Efeu - Die Kulturrundschau

Es muss ein Film gewesen sein

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23.07.2015. Der Standard genießt schamlos die Tanznummern in Gregory Jacobs' Stripperfilm "Magic Mike XXL". Die NZZ reist in ihrem Zimmer. In der Zeit erklärt Gary Shteyngart, warum es höchste Zeit für ihn war, seine Memoiren zu schreiben. In der Schirn denkt die taz, vor den Videos von Doug Aitkens auf einer Strandmatte lagernd, über die Unwirtlichkeit unserer Städte nach. Im Van-Magazine erklärt Ingo Metzmacher, warum er Schönbergs "Die Jakobsleiter" aufführen will.

Film



Männliche Sexsymbole im Film? Da muss man schon bis Richard Gere in "American Gigolo" zurückgehen, notiert Claudia Lenssen im Standard. Jetzt gibt es Channing Tatum in "Magic Mike XXL", und Regisseur Gregory Jacobs macht sich keine Sorgen um das männliche Publikum, wie noch Steven Soderbergh beim Vorläuferfilm. Der schwankte zwischen Tanzfilm und Sozialdrama, die zweite Folge setzt dagegen schamlos, aber mit viel Selbstironie auf den Kreisch-Affekt der Zuschauerinnen, lobt Claudia Lenssen im Standard: "Die Show ist vorbei, die Zeit als Stripper vergessen, da holt den Möbeltischler Mike (Channing Tatum) in seiner Werkstatt die Erinnerung ein. Die Funken seines Schweißgeräts stieben auf, wenn plötzlich das Intro von Ginuwines R&B-Song "Pony" im Radio läuft, ein klassisches Stück Verführungspop, das die verrückteste Ausziehnummer in Steven Soderberghs Film "Magic Mike" 2012 begleitet hat. Der Ex-Stripper schüttelt abwehrend den Kopf, dann aber überkommt ihn die Lust. Kopf, Arme, Hände, Beine - den ganzen Körper zieht es in eine bravouröse Tanznummer, mit der das Sequel "Magic Mike XXL" beginnt." (Weitere Besprechungen bei taz, critic.de)


Unheimlich positiv: Filmstar aus Pierre Huyghes "De-Extinction".


Im Perlentaucher empfiehlt Friederike Horstmann die Berliner Ausstellung "Sommer Kino", bei der sich zahlreiche Kunstfilme sehen lassen, darunter Pierre Huyghes experimentell-abstrakten Insektenfilm "De-extinction": Dessen "Kamera fährt durch die orangebraunen Räume, über die Insektenkörper, deren Gesichter und Extremitäten, zögert manchmal bei ihrer Fahrt, verharrt auf einem Detail, wie um einen Moment nachzudenken. Während ihrer eigensinnigen Untersuchungen haftet die mikroskopische Kamera ganz nah an den fadendünnen Fühlern, vielgliedrigen Antennen und metallisch glänzenden Facettenaugen. Manchmal ist sie völlig affiziert von den Trophäen ihrer Expeditionen. Was sie zum Vorschein bringt, ist ein positiv Unheimliches, das immer wieder in eine ästhetische Abstraktion umschlägt." Hier kann man sich davon einen kleinen Eindruck verschaffen.

Besprochen werden Jafar Panahis "Taxi Teheran" (Freitag, FAZ, Standard, Welt, Zeit, mehr in unserer gestrigen Kulturrundschau), André Téchinés Film "L"homme qu"on aimait trop" mit Catherine Deneuve (NZZ), Emilio Martínez Lázaros spanische Culture-Clash-Komödie "Ocho apellidos vascos" (NZZ), Joe Dantes direkt auf DVD veröffentlichter Horrorkomödien-Hybrid "Weg mit der Ex" (taz), eine Ausstellung in Frankfurt über das Wechselspiel zwischen "Film und Games" (taz), Christoph Willems" im Berliner Kino Arsenal gezeigter Film "Der Mann aus dem Osten" von 1990 (taz), der Thriller "Um jeden Preis" mit Kim Basinger (SZ), die Tragikomödie "Becks letzter Sommer" mit Christian Ulmen (Welt, Standard, SZ) und der neue Marvelcomic-Film "Ant-Man" mit einem geschrumpften Paul Rudd (Perlentaucher, Tagesspiegel).
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Musik

Im Gespräch mit dem Van-Magazin erklärt Dirigent Ingo Metzmacher, warum er sich für das diesjährig Musikfest Berlin Arnold Schönbergs Oratorienfragment "Die Jakobsleiter" ausgesucht hat: Das Ende des Stücks ist Schönbergs Versuch, den Tod zu komponieren. "Irre! Das ist für mich auch der faszinierendste Teil des Werks. Die Musik kommt von vorne, wie üblich also, vom Podium, wo das Orchester, der Chor und die Solisten sitzen. Und dann steigt sie langsam an im Raum, indem sie von einem zweiten Orchester, dem sogenannten "Fern- und Höhenorchester", erzeugt, beziehungsweise übernommen wird. Sie bewegt sich also nach oben und verschwindet dort. Das ist ein Wahnsinnsvorgang und einer der Hauptgründe, weshalb ich "Die Jakobsleiter" schon immer aufführen wollte. ... Hier in Berlin werden wir das alles live machen!"

Drei Jahre, nachdem der Bass-Bariton Thomas Quasthoff seine Gesangskarriere beendet hat, plant er seine Rückkehr auf die Bühne - als Dirigent. Christine Lemke-Matwey porträtiert den Künstler für die Zeit: "Ist Kunst, jede Arbeit letztlich eine Frage der Kompensation, der Umwandlung von Schwäche in Stärke?"

Weiteres: Schon ihrem Selbstverständnis nach ist Popmusik konstitutiv eine Ware - und die letzte Ware, für die in diesem Segment heute noch bezahlt wird, ist die Liveperformance. Also sollen Musiker und insbesondere auch DJs live gefälligst liefern, meint Jörg Augsburg (Freitag), der großes Verständnis für die Fans von Star-DJ Ricardo Villalobos aufbringt, die sich über dessen mangelnde Bühnenperformance auf Festivals beschweren. Marcel Anders (SZ) unterhält sich mit Giorgio Moroder. Frank Stier (FAZ) berichtet von seiner Begegnung mit dem bulgarischen Rockmusiker und einstigen Regimekritiker Vasko Krapkata. Besprochen wird Andreas Spechtls Album "Sleep" (Zeit).
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Bühne

Besprochen wird eine Münchner Inszenierung von Franz Xaver Kroetz" "Das Nest" (Freitag).

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Architektur

Für den Tagesspiegel hat Bernhard Schulz die Hannes Meyer gewidmete Schau "Das Prinzip Coop" in Dessau besucht. Der Bauhaus-Architekt bleibe jedoch "in vielem rätselhaft. ... Übersetzt man sein Ideal der kollektiven Gestaltung aber mit Teamarbeit, rückt uns Hannes Meyer mit einem Mal ganz nahe."
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Stichwörter: Bauhaus, Hannes Meyer

Literatur

Es ist Ferienzeit, Reisezeit. Bernd Noack aber bleibt zu Hause, erklärt er in der NZZ. Da kann man auch schön reisen: "Es war der französische Schriftsteller Xavier de Maistre, der in seinem Büchlein "Reise um mein Zimmer" ein erstes Handbuch lieferte für die Exkursion in die vertraute Umgebung, nicht zuletzt, weil er der Meinung war, dass es keinen anziehenderen Genuss gibt als den, "der Spur seiner Gedanken zu folgen, wie der Jäger das Wild verfolgt, ohne irgendeinen bestimmten Weg einhalten zu wollen.""

"Ich bin 42, und russische Männer leben nicht sehr lang. Es wurde Zeit", erklärt der russisch-amerikanisch Autor Gary Shteyngart im Gespräch mit Marie Schmidt (Zeit), weshalb er seine Memoiren geschrieben hat (in Deutschland erscheinen sie nächste Woche unter dem Titel "Kleiner Versager" bei Rowohlt) und wie der Schreibprozess ablief: "Ich weiß noch viel aus meiner frühen Kindheit, aber seitdem ich als Teenager angefangen habe, Gras zu rauchen, wurde mein Gedächtnis schlechter. Ich musste viel recherchieren und Menschen aus meiner Vergangenheit treffen. Es war irre, mit denen über Geschichten zu reden, von denen ich glaubte, sie seien uns passiert. Wie wir einen Zug in die Bronx gekapert haben zum Beispiel. Stellte sich heraus: ist nie wirklich passiert. Es muss ein Film gewesen sein."

Weitere Artikel: In der taz spricht Ralph Trommer mit dem französischen Comicautor Lewis Trondheim über dessen Fantasy-Zyklen "Donjon" und "Ralph Azham". Esther Kinsky wird mit dem Kranichsteiner Literaturpreis ausgezeichnet, meldet der Standard.

Besprochen werden Olga Flors neuer Roman "Ich in Gelb" (NZZ), Peter Stephan Jungks Dokumentarroman "Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart" (NZZ), Dörte Hansens "Altes Land" (Berliner Zeitung), Robert Macfarlanes "Karte der Wildnis" (FR), Ricardo Piglias "Munk" (taz), Olaf L. Müllers "Mehr Licht: Goethe mit Newton im Streit um die Farben" (Freitag), eine Essaysammlung von Zadie Smith (FAZ) und Ulrich Peltzers "Das bessere Leben" (SZ, FAZ, mehr).

Schließlich: Die Feuilletons trauern um E.L. Doctorow. Der Schriftsteller "begriff das Erzählen als ein System des Wissens, das sich selbst erschafft", würdigt ihn Hans Hütt in seinem Nachruf auf ZeitOnline. "Das machte ihn zu einem Autor, der die historischen Sujets seiner Romane dazu nutzte, über die eigene Gegenwart nachzudenken. Die Proteste gegen den Vietnamkrieg der sechziger Jahre brachten ihn zurück zu Julius und Ethel Rosenberg, die Bürgerrechtsbewegung zu General Shermans March im amerikanischen Bürgerkrieg." Mit Doctorow starb ein Autor, der "in jedem seiner Romane etwas Eigenes, etwas ästhetisch wie inhaltlich Neues und Zukünftiges erschuf, die Mittel des Erzählens ausbreitete und ausweitete", schreibt in der FAZ Jan Wilms. Weitere Nachrufe von Thomas Hermann (NZZ), Wieland Freund (Welt), Sabine Vogel (FR), Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) und Willi Winkler (SZ).
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Kunst


Filmstill aus Doug Aitkens Video "migration (empire)", 2008. © Doug Aitken

"Ozea­nische Gefühle und ­kindliche Freude" überkommen taz-Rezensentin Shirin Sojitrawalla beim Besuch von Doug Aitkens" Videoinstallationen in der Frankfurter Schirn. Bikini und Strandmatte hat sie auch gleich mitgebracht: Sie "legt sich unverfroren hin, wie zum Sonnenbad am Venice ­Beach. Wer es sich hier erst einmal gemütlich gemacht hat, möchte gar nicht mehr aussteigen aus diesem groovenden Film-Loop, dessen Ohrwurm einen herrlich einlullt." Wobei es nicht nur sommerlich zugeht: "Der Unwirtlichkeit unserer Städte ist [Aitken] stets auf der Spur." Sehr viel weniger beeindruckt von der Ausstellung war Ulf Erdmann Ziegler, der im Perlentaucher dem "Bombast der Installationen" ganz gut widerstehen kann.

Als "Picasso der Kuratoren" bezeichnet SZ-Rezensent Till Briegleb Marcel Broodthaers, dessen insbesondere auch über den Museumsbetrieb spöttelnder, referenzgespickter Kunst das Fridericianum in Kassel eine große Retrospektive widmet. Schade findet es Briegleb da, dass der auf Eingeweihte zielende Humor dieser Werke an Außenstehende kaum vermittelt werde: "Stattdessen verfallen mündliche wie schriftliche Deutungen seiner Einmaligkeit meist in sehr lange Nebensatzkonstruktionen mit Fremdwort- und Substantivhäufungen, die am Ende auf Diskurs-Binsen der Art herauslaufen: Der Künstler zeige, dass Darstellung und Dargestelltes nicht dasselbe sind." Die FAZ hat Dietmar Daths Besprechung mittlerweile auch online gestellt.

Weitere Artikel: Ai Weiwei hat seinen Reisepass zurückerhalten und will als erstes nach Berlin reisen, um seinen Sohn zu besuchen, berichtet Johnny Erling in der Welt. In der Berliner Zeitung sprechen Corinne Plaga und Thorkit Treichel mit Jutta Matthess über deren Fotografien aus dem Kreuzberg der späten 70er. Und dieses Foto zog gestern durch die sozialen Netzwerke: Ai Weiwei hat seinen Pass zurück. Hintergründe gibt es unter anderem beim Tagesspiegel.

Besprochen werden die Corbusier-Ausstellung im Centre Pompidou (Presse), die Ingeborg-Strobl-Ausstellung im Wien-Museum (Standard), eine Retrospektive der amerikanischen Malerin Joan Mitchell (1925-1992) im Kunsthaus Bregenz (Standard) und die Ausstellung über die BRD-Malerei der Achtziger Jahre im Frankfurter Städel (FR).
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