Efeu - Die Kulturrundschau

Installationen statt Inszenierungen

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10.05.2014. In seinem Monopol-Blog lernt Jerry Saltz von Ed Ruscha, Bellinis "Heiligen Franziskus in Ekstase" ganz neu zu betrachten. Techcrunch erklärt, wie man seine Bilder digital signieren kann. Alles Virtuosennummern beim Berliner Theatertreffen, stöhnt der Tagesspiegel. Die NZZ sah in Abu Dhabi den  Schriftsteller Jörg Albrecht in Fußfesseln vor dem Staatsanwalt stehen. Die SZ meditiert über den guten Stuhl.

Kunst



Jerry Saltz im Glück: In seinem Blog für das Monopol Magazin schwärmt er von einem New Yorker Diskussionsabend mit dem Künstler Ed Ruscha, der ihm Werke alter Meister noch einmal aus einem ganz neuen Blickwinkel erschloss. So etwa Bellinis "Heiliger Franziskus in Ekstase" (hier in groß): "Mit Bewunderung sprach [Ruscha] von 'all den Diagonalen'. Wie bitte? Diagonalen? Plötzlich veränderte sich das Bild vor mir, es war nicht mehr dieses wunderbar klare Ding, das ich schon mein ganzes Leben lang kenne, sondern etwas, das aus hunderten, harmonisierenden Winkeln bestand. Ruscha beschrieb, wie sich Franziskus' Brustkorb 'in einem bestimmten Winkel spannt' und wie das Schreibpult im Hintergrund weitere Diagonalen bildet, ebenso die Landschaft und der Baum, der sich über den Heiligen neigt. Er sprach von einem 'irren Quilt aus lauter kleinen Flicken', die er in den Felsen, dem Boden, den Feldern und der Stadt erkannte. Er fand (...) dass die Felswand wie 'ein Monster' aussehe. So sehe ich das jetzt auch." Hier gibt es eine Aufzeichnung des Gesprächs.

Digitale Kunst zieht ihren Reiz zwar nicht selten aus ihrer Kopierbarkeit, aber wie soll ein Künstler davon leben? Wo keine Knappheit ist, ist kein Markt, schreibt Josh Constine in Techcrunch und stellt den ganz neuen Service "Monegraph" vor, der es erlaubt, digitale Kunstwerke mit einer einmaligen Signatur zu versehen: "Und so funktioniert Monegraph. Künstler besuchen die Monegraph-Seite und loggen sich mit ihrem Twitter-Passwort ein. Dann geben sie die URL des digitalen Bildes ein, das sie geschaffen haben. Sie erhalten einen Verschlüsselungscode zurück, den sie in ihrem 'NameCoin wallet' aufbewahren können - so wie sie ihre Bitcoins aufbewahren. Dies ist ihr digitales Echtheitszertifikat. Wen jemand dasselbe Bild einreicht, erkennt Monegraph, dass dieses Bild schon vorhanden ist."

Weitere Artikel: Andrea Backhaus bittet für die Welt den Multimediakünstler Hassan Khan zu Tisch. Hans-Joachim Müller schreibt den Nachruf auf die Künstlerin Elaine Sturtevant: "Womöglich ist Sturtevant für die zweite Hälfte des Jahrhunderts gewesen, was Duchamp für die erste war." Die New York Public Library hat ihren heftig umstrittenen Plan aufgegeben, ihr Magazin auszulagern, berichtet Patrick Bahners in der FAZ (mehr dazu in der NYT).

Besprochen werden weiter eine Ausstellung mit Meisterwerke der frühchristlichen und mittelalterlichen Goldschmiedekunst im Musée Maillol (NZZ), eine Ausstellung mit Werken von El Greco im Hospital Santa Cruz in Toledo (NZZ) und die Ausstellung "Zehntausend Täuschungen und Hunderttausend Tricks" im 21er-Haus in Wien (Presse).
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Film

In der Presse spricht Mario Adorf im Interview übers Alter und über seinen neuen Film "Der letzte Mentsch", in dem er einen alten Mann spielt, der beweisen will, dass er Jude ist. Die FR präsentiert die Gewinner des Deutschen Filmpreises. In der Berliner Zeitung zeigt sich Anke Westphal sehr zufrieden und ist begeistert von der Stimmung im Saal: "Das ist Kollegialität, Stolz, ja Begeisterung!"
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Bühne



Von einem deutlich geleerten Saal nach der Pause in Frank Castorfs Inszenierung von Louis-Ferdinand Célines "Reise ans Ende der Nacht" beim Berliner Theatertreffen berichtet Peter von Becker im Tagesspiegel. Gar so schrecklich fand er die Darbietung nicht, auch wenn sich seine Begeisterung in Grenzen hält: "Es sind Virtuosennummern. Keine Mätzchen. Aber eben auch nur: Nummern. ... Das passt zu diesem Theatertreffen. Schon der Auftakt mit Dimiter Gotscheffs Heiner-Müller-'Zement' (und etwas Kafka am Anfang) wirkte als starke, aber sonderbar ferngerückte theatrale Behauptung. War mehr Mythos und Mythologie. Und bei aller Unterschiedlichkeit eines 'Amphitryon'-Verschnitts, eines 'Onkel Wanja' mit Volvo und der Robot-Lemuren in Fleißers 'Fegefeuer aus Ingolstadt': Jedes Mal ist's eine formale Kunstübung, in Details brillant oder doof, egal. Aber allemal ins Abstrakte, ins Zeit- und Ortlose gehoben. Fast schon Installationen statt Inszenierungen." (Foto: Matthias Horn)

In der taz sieht Katrin Bettina Müller in den Inszenierungen von Castorf und Susanne Kennedy, die mit einer Inszenierung von Marieluise Fleißers "Das Fegefeuer in Ingolstadt" vertreten ist, das frühe 20. Jahrhundert und dessen Abscheu vor den Mitmenschen gären: "Nur wirkt der Zugriff, mit dem die Regisseurin Susanne Kennedy Fleißers Anatomie einer katholisch geprägten, kleinstädtischen Gehässigkeit in den Münchner Kammerspielen auf die Bühne gebracht hat, um eine Eiszeit kälter und erbarmungsloser als Frank Castorfs dampfende Maschine aus dem Münchner Residenztheater."

Außerdem: In der taz unterhält sich Katrin Bettina Müller mit Matthias Lilienthal über das Mannheimer Festival "Theater der Welt 2014". Außerdem jetzt online bei der FAZ: Gerhard Stadelmaiers Besprechung von Ariane Mnouchkines "Macbeth"-Inszenierung in Paris aus der gestrigen Ausgabe.

Besprochen wird die Amsterdamer Multimedia-Inszenierung des Tagesbuchs der Anne Frank (Dirk Schümer ist in der FAZ schwer begeistert).
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Musik

Gangsta-Rap und Großkapital sind endgültig versöhnt, meint Michael Pilz in der Welt angesichts der 3,2 Milliarden Dollar, die Apple für Dr. Dres Firma Beats Electronics geboten haben soll. In der taz rätselt Tim Caspar Boehme, was das X im Namen des neuen, eher auf Vermittlung als auf Insider-Bedienung Wert legenden XJazz-Festivals in Berlin bedeuten soll. Sybill Mahlke berichtet im Tagesspiegel das Berliner Kammermusik-Festival "Intonations". Und FAZ-Kritikerin Eleonore Büning erlebte glückliche Stunden bei den "Badenweiler Musiktagen".

Heute Abend ist der Grand Prix d'Eurovision (naja, früher hieß er so). Jan Feddersen hat in der taz eine klare Favoritin: "Wird sie ihr Land von dem Udo-Jürgens-Trauma erlösen, der zuletzt den ESC nach Wien holte, 1966? Sie hat alles, um das zu schaffen: Lied, Personality, Nerven, Look. Favoritin."

Besprochen werden das Debütalbum der Punkband Kitt Wolkenflitzer (Zeit), das postum veröffentlichte Michael-Jackson-Album "Xscape" (NZZ) und das neue Album von Anastacia (FR).
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Literatur

Joachim Güntner berichtet von der Buchmesse in Abu Dhabi, auf der der Schriftsteller Jörg Albrecht verschwand: "Über 24 Stunden vergingen in Ungewissheit und Sorge, bis die deutsche Botschaft herausfand, dass das Central Investigation Department, eine Abteilung des Geheimdienstes, Jörg Albrecht inhaftiert hatte. Man hielt den jungen Mann, der hinter seinem Hotel mit dem iPad eine Straße fotografiert hatte, in der sich Botschaften befinden, anscheinend für einen Spion." Die Messeleitung half leider überhaupt nicht, "selbst um den Papierkram, der Albrechts Gaststatus belegen sollte, musste sich Verleger Ahrend kümmern ... Jörg Albrecht kam erst nach mehr als drei Tagen und nur gegen Kaution frei, durfte aber das Land nicht gleich verlassen. Dem Staatsanwalt war er in Fußfesseln und ohne Rechtsbeistand vorgeführt worden."

Das Problem mit Lenz' "Deutschstunde" (mehr hier) ist nicht der Roman, sondern wie er gelesen wird, meint Philipp Theisohn in der NZZ: "Es ist nicht das Konterfei Noldes, das dem Leser durch den Roman folgt und ihn zu Fehlschlüssen verleitet. Vielmehr sind es die holzschnittartigen Deutungslinien, von denen dieser Text seit je eingepfercht wird - und die in umgekehrter Laufrichtung auf die hinter ihm zutage tretende Realität zurückwirken. Das in den Schulen umlaufende interpretatorische Korsett verformt den Roman zu einem Exerziermarsch durch Offensichtlichkeiten, der bei der Aufdeckung des fortexistierenden Privatfaschismus im Pflichtbegriff beginnt und bei der Traumatisierung der Söhne durch Väter und Lehrer endet."

Weitere Artikel: Die NZZ druckt in ihrer Beilage "Literatur und Kunst" eine Erzählung von Adriaan van Dis: "Hintergrund ist die Geschichte seiner Eltern, die beide in der niederländischen Kolonie in Indonesien lebten. Seine Mutter wurde während der japanischen Besetzung in ein Lager deportiert und kam erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges in die Niederlande zurück", informiert uns die NZZ. Hannelore Schlaffer stellt die Werkausgabe von Max Brod vor. Hans-Albrecht Koch feiert die Kritische Ausgabe Sämtlicher Werke Hofmannsthals, die kurz vor ihrem gloriosen Abschluss steht. Katharina Granzin trifft sich für die taz mit der Schriftstellerin Kim Thúy. Sabine Vogel von der Berliner Zeitung hat eine Schriftstellerkonferenz zum Thema Europa besucht. Für die Literarische Welt unterhält sich Thomas David in New York mit dem amerikanischen Autor David Gilbert über dessen Roman "Was aus uns wird", den Richard Kämmerlings in einer Besprechung feiert. Außerdem jetzt online bei der FAZ: Gina Thomas' Bericht von ihrem Besuch bei Alan Bennett aus der gestrigen Ausgabe.

Besprochen werden u.a. Marko Martins Fahrtenbuch "Die Nacht von San Salvador" (NZZ), Christoph W. Bauers Erzählband "In einer Bar unter dem Meer" (NZZ), Helen Meiers Prosaband "Kleine Beweise der Freundschaft" (NZZ), Emmanuel Moynots Comic "Der Mann, der sein Leben ermordete" (taz), Chimamanda Ngozi Adichies Roman "Americanah" (FAZ - hier unsere Leseprobe)Dorothee Elmigers "Schlafgänger" (taz), Larissa Boehnings Roman "Nichts davon stimmt, aber alles ist wahr" (Welt), Jörg Friedrichs Buch "14/18. Der Weg nach Versailles" (Welt), Marie-Aude Murails Gesellschaftsroman für Kinder "Ein Ort wie dieser" (Welt) und Joseph Conrads "Lord Jim" in neuer Übersetzung (Welt).

In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt die Schriftstellerin Nora Bossong Helga M. Novaks Gedicht "betrunkene Dame im Stadtpark" vor:

"sieben Uhr früh und durch das Westend
stromert eine Dame achtzig hundert oder jünger
hilflos wankend und geht am Stock
..."
Archiv: Literatur

Design



Thomas Steinfeld hat für die SZ in Kopenhagen eine dem Möbeldesigner Hans J. Wegner gewidmete Ausstellung über den einen, guten Stuhl besucht. Dieser eine, für alle Lebenslagen geeignete Stuhl war eine fixe Idee des Designers, erklärt Steinfeld in einer kleinen philosophischen Abschweifung über das Sitzen: Doch "wie sollte es ihn geben, den einen Stuhl, der großen und kleinen Menschen, dicken und dünnen, in allen Lebenslagen genehm ist (...) ? Man kann es drehen und wenden, wie man will: Das Prinzip des 'einen Stuhls' setzt ein allgemein gültiges Sitzen voraus, denn nur dieses ließe sich überhaupt optimieren." (Foto: Pernille Klemp)
Archiv: Design