Efeu - Die Kulturrundschau

Nichts gleicht hier seiner Kleinheit

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10.08.2015. Eine fantastische Anna Netrebko hat in Salzburg Konkurrenz bekommen, freuen sich Presse und Standard. Der SZ imponiert das krasse Tosen in Olga Neuwirths "Eleonore"-Suite. Mit all den Flüchtlingen vor der Tür kann die Zeit ihren Salzburger Aufenthalt leider nicht so recht genießen. Auf ihrem Tumblr sucht Essayistin Kathrina Talmi die Sprachkritik in der Literaturkritik. Wolf Wondratschekt erzählt in der SZ warum auch Atheisten gern in Kirchen sitzen. Die Welt würde im Kino lieber nicht nass werden.

Bühne

Die Salzburger Wiederauflage von Alvis Hermanis" "Trovatore"-Inszenierung zeigt eine Anna Netrebko in Hochform, versichern Stefan Ender im Standard und Wilhelm Sinkovicz in der Presse. Beflügelt wird ihre fantastische Kunst noch durch Konkurrenz, die die beiden Musikkritiker jeweils woanders verorten. Sinkovicz hebt vor allem Ekaterina Semenchuk als neue Azucena hervor: "Leiden und Rachegelüste spiegeln die glühend erregten Gesangsphrasen, aber auch mütterliche Zärtlichkeit." Für Ender übertrifft Francesco Meli als Manrico noch die Netrebko: "Der Italiener singt kraftvoll, doch nie kraftmeierisch, und versteht es auch, mit Zartheit zu berühren: wunderschön, traumhaft, ideal. Man beginnt wieder an Helden und an Tenöre zu glauben."

Schwere Gewissensbisse plagen Christine Lemke-Matwey (Zeit) beim Besuch der Salzburger Festspiele, vor deren Spielorte sich auch zusehends Flüchtlinge einfinden, an denen das arrivierte Kulturpublikum mit den teuren Eintrittskarten vorbeilaufen muss. Was tun? Tickets verkaufen, Geld spenden? Sich dazugesellen, die Karten an die Unterprivilegierten verschenken? "Am Ende, wen wundert"s, ziehen wir keine der drei Möglichkeiten ernsthaft in Erwägung. Man funktioniert, und der Kulturbetrieb tut"s auch. Vielleicht war Christoph Schlingensief der Letzte, der aus einer derart brisanten Konfrontation von Kunst und Leben hätte Funken schlagen können, ohne dass es albern, naiv oder peinlich gewirkt hätte. "

In der taz empört sich Uwe Mattheiss, dass die Stadt Wien das international beachtete Festival Impulstanz so unterfinanziert, dass in diesem Jahr namhafte Performances ausgeladen werden mussten. "Mit 2,15 Millionen Euro städtischem Zuschuss ist Impulstanz für das, was es leistet, ein Schnäppchen. Erst recht angesichts von ungefähr 100 Millionen Euro, die Wien allein für darstellende Kunst und Festivals ausgibt. Weniges davon erreicht mehr als nur lokale Bedeutung. Wenn Projekte tatsächlich den lokalen Horizont übersteigen, sind sie weit üppiger budgetiert als Impulstanz." Im Standard bespricht Helmut Ploebst Choreografien von Ligia Lewis und Ivo Dimchev bei Impulstanz.

Außerdem: Im Interview mit der Presse spricht Julian Crouch über Brechts "Dreigroschenoper", die er gerade in Salzburg inszeniert hat. Jürgen Flimm (Tagesspiegel) schreibt zum Tod des Schauspielers Horst Mendroch. Besprochen wird die Uraufführung von Elke Heidenreichs Oper "Adriana" in Rheinsberg ("Sie kann es nicht halten. Sie quillt über. Sie muss sich mitteilen. Sie ist ganz Gefühl", höhnt Manuel Brug in der Welt).
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Literatur

Auf ihrem Tumblr macht sich die Herausgeberin und Essayistin Kathrina Talmi Gedanken über die von Wolfram Schütte beim Perlentaucher angeregte Debatte über Literaturkritik (hier alle Beiträge im Überblick). Nach einer Zusammenfassung der Diskussionen gelangt sie zu der Beobachtung, dass darin die Sprache selbst bloß in Sieglinde Geisels Beitrag Thema und also zu kurz gekommen sei. Talmi fragt sich: "Verfügen denn die Kritiker über Sprache, oder bedienen sie sich lediglich umgangssprachlicher Verlautungen, von "Kultur" bis "Natur". Betreiben sie eine Auseinandersetzung, eine Sprachkritik, die sie erst in Lage versetzen könnte, sich auch mit den etwaigen Neuerungen innerhalb der Literatur zu beschäftigen? Würde man nur in der Umgangssprache suhlen, wäre alles andere vermutlich bloß Unsinn. Wäre es möglich, dass sich Literaturkritik noch weiter differenziert?"

Was macht ein Atheist in der Kirche? Das ästhetische Erlebnis genießen und darüber reflektieren, so wie Schriftsteller Wolf Wondratschek heute in einem langen Essay in der SZ: Ihm "gefällt das Unbewohnbare von Kirchen... In einer Kirche bin ich allein. Nicht mit Gott allein, sondern mit mir, im besten Fall mit dem wenigen, was ich bin. Ich spüre Erleichterung. Ich höre auf, ein modernes Individuum zu sein. Alle Zeichen deuten darauf hin, dass alles schon da war, vor mir. Ich bin weiter nichts als Oberfläche, darauf der Schatten eines Zwergs. Nichts gleicht hier seiner Kleinheit. Nichts hier hat, obwohl überdacht, eine Grenze."

Weitere Artikel: In der NZZ spinnt der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp in einem Essay William Wallace Cooks "Plotto" aus dem Jahr 1928 weiter - ein Buch, das versprach, die Kombinationsmöglichkeiten aller möglichen Plot-Elemente von Krimis aufzuzählen. Iris Alanyali unternimmt für die Welt eine literarische Reise auf dem Mississippi. Für die Zeit hat sich Ingeborg Harms mit dem Schriftsteller Peter Høeg getroffen. Im Internet werden zusehends bislang unveröffentlichte und überdies sehr lesenswerte Texte des im vergangenen Jahr gestorbenen, hierzulande wenig bekannten Dichters Mark Strand zugänglich gemacht, freut sich Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) unter besonderem Hinweis auf dieses Interview in der Boston Review. Peter Neumann (Berliner Zeitung) geht mit Saša Stanišic im Dorf Fürstenwerder spazieren, das diesen zum preisgekrönten Roman "Vor dem Fest" inspirierte. In der FAZ berichtet Philip Ajouri von den enormen Streitigkeiten, die um die 1909 entdeckte Urfassung von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" entbrannten. Tilman Spreckelsen (FAZ) gratuliert dem Jugendbuchautor Michael Gerard Bauer zum sechzigsten Geburtstag. Außerdem hat die Zeit ihr großes Interview mit Gary Shteyngart aus der Ausgabe vom 23. Juli online gestellt.

Besprochen werden Peter Høegs "Der Susan-Effekt" (Tagesspiegel), neue Bände der Social-Media-Lyrikerin Mira Gonzales (Freitag), Helen Macdonalds "H wie Habicht" (FR), Jürgen Beckers "Jetzt die Gegend damals" (FR), Vladimir Sorokins "Telluria" (Tagesspiegel), Jerome Charyns und François Boucqs Comic "Little Tulip" (Tagesspiegel), Ma Jians "Die dunkle Straße" (Tagesspiegel), Regine Ahrems Hörspielbearbeitung im Kunstkopfverfahren von Ethel Lina Whites "Die Wendeltreppe" (SZ) und Elif Shafaks "Der Architekt des Sultans" (SZ).

In der online veröffentlichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Ruth Klüger über Langston Hughes" Gedicht "Auch ich":

"Auch ich besinge Amerika.
 
Ich bin der dunklere Bruder.
Man schickt mich zum Essen in die Küche
..."
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Kunst

Knut Henkel stellt in der taz das Museum der Erinnerung im kolumbianischen Medellín vor, das sich als Beitrag zur Befriedung des von jahrelangen Konflikten gezeichneten Landes versteht: "Allerdings sind bewaffnete Akteure, Soldaten, Guerilleros und Paramilitärs, noch seltene Besucher in der Ausstellung." Im Tagesspiegel begibt sich Peter von Becker in Berlin auf die Suche nach Spuren des vor 90 Jahren verstorbenen, heute nahezu in Vergessenheit geratenen Mäzen Eduard Arnhold, "einem Bildungs- und Bilder-Bürger" Außerdem hat die FAZ Julia Voss" Besprechung von Danh Vos Ausstellung im Museum Ludwig in Köln online nachgereicht.

Besprochen werden die Ausstellung "Aatifi - News from Afghanistan" im Museum für Islamische Kunst in Berlin (Tagesspiegel), eine Ausstellung über die in Israel entstandene Kunst deutscher Exilanten im Hermann-Stuck-Museum in Haifa (Tagesspiegel) und Simon Dennys "Poetry will be made by all - 89plus After Babel" im Moderna Museet in Stockholm (FAZ).

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Archiv: Kunst
Stichwörter: Mäzen

Design

Besprochen werden eine Ausstellung von Tapisserien aus dem 16. Jahrhundert im Kunsthistorischen Museum Wien (Standard) und die Ausstellung "Shoes: Pleasure and Pain" des Victoria and Albert Museums in London (FAZ).
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Stichwörter: 16. Jahrhundert

Film

Brauchen wir wirklich 4D-Filme, fragt sich ein ratloser Sören Kittel in der Welt nach Filmvorführungen in Seoul: "Bei "Frozen" schweben Seifenblasen durch den Raum, bei "Avengers 2" plätschert am Ende ein echter Regenguss auf die Besucher nieder, und bei einer holprigen Autofahrt in "Fast and Furious 7" wackelt der Sitz so heftig und bewegt sich so scharf nach hinten, dass sich wirklich ein Gefühl von Geschwindigkeit einstellt."

Die Filmkritiker lassen es sich beim Filmfestival im idyllischen Locarno gut gehen. Frédéric Jaeger (critic.de) erlebte einen wahren Meisterwerke-Tag. Freuen darf man sich demnach auf "Cosmos", Andrzei Zulawskis ersten Spielfilm seit 15 Jahren! Michael Pekler schreibt im Standard über die Peckinpah-Retrospektive und Elisabeth Scharangs Filmporträt Jack Unterwegers - "weder psychologische Studie noch Justizthriller, sondern ein Film, der von Abhängigkeiten erzählt". Lukas Foerster berichtet auf Cargo von seinen Sichtungen in der Peckinpah-Retrospektive. Patrick Heidemann (Berliner Zeitung) sichtete die wenigen deutschen Filme im Festivalprogramm. Christine Deriaz bloggt für Artechock. Auf KeyframeDaily sammelt David Hudson internationale Stimmen vom Festival. In der NZZ berichtet Susanne Ostwald.

Besprochen werden die Serie "1992" (Zeit), Mark Monheims "About A Girl" (FAZ), Gregg Arakis auf DVD veröffentlichter Thriller "Wie ein weißer Vogel im Schneesturm" (SZ) und der Thriller "True Story" mit Jonah Hill und James Franco (SZ).
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Musik

Egbert Tholl berichtet in der SZ vom Boulez-Schwerpunkt der Salzburge Festspiele. Insbesondere die Uraufführung von Olga Neuwirths Martin Luther King und der Charlie-Hebdo-Mitarbeiterin Elsa Cayat gewidmete "Eleanor-Suite" imponiert ihm dabei sehr: Hier breche "ein völlig unkonziliantes, krasses Tosen an, das in seiner Unabdingbarkeit unmittelbar fasziniert. ... Auf schrundigem Untergrund zerfällt die Musik und konstituiert sich im Moment neu, die Textzitate werden direkt überführt in eine Klangwelt aus Stolz und Trotz. Man kann die Suite hören, ohne ein Wort zu verstehen. Und versteht sie doch: als einen grandiosen Aufschrei für Frieden, Freiheit und gegen jegliche rassistische Gewalt."

"Sleep", das Solo-Debüt von Ja-Panik-Sänger Andreas Spechtl, ist immanent politisch - gerade und besonders, weil es dem Schlaf gewidmet ist, erklärt Lina Brion in ihrer von der Zeit jetzt online gestellten Besprechung aus der Ausgabe vom 23. Juli: Spechtl "gehört zu einer Generation, deren Verhältnis zur Zukunft höchst ambivalent ist. Groß die Entscheidungsfreiheit, winzig die Aussichten auf ein Leben jenseits der Prekarität. ... Ob man ständig oder am liebsten gar nicht mehr schlafen will - beides ist Ausdruck desselben Dilemmas: Dieses prekäre Leben macht müde und gleichzeitig schlaflos, man ist ständig erschöpft, aber wer schläft und es genießt, hat hinterher ein schlechtes Gewissen. Deshalb, so Spechtl, sei nicht nur Träumen, sondern Schlafen selbst politisch - als letzte Trutzburg, die es mehr denn je zu verteidigen gilt."

Weitere Artikel: Im Gespräch fürs ZeitMagazin outet sich DJ Westbam gegenüber Ijoma Mangold als "großer Arthur-Schopenhauer-Leser. Das Leben ist kurz und traurig, und sicher ist nur der Tod - das ist eher meine Lebensmaxime." Dabei haben wir seine Musik als gar nicht so düster in Erinnerung. Reichlich düster ist hingegen "Compton", das neue Album von Dr. Dre ausgefallen, der hier auf Jan Kedves (SZ) einen "ganz schön desillusionierten" Eindruck macht. Sabine Vogel berichtet in der Berliner Zeitung vom Berliner Wassermusikfestival, wo allerlei gottesgläubige Folklore zum Besten gegeben wurde. Für die taz war Robert Mießner beim Berliner Krach-, Impro- und Freejazz-Festival "A l"Arme".

Besprochen werden das Berliner Konzert der Drone-Meister Sunn O))) (taz) und das neue Album von Tame Impala (FAZ).
Archiv: Musik