Efeu - Die Kulturrundschau

Irgendwie muss ein Zeichen her

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02.06.2014. In der Welt fordert Wim Wenders mehr Solidarität mit den Franzosen. Die SZ rätselt über den Offenen Brief des Dirigenten und Putin-Freundes Valery Gergiev. Die NZZ sieht mit Szczepan Twardoch einen neuen Stern am polnischen Literaturhimmel aufgehen. Im Standard stellt György Dalos die Dichter Südosteuropas vor. Die Presse bereitet sich auf einen hitzigen Theaterabend mit Jean Genets "Negern" bei den Wiener Festwochen vor. Jan Bosses Inszenierung von Tschechows "Möwe" ist den Kritikern irgendwie zu viel Theater.

Bühne



Regisseur Johan Simons hat seinen Schauspielern eingebläut, bei der morgigen Premiere der "Neger" bei den Wiener Festwochen in den ersten fünf Minuten alles zu geben, weil dann wahrscheinlich Aktivisten die Bühne stürmen, um Jean Genets kontroverses Stück zu verhindern (mehr dazu hier). In der Presse bereitet Anne-Catherine Simon auf den Theaterabend vor und erklärt Genets Leben und Schreiben: "Egal, ob er sich später für die militanten Black Panthers in Amerika erwärmte oder für die Palästinenser (nur solange sie keinen eigenen Staat hatten), immer war seine Sympathie eine ästhetisch-erotische. 'Les nègres' stehe für alle Unterdrückten, sagte er, und als solcher sah er sich selbst. Aber nicht die Befreiung aus dem Herr-Knecht-Verhältnis steht im Mittelpunkt (die in der Regel nicht gelingt, auch in 'Les nègres' alles andere als klar ist und vielleicht gar nicht wirklich gewünscht), sondern das (sadomasochistisch) gefärbte Abhängigkeitsverhältnis selbst." (Bild: Bild: Röder / JU Ostkreuz)

Mit Jan Bosses "Möwe"-Inszenierung bringt das zuletzt arg gebeutelte Wiener Burgtheater die letzte Premiere der laufenden Saison auf die Bühne. Recht überzeugen wollte die Tschechow-Aufführung die Kritiker allerdings nicht, trotz einiger inszenatorischer Einfälle, die das Publikum aktiv ins Geschehen des Theater-im-Theater-Stücks einbinden sollten. "Es ist alles so dumm anachronistisch, aber aufgekratzt gestrig falsch an diesem Abend", ächzt etwa in der FAZ Gerhard Stadelmaier, der sich überdies darüber ärgert, was die Regie mit dem Leben der tragischen Figuren anstellt: "Das Theater müsste es zu zeigen versuchen: als wundertrauriges, komisch groteskes, aberwitzig unglückstolles Leben. Bosses Theater zeigt nur, dass ihr Leben dummes Theater ist, das sie frontal zum Publikum über die Rampe kegeln."

Wolfgang Kralicek von der SZ schreibt wohlwollender, bleibt aber im Großen und Ganzen ebenfalls unterwältigt, ihm wird "zu viel Theater gemacht": "Ohne Manierismen hätte das ein großer Abend werden können." Für die Nachtkritik bespricht Kai Krösche die Aufführung. Im Standard ist Ronald Pohl die Inszenierung zu unernst: "Man zeigt, dass man zeigt."

Beeindruckt nimmt Marco Frei in der NZZ Adriana Hölszkys Oper zu Dostojewskis "Bösen Geister" auf, in ihm in der Mannheimer Isnzenierung von Joachim Schlömer jedoch zu historisierend geraten ist. Ganz benommen von den vielen Aufführungen resümiert Katrin Bettina Müller in der taz das Mannheimer Festival Theater der Welt. In der FAZ trauert Hans-Christian Rössler um die israelische Schauspielerin Hanna Maron, in der Welt schreibt Hanns-Georg Rodek.

Besprochen werden eine Aufführung von Verdis "Simon Boccanegra" an der Dresdner Semperoper (SZ) und Adriana Hölszkys Dostojewski-Inszenierung "Böse Geister" am Nationaltheater Mannheim (FR).
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Film

"Die Franzosen sind irrsinnig verunsichert", und das seit Jahren, meint in der Welt Wim Wenders im Interview mit Hanns-Georg Rodek. Jetzt verlieren sogar die Deutschen das Interesse an ihnen. "Irgendwie muss ein Zeichen her, und vielleicht ist es am ehesten die Kultur, die das kann. Die Franzosen werden auf die 'exception culturelle' nicht verzichten, sie ist französisches Glaubensbekenntnis schlechthin. 'Liberté, egalité und fraternité' haben sich gewissermaßen in die 'exception' geflüchtet, als letzter Rest der Französischen Revolution. Es wäre ein großes Signal, wenn Deutschland sich bedingungslos dahinter stellen würde. Meine Hoffnungen liegen auf unserer neuen Kulturstaatsministerin, Frau Grütters." Und dass der ganze freie Himmel über Berlins Tempelhofer Feld bleibt, findet er natürlich "fantastisch".

Außerdem: Für Negativ resümiert Michael Schleeh ausführlich das Frankfurter, aufs japanische Kino spezialisierte Filmfestival Nippon Connection.

Besprochen werden die Ausstellung "Pasolini Roma" im Palazzo della Esposizioni in Rom, die ab September auch in Berlin zu sehen sein wird (SZ), Nana Rebhans Dokumentarfilm "Welcome, Goodbye" über Berlin und seine Touristen (Tagesspiegel) und Wilm Huygens Dokumentarfilm "Tour du Faso" (Tagesspiegel).
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Kunst

Manuel Brug besucht für die Welt im Pariser Musée de Luxembourg eine Ausstellung zu Napoleons erster Frau, Joséphine de Beauharnais, die nicht nur bahnbrechende Stilikone des Empire war: "Damit ihre Familie die Zuckerohrplantage mit 500 Sklaven halten konnte, setzte sie freilich durch, dass Napoleon die 1794 vollzogene Abschaffung der Sklaverei in Frankreich widerrief. Das Gesetz sollte bis 1848 Bestand haben, und bis heute wird deshalb der Joséphine-Statue auf Martinique regelmäßig der Kopf abgehauen." (Bild: Henri-François Riesener, Portrait en pied de l'impératrice Joséphine © RMN-Grand Palais / Daniel Arnaudet)

Außer Kuratorensprech nichts gewesen: Mit einigem Verdruss kehrt Silvia Hallensleben (taz) von der dritten Ausgabe des Berlin Documentary Forums nach Hause: Sie attestiert eine "Diskrepanz zwischen den in vollmundigem Kuratorendeutsch verfassten Ankündigungen im Katalog und deren Einlösung in den konkreten Veranstaltungen, die allzu oft auf jede ästhetische Intervention verzichten und ihre filmischen oder fotografischen Archivalien in Power-Point-Manier präsentieren."

Weiteres: In Berlin gibt es Protest gegen die Eindämmung eines Gebäudes aus dem Ensemble der Stalinbauten, berichtet Ira Mazzoni in der SZ. Nicola Kuhn vom Tagesspiegel stattet der Glasgow School of Art, die gerade von einem verheerenden Brand heimgesucht wurde, einen Besuch ab. Moritz Scheper stellt in der taz die Fotobuch-Reihe "POV Female" vor, die ausschließlich Fotografinnen veröffentlicht.

Besprochen wird die Ausstellung "Die Griechen in Italien" in der Staatlichen Antikensammlung München (SZ).
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Musik

Wenig überzeugt ist Rainer Erlinger in der SZ von dem Offenen Brief, mit dem sich der wegen seiner politischen Nähe zu Putin umstrittene Dirigent Valery Gergiev zuletzt in München um Diplomatie bemüht hat: "Man muss ihn mehrmals lesen, will man herauszufinden, was Gergiev wirklich denkt - aber am Ende hilft nicht einmal das. Man kann fast nur eines feststellen: Ein Dementi von was auch immer ist es nicht. Eine wirkliche Positionierung auch nicht, außer in dem Sinne, dass er es sich mit niemandem verderben will."

In der Zeit porträtiert Volker Hagedorn das mit der Geigerin Vineta Sareika nun wieder komplettierte Artemis Quartett. Fast ein wenig erschrocken ist Sylvia Staude von der FR darüber, dass Neil Youngs neues Album "A Letter Home" ziemlich lo-fi scheppert. Christoph Dallach unterhält sich für die Zeit mit Led-Zeppelin-Gitarrist Jimmy Page über alte Zeiten.

Besprochen wird eine Aufnahme von Gustav Mahlers erster Symphonie des NDR-Sinfonieorchesters unter Thomas Hengelbrock (FAZ).
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Literatur

Der "neue Shootingstar der polnischen Literatur" ist ein Autor mit schlesischen Wurzeln: Szczepan Twardoch. Marta Kijowska stellt ihn und seinen Roman "Morphin" in der NZZ vor. Der Roman erzählt die Geschichte eines morpiumsüchtigen Reserveoffiziers, dessen dekadente Welt 1939 zusammenbricht, so Kijowska: "Es ist aber auch ein herrlich provokanter und respektloser Antiheld, mit dem sich in Polen vor allem junge Leser identifizieren konnten - weil sie damit einige Antworten auf ihre Zweifel bekamen, ob es sich bei der Kriegsgeneration wirklich um lauter Helden und Märtyrer handelte. Und weil sie in dem Bild der allgemeinen Orientierungslosigkeit, das Twardoch zeichnet, etwas sahen, was ihrem eigenen Lebensgefühl entsprach."

Begeistert liest sich Gustav Seibt von der SZ durch die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift die horen, die sich literarisch mit dem August 1914 befasst: "Die Autoren aus den Jahrgängen zwischen 1950 und 1970 haben ihre Sache gut gemacht. Der als dickes Heft der Horen erschienene Band gehört zum Erhellendsten und Unterhaltsamsten des Gedenkjahres."

Im Standard stellt György Dalos drei Dichter vor: den Slowaken Rudolf Jurolek, die Bosnierin Adisa Basic und den Ungar Ákos Fodor, deren Lyrik auf Deutsch jetzt in einem Band der Reihe "Ein europäisches Karussell" gelesen werden kann. Über Fodor schreibt Dalos: "Zum tieferen Verständnis der zitierten Gedichte gehört die Tatsache, dass Ákos Fodor ebenso wie der Autor dieser Zeilen der unmittelbaren Nachkriegsgeneration angehört, für die der Krieg keine Abstraktion war und die auch die blutigen Konflikte der postkommunistischen Ära - Bosnien, Irak, Afghanistan - als konkreten Albtraum beobachteten, selbst wenn sie einen lediglich über die Medien erreichten, wie dies in 'Kurznachricht von der Börse' beschrieben wird: 'Der Fasspreis für Blut,/ Schweiß und Tränen befindet/ sich nun im Sturzflug.'"

Weitere Artikel: Zum ersten Todestag von Marcel Reich-Ranicki erinnert die FAZ an ihren langjährigen Literaturkritiker: Rachel Salamander berichtet von ihrer Arbeit an MRRs Projekt der Frankfurter Anthologie. Heinrich Detering würdigt Reich-Ranicki unterdessen als Vermittler zwischen Feuilleton und Literaturwissenschaft. Jürgen Becker zeigt sich im Gespräch mit Martin Oehlen von der Berliner Zeitung ganz überrascht über seine Auszeichnung mit dem Büchner-Preis. Im Tagesspiegel unterhält sich Peter Laudenbach mit Alexander Kluge über dessen neues Buch "30. April 1945".

Besprochen werden Chimamanda Ngozi Adichies "Americanah" (Jungle World, hier unsere Leseprobe), Brittani Sonnenbergs "Heimflug" (Zeit), Joachim Lottmanns "Endlich Kokain" (Tagesspiegel), Daniel Pennacs "Der Körper meines Lebens" (SZ), Lionel Jospins Buch über den Napoleonmythos (Tagesspiegel) und Robert Gwisdeks "Der unsichtbare Apfel" (taz).
Archiv: Literatur