Efeu - Die Kulturrundschau

Suche nach Glanz

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20.06.2015. Literatur kann das eigene Leben verändern, und damit auch die Welt, erklärt Ralf Rothmann in der Welt. In der taz erzählt die Komponistin Charlotte Seither, wie die Töne dong machen. Der Guardian stellt Christina Broom vor, die erste Pressefotografin Großbritanniens. In der NZZ erinnert sich Robert Schindel, wie er und seine Mutter die Wiener Ringstraße als Kampfplatz für die Sache des einfachen Volkes nutzten.

Literatur

Im Interview mit der Literarischen Welt spricht Ralf Rothmann über seinen vielgelobten neuen Roman "Im Frühling sterben", seinen Vater, der mit 18 noch in den Krieg eingezogen wurde, danach als Bergmann malochte und mit 61 Jahren als Alkoholiker gestorben ist, und über die Rolle, die die Literatur für den Sohn spielte. Kann sie ein Leben verändern? Aber sicher, meint Rothmann: "Das habe ich am eigenen Leib, an eigener Seele erfahren. Ich war ein durchschnittlicher Maurer, der seinen Gebrauchtwagen abstotterte, und ich dachte, jetzt geht es so weiter wie bei allen anderen auch. Jetzt werde ich mir eine Schrankwand und eine Sofagarnitur kaufen, irgendwann eine Frau heiraten, Kinder kriegen. Und dann kam die Begegnung mit Literatur, mit Albert Camus und Hermann Hesse. Das war eine Offenbarung und hat mir Dimensionen eröffnet, die ich vorher nicht für möglich gehalten hatte. Und deswegen glaube ich, dass Literatur das persönliche Leben ändern kann."

Nico Bleutge schreibt in der NZZ zum 70. Geburtstag des polnischen Dichters Adam Zagajewski: ""Intensive Stille", das plötzliche Aufglimmen überraschender Schichten, ist für Adam Zagajewski der Urmoment allen Schreibens. Nicht von ungefähr trägt eines seiner Gedichte den Titel "Poesie ist die Suche nach Glanz". Doch dieser "Königsweg" meint nicht nur Momente des Glücks, die sich immer wieder in der Sprache finden lassen, den Glanz in der Abenddämmerung oder einen Augenblick am Meer, sondern auch die "unzähligen Momente der Unruhe"." In der Welt gratuliert Marko Martin, in der FAZ Marta Kijowska.

Felicitas von Lovenberg denkt in der FAZ über den Boom wiederentdeckter Klassiker wie Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" und John Williams" "Stoner" nach: "Sie erzählen vom ungebrochenen Siegeszug des Realismus und von unserem Lesehunger nach Übersetzungen ... Und dann veranschaulichen die Zahlen geradezu exemplarisch den allmählichen Auflagenrückgang, unter dem der Buchhandel seit Jahren leidet - für einen Boom, wie er Márai Ende der neunziger Jahre glückte, brauchte ein Williams 2013 nicht mal halb so viele Exemplare."

Weitere Artikel: Andreas Fanizadeh hat für die taz Indonesien besucht, das Gastland der nächsten Frankfurter Buchmesse. Ein Jahr lang hatte der Schriftsteller Roman Widder in Sibirien Literatur studiert. In dieser Zeit wurde er auf die Insel Olchon im Baikalsee zu einer Tagung eingeladen, von der er im Merkur-Blog erzählt. Das Buch Zwei ihrer Wochenendausgabe widmet die SZ Kai Strittmatters langer Reportage über den chinesischen Dichter Xu Lizhi, der hauptberuflich in einem iPhone-Sweatshop arbeitete und sich mit 24 Jahren in den Tod stürzte (mehr dazu in der Washington Post). In der New York Times schreibt Helen T. Verongos zum Tod des Schriftsteller James Salter.

Besprochen werden Dörte Hansens Debütroman "Altes Land" (FR), Alejandro Zambras "Bonsai" (taz), Zadie Smiths Essayband "Sinneswechsel" (taz), Gillen D"Arcy Woods Buch über den "Vulkanwinter 1816" (Welt), Tex Rubinowitz" "Irma" (ZeitOnline), Volker Hages "Die freie Liebe" (FAZ) und Ralf Rothmanns "Im Frühling sterben" (SZ, mehr).
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Kunst


Streiterinnen für das Frauenwahlrecht im Hyde Park, London, June 1908. Foto: Christina Broom / Museum of London

Eine Londoner Ausstellung zeigt Arbeiten der ersten britischen Pressefotografin Christina Broom. Sean O"Hagan erzählt im Guardian ein bisschen über Broom: "In 1903, when the family business failed, she taught herself photography using a borrowed box camera. That same year, she convinced the American jockey Danny Maher to pose with his mount, Rock Sand, in the parade ring before the Epsom Derby. The horse won the race and, in the weeks afterwards, Broom made a small fortune selling postcards of her photograph. Soon, she had a thriving business selling postcards of whatever and whoever she encountered on her travels around London: street scenes, public sightings of the royals and popular sporting events such as boat races. Winnie taught herself to develop the plates in a coal cellar that served as a dark room, while Brooms"s husband, Albert, wrote all the postcard captions by hand."

Weitere Artikel: Matthias Rüb berichtet in der FAZ über die Kunst-Biennale in Havanna. Catrin Lorch (SZ) und Rose-Maria Gropp (FAZ) berichten von der Art Basel. ZeitOnline bringt eine Strecke mit Plakaten aus der Schweiz.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Leben und Werk der Herzogin Adèle d"Affry, als Künstlerin bekannt unter dem Namen Marcello, im frisch renovierten Museo Vincenzo Vela in Ligornetto (NZZ) und eine Ausstellung mit Bildern des späten Jackson Pollock in der Tate Liverpool (Guardian).
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Design

Die FAZ hat Lena Bopps Plädoyer für kuratierte Modeausstellungen im Museumsbetrieb online gestellt. Besprochen wird die Ausstellung "Fast Fashion" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (NZZ).
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Bühne

Yves Raeber erinnert in der NZZ an die Glanzzeiten des Théâtre Populaire Romand unter dem kürzlich verstorbenen Theaterleiter und Regisseur Charles Joris. Judith von Sternburg spricht in der FR mit dem Dirigenten Sebastian Weigle über dessen Arbeit an der Oper Frankfurt. Sandra Luzina (Tagesspiegel) besucht die Proben zu Gob Squads "My Square Lady" an der Komischen Oper, bei der auch der Roboter Myon mitspielt (ZeitOnline hat davon Videoaufnahmen). In der FR berichtet Claus-Jürgen Göpfert von Anselm Webers und Marion Tiedtkes Plänen für das Schauspiel Frankfurt, das sie ab 2017 leiten werden.

Besprochen wird Thomas Adès" Oper "The Tempest" in Wien (NZZ).
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Film



Cristina Nord freut sich, dass das Filmfest München demnächst Miguel Gomes" dreiteiligen Film "As mil e uma noites" (Arabian Nights) zeigt, dessen sechs Stunden Spielzeit sie in Cannes außerordentlich genossen hat. Für die taz hat sie mit dem Regisseur gesprochen, der seine Absichten so erklärt: "Wir haben versucht, einen wilden Film zu drehen, auf sehr wilde Weise. Der Film davor, "Tabu", war elegant, diesmal gibt es dieses Punk-Stück, das am Ende des ersten Teils zu hören ist. Es heißt "Chaos is my life", und wir wollten es als ein Leitmotiv benutzen. Chaos ist unser Leben, Chaos ist Portugal in diesem Augenblick. Den Film zu drehen, war chaotisch, und der fertige Film ist ein Abbild der Umstände, in denen er gedreht wurde."

Den Berlinern empfiehlt Ekkehard Knörer in der taz Phillip Warnells demnächst bei den "Les Rencontres Internationales" im Haus der Kulturen der Welt gezeigten Film "Ming of Harlem": "Was als Dokumentarfilm beginnt, ändert nach rund einem Drittel der Laufzeit so entschieden wie unerwartet Stil, Tempo und Ton. Plötzlich ist da ein Tiger, der durch die Gänge und Zimmer einer Wohnung spaziert, vielmehr: tigert. Minutenlang, unkommentiert, er macht Tigergeräusche, kein Brüllen, es ist eher ein dunkel-guttural-bellender Laut."

Weitere Artikel: Dirk Peitz hat für ZeitOnline einen ersten Blick in die zweite, am Sonntag startende Staffel von "True Detective" geworfen und was er gesehen hat, hat ihm sehr gefallen: "Typischer L.A. Noir. Die literarischen Vorbilder reichen von James M. Cain und Raymond Chandler bis James Ellroy", lautet sein Fazit. In der Welt unterhält sich Stefan Grund mit dem Filmregisseur Kilian Riedhof über dessen Thriller "Der Fall Barschel" und den Skandal, den dieser Fall immer noch darstellt. Und Marius Nobach stellt in der Welt den kamerunischen Regisseur Richard Djimeli, der wegen seiner Filmsatire über Präsident Paul Biya verhaftet und gefoltert wurde, in Deutschland aber dennoch kein Asyl erhält.

Besprochen werden Dominik Grafs Dokumentarfilm "Was heißt hier Ende?" über den FAZ-Filmkritiker Michael Althen (FR, FAZ, Perlentaucher), Stephen Daldrys "Trash" (Tagesspiegel) und ein Dokumentarfilm über den Siegeszug der Roboter (FR, hier in der arte-Mediathek).
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Musik

Für die taz hat Waltraud Schwab ein tolles, umfangreiches Gespräch mit der Komponistin Charlotte Seither geführt. Sie hat zum Komponieren ein sehr sinnliches, körperliches Verhältnis: Nicht nur stellt sie sich bereits beim Niederschreiben die Körper der Musiker im Spiel vor, auch ist ein Ton für sie etwas, was "eine Gravitation haben, dong machen, auf dem Boden liegen bleiben, weil es wie Blei anploppt, oder von unten erhitzt werden und nach oben steigen [kann]. ... Erst im zweiten Moment versuche ich herauszufinden, was es ist und wie es reinkommt und wo es hinschlabbert und ob es schwer oder leicht ist, ob es sich hinsetzt oder ob ich es drücken muss und ob es da sitzen bleibt oder sofort wieder hochspringt."

Hier darf man"s schlabbern hören: Das "Ensemble mdi", Mailand, spielt Charlotte Seithers "Tre Acque con ombre".



Nur allerwärmstens empfehlen kann Natalie Mayroth in der taz das Album "Apocalypse, Girl" der Norwegerin Jenny Hval, die vor einigen Jahren noch unter dem Namen Rockettothesky unterwegs war. Im New Yorker stellte Anwen Crawford das Album vor. Für The Quietus berichtet Sharon O"Connell von Jenny Hvals Londoner Auftritt.

Weitere Artikel: Apples Streamingdienst kann Clemens Wergin gestohlen bleiben: Zu schlechte Qualität, erklärt er in der Welt. In der SZ plädiert Harald Eggebrecht für die Öffnung von Proben in den Hochkultur-Betrieben: "Es dürfte kein einfacheres Musikerziehungsmittel geben, als einladend die Türen zu öffnen. Dann lässt sich lernen, dass Musik nichts Mysteriös-Verstiegenes ist." Andreas Hartmann verabschiedet sich in der taz vom "wunderbar schrammeligen" Berlin-Friedrichshainer Underground-Club Antje Øklesund, der heute zum letzten Mal die Pforten, bzw. das Loch in der Wand öffnet. In der Welt verabschiedet Manuel Brug Simone Young als Intendantin und Generalmusikdirektorin der Oper in Hamburg.

Besprochen werden das Soloalbum des Rammstein-Sängers Till Lindemann ("ein schwüles Treibhaus männlicher Fantasien.", stöhnt Jürgen Ziemer entgeistert im Freitag), Nils Frahms Soundtrack zum deutschen Thriller "Victoria" (Pitchfork) und Detlef Siegfrieds Biografie über den, unter anderem, Jazzkritiker Ernest Bornemann (FAZ).
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Architektur



Der Wiener Ringstraße, vor 150 Jahren entstanden, ist derzeit eine große Ausstellung im Wien-Museum gewidmet. Die NZZ schickt eine Ausstellungsbesprechung und im Gespräch mit Bernd Noack erinnert sich der Schriftsteller Robert Schindel, wie er den Ring erlebte: Nicht als Prunk- und Prachtstraße, sondern als "Kampfplatz für die Sache des einfachen Volkes" an der Hand seiner kommunistischen Mutter: "... und wie die Erwachsenen, so mussten auch die Kleinen über die breite Straße vor den Ordnungskräften fliehen. Schindel erinnert sich noch an einen Protestmarsch vor das damalige Gartenbau-Kino, wo 1948 der Film "Rommel, der Wüstenfuchs" gezeigt wurde, was die antifaschistischen Kräfte auf die Palme und auf den Ring trieb. Auch da galt es, sich im Stadtpark in Sicherheit zu bringen: "Der Ring war für mich früher eine Feier- und Revolutionsstraße."".
Archiv: Architektur