Hans Fallada

Jeder stirbt für sich allein

Roman. Ungekürzte Neuausgabe
Cover: Jeder stirbt für sich allein
Aufbau Verlag, Berlin 2011
ISBN 9783351033491
Gebunden, 704 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Almut Giesecke. Hans Falladas Darstellung des Widerstands der kleinen Leute avanciert rund sechzig Jahre nach der Entstehung zum internationalen Publikumserfolg. Jetzt erscheint erstmals die ungekürzte Fassung nach dem bislang unveröffentlichten Originalmanuskript. Ein Berliner Ehepaar wagte einen aussichtslosen Widerstand gegen die Nazis und wurde 1943 hingerichtet. Von ihrem Schicksal erfuhr Hans Fallada aus einer Gestapo-Akte, die ihm durch den Dichter und späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher in die Hände kam. Im Herbst 1946 schrieb Fallada daraufhin in weniger als vier Wochen seinen letzten Roman nieder und schuf ein Panorama des Lebens der "normalen" Leute im Berlin der Nazizeit: Nachdem ihr Sohn in Hitlers Krieg gefallen ist, wollen Anna und Otto Quangel Zeichen des Widerstands setzen. Sie schreiben Botschaften auf Karten und verteilen sie in der Stadt. Die stillen, nüchternen Eheleute träumen von einem weitreichenden Erfolg und ahnen nicht, dass Kommissar Escherich ihnen längst auf der Spur ist. Diese Neuausgabe präsentiert Falladas letzten Roman erstmals in der ungekürzten Originalfassung und zeigt ihn rauer, intensiver, authentischer. Ergänzt wird der Text durch ein Nachwort, Glossar und Dokumente zum zeithistorischen Kontext.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.04.2011

Monatelang stand Hans Falladas Roman auf den internationalen Bestsellerlisten, bis er auch hierzulande wieder zum großen Verkaufserfolg wurde. Adam Soboczynski reibt sich verwundert die Augen: Dieser "verblüffend schlechte Roman"? Fallada, der sich durch die NS-Zeit als Mitglied der Reichsschrifttumkammer und schwer drogenabhängig schleppte, hat ihn 1945 innerhalb weniger Wochen verfasst, kurz darauf starb er. Er erzählt darin von einem Arbeiterehepaar, das nach dem Tod seines Sohns an der Front beginnt, regimekritische Flugblätter zu verteilen, und von der Gestapo gejagt und gefangen wird. Nach literarischen Gesichtspunkten taugt der Roman in Soboczynskis Augen nicht viel: Die Charaktere sind völlig unplausibel, die unglaubwürdigsten Begebenheiten werden "herbeierzählt", alles wird behauptet, nichts beschrieben. Was das Buch dann aber für den Rezensenten zum "großartigen Roman" macht, ist seine Sicht auf die Deutschen. Nicht ideologisch angetrieben erscheinen sie hier, sondern von blanker Gier. Was Soboczynski beeindruckt, sind die von Fallada geschilderte "alltägliche Bestialität" und das nachbarliche Denunziantentum. Hier sei nicht die Frage, was die Deutschen von Auschwitz wussten, meint Soboczynski, sondern wie sie mit ihrem Nachbarn im dritten Stock umgingen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 19.03.2011

Rezensent Stefan Mahlke freut sich, dass nach 64 Jahren und großen Erfolgen im Ausland, Hans Falladas "Jeder stirbt für sich allein" auch in Deutschland noch einmal aufgelegt worden ist und dem fast vergessenen Autor zu neuer Aufmerksamkeit verhilft. Völlig zurecht findet Mahlke, denn die Geschichte eines Berliner Ehepaars zur Zeit der Nazidiktatur, die Fallada nach Einsicht in Gestapo-Akten entdeckt hatte, sei schlichtweg "großartig". Die Quangels, vor dem Tod ihres einzigen Sohnes "anständige Mitläufer" entschließen sich zum Widerstand und verteilen Postkarten in Berlin, die vor dem Naziregime warnen. Aus der Tristesse ihres Daseins gerissen, erwacht ihre Liebe neu, auch während beiden der Prozess gemacht wird. Mahlke liest den Roman als Geschichte des Widerstands und der Liebe, gleichermaßen aber auch als Thriller und Berlin-Roman. Wenn er während der Lektüre auf leidenschaftliche Gestapo-Kommissare, stramme Nazis und Kleinkriminelle trifft, die Fallada in eigenem Erzählton schildert, fühlt der Rezensent sich an "brechtsche Szenen" erinnert. Vor allem begrüßt er die Entscheidung der Verleger, sich auf den Originaltext von 1947 zu beziehen und alle nachfolgenden verlegerischen Eingriffe aufzuheben: so erscheine der Text "rauer" und "authentischer".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011

Insbesondere das letzte Fünftel von Hans Falladas nun erstmals in ungekürzter Fassung vorliegendem Roman von 1947 war für Jürgen Kaube qualvolle Lektüre, wie er zugibt. Der Autor beschreibt darin, wie das Arbeiterehepaar Quangel, die mit handgeschriebenen Postkarten und Wurfzetteln zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufriefen, auffliegen, verhört und schließlich hingerichtet werden. Es ist eine Studie über die "moralische Auszehrung" einer Gesellschaft, geschildert am historischen Fall des Berliner Ehepaars Hampel, das 1943 hingerichtet wurden, so der Rezensent. Von Fallada in knapp 4 Wochen niedergeschrieben, wurde das Werk in der DDR aus politischen Gründen gekürzt, weiß Kaube. Dabei ist für ihn am bemerkenswertesten, dass der Autor seine Figuren als moralische "Mischgestalten" darstellt und so Klischees wirkungsvoll vermeidet. Gerade darin habe man in der DDR Schwierigkeiten gesehen. Dass dieser so rasch niedergeschriebene Roman zudem "gut erzählt" ist und insbesondere die Nebenfiguren aus dem kleinkriminellen Milieu oder der Arbeiterschicht so treffend beschrieben werden, lobt Kaube ebenfalls nachdrücklich. Er erkennt hier die "immense Begabung" Falladas für die Schilderung menschlicher Abgründe.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2011

Ungefähr ebenso interessant wie der Roman selbst ist, versichert Jens Bisky, seine Entstehungsgeschichte. Erst hat sich Hans Fallada gesträubt, der Anregung Johannes R. Bechers zu folgen. Der hatte ihm vorgeschlagen, die in Gestapo-Akten aufgezeichnete Geschichte des Widerstandspaars Otto und Elise Hampel zu erzählen. Schließlich schrieb Fallada in kürzester Zeit das Buch doch, starb aber bald nach der Fertigstellung. In an vielen Stellen abgemildeter Form wurde der Roman dann veröffentlicht und wurde ein Erfolg. Seinen Siegeszug um die Welt trat das Buch aber erst jetzt an, in Übersetzung und wiederhergestellter Fassung, die manchen Widerspruch im Verhalten der Helden nicht verschweigt. Von "politischer Zensur" will Bisky allerdings ausdrücklich nicht reden, für höchst lesenswert hält er den Roman, dessen "Atmosphäre" und "Milieuschilderung" ihn überzeugen, ohnehin in beiden Fassungen.
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