Efeu - Die Kulturrundschau

Digitale Grüße aus einer vergangenen Epoche

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22.07.2015. Die Filmkritiker feiern Jafar Panahis Film "Taxi" als heiteren Akt zivilen Ungehorsams, der einen guten Einblick in das Leben des modernen Teherans gibt. In der Welt sieht ein faszinierter Airen Googles Algorithmen beim freien Assoziieren zu. Die SZ findet Doug Aitken seit 2000 stark gealtert. Deutsche Indie-Musiker sind fett und faul, beschwert sich Zeit online. Die NZZ stellt eine fantastische neue Webseite für zeitgenössische Musik vor: Explore the Score.

Film



Diese Woche startet bereits der dritte Film aus Jafar Panahis Schaffensphase nach dem vom iranischen Regime verhängten Berufsverbot: In der Kammerspielkomödie "Taxi Teheran" - gedreht mit einer auf dem Armaturenbrett eines Autos befestigten Kamera - spielt der Regisseur mit den Grenzen zwischen Dokumentar- und Spielfilm und hat überdies noch ein Stück subversiver Gesellschaftskritik vorgelegt. Cristina Nord lobt in der taz, wie listenreich Panahi und sein Film vorgehen - und findet den Film "schon allein deswegen interessant, weil man einen Eindruck von Teheran als moderner Großstadt erhält, mit funktionaler Architektur, Ausfallstraßen, Parkplätzen, Tankstellen, Zebrastreifen und Coffeeshops. ... Die Begegnungen im Inneren des Taxis bieten einen Querschnitt durch den Alltag, der Film sammelt Momentaufnahmen, die in freundlicher Deutlichkeit - an Subtilität liegt Panahi wenig - auf verschiedene Miseren hinweisen."

Patrick Wellinski feiert den Film in der Berliner Zeitung als "heiter-kompromisslosen Akt zivilen Ungehorsams - allein mit den Mitteln des Kinos. ... Jede Begegnung [gerät] zu einem kleinen Theaterstück, das einen weiteren Mosaikstein iranischer Wirklichkeit ins Taxi bringt. Im scheinbaren Schutzraum dieses Autos werden schonungslose politische Aussagen getroffen." Auch Christiane Peitz freut sich im Tagesspiegel: "Einmal mehr verbeugt sich Panahi vor den Frauen in seinem Land, ihrem Gerechtigkeitssinn, ihrer Unbeugsamkeit und Vitalität." Zur Berlinale hatte Thekla Dannenberg für den Perlentaucher über den Film geschrieben. In der SZ schreibt Tobias Kniebe, in der FAZ Andreas Kilb über den Film.

Weiteres: Das deutsche Kino ist nach einer Studie der Filmförderungsanstalten vor allem bei der Generation 50+ beliebt, berichtet Anke Westphal in der Berliner Zeitung. Wenke Husmann (ZeitOnline) plaudert mit dem New Yorker Regisseur Noah Baumbach über dessen neuen Film "Gefühlt Mitte Zwanzig" (hier unsere Kritik). In der FR stellt Stefan Scholl den ukrainischen, nach einer Protestaktion von den russischen Behörden inhaftierten Regisseur Oleg Senzow vor. Verena Lueken (FAZ) gratuliert Willem Dafoe zum 60. Geburtstag.
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Design

Im Hint Magazine stellt Chris Nelson die ukrainische Modedesignerin Irina Dzhus vor, die ein fantastisches Händchen für konzeptuelle Schnitte hat: "For her fall 2015 collection, called Totalitarium, Dzhul took her cues from the authoritarian regimes of the early 20th century, particularly their working-class propaganda and stoic monuments. The silhouettes are both historical and modern, while the rare detail, like geometrical pleats, interpret architectural elements of Constructivism. All the pieces are made of authentic worker cottons and wools in a strict grayscale palette."
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Stichwörter: Ukraine, Irina Dzhus

Literatur

Die von Wolfram Schütte im Perlentaucher lancierte Debatte über Literaturkritik und das Desiderat eines neuen Internetmediums hat auch das Radioforum von SWR 2 zu einer Diskussion über das "Elend der Literaturkritik" angeregt: Es diskutieren Hans Ulrich Gumbrecht, Denis Scheck, und Julia Schröder. Knut Henkel besucht für die NZZ die kubanische Autorin Wendy Guerra in Havanna. "Er spricht!", ruft das Thuner Tagblatt. Gemeint ist Christian Kracht, der sonst nicht zur Presse spricht, sich nun aber aus Anlass der Übersetzung von "Imperium" von amerikanischen Journalisten interviewen ließ. Hier der Link zum Podcast.

Der Autor E.L. Doctorow ist gestern in New York gestorben. Einen ausführlichen Nachruf findet man in der New York Times.

Besprochen werden Jürgen Goldsteins "Georg Forster"-Biografie (NZZ), Frank Witzels "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" (Tagesspiegel, mehr), der erste Band von Gottfried August Bürgers "Briefwechsel" (FR), Herman Kochs "Sehr geehrter Herr M." (FAZ) und Lily Kings "Euphoria" (SZ).
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Bühne

Lucas Wiegelmann besucht für die Welt die Proben zu Katharina Wagners "Tristan und Isolde"-Inszenierung, die am Samstag Premiere hat: "Sie habe möglichst abstrakt inszenieren wollen, sagt Katharina Wagner, ort- und zeitlos. "Das Stück hat etwas Klaustrophobisches", sagt sie. "Tristan und Isolde wissen, dass ihre Situation ausweglos ist. Aber sie entscheiden sich bewusst dafür, diese Ausweglosigkeit anzunehmen." Es klingt, als würden Tristan und Isolde auch gute Bayreuther Festspielleiter abgeben."

Christopher Schmidt greift in der SZ die Debatte um Castorfs nach einer Brechterben-Intervention abgesetzten "Baal"-Inszenierung nochmals auf. Anders als kürzlich seine Kollegin Christine Dössel (hier unser Resümee) fordert er allerdings keine Reform des Urheberrechts zugunsten der Regisseure, sondern insistiert auf den Schutz der Autoren: Denn "grundsätzlich ist schwer einzusehen, weshalb ein Dramen-Text weniger schützenswert sein soll als dessen Interpretation auf der Bühne, obwohl dieser Text doch die Basis der Inszenierung darstellt. Die durch das Münchner "Baal"-Verbot ausgelöste Debatte dokumentiert eine Schieflage und zeigt, wie sehr die dramatische Literatur mittlerweile in die Defensive geraten ist."
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Musik

Explore the Score heißt ein großartiges Projekt der Klavier-Festivals Ruhr, das - online und kostenlos - zeitgenössische Musik vermitteln will, berichtet in der NZZ Tobias Gerber: "Es dokumentiert und kommentiert Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts material- und beziehungsreich in Ton, Bild und Text. Über Partituren, Aufnahmen, Interviews und Artikel macht je eine eigene Website Igor Strawinskys "Petruschka", György Ligetis Klavieretüden und die "Douze Notations" von Pierre Boulez zugänglich."

Das war es wohl mit dem aufrechten Gang der auch politisch idealistischen Indieszene, meint ein gallig desillusionierter Andreas Hartmann auf ZeitOnline: Früher tummelte man sich im Hausbesetzermilieu, heute reicht man Förderanträge ein und sorgt damit nebenbei auch für ein cooles Deutschlandimage. "Die ganze Pop-Infrastruktur in Deutschland wird in den Nischenbereichen längst subventioniert ... Sie machen wirklich alle mit. Als widerspenstig gefeierte junge Bands wie "Messer und Trümmer". Die sich politisch gebenden Hip-Hopper der "Antilopen Gang". Die räudigen Punkrocker vom "Turbostaat". Betroffenheitsbarden mit kritischen Texten wie Thees Uhlmann und Marcus Wiebusch."

Weiteres: In der Welt berichtet Felix Mescoli vom "Bang Your Head"-Festival in Balingen - da ist mehr Wacken drin als in Wacken, versichert er. Besprochen werden neue Punk- und Hardcoreveröffentlichungen (The Quietus) und das neue Album "Payola" von den Desaparecidos (taz).

Der Krautrock- und Elektro-Pionier Dieter Moebius, der unter anderem bei Cluster und Harmonia mitspielte, ist im Alter von 71 Jahren gestorben. Der Tagesspiegel hat aus diesem Anlass ein Interview mit Moebius aus dem Jahr 2007 online gestellt. Nachrufe schreiben Arno Raffeiner (Spex), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel), Philipp Krohn (FAZ) und Jan Kedves (SZ). Auf Youtube finden wir eine Liveaufnahme von Harmonia aus dem Jahr 1974:


Archiv: Musik

Kunst

In der Welt begeistert sich Airen für Googles Experimente mit Kunst, "Deep Dream". Dazu werden Algorithmen eingesetzt, die Bilder aus vorhandenen Daten generieren: "Gab man dem Algorithmus etwa das Foto eines wolkenverhangenen Himmels, begann er frei zu assoziieren: Befand der Computer, dass eine Wolke einem Walfisch ähnelte, generierte er aus seinem gespeicherten Bilderschatz einen Wal, der sich perfekt an die Wolke anpasste. Er erkannte Muster, wo keine existierten. Diese Technik des Abstrahierens und Überinterpretierens nannten die Forscher "Inceptionism", angelehnt an den Hollywoodstreifen "Inception", in dem Leonardo DiCaprio in die Träume anderer Menschen einbricht."


Doug Aitken: migration (empire), 2008; © Doug Aitken

Wurde Doug Aitken, der Meister des Transitraums eines um 2000 noch neuen, naiven globalen Gefühls, von der Welt überholt? SZ-Kritiker Jörg Häntzschel will das nach Besuch der Aitken-Schau in der Schirn jedenfalls gerne glauben: "Lustvoll saugte man diesen superzeitgenössischen Globalisierungsbarock auf. Doch heute - einige Kriege, Finanzkrisen und viele Terroranschläge später - macht Aitken noch immer dieselben Videos. Zeigt dieselben Nicht-Räume, dieselben Nicht-Leben derselben Nicht-Figuren, als ginge es noch immer, wie damals, eigentlich um nichts. Selbst die neueren seiner Arbeiten wirken deshalb wie digitale Grüße aus einer vergangenen Epoche."

Weitere Artikel: Einen etwas faden Nachgeschmack hinterlässt die Gala "60 Jahre Documenta" bei Welt-Kritiker Werner Bloch. Patricia Grzonka stellt in der NZZ die Ausstellungen vor, die weltweit zum Friedrich-Kiesler-Gedenkjahr stattfinden. Uwe Rada (taz) besucht Breslau, die europäische Kulturhauptstadt 2016. Das Frauenmuseum in Bonn versucht, sich mit der Gründung einer Stiftung und Crowdfundingkampagnen finanziell über Wasser zu halten, berichtet Sabine Weier in der taz. Das ZeitMagazin bringt eine Strecke mit Fotografien von Alain Laboile.

Besprochen werden Band 3 und 4 des Werkverzeichnisses Gerhard Richter (Tagesspiegel), Julia Voss" Buch "Hinter weißen Wänden" (dem SZ-Rezensent Till Briegleb nicht viel abgewinnen kann) die Retrospektive Frank Auerbach im Kunstmuseum Bonn (Tagesspiegel), eine Ausstellung über die Künsterfreundschaft zwischen Lyonel Feininger und Alfred Kubin in Ingelheim (FR), die Ausstellung "Soundscapes" in der National Gallery in London (SZ), Ausstellungen über die BRD-Malerei der 80er Jahre in Frankfurt und Augsburg (FAZ) und die Ausstellung der von einer sizilianischen Bank gesammelten Kunstwerke in der Pinacoteca Villa Zito in Palermo (FAZ).
Archiv: Kunst