Efeu - Die Kulturrundschau

Herz gebrochen. Na wenn schon!

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15.01.2015. Nach dem letzten Konzert von Kraftwerk in Berlin nimmt die Berliner Zeitung wehmütig Abschied - von der Neuen Nationalgalerie. Die SZ besichtigt die von Jean Nouvel entworfene Philharmonie am Stadtrand von Paris. Frankreich hat Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung" widerlegt, freut sich die FR. Auch die Zeit scheitert mit einer Annäherung an Angelina Jolie. Die Kritiker sind fasziniert von Jessica Hausners Kleist-Drama "Amour Fou".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2015 finden Sie hier

Film

Für die Filmkritik ist diese Woche kein Vorbeikommen an Jessica Hausners neuem Film "Amour Fou", mit dem sich die österreichische Regisseurin Kleist und des Genres des historischen Kostümdramas annimmt, um ein klaustrophobisch beengtes, stark stilisiertes Zeitbild zu zeichnen, wie alle Kritiker übereinstimmend schreiben. Birgit Glombitza (taz) befindet sich hier im formvollendeten Kinoglück: "Mit scharfem Blick für gesellschaftspolitische Wechsel steuert Hausner in die romantischen Salondebatten, in denen es mit Verzückung um schiere Unvereinbarkeit geht. Um alles und nichts, um lustvolle Selbstauflösung im höchsten Moment des Empfindens. ... Ein nach außen stilles, aber mit dem Bombast reinster Innerlichkeit zelebriertes Binnenspektakel."

Auch Nino Klingler (critic.de) sah den Film mit einigem Vergnügen: Die Regisseurin "stellt den Kleist vom Kopf auf die Füße... So wird "Amour Fou" zu einem gewitzten (durchaus feministisch zu nennenden) Einspruch, der sich ganz unverblümt anachronistisch in die vergangenen Männersachen einmischt und Ordnung stiftet, wo zuvor Unordnung war." "Ein Experiment" ist dieser Film, meint Christiane Peitz im Tagesspiegel und freut sich darüber, dass Hausner "etwas eigentlich Unmögliches [gelingt]: Sie erhellt auch die komische Seite des Doppelselbstmords von Kleist und Henriette Vogel im Jahr 1811." Weitere Besprechungen bringen die Filmgazette (Höchstwertung!) und die SZ.


Tatjana Turanskyjs
Prostitutions- und SM-Drama "Top Girl oder La déformation professionnelle" lässt die Filmkritik über strukturelle Mechanismen von Geschlechterrollen, Sexarbeit und des gesellschaftlichen Umgangs mit Perversionen nachdenken. Carolin Weidner (taz) staunt darüber, wie es der Regisseurin gelingt, zu verdeutlichen, "was für eine knallharte Arbeit [Prostitution] eigentlich ist." Für Sophie Charlotte Rieger (Filmlöwin) stellen sich nach dem Film sehr grundlegende Fragen: "Wo ist die Grenze? Wo hört die Selbstbestimmung auf und fängt die Fremdbestimmung an? ... Vielleicht spielen wir die Emanzipation lediglich." Zu ähnlichen Beobachtungen gelangt Elena Meilicke im Freitag, für die der Film auch davon handelt, "wie Frauen zu Komplizinnen der eigenen Unterdrückung werden." Dennoch bleibt "Top Girl" für ihren Geschmack filmisch "zu nah am Soziologieseminar". Manon Cavagna (critic.de) fokussierte unter dessen auf die Darstellung der Freier, die im Job Autoritätsposten haben, um bei der Prostituierten in die devote Position zu switchen: "Es gibt einen freien Willen zur Willenlosigkeit; eine männliche Sehnsucht danach, anders mit den Geschlechterrollen umzugehen."

Vergangene Woche hatte Verena Lueken in der FAZ über die Unmöglichkeit eines Gesprächs mit Angelina Jolie geklagt, für die Zeit hat es jetzt Peter Kümmel probiert. Mehr als über den Star oder den heute in den Kinos anlaufenden Film "Unbroken" hat aber auch er über das System Jolie gelernt: "Wo sie ist, entsteht um sie herum ein kleiner Staat mit eigenen Zöllnern und eigenen Grenzanlagen. Und überall, wohin sie reist, vollzieht sich ein Empfang, dessen Gast sie selbst ist. Kein anderer Star ist dem Höfischen so nahegekommen wie diese im Inneren unsichere Schauspielertochter. Den unheimlichen Vorsprung der Aristokratie, das Immer-schon-Dagewesensein des Adels macht sie wett durch das Immer-schon-Dagewesensein ihres Gesichts: Diese Frau ist öfter auf Titelbildern zu sehen als jede andere, und man hat, wenn man ihr gegenübersitzt, den Eindruck, ihr Gesicht liege allen Frauengesichtern als Ideal zugrunde - was damit zu tun haben mag, dass seine Züge zahllosen Schönheitschirurgen als Arbeitsvorlage dienten."

Auch wenn Andrej Swjaginzew mit seinem "Leviathan" den ersten Golden Globe für einen russischen Film seit 1969 eingeheimst hat, findet er dafür in seiner Heimat wenig Beifall, erfahren wir von Julian Hans in der SZ: "Swjaginzew habe ihn für ein westliches Publikum produziert, das darin seine russophoben Klischees bestätigt finde", lautet der Vorwurf. "Hollywood zeichne ihn nur aus, weil das der gegenwärtigen russlandfeindlichen Stimmung entspreche." Mehr zum Film auf critic.de.

Das Berliner Kino Arsenal befasst sich in einer Filmreihe mit Susan Sontag, berichtet Carolin Weidner in der taz. Die FAZ vermeldet weitere Wettbewerbsfilme der Berlinale: Zu sehen sein werden unter anderem Werner Herzogs "Queen of the Desert" und Jafar Panahis "Taxi". In der Welt meint Barbara Möller, nach den Anschlägen von letzter Woche hätte Arte den Sechsteiler "Paris" aus dem Programm nehmen sollen; "Nicht weil er schlecht wäre, sondern weil er ungewollt wehtut." Außerdem: Steven Soderbergh hat Stanley Kubricks "2001: Odyssee im Weltraum" umgeschnitten. Hier ist sein Edit zu sehen.

Besprochen werden Will Glücks Musical-Remake "Annie" (Perlentaucher), Rupert Wyatts "The Gambler" (Perlentaucher, Filmgazette, Freitag), Jean-Marc Vallées "Der große Trip - Wild" mit Reese Witherspoon als Aussteigerin (taz, critic.de, Berliner Zeitung, FAZ, Welt), Angelina Jolies "Unbroken" ("katastrophal", staunt Andreas Busche in der taz; mehr in der NZZ und hier), Jussi Adler-Olsens "Schändung" (FAZ, kritiken.de), Roy Anderssons "Eine Taube saß auf einem Dach..." (NZZ, Tages-Anzeiger) und Sönke Wortmanns Komödie "Frau Müller muss weg" (ZeitOnline, Tagesspiegel).
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