rolle übernimmt und die Dinge aus dieser Perspektive heraus begreift. Denn zum ersten Mal in der Kunstgeschichte hat der Betrachter etwas im Bild zu suchen. Die Szenen nämlich spielen sich nicht mehr im Jenseits mythischer Welten oder religiöser Erzählungen ab, sondern im Diesseits", erklärt Herzog, der die Aufforderung zum Tanz begeistert annimmt und als Schmetterling über dem Spargel von Adriaen Coorte schwebt. (Bild: Adriaen Coorte, Stillleben mit einem Bund Spargeln, roten Kirschen und Schmetterling, ca. 1693 - 1695. Privatsammlung Ferdinand J. Knecht)

Entzückt kommt Andreas Kilb aus der großen Piero-di-Cosimo-Schau in den Florentiner Uffizien zurück. Insbesondere vor der "Befreiung der Andromeda" geht er in der FAZ schwärmerisch in die Knie: Das ist "ein Bild, über das man nicht genug staunen kann, weil es in seiner wilden Farbigkeit, seiner unbändigen Bewegtheit und Formenfülle einem Zauberkasten gleicht, aus dem der Manierismus, das Kolorit eines Turner oder Delacroix, der Surrealismus und noch die Pop-Art geschöpft haben". (Bild: Ausschnitt aus Cosimos "Befreiung der Andromeda")

In der Welt informiert Swantje Karich über die mutmaßlichen Kunstfälschungen von Arbeiten aus der Dada-Zeit. Konkret geht es um Fotocollagen von Edmund Kesting und Karl Hermann Trinkaus sowie um Arbeiten des vermutlich nicht einmal existierenden Karl Waldmann. Hätte man den Fälschungen nicht eher auf die Spur kommen können? "Die Collagen wirken zum Teil so plakativ politisch, dass man unweigerlich die Augen verdreht und an den Schulunterricht denken muss, als man sich in Klebeübungen mit Zeitungsausschnitten übte. Waldmann, Kesting, Trinkaus - wir wissen noch nicht, wer hinter diesen Betrügereien steckt. Es gibt strategische und visuelle Verbindungen. Experten geben im Stillen schon ihre Tipps ab. Denn anders, als viele meinen, sind die Clans und Fälscher oft schon seit Jahren bekannt."

Für die SZ hat Thomas Steinfeld in Dresden die gestrige Pressekonferenz über die rätselhafte Provenienz der Bilder des bis heute biografisch nicht greifbaren Dadaisten Karl Waldmann besucht. Überzeugt hat sie ihn nicht, er fordert bis zur Klärung der Sachlage äußerste Maßnahmen: "Es [empfiehlt] sich, Werke mit der Signatur "K.W." nicht zu kaufen, nicht zu verkaufen und vor allem - sie nicht in öffentlichen Ausstellungssälen zu zeigen. Karl Waldmann und sein Werk gehören bis auf Weiteres in Quarantäne."

Besprochen werden eine Ausstellung im C/O Berlin über die vor 100 Jahren erfundene Leica-Handkamera (Berliner Zeitung), das von Thomas Buomberger und Guido Magnaguagno herausgegebene "Schwarzbuch Bührle" (Tagesspiegel) und die Ausstellung "Frauensache: Wie Brandenburg Preußen wurde" im Schloss Charlottenburg in Berlin (SZ).
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Film


Peter Kern in "Flammende Herzen", 1977

Allgemeine Trauer um den österreichischen Schauspieler und Regisseur Peter Kern. Dominik Kamalzadeh plaudert in seinem Nachruf in der taz erst aus dem Redaktionsstuben-Alltag - "Wenn Peter Kern in der Redaktion anrief, war man vor Unerwartetem nie gefeit" - und würdigt dann Kerns Regiearbeiten: "Kerns Filme sind gegen Vorstellungen des Formvollendeten und Runden, gegen die Sicherheiten des Geschäftskalküls und des guten Geschmacks gerichtet und träumen dann mit vereinzelten Kranfahrten doch von großem Kino. Sie strotzen vor Eigensinn, brechen sogar mit ihren eigenen Vorstellungen von Schönheit und schmerzen deshalb umso mehr."

In der FR würdigt Ulrich Seidler den Verstorbenen als großen Unbequemen des Betriebs, der an einer ganz großen Karriere nur haarscharf vorbeigeschrammt ist: "Kern machte es dem Filmmarkt nicht leicht, ihn ganz hinauf auf die Starebene zu heben. Er legte als Freund der Unterdrückten, Kranken und Verarmten, zu denen er sich in Phasen seines Lebens zählte, wohl auch keinen Wert darauf, wollte stattdessen lieber seine eigenen Werke in die Welt setzen, die er ausgiebig bereiste. Seine frühe Hinwendung zu Kitsch, Trash und zur Trivialität konnte wiederum das Feuilleton nur schwer verdauen." Für Fazler Uwe Ebbinghaus bestand Kerns darstellerische Qualität in einer "träumerischen Lässigkeit und Artikulationskunst". Auf Facebook hat das Regieteam Veronika Franz und Severin Fiala, das einen Dokumentarfilm über Kern gedreht hat (hier der schöne Trailer), einen anrührend persönlichen Abschied gepostet.

Weitere Artikel: Dem Berliner Publikum empfiehlt Silvia Hallensleben (taz) die heute im Zeughaus-Kino gezeigten "Kehraus"-Dokumentarfilme von Gerd Kroske. Der Film "Im Labyrinth des Schweigens" (mit allem, was die Amerikaner so von uns erwarten: "Vergangenheit, Nazis, Ernsthaftigkeit") soll Deutschland beim Auslandsoscar vertreten, "Victoria" bleibt auf der Strecke, weil darin angeblich zu viel Englisch gesprochen wird, meldet ein betrübter Hanns-Georg Rodek in der Welt. In der NZZ schreibt Christina Tilmann zum 100. Geburtstag von Ingrid Bergman.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Treffpunkt Erasmus" über den Zeichner Werner Klemke, der im "Dritten Reich" für Juden Dokumente fälschte (Berliner Zeitung), Matteo Garrones Fantasyfilm "Das Märchen der Märchen" (FR, Perlentaucher), das HipHop-Biopic "Straight Outta Compton" (Jungle World, FAZ, Zeit, Perlentaucher), der Musikerfilm "Frank" mit Michael Fassbender (Tagesspiegel, Spex, SZ), Elkan Spillers Dokumentarfilm "L"Chaim! - Auf das Leben!" (FAZ) und Daniele Luchettis "Barfuß durchs Leben" (Tagesspiegel).
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Bühne

Das deutsche Theater wickelt sein Geschichte ab, fürchtet Peter Laudenbach in der SZ: Die Klassikerinszenierungen werden weniger - in Dortmund pflegt man das Repertoire schon gar nicht mehr -, dafür habe der Eventismus und Interventionismus im Zeichen von Dekonstruktion und erweitertem Theaterbegriff Konjunktur: "Die entscheidende Frage ist, ob diese Öffnungen des Theaters für andere Genres und die Versuche, an die "Überfülle der Gegenwart" anzudocken, dem Theater eine Erweiterung seiner Möglichkeiten bescheren. Oder ob sie im Geschichtsverlust, in der Naivität des Authentischen, in der Ablehnung und Nichtbeherrschung des psychologisch realistischen Spiels, in der Ignoranz gegenüber literarischen Vorlagen und im Verlassen der Guckkastenbühne eine Verkümmerung des Theaters bedeuten."

Irene Bazinger freut sich in der Welt dagegen schon auf die neue Saison und ermuntert zum Theaterbesuch: "Gewiss, vieles wird auch in dieser Saison öde, uninteressant, furchtbar werden - okay, was soll"s, der Beweis des Puddings liegt im Essen! Oder wie Andreas Dorau unbekümmert auf der Neuen Deutschen Welle reimte: "Die Welt ist schlecht, das Leben schön/ was ist daran nicht zu verstehen?""

Das Wiener Burgtheater ist "Theater des Jahres", meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Berlin kommt in dieser Umfrage zwar weniger gut weg als in früheren Jahren, doch dennoch kann sich Patrick Wildermann (Tagesspiegel) mit diesem Ergebnis gut arrangieren. Immerhin in der Rubrik "Ärgerlichstes Ereignis des Jahres" kann die Hauptstadt punkten: "Viele Kritiker nennen (...) auch die überhitzte Debatte über die Berufung von Chris Dercon als Castorf-Nachfolger, an der plötzlich kaum einer mehr beteiligt gewesen sein will. Man gibt jetzt lieber den abgeklärten Beobachter. Schon lustig - zumal die Diskussion dringlicher denn je nach Fortsetzung verlangt."

Besprochen werden der Auftritt der Company Tao Dance Theatre beim "Tanz im August" in Berlin (taz), ein "eingebildeter Kranker" beim Barock am Main (FR), Sabine Sonntags Buch ""Seht ihr"s, Freunde?" Wagners "Tristan und Isolde" im Film" (SZ) und der Londoner "Hamlet" mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle (SZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Die Zeit hat Andrea Böhms Porträt des jordanischen Comiczeichner Suleiman Bakhit online gestellt. Frank Junghänel bringt in der Berliner Zeitung Hintergründe zu der von David Lagercrantz verfassten Fortsetzung von Stieg Larssons "Millennium"-Reihe.

Außerdem ist eine neue Ausgabe der Polar Gazette erschienen. Themenschwerpunkt diesmal: Frauen und Krimis. In einem großen Essay fragt sich Thomas Wörtche, ob nun Frauen besser über Männer oder Männer besser über Frauen schreiben - und ob solche Fragen überhaupt stellenswert sind. Sonja Hartl schreibt über "taffe Frauen, weiche Männer". Carsten Germis nimmt sich von Männern verfasste Krimis mit weiblichen Hauptfiguren zur Brust. Und Friedrich Ani steuert seine Erzählung "Aschenputtel weint nicht mehr" bei.

Besprochen werden Friedrich Anis "Der namenlose Tag" und Dror Mishanis "Die Möglichkeit eines Verbrechens" (Perlentaucher), Günter Grass "Vonne Endlichkait" (Berliner Zeitung) und W. Daniel Wilsons "Goethes Erotica und die Weimarer "Zensoren"" (SZ).
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Architektur


J. Göderitz, Hautklinik Magdeburg, gebaut 1931. Bild: Institute for Building Documentation, iTUBS

Die Pläne der Stadt Magdeburg, den von Johannes Göderitz gebauten Pavillonbau der ehemaligen Hautklinik abzureißen, hält Olaf Gisbertz (FAZ) für höchst bedenklich: Das Gebäude "ist nicht nur ein architekturgeschichtliches Zeugnis für das Neue Bauen am Ende der zwanziger Jahre, sondern auch ein Denkmal der deutschen Medizingeschichte. ... Magdeburg [zählte] damals zu jenen fortschrittlichen Städten im Deutschen Reich, die sich mit einer eigenen Fachklinik nicht nur der Behandlung, sondern auch der Erforschung von Haut- und Geschlechtskrankheiten wegen verdient machten. Die Architektur von Göderitz atmet diesen Geist noch heute in einzigartiger Weise." Mehr dazu bei Moderne Regional.
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Musik

Für die taz porträtiert Diviam Hoffmann die heute in Berlin auftretende Musikerin Ebony Bones, deren Interpretation von Siebziger-Disco sich biografisch und in der Attitüde vom feministischen Punk-Underground und dessen DIY-Ethos speist: "Ebony Bones verschmilzt alles, was sie hört, zu einer spirituellen Sprache, so nennt sie Musik. Sie entlehnt dafür einen Begriff aus der Biologie: Kreuzbestäubung. Das Aufnehmen von Tradition, vom Anderen ist für Ebony Bones essenziell und enorm fruchtbar, auch wenn die Gefahr besteht, zu viel zu wollen, dass Buntheit in Beliebigkeit abzurutschen droht. Einzig Punk als Haltung bleibt bei Ebo­ny Bones konstant: punk pour le punk." Hier ihr aktuelles Video:



Weitere Artikel: Jens Balzer (Berliner Zeitung), Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Juliane Streich (taz) und Jan Kedves (SZ) berichten vom Auftakt des Berliner Festivals Pop-Kultur. Für die taz ruft Polona Balantic bei Laibach an, um sich über deren Eindrücke aus Nordkorea zu erkundigen. Sehr beglückt zeigt sich Gottfried Knapp (SZ) davon, wie das österreichische Burgenland das Gedächtnis an Joseph Haydn wach hält: "Fast alle Orte, an denen Werke uraufgeführt worden sind, in ihrer ursprünglichen Funktion erhalten geblieben." In Israel stoßen Daniel Barenboims Pläne, in Teheran ein Konzert zu geben, auf großes Unverständnis, berichten Reinhard Brembeck und Peter Münch in der SZ. Michael Stallknecht schreibt in der SZ über den Boulez-Schwerpunkt des Lucerne Festivals. Christian Eede meldet auf The Quietus zwei neue Soundcloud-Uploads von Aphex Twin.

Besprochen werden Konzerte beim Lucerne Festival (hier und hier in der NZZ), er Eröffnungsabend des Zürich Open Air (NZZ), ein "Romeo und Julia"-Konzert des hr-Sinfonieorchesters (FR), das neue Album von Beach House (taz) und die Tape-Veröffentlichungen des Monats (The Quietus).
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