Efeu - Die Kulturrundschau

Das Totum des Literarischen

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25.06.2015. Im Perlentaucher ruft Wolfram Schütte zur Gründung einer Literaturzeitung im Netz auf. Die Filmkritik begeistert sich für Kornél Mundruczos "Underdog", eine Parabel auf das fremdenfeindliche Ungarn. Die Zeit feiert Frank Auerbach als den berühmtesten Unbekannten unter den deutschen Malern. Die FR staunt über die Unsichtbarkeit der Überwachungsmechanismen, die Trevor Paglen fotografiert hat.

Literatur

Wolfram Schütte, Doyen der deutschen Kritik, lanciert im Perlentaucher einen Aufruf für eine Literaturzeitung im Netz. Denn ja, im Internet liegt die Zukunft der Literaturkritik, aber es soll doch eine Zeitung sein: "Zeitung sollte sie sein, um mit möglichst vielen journalistischen Formen (z.B. Meldung, Feature, Bericht, Interview, Kolumne, Leitartikel, Rezension, Kritik ev. Polemik etc.) möglichst breit & vielfältig ihren Gegenstand darstellen zu können. Und deshalb für die unterschiedlichen Interessenten attraktiv sein sollte... Zeitung schließlich, um einen wiederkehrenden Ort für das Totum des Literarischen zu annoncieren, das in festzulegenden Abständen (wöchentlich, monatlich, Sonderausgaben?) rundum erneuert erscheint." Hier das Editorial. Wir hoffen auf viele Beiträge zur Debatte. Alexander Kluge antwortet als nächster.

Warum als Zeitung?, fragt Marcel Weiß in einer Antwort auf Schütte in Neunetz: "Es ist kein Zufall, dass die erfolgreichen Modelle online in der Generierung ihrer Daseinsberechtigungen netzwerkbasiert und nicht hierarchiebasiert sind. Ohne auf die Gründe einzugehen, weil das den Rahmen sprengen würde: Bedeutet dieser Weggang von den Hierarchien automatisch algorithmisches Suchen als Entdeckungsweg? Zielbewusst und zielgerichtet? Nein, natürlich nicht. Was Schütte beschreibt, ist die Suche bei Google und Amazon. Er beschreibt das dominierende Modell des Internets der Nuller Jahre."

Weitere Artikel: In Berlin veranstaltete das Poesiefestival eine Tagung über Konzentration im digitalen Zeitalter. Michael Wolf war für die Welt dort und kommt mit der Erkenntnis heraus: "Wozu noch diese klobigen Bücher schreiben? Dem modernen Poeten reichen 140 Zeichen." Im Standard würdigt Andrea Schurian den Droschl Verlag, der gerade den vierten Band der Werkausgabe von Elfriede Gerstl herausgegeben hat.

Besprochen werden unter anderem Zadie Smiths Essaysammlung "Sinneswechsel" (Freitag), Rainer Hoffmanns Band über Albrecht Dürers Meisterstich Melencolia I, "Im Zwielicht (NZZ), Manu Larcenets Comic "Blast IV: Hoffentlich irren sich die Buddhisten" (taz), Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben" (FR), neue Comics von Régis Loisel (Tagesspiegel), Stephan Oswalds Studie "Früchte einer großen Stadt" über Goethes "Venezianische Epigramme" (SZ) und Jan Himmelfarbs "Sterndeutung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film



Absolut begeistert reagiert die Filmkritik auf Kornél Mundruczos mit vielen Genres hantierenden Film "Underdog", in dem ein Hund namens Hagen einen Hundeaufstand anzettelt, um einem bösen Schicksal zu entkommen, das bestimmten Hunden in Ungarn droht. Der Film ist eine erstklassige Parabel auf die Zustände in Ungarn, meint Martin Gobbin von critic.de: "Dass es Mundruczó aber keinesfalls um Hunde geht, wird spätestens klar, wenn der Vater schimpft, Hagen sei "kein ungarischer Hund", sondern "ein Bastard". Das entspricht in etwa der Rhetorik der aktuellen ungarischen Regierung unter dem rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, die insbesondere mit Obdachlosen und Asylanten wenig zimperlich umgeht (mit künstlerisch und politisch ambitionierten Filmemachern übrigens auch nicht)."

Daneben ist der Film aber auch großes Kino, verspricht Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel: "So wandelt sich dieser Film mit seinem ganz und gar ungewöhnlichen Sujet zeitweise zum Killer-Thriller und final in ein großes, metaphorisches Panorama - poetisch, philosophisch und politisch zugleich." In der FAZ ist Dietmar Dath hin und weg von Hund Hagen, ein "Improvisationsgenie von Marlon-Brando-Format". In der taz bespricht Dominik Kamalzadeh den Film.

Wenig Freude hatten die Kritiker dagegen mit Marc Brummunds Heimkinder-Missbrauchs-Drama "Freistatt". Bert Rebhandl erinnert sich in der FAZ in diesem Zusammenhang an Ulrike Meinhofs kontroversen Fernsehfilm "Bambule", dessen linksradikaler Aktivismus unverkennbar war: "Davon könnte "Freistatt" kaum weiter entfernt sein. Für Marc Brummund ist die politische Signatur der Zeit ohne Belang. Er interessiert sich für ein Drama der großen Gefühle." In der Welt ist Elmar Krekeler etwas freundlicher. Das Thema "Missbrauch im Heim" war zuletzt häufiger Gegenstand in Film und Fernsehen, schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel und kommt zu der Erkenntis: "Es ist nicht leicht, den tabuisierten und oft ja auch skandalisierten Themen Missbrauch und Heimerziehung mit den Mitteln der Filmnarration beizukommen."

Weiteres: Rainer Gansera schreibt über David Oelhoffens Camus-Adaption "Den Menschen so fern", mit dem das Filmfest München (zu dem die SZ-Filmkritiker einen Schwung Filmtipps liefern) heute eröffnet.

Besprochen werden Pierre Gras" Buch "Good bye, Fassbinder - Der deutsche Kinofilm seit 1990", das heute Abend in Berlin von Christoph Hochhäusler und Romuald Karmakar in Berlin vorgestellt wird (taz), die neue Netflix-Serie "Sense8" der Wachowski-Geschwister (Das Filter), Frédéric Tchengs Dokumentarfilm "Dior und ich" (critic.de, mehr), Reinhild Steingrövers Buch "Spätvorstellung - Die chancenlose Generation der DEFA" (Freitag), Aleida Assmanns Dokumentarfilm über die Flakhelfergeneration "Anfang aus dem Ende" (NZZ), Lucie Borleteaus Debütfilm "Fidelio, l"odyssée d"Alice" (NZZ) und Prashant Nairs Film "Umrica" (NZZ).
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Kunst


Frank Auerbach, E.O.W. Nude, 1953-54 , Öl auf Leinwand, 50,8 x 76,8 cm, Tate © Frank Auerbach

Unbedingt hingehen! Die Ausstellung des 84-jährigen Malers Frank Auerbach im Kunstmuseum Bonn hat Hanno Rauterberg mehr als überrascht, schreibt er in der Zeit: "Es ist für die Deutschen eine Entdeckung: Von den berühmten Künstlern ist hierzulande keiner weniger bekannt, von den Unbekannten niemand so berühmt wie Frank Auerbach. In England ist es anders, dort hat er fast sein gesamtes Leben zugebracht. Dort nennen sie ihn, der in Berlin geboren wurde, in einem Atemzug mit Lucian Freud und Francis Bacon..."


Unsichtbare Mechanismen: "NSA-Tapped Fiber Optic Cable Landing Site, Mastic Beach, New York, United States", 2015. © Trevor Paglen, Bild: Galerie Thomas Zander, Köln.


Fast idyllisch und impressionistisch wirken Trevor Paglens derzeit im Frankfurter Kunstverein ausgestellte Fotografien, schreibt Sandra Danicke in der FR. Doch der Eindruck trügt, erst die Erläuterungen und Kommentare zu den Bildern ergeben den sanften Schauer, der von ihnen ausgeht: Dann erfährt man, "dass es sich dabei um Orte handelt, an denen unterirdische Kabel, die den europäischen mit dem amerikanischen Kontinent verbinden, auf das Festland treffen, wo sie von der NSA zu Überwachungszwecken angezapft werden (...) Er wolle die Unsichtbarkeit dieser Mechanismen zeigen, sagt der Künstler, was naturgemäß ein wenig paradox klingt."

Im taz-Gespräch (leider kein Link, die taz-Kultur ist immer noch aus der digitaz verschollen) mit Lanna Große rüttelt die Kriegsfotografin Heidi Levine am Image des vom Geschehen vor seiner Linse unberührten Kriegsfotografen: "Noch vor zehn Jahren haben Journalisten nicht darüber gesprochen, dass auch sie traumatisiert sind. Aber es führt kein Weg daran vorbei, betroffen zu sein. Du bist es. Danach geht man durch eine Periode, in der alles über einem zusammenbricht. Du erlebst unglaubliche Stimmungsschwankungen. Manchmal werde ich unglaublich wütend, nur weil ich Menschen sehe, die einfach ein ganz normales Leben führen."

Weitere Artikel: Anne Katrin Feßler unterhält sich im Standard mit dem schwedischen Künstler John Skoog, dessen Filmminiaturen gerade im Wiener Mumok gezeigt werden. Elke Windisch (Tagesspiegel) besucht das auf zeitgenössische Kunst spezialisierte, jüngst in einen Rem-Koolhaas-Bau umgezogene Museum Garage in Moskau.

Besprochen werden die Ausstellung über das Black Mountain College im Hamburger Bahnhof in Berlin (Freitag), die Ausstellung "Impressionismus - Expressionismus. Kunstwende" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Presse) und eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums über sein Gebäude, das Berliner Zeughaus (Tagesspiegel).
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Bühne

Christina Kaindl-Hönig (Tagesspiegel) trauert um den Schauspieler Helmuth Lohner. Besprochen wird Johannes Eraths Dresdner Inszenierung von Mozarts "Nozze di Figaro" (FAZ)
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Stichwörter: Johannes Erath

Musik

In der Zeit stellt Jonathan Fischer den afrofuturistischen Soundtrack der kongolesischen Band Mbongwana Star vor. "From Kinshasa" heißt ihr Debütalbum, hier ihr absolut phantastisches Video zu "Malukayi":



In der Zeit überlegt Christina Lemke-Matwey, ob Kirill Petrenko als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker eine gute oder schlechte Wahl war. Vor allem würde sie gern wissen, wann er sein Amt antreten wird: "Erst 2020 oder 2021, wie eine Mitteilung der Bayerischen Staatsoper vom Montag suggeriert, wonach man "gemeinsam" eine Vertragsverlängerung in München anstrebe?" In der Welt findet Manuel Brug das nicht weiter tragisch: "Es wird also eine Zeit des Übergangs werden, eigentlich harmonisch für beide Seiten, durch die räumliche Nähe der beiden Institutionen (nur 50 Minuten Flugzeit) zudem auch kein Problem."

Im Freitag drückt sich Jörg Augsburg beim nochmaligen Anhören der vor 25 Jahren erschienenen Sonic-Youth-Platte "Goo" eine Träne aus dem Auge: "Besser wird Gitarrenmusik in der Folge nie mehr." Vielleicht hat er sogar recht:



Weiteres: Electronic Beats lässt Lydia Lunch und den Rapper Mykki Blanco miteinander ins Gespräch kommen. Mark Andrews berichtet für The Quietus aus dem Backstagebereich eines Mudhoney-Konzerts. In der NZZ berichtet Peter Hagmann von Bartok- und Weinberg-Konzerten bei den Wiener Festwochen.

Besprochen werden die Kollaboration von Franz Ferdinand und den Sparks (Freitag), ein Album der Italo-Band Sacri Cuori (Standard) und ein Chansonabend mit Katrin Sass (Tagesspiegel).
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