Efeu - Die Kulturrundschau

Kuss von einem Fremden im Gedränge

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17.03.2014. Zu Tränen gerührte Kritiker sahen am Berliner Maxim Gorki Theater Yael Ronens Inszenierung von "Common Ground", einem Stück über die jugoslawischen Bürgerkriege. Das Art Magazin stellt den britisch-nigerianischen Künstler Yinka Shonibare vor. Im Blog My Husband's Stupid Record Collection hört sich eine Bibliothekarin alphabetisch durch die 1500 Schallplatten ihres Ehemanns. Die Welt würdigt Arno Schmidt als Landschaftsfotografen. Die NZZ entdeckt Gemeinsamkeiten von Sachsen und Schweizern.

Bühne



Mit dem am Maxim Gorki Theater in Berlin aufgeführten Stück "Common Ground" gelingt der israelischen Hausregisseurin Yael Ronen ein emotional äußerst aufwühlendes Stück, wenn man den Kritiken glaubt. In der taz berichtet Katrin Bettina Müller von am Ende der Aufführung völlig aufgelösten Schauspielerinnen, deren Arbeit auch im Parkett ihren Niederschlag gefunden hat: "Selten nur teilt man im Theater die emotionale Arbeit der Schauspieler so bereitwillig wie bei dieser Erzählung über eine Reise nach Bosnien, auf den Spuren der Kriege, die Jugoslawien zerlegt haben." (Foto: Esra Rotthoff)

Auch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung ist am Ende aufrichtig gerührt: Mit dem Applaus hätte er am liebsten gar nicht aufgehört, "einfach um die Schauspieler auf der Bühne festzuhalten. Um ihnen zuzusehen, wie sie einander umarmen, wie sie Tränen vergießen, die Spannung entweichen lassen." Was genau er da erlebt hat, kann er gar nicht recht in Worte fassen: "Er fühlt sich an wie eine Schelle oder ein Kuss von einem Fremden im Gedränge. Man dreht sich noch einmal nach ihm um, fängt vielleicht noch einen Blick auf − und wird weiter gerissen. Eine kurze, intensive Begegnung, wie auf einem Popkonzert oder auf einem Schlachtfeld." Eine weitere sehr lobende Besprechung gibt es es auf nachtkritik.de.



Der Nachbar schlief ein, aber Alfred Schlienger (NZZ) war hingerissen von dem musikalisch inszenierten Leseabend "Robert Walser" am Zürcher Schauspielhaus: In "sparsamen Dekor entfaltet sich die hinreißende Eleganz von Walsers Umständlichkeiten, den feinstofflichen Alltagsbeobachtungen und den so anmutig bis übermütig gebrochenen Selbstbehauptungen in seinen Prosatexten. Bei wem gehen subversives Understatement und verspielte Emphase eine raffiniertere Mischung ein?" Auf nachtkritik.de reagiert Christoph Fellmann abwägender: "Das steckt alles im richtigen Kleid und Kostüm, ist überhaupt sehr schmuck und kommt am Ende in der Vorlesung zu Hottingen zu einem runden Schluss. Und doch wirkt der Abend immer wieder etwas manieriert, wie ein Rezitativ von Walserismen zum Pizzicato der Regie." (Foto: © Toni Suter / T+T Fotografie)

Außerdem: Hermann Beil ist im Gespräch, die vakante Intendantenstelle am Wiener Burgtheater zu übernehmen: Matthias Heine hält das in der Welt für eine so weise, wie naheliegende Übergangslösung. Und Kathrin Rosendorff unterhält sich mit dem Komiker Oliver Polak, der gerade auf Tour ist. In der FAZ beklagt Andreas Rossmann in einer kurzen Meldung das Trauerspiel, das Wuppertal mit der Zerschlagung seiner Stadttheater-Strukturen bietet. Der alte (Wolfgang Engel) und und neue (Enrico Lübbe) Intendant des Schauspiels Leipzig unterhalten sich über ihre Arbeit. In der SZ widmet Christine Dössel eine ganze Seite dem Drama ums Burgtheater.

Besprochen werden außerdem eine von der Schweizer Rockband The Bianca Story an der Deutschen Oper in Berlin aufgeführte Gilgamesch-Interpretation (taz), Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Juli Zehs "Corpus Delicti" in Hannover (nachtkritik.de), Antoine Mariottes Einakter "Salomé" in München (Welt) und Sebastian Nüblings Uraufführung von Simon Stephens "Carmen Disruption" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (FAZ, SZ).
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Kunst




Im Art Magazin erklärt der britisch-nigerianische Künstler Yinka Shonibare seine Arbeiten über Revolution, die derzeit in der Berliner Galerie Blain|Southern zu sehen sind. Und warum er dafür die Mode des Barock und Rokoko benutzt: "Ich bin von diesen Stilen als Künstler angezogen ... Ich existiere in dem Bereich der Dekadenz, und das Rokoko ist Dekadenz par excellence. Es ist ein Spiegelbild der aristokratischen Überflussgesellschaft, der Anhäufung von Reichtum, Macht und Zeit als Folge von Unterdrückung. Ich bin gleichsam von der Aristokratie gezeichnet, wie ich die Aristokratie auch töten möchte."

In der SZ meldet Peter Richter, dass der Prada-Laden im texanischen Marfa, eine menschenleere Skulptur des skandinavischen Künstlerpaars Elmgreen und Dragset, verwüstet wurde. In einer Art Bekennerschreiben heißt es: "'Prada Marfa hat nichts mit Texas und dem Südwesten Nordamerikas zu tun. Prada Marfa ist ein Relikt einer noch nicht so lange zurückliegenden bourgeoisen Vergangenheit ...' Der oder die Verursacher hat oder haben sich inzwischen unter dem Namen '9271977' im Internet zu erkennen gegeben, auf einer gleichnamigen Website wird der Anspruch erhoben, eine Hinterlassenschaft der 'Kunstwelt von 2005' zu einem eigenständigen politischen Kunstwerk für das Jahr 2014 weiterverarbeitet zu haben." Austins culturemap berichtete letzte Woche darüber, mit weiterführenden Links.

Außerdem: Im Tagesspiegel erklärt Nicola Kuhn das Dilemma des Malers Wols, dessen fotografische Arbeiten derzeit in Berlin zu sehen sind: "Als Fotograf (...) muss der Künstler dem Vergessen immer wieder entrissen werden." Besprochen wird die Ausstellung "Neue Baukunst!" im Bauhaus-Archiv Berlin (taz).
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Musik

Ein Singspiel über Intelligenztests? Hochinteressant, verspricht Martin Wilkening in der Berliner Zeitung über Enno Poppes "IQ", das gerade bei der MaerzMusik aufgeführt wurde. "Dabei kommt es zu wunderbaren Einzelnummern, deren Hintersinn und Eigenwilligkeit immer noch genügend Widerstand bietet, um nicht ganz in Parodie aufzugehen. Etwa im Blues über den BOMAT, den Bochumer Matrizentest, oder in dem narzistisch verzückten Solo, mit dem der singende Cellist, sich selbst begleitend, sich und dem Publikum nach einem Kartenspiel die Zeit bis zur Textauswertung vertreibt - das Lieblingsstück des Schreibers dieser Zeilen: 'Von acht Runden gingen vier an mich. Klarer Sieg. Wer hat gemischt? Wer hat ausgeteilt? Ich glaube an meine Begabung. Den Zufall. Und glaube an die pure Mathematik.'" (Eine weitere Besprechung gibt's in der taz)

Weiteres: In der Welt stellt Michael Pilz Pono vor, ein neues, von Neil Young protegiertes Dateiformat, das Musik so warm klingen lassen soll wie alte analoge Aufnahmen. Volker Tarnow gratuliert dem Dirigent Roger Norrington zum 80. Geburtstag. Sehr anekdotenreich und schwärmerisch schreibt Kristof Schreuf in der Jungle World "Über Pop-Musik", das neue Buch von Diedrich Diederichsen.

Besprochen werden eine Berliner Aufführung von Bachs Matthäuspassion (Berliner Zeitung), das neue Album von Miss Platnum (Zeit), ein BAP-Konzert (Tagesspiegel), das Album "Schuberts Winterreise" mit dem Schauspieler Jens-Uwe Bogadtke und dem Gitarristen Rainer Rohloff (Welt) sowie Konzerte des SWR-Sinfonieorchesters beim Heidelberger Frühling (FAZ).

Außerdem schreibt Eric Pfeil beim Rolling Stone Poptagebuch über "paranormale Druiden auf Ölkrisenvinyl" und das Kraftfuttermischwerk weist auf das "Blog des Tages" hin: My Husband's Stupid Record Collection, in dem sich eine Bibliothekarin alphabetisch durch die 1500 Schallplatten ihres Gatten hört.
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Film

Louis Lewitan führt für die Zeit ein Gespräch mit Doris Dörrie. Im Standard schreibt der Dokumentarfilm-Regisseur Michael Glawogger weiter Reisetagebuch, diesmal aus Ouelessebougou, Mali.

Besprochen wird Volker Koepps Dokumentarfilm "In Sarmatien" (FAZ).
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Literatur

Der "Auftritt Schweiz" bei der Leipziger Buchmesse war ja ein Heimspiel, meint Joachim Güntner in der NZZ, dem einige Gemeinsamkeiten zwischen Schweizern und Sachsen auffielen: "Miteinander teilen sie Eigenschaften wie Höflichkeit, Konfliktscheu, Zurückhaltung, Unsicherheit und Verniedlichung. Ungern erinnern wir uns, wie vor Jahren einmal die FAZ die an die Frankfurter Buchmesse gereisten Schweizer Schriftsteller als 'Autörli' glossierte. Der Diminutiv war spöttisch gemeint. In Leipzig wäre dasselbe Wort eine Liebeserklärung."

Der Auslöser der jüngsten Literaturdebatte, ein Beitrag von Florian Kessler in der Zeit, wurde bei einer Veranstaltung im Deutschen Literaturinstitut in Leipzig vom Autor selbst stark relativiert, berichtet Fatma Aydemir in der taz: "Es habe sich lediglich um eine 'hölzerne Polemik' gehandelt, die er für 'einige hundert Euro' als Vorabdruck der Zeit verkaufte. Der Digitalverlag mikrotext, der den Essay für die Anthologie 'Irgendwas mit Schreiben. Diplomautoren im Beruf' in Auftrag gab, habe nämlich keinen Vorschuss auszahlen können. Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter wiederum ist auch da und beschwert sich darüber, dass die Zeit nicht auf ihren Verlag hingewiesen habe, dass ihr Verlag sowieso selten ernst genommen werde, weil er nur E-Books herausgebe, und dass alle Feuilletons immer nur das Gleiche besprechen würden."

Anlässlich von Arno Schmidts 100. Geburtstag erinnert eine Ausstellung in Hamburg daran, dass der einsiedelnde Literat Zeit seines Lebens auch Landschaftsfotograf gewesen ist. Für die Welt hat sich Tilman Krause die Fotografien angesehen und ist dabei nicht schlecht ins Staunen geraten: "Eine ernsthafte oder gar systematische Beschäftigung mit Figuren der Kunstgeschichte sind aus dem Leben Arno Schmidts nicht bekannt, aber so 'malerisch' aufgefasste Aufnahmen wie das knallrot gedeckte einsame Gehöft unter nachtblauem Gewitterhimmel sind ohne die Landschaftskunst eines Wilhelm Trübner oder Karl Buchholz nicht denkbar. Hier und bei anderen Sujets macht sich sogar immer mal wieder ein Hang zu farblicher Opulenz geltend, dem man das zugrunde liegende Begeisterungserlebnis Arno Schmidts angesichts der ihn umgehebenden Naturschönheit auf sympathisch berührende Weise anmerkt."

Außerdem: In der taz wundert sich Andreas Fanizadeh darüber, dass die Buchmesse mit Pankai Mishra einen "antiwestlichen Peitschenschwinger" mit dem Preis für europäische Verständigung ausgezeichnet hat. In der Jungle World führt Niklas Dommaschk durch Robert Walsers feuilletonistische Arbeit. Im Tagesspiegel resümiert Gerrit Bartels die Leipziger Buchmesse. In der Zeit porträtiert Wiebke Porombka Reinhold Joppich von Kiepenheuer & Witsch, der sich auf dieser, seiner letzten, Buchmesse erstmal gründlich besäuft. Sabine Vogel (Berliner Zeitung) beobachtet auf der Buchmesse, wie Verlage Autoren abwimmeln. Nach der Buchmesse hält Ulrich Gutmair in der taz kaum mehr etwas von Maxim Billers Polemik gegen die deutsche Gegenwartsliteratur. Nicht zuletzt, weil er die für den Buchpreis nominierte Autorin Katja Petrowskaja beim Tanzen hat beobachten können: "Solange Katja Petrowskaja so wunderbar schreibt, wie sie tanzt, ist die deutsche Literatur wohlauf." Für die Zeit hat sich Helmut Böttiger mit der Autorin in einem Café verabredet und viel über ihre bewegte Biografie erfahren. Die Welt bringt Andrea Hanna Hünningers Gespräch mit Asfa-Wossen Asserate, der gerade ein Buch über die Rastafari-Ikone Haile Selassie geschrieben hat. Für die Welt trifft sich Iris Alanyali mit dem türkischen Autor Hakan Günday, der ihr die trendigeren Viertel Istanbuls zeigt. Miriam Hollstein unterhält sich für die Welt mit dem Kinderbuchautor Sven Nordqvist über die Verfilmung seines Romans "Petersson und Findus". Der auch "Schakal" genannte Literaturagent Andrew Wylie, der gern höhere Honorare für Ebooks möchte, wiederholt im Gespräch mit der FAZ im wesentlichen seine Hasstirade auf Amazon, die er im Oktober schon in The New Republic hielt. Außerdem jetzt online: Adam Soboczynskis Home Story bei Sibylle Lewitscharoff aus der Zeit.

Besprochen werden Jaroslav Rudišs Roman "Vom Ende des Punks in Helsinki (Jungle World), Ted Chiangs "Das wahre Wesen der Dinge" (Berliner Zeitung) und neue Max-Weber-Biografien (Tagesspiegel).
Archiv: Literatur