Efeu - Die Kulturrundschau

Jeder solitär für sich alleine

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31.08.2015. Literaturdebatten? Gibts nicht mehr, die Kritiker sind zu beschäftigt, sich als Autor und Juror in Szene zu setzen, diagnostiziert die Welt in Erlangen. Die taz porträtiert den phänomenalen Hornisten Felix Klieser. In der FR staunt Detroit-Techno-Pionier Jeff Mills nach zwanzig Jahren immer noch über die Deutschen, die beim Tanzen nicht flirten. In der FAS gibt Byung-Chul Han Nachhilfe im chinesischen Denken.

Literatur

Ein Island-Syndrom in Form "multipler Rollenverstrickungen" bescheinigt Marc Reichwein in der Welt dem Literaturbetrieb beim Poetenfest in Erlangen. Die Akteure "sind heute Kritiker, morgen Autor, und übermorgen Juror. Und oft genug alles gleichzeitig". Nur ihrer Aufgabe als Kritiker kommen sie immer weniger nach. So hatte Roman Bucheli kürzlich in der NZZ fassungslos die Hymnen auf Ralf Rothmanns Roman "Im Frühling sterben" kritisiert: "Wie könne es sein, so der Literaturkritiker an seine Kollegen, dass man so einhellig ein Buch lobe, das vom Krieg so altmodisch erzähle wie Konsalik? Wie könne man einem Rothmann ästhetische Naivität durchgehen lassen, die man Martin Walser bei "Ein springender Brunnen" angekreidet habe?" Da unsere Kritiker derzeit die Debatte scheuen wie der Teufel das Weihwasser, gab es darauf absolut überhaupt keine Reaktion.

Weitere Artikel: Für die taz hat Detlef Kuhlbrodt das Sommerfest des Literarischen Colloquiums Berlin besucht. Im ZeitMagazin-Gespräch erklärt Juli Zeh, wie man aus Sachsen flieht. Thomas Hummitzsch besucht für den Tagesspiegel die beiden Comicautoren Mawil und Flix. Was ist lustig? Eine Frage, die zuletzt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdardóttir beim Lucerne Festival zu klären versuchte (NZZ). Die FAZ hat Felicitas von Lovenbergs Gespräch mit Jonathan Franzen (und hier Sandra Kegels Besprechung dessen neuen Romans) online gestellt. Der Schriftsteller Moritz Rinke berichtet in der SZ von seinem Sommer in der Türkei.

Besprochen werden Jonathan Franzens "Unschuld" (Tagesspiegel), der von Elisabeth Bronfen und Daniel Kampa herausgegebener Band mit Kriegsreportagen von Martha Gellhorn, Lee Miller und Margaret Bourke-White (Jungle World), Klaus Binders "fabelhafte" Neuübersetzung von Lukrez" "Über die Natur der Dinge" (Tagesspiegel), Jenny Erpenbecks "Gehen, ging, gegangen" (SZ), Philip Kerrs "Wintertransfer" (FAZ) und Friedrich Anis "Der namenlose Tag" (FAZ, Perlentaucher).

Und in der online nachgereichten "Frankfurter Anthologie" schreibt Jochen Jung über Christian Morgensterns Gedicht "Windgespräch":

"Hast nie die Welt gesehn?
Hammerfest - Wien - Athen?
..."
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Musik

Judyta Smykowski porträtiert für die taz den phänomenalen Hornisten Felix Klieser, der sein Insturment mit dem Fuß bedient - was eigentlich gar nicht geht: "Durch Stopfen des Schalltrichters am Horn gleicht der Musiker normalerweise die Intonation des Instruments aus. Dabei wird die rechte Hand in den Schalltrichter des Instruments gelegt. Klieser schafft diese Klangveränderung mit seinem Mund. "Am Spielen ohne Hand im Schalltrichter arbeitet man ein Leben lang", sagt er. "Es ist keine Aufgabe, hinter die man irgendwann einen Haken machen kann, "so, jetzt habe ich es erreicht.""



Für die FR hat Max Dax ein langes, schwer nostalgisch gefärbtes Gespräch mit Detroit-Techno-Pionier Jeff Mills geführt. Unter anderem erzählt der Musiker von seinem Erstaunen, als er, aus der amerikanischen Szene kommend, die gut gekleidet und stets auf Flirts aus war, Ende der 80er in die düstere Berliner Szene geriet: "Ich habe mich lange Zeit gefragt, was ich falsch machte: Im Tresor tanzte jeder solitär für sich alleine, im Nebel, ohne mit dem Gegenüber zu kommunizieren. Ich machte mir anfangs Vorwürfe, dass ich die Menschen nicht dazu animierte, miteinander zu tanzen! Bald begriff ich aber, dass die Weißen in Berlin einfach anders drauf waren als wir in Detroit: Es gibt da einfach einen tiefgreifenden Mentalitätsunterschied. Ich dachte: So ist Europa. Die sind einfach anders als wir - die haben ein anderes Zeitgefühl, die sprechen andere Sprachen, und die benehmen sich anders"

Weitere Artikel: Wolfram Goertz porträtiert in der Zeit die Flötistin Dorothee Oberlinger und deren Ensemble 1700. Im Tagesspiegel schreibt Nadine Lange über den Abschluss des Berliner Festivals Pop-Kultur, das mit einer Genderdebatte und als Höhepunkt mit einem Auftritt von Ebony Bones zu Ende ging. In der Welt resümiert Julia Friese das Festival. Für Das Filter spricht Michael Döringer mit Alessandro Cortini von den Nine Inch Nails über das Berliner Atonal-Festival. Frederik Hanssen stellt im Tagesspiegel den Komponisten Carl Nielsen vor, dessen 150. Geburtstag das Musikfest Berlin feiert. Harald Eggebrecht (SZ), Wolfgang Stähr (NZZ), Manuel Brug (Welt) und Gerhard R. Koch (FAZ) gratulieren dem Geiger Itzhak Perlman zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden der Saisonauftakt der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), das Debütalbum von Georgia (Jungle World), das neue Album von Motörhead (SZ) und das neue Album von Culcha Candela (taz).

Und: Schlicht "Meisterwerk" nennt Johnny Häusler auf Twitter diesen Track von Macklemore & Ryan Lewis samt Video. Für einen beschwingten Start in die Woche ist es auf jeden Fall gut - viel Spaß!

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Film



In der NZZ annonciert Johannes Binotto das Badener Animationsfilmfestival Fantoche: "Am Animationsfilm führt kein Weg vorbei, und sollte es noch immer Cineasten geben, die glauben, sich darum foutieren zu können, beweisen sie damit nur, wie wenig sie von ihrem angeblich so geliebten Medium verstehen. Denn Animation ist schlechthin alles im Kino..."

Weitere Artikel: Gerhard Midding schreibt in der Berliner Zeitung zum 100. Geburtstag von Ingrid Bergman. Und Franziska Schuster bespricht in der FR eine Arte-Doku über die Schauspielerin. Katja Riemann träumt im ZeitMagazin.

Besprochen werden das auf DVD veröffentlichte Zombie-Familiendrama "Maggie" mit Arnold Schwarzenegger (SZ) und Lenny Abrahamsons britisch-irische Komödie "Frank" (Welt).
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Archiv: Film

Kunst

In einem langen FAS-Essay kommt Byung-Chul Han dem unter enttäuschten Journalisten zuletzt etwas in Misskredit geratenen Ai Weiwei zur Hilfe. Nicht nur prangert der Philosoph an, dass sich kaum jemand für Ais Kunst interessiere und der Künstler lediglich als Projektionsfläche für westliche Bedürfnisse herangezogen werde. Auch findet er die Bearbeitung des umstrittenen Zeit-Interviews tatsächlich sinnentstellend - zumindest vor dem Hintergrund chinesischen Denkens, in dem er Nachhilfe gibt: "Die Chinesen denken nicht in Schwarz und Weiß, sondern in Grautönen. Ein kontradiktorisches Denken, ein Denken in extremen Gegensätzen, ist ihnen fremd. ... Auch was die Geschichte angeht, glauben die Chinesen an die stillen Wandlungen, die so diskret und subtil vonstatten gehen, dass es vor allem dem Westen schwer fällt, sie im Voranschreiten wahrzunehmen. ... Warum sollte Ai Weiwei für die deutsche Öffentlichkeit weiterhin einen tragischen Helden spielen?"

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel dokumentiert Neil MacGregors Rede zur Auszeichnung mit der Goethe-Medaille. Angie Pohlers sichtet im Tagesspiegel die ersten Einreichungen zum Berliner Forevast-Forum im kommenden Februar. Daniel Schreiber besucht für die Zeit das in der englischen Provinz gelegene Kunstzentrum der Galerie Hauser & Wirth.

Besprochen werden eine Ausstellung von frühen Arbeiten Imi Knoebels in der Galerie Fahnemann in Berlin (Tagesspiegel), die Ausstellung "Bodenlos - Vilém Flusser und die Künste" im ZKM in Karlsruhe (SZ) sowie drei Ausstellungen zur Geschichte Preußens in Köln, Königswinter und in Baden-Baden (SZ). Außerdem jetzt online bei der FAZ: Andreas Kilbs hymnische Besprechung der Di-Cosimo-Ausstellung in Florenz.
Archiv: Kunst