Efeu - Die Kulturrundschau

Mit einem freundlichen Elektroschock

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09.05.2014. Dürfen Jean Genets "Neger" noch "Neger" heißen? Und dürfen sie von weißen Schauspielern gespielt werden? Großer Krach bei den Wiener Festwochen. Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine ruiniert das Prinzip des Pop, befürchtet der Freitag vor dem Eurovision Song Contest. Die Welt feiert Michael Jacksons Wiederauferstehung in acht Liedern. Orson Welles' "Othello" wurde hingegen kaputtrestauriert, beklagt Le Monde. Die FAZ gibt sich derweil in Paris der liebevollen Innigkeit von Ariane Mnouchkines "Macbeth" hin.

Bühne

Die angesetzte Inszenierung von Jean Genets Stück "Die Neger" bei den Wiener Festwochen hat eine Rassismusdebatte ausgelöst. Die "Bewegung der jungen Afrikanischen Diaspora in Österreich" fordert mit zahlreichen mitunterzeichnenden Organisationen, "das N-Wort und diese rassistische Inszenierung aus dem Wiener Festwochenprogramm zu entfernen".

"Man kann mit Kunst nicht jeden streicheln", meint dazu Regisseur Johan Simons in einem begleitenden Interview auf der Festival-Homepage: "Ich kann verstehen, dass der Titel schmerzt, gerade wenn man Genets Stück nicht kennt und durch unsere Theateraufführung auch nicht kennenlernen will. Aber gerade weil er provoziert, befördert er auch die wichtige Debatte über vergangenen und gegenwärtigen Rassismus." Auch Frie Leysen, Schauspieldirektorin der Wiener Festwochen, verteidigt die Inszenierung in der Presse und pocht auf das Recht des Theaters auf unbequeme Themen: "Wir sind nicht dazu da dem Publikum zu gefallen, sondern um Tabus auf den Tisch zu legen, über Dinge zu sprechen, über die unsere Gesellschaft am liebsten nicht spricht. Theater ist ein Störfaktor, der die Leute mit einem freundlichen Elektroschock aus ihrer gemütlichen Sicherheit herausreißen soll."

Im Standard beschreibt Ronald Pohl den Entstehungskontext und die Intention des Stücks: "Genet prophezeit den Sieg der Kunst über die beschämende Ausgangslage. Für Reformpolitik bleibt bei ihm kein Platz. Über 'Correctness' hätte er, der Sympathisant der Black-Panther-Bewegung, wahrscheinlich hellauf gelacht." Und in der NZZ freut sich Barbara Villiger Heilig über die Relevanz, die dem Theater gerade in solchen Debatten zukommt: "Wer stur auf dem Standpunkt beharrt, Theater und Wirklichkeit seien zwei getrennte Sphären, macht es sich doch etwas zu einfach. In Tat und Wahrheit schieben sich die Sphären, live, gerade auf der Bühne übereinander und durchdringen sich gegenseitig. Genau dieser Umstand verschafft dem Theater immer neue Knacknüsse, an denen es sich abarbeiten darf."

Gerhard Stadelmaier im Glück, beziehungsweise in Paris: Dort hat der FAZ-Kritiker Peter Brooks "Valley of Astonishment" gesehen, aber auch Ariane Mnouchkines "Macbeth"-Inszenierung, die ihn rundum beglückt: "Das Wunderherrliche daran ist, dass die Regisseurin sich selbst und ihre Schauspieler dazu gebracht hat, noch vor der kleinsten Wendung dieser Geschichte laufender Morde in ein großes Staunen zu geraten. Nichts schnell zu erledigen. Sondern die Figuren in ihrem Schrecken und ihrer Freiheit sich entwickeln zu lassen." Im Deutschlandfunk war Eberhard Spreng von den Schauspielern nicht so begeistert, vor allem nicht vom "Macbeth des Serge Nicolaï, der nie gefährliche Unberechenbarkeit, nie eine fatale Besessenheit spielt, sondern immer nur polternden Theaterfuror."

Außerdem: In der Berliner Zeitung ärgert sich der Dramatiker Philipp Löhle über die Neustrukturierung des Stückemarkts des Theatertreffens, wodurch aufstrebenden Talenten eine wichtige Chance, sich zu etablieren, verbaut werde. Ebenfalls in der Berliner Zeitung sorgt sich Susanne Lenz um die Zukunft des Forums des Theatertreffens, nachdem der Vertrag von dessen Leiter Uwe Gössel nicht verlängert wurde.

Besprochen werden Susanne Kennedys in München aufgeführtes "Fegefeuer in Ingolstadt" (Nachtkritik, Berliner Zeitung) und Christoph Winklers Choreografie "Abendliche Tänze" in den Berliner Sophiensaelen (taz).
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Design

Für das ZeitMagazin plaudert Tillmann Prüfer mit Karl Lagerfeld, der genau weiß, warum er, anders als seine Kollegen, als Modedesigner von seinen Auftraggebern keinerlei Einschränkungen erfährt: "Die anderen sind schwierig, ich bin nicht schwierig. Meine Art, nett zu sein, grenzt schon an Gleichgültigkeit."
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Musik

Peter Rehberg skizziert im Freitag des Geschichte des Eurovision Song Contests im Hinblick auf die aktuellen Spannungen zwischen der EU und Russland: "Die Geschichte des Eurovision Song Contest ist, auf eine verschlungene und widersprüchliche Art natürlich, auch eine Geschichte Europas. Nach und nach wuchs hier die Familie zusammen. ... [Doch] wenn der Referenzrahmen nationaler Repräsentation von gewaltsamen Gebietsansprüchen und militärischen Konflikten bestimmt ist, wie jetzt zwischen Russland und der Ukraine, funktioniert das Prinzip Pop nicht mehr."

Als "eine kleine Wiederauferstehung in acht Liedern", bejubelt Michael Pilz in der Welt das Album "Xscape" von Michael Jackson: "'Contemporizing' heißt: Wir hören Michael Jackson, als wäre er noch am Leben und (vielleicht durch Justin Timberlake) auf Timbaland gestoßen. Aber hätte er das Klangbild abgesegnet? Alles wird gedrängt nach vorn gepegelt für einen vollfetten Sound im Smartphone und im Stream. Die unsterbliche Weisheit aller Erbverwalter zieht sich durch das Album: 'Er hätte es so gewollt.'"

Außerdem: Für Pitchfork hat sich Brandon Stosuy ausführlich mit Michael Gira von der Art-Rock-Combo Swans unterhalten. Im Tagesspiegel wirft Christian Broecking vorab einen Blick auf das Berliner XJazz-Festival. Beim Rolling Stone schreibt Eric Pfeil weiter Poptagebuch.

Besprochen werden "Sheezus" von Lily Allen, die laut Julia Brummert von der taz "große popfeministische Wut in hübsche Hitsongs verpackt, die nicht mehr aus dem Kopf verschwinden" und das Album "Asiatisch" von Fatima Al Qadiri (taz).
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Film

Heute verleiht die Deutsche Filmakademie den Deutschen Filmpreis. Die Berliner Zeitung bringt aus diesem Anlass ein Gespräch zwischen Anke Westphal mit Filmakademie-Präsidentin Iris Berben, die viel von Kunst und Kultur spricht. Ein Problem mit vielen deutschen Produktionen hat sie dennoch: "Tatsächlich werden zu viele Filme gemacht, die wie Fernsehen aussehen und nicht wie Kinofilme. Da sitze ich dann davor und denke: Wunderbares Fernsehspiel. Aber wo sind die Kinobilder, wo ist die Größe, das Wagnis?"

Im Tagesspiegel bemängelt unterdessen Christiane Peitz, dass beim Filmpreis zwar Eintracht zwischen künstlerischem und Unterhaltungsfilm demonstriert wird, im Rest des Jahres die Trennung aber strikt aufrecht erhalten bleibt: "Die wählenden Filmakademisten (...) benutzen die Gießkanne, nominieren von jedem ein bisschen, verteilen die Aufmerksamkeit. Sie denken, das ist fair. Aber es ist das Gegenteil. Denn es nimmt denen, die mehr Werbetrommelei (und Produktionsmittel) verdienen, von den mickrigen drei Millionen noch mal was weg und stärkt auch jene ausgerechnet mit Kulturfördergeldern, die es nicht nötig haben."

In Le Monde ärgern sich die Filmwissenschaftler Jean-Pierre Berthomé und François Thomas maßlos über einen durch übermäßige Restaurierung versauten Klassiker. Nach seiner Bearbeitung für die Verbreitung auf DVD sei "Othello" von Orson Welles jedenfalls kaum wiederzuerkennen. "Die Verantwortlichen dieser Neubearbeitung haben geglaubt, den akustisch kühnen Stil von Welles 'normalisieren' zu müssen, indem sie ihn an zeitgenössische Vorstellungen anpassten. Sie haben die Geräuschkulissen und Musikaufnahmen des Originals auf den Müll geschmissen, um sie durch andere zu ersetzen."

Außerdem: In der taz berichtet Rainer Bellenbaum von den Kurzfilmtagen in Oberhausen, wo der Schwerpunkt "Memories Can't Wait - Film without Film" sich mit der Entgrenzung des Kinos befasste.

Besprochen werden Pierre-Henry Salfatis "Der letzte Mentsch" mit Mario Adorf in der Hauptrolle (Tagesspiegel), Marcel Gislers "Rosie" (Tagesspiegel), Benjamin Heisenbergs "Über-Ich und Du" (Tagesspiegel) und der Punkfilm "Good Vibrations" (Zeit).
Archiv: Film

Literatur

Der Lyriker Gerhard Falkner berichtet im Tagesspiegel von seinem Besuch im ukrainischen Czernowitz. Gina Thomas hat für die FAZ den Schriftsteller Alan Bennett in London besucht.

Besprochen werden unter anderem Gunnar Cynbulks Roman "Das halbe Haus" (SZ) und Fabian Hischmanns Roman "Am Ende schmeißen wir mit Gold" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst



Für ihr langjähriges Projekt "Targets", das nun im Deutschen Historischen Museum zu sehen ist, hat Herlinde Koelbl Schießziele auf Truppenübungsplätzen auf der ganzen Welt fotografiert, um zu ergründen, wie der jeweilige Feind aussieht, berichtet Eckhard Fuhr fasziniert in der Welt: "Die israelische Armee trainiert in einem Gewirr von Betonkästen, Stromleitungen und Autowracks, zu dem einem sofort der Begriff 'Gaza-Streifen' einfällt. Und die Japaner verlegen den Krieg gleich ganz in ein unterirdisches Labyrinth, in dem das Schießen die einzige Möglichkeit zu sein scheint, dem Grauen zu widerstehen. Adrett sieht dagegen das französische Häuserkampf-Theater aus, mit seinen Laternen und Bänken und dem großen Platz in der Mitte. Wenn die Straßen da nur nicht 'Berliner Straße' oder 'Universitätsstraße' hießen." In Deutschland schießt man übrigens auf diese kalaschnikowbewehrten Babuschkas. (Bild: Herlinde Koelbl, Deutschland)

Der neue Dokumentarfilm "Ai Weiwei - The Fake Case" über Chinas berühmtesten Dissidenten gerät laut Brigitte Werneburg von der taz mitunter auch deshalb zum "Erlebnis", weil man darin mit dem Künstler auch gemeinsam unter die Dusche springen kann. "Der Film [ist] als Dokument einer Selbstermächtigung zu verstehen, Zeugnis eines Mannes, der die Fremdbestimmung durch das Regime nicht akzeptieren will", schreibt Swantje Karich in der FAZ.

Im Freitag schwärmt Jakob Augstein von der Illustratorin Kat Menschik, die gerade ein Buch irgendwo zwischen Bilderbuch und Comic über Gärten veröffentlicht hat: Sie ist "die beste Illustratorin, die ich kenne".

Besprochen wird eine Berliner Doppelausstellung von Robert Metzkes Skulpturen im Georg Kolbe Museum und in der Galerie Leo Coppi (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst