Efeu - Die Kulturrundschau

Auf die Gurgel getreten

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09.05.2015. In Venedig eröffnet die Biennale, Okwui Enwezors zentrale Schau im Arsenale stößt wie stets auf ein geteiltes Echo: Die taz findet sie souverän, die NZZ zu elegant, die SZ zu disparat. In der Frage der Rattle-Nachfolge bei den Berliner Philharmonikern donnert die SZ gegen Vereinnahmung und für Diskurs. Die taz beginnt einen Entwicklungsroman mit Chris Dercon als Protganisten. In der Welt geißelt Zadie Smith die Heuchelei des Londoner und Berliner Hipstertums. Und Tina Fey schenkt David Letterman ein Kleid.

Kunst

Die gesammelte Kunstkritik ist in Venedig eingetroffen, wo die Biennale begonnen hat. Für die taz durchschreitet Brigitte Werneburg die Pavillons und schließlich auch Okwui Enwezors zentrale Ausstellung. Was sie zu Gesicht bekommt, behagt ihr soweit ganz gut: Enwezor gelinge eine "unangestrengte, souveräne Anthologie der globalen zeitgenössischen Kunst, mit einem starken Akzent auf politisch und sozial motivierten Positionen." Catrin Lorch von der SZ muss dann allerdings doch widersprechen: Einst ins Leben gerufen, um die ausfransende Biennale zu erden, sei die von Enwezor kuratierte Ausstellung bloß "zerstreut, disparat und überladen". (Bild: Tobias Zielony: The Citizen, 2015, im deutschen Pavillon)

Kia Vahland berichtet in der SZ derweil von ihrem Streifzug durch die internationalen Pavillons, wo sich nicht alle Länder von ihrer inspiriertesten Seite zeigen: "Mangelnde Klarheit über die eigene Rolle in der Welt rächt sich sofort in bedeutungsloser Kunst. Das neonfarbene Geblinke im vatikanischen Pavillon (Erleuchtung!) gehört in die Vorhölle oder in den Swatch-Pavillon (dort wirbt der Sponsor für sich mit Leuchtkitsch); und den Ägyptern fällt nur eine kindische App ein, in der man zwischen Frieden (Blümchen wachsen auf dem Rasen) oder Krieg (der Rasen brennt) entscheiden soll. ... Von dramatischer Hilflosigkeit zeugt auch der italienische Pavillon: Peter Greenaway blendet Ausschnitte alter italienischer Meisterwerke übereinander."

In der NZZ fragt sich Samuel Mose, ob uns Okwui Enwezors Schau wirklich weiterbringe, so perfekt wie sie Politik, Zeitgeist Ästhetik verbinde: "Was sicher auch damit zu tun hat, dass wir uns auf eine feine Art abgeholt fühlen - ein bisschen wie bei einem auf Harmonie bedachten Therapeuten. Man ist zufrieden und glücklich, weil man sich im Grunde verstanden, in seinen Ansichten und seiner Auffassung der Welt bestätigt fühlt." In der FAZ berichtet Julia Voss von Enttäuschungen und Entdeckungen. Zu letzteren zählt sie Simon Dennys Installation "Secret Power" im neuseeländischen Pavillon, die auf dem Grafikdesign der NSA basiert: "Anhand von Bildern lernen wir - genau wie die NSA-Mitarbeiter -, die Arbeit des Geheimdienstes zu verstehen." In der Welt notiert Swantje Karich: "Fluchtgedanken. Wutgefühle."

Besprochen wird die Ausstellung "Ape Culture/Kultur der Affen" im Haus der Kulturen der Welt in Berlin ("gut und prägnant gemacht", schreibt Katharina Granzin in der taz; FAZ).
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Musik

Reinhard J. Brembeck legt sich in der SZ kräftig gegen Christian Thielemann als Rattle-Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern ins Zeug. In Thielemanns "einseitiger Ästhetik" solle Musik noch immer erfühlt werden: "Jüngere Musiker, allen voran Kirill Petrenko und Andris Nelsons, gehen einen anderen, zukunftsorientierteren Weg, indem sie die Sehnsucht nach dem schönen Klang mit der Diskursfreude der Harnoncourt-Schule zu verbinden suchen. Das führt nicht zur emotionalen Vereinnahmung des Hörers wie bei Thielemann, auch sind weder Petrenko noch Nelsons bei der Synthese schon am Endpunkt angekommen."

Mariss Jansons bleibt bis 2021 Chefdirigent des br-Symphonieorchesters, scheidet als Chef der Berliner Philharmoniker damit offenbar aus, berichtet Manuel Brug in der Welt und hofft noch auf einen unerwarteten "Taktstockjoker".

Martina Meister trifft in Paris Charles Aznavour, der mit seinen 91 Jahren gerade das 51. Album veröffentlicht hat: "Man sagt mir immer, ich sei so gut in Form. Aber man muss die Maschine pflegen, bevor man sie anwirft."

Weiteres: Marco Frei führt in der NZZ in die neue Oper "la bianca notte" des Schweizer Komponisten Beat Furrer ein, die morgen in Hamburg uraufgeführt wird und das Werk des italienischen Dichters Dino Campana umkreist. Im Berghain gab es mal wieder erlesenen Krach auf die Ohren, diesmal von Squarepusher, bezeugt Jens Balzer in der Berliner Zeitung. Julian Weber (taz) spricht mit der Sängerin Róisín Murphy. Franziska Buhre (taz) berichtet vom XJazz-Festival in Berlin.

Besprochen werden das dreistündige Jazzalbum "The Epic" von Kamasi Washington ("Its own form of radicalism", schwärmt Seth Colter Walls auf Pitchfork), das Album "Wilder Mind" der Londoner Folkband Mumford & Sons, ein Auftritt von Ghostpoet (Spex), das neue Album von Charles Cohen ("a deeply affecting work of great and subtle musicianship", meint Albert Freeman von The Quietus) und das neue Album von Tocotronic (SZ).
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Bühne

"Revolutionäre bekommen oft Probleme mit Veränderungen. Ich fühle mich nicht als Revolutionär, ich bin ein Moderator der Veränderung." Diese zwei Sätze, die Chris Dercon unter anderen im Tagesspiegel-Interview sagte, beschäftigen Dirk Knipphals in der taz. Auch, weil sie über das Theater weit hinaus reichen: "Zwei schlichte Sätze - über die man einen Entwicklungsroman schreiben könnte und vielleicht sogar sollte. Nicht nur, weil sie das Thema des Umgangs mit Veränderungen ansprechen, das im Lebensweltlabor Berlin wichtig ist, und nicht nur da. Sondern auch, weil man mit ihnen ein halbes Jahrhundert Ideen- und Intellektuellengeschichte in den Blick bekommt."

In der Berliner Zeitung berichtet Dirk Pilz von seinen Erfahrungen als Betreuer des Theatertreffen-Blogs, wo sich eine Riege junger Theaterkritiker nicht nur damit begnügt, Bericht zu erstatten: "Sie filmen, schreiben, twittern, diskutieren: Was ist Theater? Was ist Theater in Zeiten der digitalen Revolution? Man muss erst lernen, darauf nicht mit fertigen Ideen, sondern mit wachen Sinnen zu antworten."

Weiteres: Alexander Kohlmann (taz) hatte bei der Berliner Premiere der Performance "Welcome to Germany" des Kollektivs Monster Truck nur Augen für das auseinandergenommene Schwein, dessentwegen die Leipziger Vorführung im Vorfeld abgesagt wurde: Dabei hätte auch Leipzig diese "Auseinandersetzung mit den Abgründen hinter [der deutschen] Wohlfühlfassade (...) sehr gut gestanden." Die SZ meldet das Aus für die Carl-Orff-Festspiele in Andechs wegen "schwerwiegender und nicht mehr zu überbrückender Differenzen".
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Film

Gute Horrorfilme können also auch in Deutschland gedreht werden, freut sich Philipp Bühler in der Berliner Zeitung anlässlich des Kinostarts des unter Beteiligung von Jörg Buttgereit entstandenen Episodenfilms "German Angst": Bei diesem handele es sich um ein "hervorragend realisiertes und auch in sich stimmiges Filmexperiment". Im Tagesspiegel wirft Kerstin Decker einen Blick ins Programm des Jüdischen Filmfestivals, das ab morgen in Berlin und Potsdam stattfindet. Christoph Neidhart (SZ) besucht Doris Dörrie beim Dreh in Japan zu ihrem neuen Film.

Besprochen werden Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Der Letzte der Ungerechten" (Zeit), der auf DVD erschienene Dokumentarfilm "Electric Boogaloo" über die Geschichte der israelischen Actionfilm-Produktionsgesellschaft Cannon (critic.de), der Dokumentarfilm "Der Wald ist wie die Berge" über den Exodus der Roma ("großartig", urteilt Bert Rebhandl in der FAZ) und die Netflix-Serie "Grace and Frankie" (FAZ).

Außerdem: Die großartige Tina Fey verabschiedet David Letterman auf ihre ganz eigene Art in den Ruhestand:

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Architektur

Dirk Schümer erkennt in der Welt in Rem Kolhaas" Mailänder Prada-Kultursiedlung in einem Arbeiterbezirk, dafür mit goldenem Turm eine ganz neue Sensibilität in der Arbeit des Architekten.
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Literatur

In der Literarischen Welt verabschiedet sich Zadie Smith im Gespräch mit Thomas David von ihrem "sentimentalen, zutiefst liberalen" Glauben an das Gute im Menschen: "Empathie ist nicht genug, und auch wenn wir Sympathie für unsere Familie oder unsere Freunde empfinden, zeigt zum Beispiel das in Städten wie London oder Berlin grassierende Hipstertum, dass sich die Menschen zwar auf obsessive Weise um die richtige Ernährung ihrer Kinder kümmern und um die Kleidung, die sie tragen, dass ihnen aber vollkommen egal ist, unter welchen Bedingungen Kinder in Ländern wie Bangladesch diese Kleidung herstellen."

Felix Philipp Ingold kann in der NZZ der Wiederentdeckung von Wladimir Majakowski auch Positives abgewinnen, denn unter dem "bolschewistischen Großschriftsteller" lasse sich immer noch ein grandioser futuristischer Dichter erkennen: "Wohl hat er selbst beklagt, als Dichter des "sozialen Auftrags" seinem eigenen "Lied auf die Gurgel getreten" zu sein, doch nie ist dieses Lied gänzlich verstummt - diskret durchklingt es auch seine schönrednerischen Oden, seine dreisten Kampf- und Programmgedichte, vorausgesetzt, man liest nicht bloß das jeweils Gemeinte, sondern hört hin."

Weiteres: Maxim Billers 2003 nach einer juristischen Auseinandersetzung aus dem Verkehr gezogener Roman "Esra" (unsere Rezensionsnotizen) ist nun in Israel erschienen, berichtet Gustav Seibt in der SZ. Roswitha Budeus-Budde (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) gratulieren dem schwedischen Autor Mats Wahl zum 70. Geburtstag. Außerdem erklärt Autorin Rachel Kushner in der SZ, wie sie ihren Roman "Flammenwerfer" geschrieben hat: Dabei wollte sie "New York als Raum von Energien, Klängen, Empfindungen erschaffen."

Besprochen werden Stefano D"Arrigos "Horcynus Orca" (taz, mehr), Siri Hustvedts "Die gleißende Welt" (Zeit, mehr), Aboud Saeeds E-Book "Lebensgroßer Newsticker" (FAZ), Michael Degens Roman "Der traurige Prinz" über Oskar Werner (SZ) und Vea Kaisers "Makarionissi oder Die Insel der Seligen" (FAZ).
Archiv: Literatur