Efeu - Die Kulturrundschau

Wo ist dieses Mädchen hin?

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01.10.2014. Die Filmkritiker feiern David Finchers neuen Thriller "Gone Girl" als eine ziemlich abgefahrene Version weiblicher Emanzipation. Wer braucht Kritik von außen am Regietheater, wenn der Betrieb das selbst erledigt, fragt Zeit online. Die SZ schüttelt dagegen bedauernd den Kopf, betrachtet sie die ewige Vergangenheitsbeschwörung an den großen europäischen Opernhäusern. Im Pop ist es auch nicht besser, meint der Guardian und wendet sich Mozart und Webern zu. Der Tagesspiegel fordert mehr Übersetzungen osteuropäischer Literatur. Die FR lässt sich von Dayanita Singh ins Frankfurter MMK3 locken: Geh näher.

Film



Große Begeisterung bei den Filmkritikern über David Finchers neuen Thriller "Gone Girl", eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Gillian Flynn, die darin die romantische Liebe zu einem Horror-Szenario ausbaut. Vor allem die clevere Erzählkonstruktion imponiert den Rezensenten. Matthias Dell kann es in der taz kaum fassen, dass dieser Film in zweieinhalb Stunden packt, was im deutschen Fernsehen 20 Filme füllen würde: "Über zweieinhalb Stunden immer noch einen move zu machen, der nicht unplausibel wirkt, sondern vielmehr ins Zentrum der Geschichte zielt, das lässt einen staunen. ... Noch intensiver wirkt aber die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse, durch die hindurch man "Gone Girl" am Ende aller Täuschungen als eine ziemlich abgefahrene Version weiblicher Emanzipation verstehen kann."

David Steinitz von der SZ weiß genau, warum Fincher diesen Stoff gewählt hat: Der Regisseur interessiere sich "neben dem Auflösen von Plots vor allem für das Auflösen menschlicher Hemmschwellen, für gnadenlose Borderline-Experimente. ... Vielleicht der ideale Film für frisch Verliebte." Und Verena Lueken erklärt in der FAZ, was ihr an diesem Film gefällt: "Der Witz (...) ist der Wechsel der Erzählperspektiven, die sich übereinanderlegen, ohne je zur Deckung zu kommen."

Außerdem entdeckt die amerikanische Filmkritik Dominik Grafs "Die geliebten Schwestern" (unsere Kritik), der gerade beim New York Filmfest lief: David Hudson sammelt bei Fandor Links zu den Kritiken, mit besonderem Hinweis auf Daniel Kasmans enthusiastische Besprechung auf mubi.

Besprochen werden außerdem "Achtzehn", der zweite Teil von Cornelia Grünbergs Langzeit-Dokureihe über vier junge Mütter (ZeitOnline) und Annekatrin Hendels Dokumentarfilm "Anderson" über den Stasi-IM Sascha Anderson (Berliner Zeitung, Zeit).
Archiv: Film

Bühne

Volker Hagedorn bürstet auf ZeitOnline die kürzlich in der NZZ veröffentlichte Kritik des Musikwissenschaftlers Laurenz Lütteken am Regietheater unwirsch ab, muss dem Kritiker dann aber doch in einem Punkt Recht geben: "Die Lektüre der Spielpläne genügt indessen für den zutreffenden Befund, das Musiktheater richte sich "behaglich im Kanon" einer überschaubaren Zahl alter Werke ein. Das beklagt auch der Komponist Klaus Lang: "Da kann man sich zurückversetzen in die gute bürgerliche Zeit des 19. Jahrhunderts und kann sich dann noch total avantgardistisch fühlen, wenn sich jemand drei Zahnbürsten in den Mund steckt". Nachzulesen im frischen Band "Zukunft der Oper", der spannende Diskussionen versammelt. Der Betrieb betreibt die Selbstbefragung längst auf einem Niveau, auf dem sich Polemik und Präzision vertragen." Kurz: Wo der Betrieb waltet, braucht es Zwischenrufe von außen nicht.

Die Bayerische Staatsoper wurde zum Opernhaus des Jahres gekürt. In der SZ gratuliert Reinhard J. Brembeck Intendant Nicholaus Bachler für seine mutige, auf neue Sehweisen setzende Leitung. Nachahmung muss der Mann freilich nicht befürchten, meint Brembeck mit Blick auf den Zustand der großen europäischen Opernhäuser: "Nicht, dass diese Häuser nicht gelegentlich nette und schöne Aufführungen zustande brächten. Aber aufs Ganze betrachtet ist Oper an vielen großen Häusern meist nichts anderes als Vergangenheitsbeschwörung. Der schöne Schein ist Trumpf, das Apolitische, Antiintellektuelle, Unzeitgemäße und Regressive dominieren - alles Gründe dafür, das diese Häuser bisher nie die Auszeichnung Opernhaus des Jahres erhielten."

Besprochen werden Stefan Puchers Charles-Manson-Musical am Thalia Theater in Hamburg (taz), eine Aufführung von Becketts "Warten auf Godot" am Deutschen Theater Berlin zu Ehren von Dimiter Gotscheff (Berliner Zeitung), Philip Tiedemanns Inszenierung von "Wir sind noch einmal davongekommen" am Theater Heidelberg (FR, FAZ), Glucks "Armide" am Stadttheater Bern (NZZ), Jakob Peters-Messers "Fidelio"-Inszenierung in Bonn ("so nett, so zeitlos abstrakt (...), dass sie auch in zwanzig Jahren noch genauso alt aussehen wird wie heute", schimpft Eleonore Büning in der FAZ) und ein "Figaro" an der Met, den Patrick Bahners in der FAZ für kläglich gescheitert erklärt.
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Musik

Im Guardian erklärt Musikkritiker Paul Morley, warum er sich vom Pop ab- und der klassischen Musik zugewandt hat. Eine Altersfrage, klar. Aber nicht nur, versichert er: "Es ist so sentimental geworden. Man tut so, als wären die Dinge so wie früher, die ganze Zeit diese Zukunftsangst und dieser Versuch, alles so zu arrangieren, wie es vor vierzig Jahren war. Aber Pop und Rock gehören ans Ende des 20. Jahrunderts, in eine strukturierte Welt, die nun auseinandergefallen ist... Der meiste Rock könnte zu Tradtion erklärt werden... Wenn es um Musik als Metapher für das Leben selbst geht, dann ist klassische Musik wichtiger für die Zukunft."

Immerhin: Gestern interviewte Jens Balzer für die Berliner Zeitung den dezidiert nicht nostalgischen Popmusiker Caribou. Hier seine neue Single.



Weitere Artikel: Für die taz war Julian Weber beim "Off the Page"-Festival in Bristol, bei dem kräftig auf hohem Niveau diskutiert wurde. Tobias Kreutzer von der FAZ findet Damon Krukowskis auf Pitchfork veröffentlichtes Plädoyer für mehr Mono durchaus plausibel. In der Berliner Zeitung gratuliert Elmar Kraushaar Udo Jürgens zum 80. Geburtstag. Ijoma Mangold plaudert in der Zeit mit dem Performer Friedrich Liechtenstein über die Edeka-Werbung, Adorno und die sexuelle Energie des Pop. Außerdem gibt es in der Zeit eine Musikbeilage: Aufmacher ist eine Besprechung der großen Callas-CD-Box.

Besprochen werden ein Performance-Abend zwischen Klassik und Exkrement-Avantgarde im Berghain (Berliner Zeitung), das neue Album von Peter Licht, das parallel zu einem Buch erscheint (ZeitOnline), die neue CD von Aphex Twin (Welt) und eine von Kiril Petrenko dirigierte Aufführung von Gustav Mahlers sechster Sinfonie (SZ).
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Literatur

Die Autorin Mely Kiyak fordert in der Tagesspiegel-Reihe "Briefe an Europa" mehr Übersetzungen, insbesondere aus dem osteuropäischen Raum: "Es gibt eine Menge Übersetzungen aus den romanischen Sprachen und dem Englischen, aber kaum aus den slawischen. Wie viel wurde in den letzten Jahren über die Migrationsströme der Roma gesprochen? Doch kaum jemand in Westeuropa ist in der Lage, eine bulgarische Zeitung zu lesen oder einen Autor, der in den Sprachen der Länder lebt, in denen Roma leben?"

Erik Wenk war für den Tagesspiegel bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Comicforschung, die vor allem zum Thema "Grenzüberschreitung" diskutierte.

Besprochen werden Robert Seethalers "Ein ganzes Leben" (FR, mehr), Gertrud Leuteneggers "Panischer Frühling" (FR), Thomas Melles "3000 Euro" (SZ, mehr), die von Rolf Schieder herausgegebene Buchfassung der beim Perlentaucher geführten Monotheismus-Debatte (FAZ, hier alle Diskussionsbeiträge online) und Michel Bergmanns Erzählung "Alles was war" (FAZ).
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Kunst


Tracey Emin"s Good Red Love (2014). Photograph: Tracey Emin/White Cube

Bilder mit Kurven, immer wieder die Kurven desselben Körpers sieht Rachel Cooke vom Guardian beim Besuch von Tracey Emins Atelier. Die Künstlerin, die kurz vor ihrer großen neuen Ausstellung im White Cube in London steht, erklärt, worum es ihr geht: ""Ich versuche herauszufinden, warum mein Körper sich so verändert hat", sagt sie mit ihrer hohen und überraschend reinen Stimme. "Ich habe mich von einem wirklich dünnen Mädchen - selbst mit 40 war ich noch dünn - in eine Matrone verwandelt. Ich versuche diese physischen Veränderung zu verarbeiten. Es liegt ein großer Unterschied zwischen 35 und 50, ein riesiger Unterschied. Und das versuche ich zu verstehen. Wo ist dieses Mädchen hin? Wo ist diese Jugend hin? Dieses Ding, das verloren gegangen ist, wo ist es hin? Ich suche danach in den Bildern, ich suche danach im Farbpinsel."


Dayanita Singh, Go Away Closer, 2014©

Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt derzeit unter dem Titel "Go Away Closer" Arbeiten der Fotografin Dayanita Singh. Für Sandra Danice (FR) verströmen die Fotos und ihre Präsentation einen "eigenartigen Zauber": "Was wir sehen, sei eine Anzahl verschiedener "Museen", heißt es in einer Beschreibung, denn Singh, die 1961 in Neu-Delhi geboren wurde, sortiert ihre ausnahmslos schwarzweißen Fotografien nach Themen und präsentiert sie in selbst entworfenen Präsentationsmöbeln ... Es wirkt, als katalogisiere Singh die sie umgebende Welt - jedoch auf eine Weise, die erstaunlicherweise kein bisschen nüchtern wirkt, sondern von großer Empathie mit den Dingen und der Welt zeugt."

Außerdem: Zwei Ausstellungen über Gustave Courbet (in Basel) und Paolo Veronese (in Verona) nimmt Peter Iden in der FR zum Anlass, beide Maler und deren Verhältnis zur Erotik ausführlich miteinander zu vergleichen. Sein Fazit: "Wo Courbet geradezu brutal auf Wahrhaftigkeit besteht, will Veronese verklären, idealisieren, verzaubern, also Nähe erreichen durch Entrückung." Ingeborg Ruthe meldet in der Berliner Zeitung, dass der Beuys-Sammler Heiner Bastian seine Beuys-Werke aus dem Hamburger Bahnhof in Berlin abzieht.

Besprochen werden eine Ausstellung zur Farbe Blau in der Kunsthalle Wien (Standard, Presse), Thomas Bayrles Ausstellung "Agnus Dei" in der Stiftung St. Matthäus in der Oberlausitz (Berliner Zeitung), die Rubens-Ausstellung im Bozar Museum in Brüssel (Zeit) und Ryan Trecartins Ausstellung in den Kunst-Werken in Berlin (FAZ).
Archiv: Kunst