Efeu - Die Kulturrundschau

Die Poesie der banalsten Dinge

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15.03.2014. Rem Koolhaas ermahnt seine Architektenkollegen, jene Hälfte der Menschheit nicht zu vergessen, die nicht in Städten lebt. Die Berliner Zeitung besichtigt die Küche des kuriosen Melancholikers Wols. Unter ukrainischen Schiftstellern macht sie außerdem einen skeptischen Optimismus aus. Die NZZ sorgt sich um die Zukunft des Burgtheaters. Und die Jungle World ärgert sich über die Auswahl an Schweizer Literatur in deutschen Lehrplänen.

Kunst

In der Berliner Zeitung jubelt Ingeborg Ruthe über eine Ausstellung von Wols' Fotografien im Martin-Gropius-Bau. Zu entdecken gibt es darin einen gefallenen Engel seiner Kunst: "Wols (...) führte ein Eremiten-Dasein in seiner Küche, fotografierte da, experimentierte wie die Fotografen des 'Neuen Sehens'. Dabei war er immer dem Kuriosen und Abstrusen, auch dem Eigenleben und der Poesie der banalsten Dinge auf der Spur ... Die dazwischen entstehenden Selbstporträts zeigen einen tiefmelancholischen Fotografen, einen, der ja leben will, aber nicht mehr kann." (Hier: "Ohne Titel [Stillleben - Pampelmuse]", 1938 - August 1939.)

Christian Hillengass porträtiert in der taz den Künstler Harry Walter: "Anstatt um jeden Preis Spuren zu hinterlassen, geht Harry Walter Spuren nach. Und statt permanent neue Kunstwerke in die bereits übervolle Welt zu stellen, lässt er die Stoffe und Gegenstände, die er auf seinen Spurensuchen findet, durch kleine Verschiebungen als Kunstwerke leuchten. Die Spuren, die er da verfolgt, sind solche, die jedem Ort und jedem Menschen durch Vergangenheit und Gegenwart eingeschrieben werden."

In der NZZ unterhält sich der Architekturtheoretiker André Bideau ausführlich mit Rem Koolhaas, dem Kurator der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig, über Tendenzen im zeitgenössischen Städtebau: "Unsere ganze Aufmerksamkeit ist wie auch unser gesamtes konzeptionelles Interesse von der Tatsache gefesselt, dass die Hälfte der Weltbevölkerung inzwischen in Städten lebt. Die Fixierung auf die Stadt bewirkt, dass wir die anderen fünfzig Prozent der Menschheit, die auf dem Land leben, intellektuell aufgegeben haben. Um ihren Lebensraum kümmern wir uns einfach nicht mehr. Die Zahlen zeigen aber, dass die Landschaft heute von mehr Menschen als je zuvor bewohnt wird. Mich fasziniert gerade der Zustand zwischen Stadt und Nicht-Stadt. Mein Grund, Architekt zu werden, war ja die Faszination für die grüne Stadt der Sowjetmoderne und die utopischen Entwürfe zur Auflösung Moskaus."

Besprochen werden die Berliner Foto-Ausstellung "Die Frauen der APO" ("Fast sämtliche in der Ausstellung porträtierten Frauen sind auf die eine oder andere Weise noch aktiv", freut sich Jenni Zylka in der taz), die Mainzer Foto-Ausstellung "Die Kehrseite des Krieges" (Welt) und eine Berliner Ausstellung mit Bildern von Jiri Georg Dokoupil (Welt).
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Literatur

Roman Bucheli schaut in der NZZ darauf, wie sich die Schweiz auf der Leipziger Buchmesse darstellt. Dazu passend ärgert sich Magnus Klaue in einer Polemik für die Jungle World über den hohen Anteil der falschen Schweizer Autoren im deutschen Schul-Curriculum: "Langweilig sind diese Bücher und Stücke nicht, weil sie konventionell, sondern weil sie konventionell modern sind."

In der Berliner Zeitung spürt Sabine Vogel der Stimmung ukrainischer Autoren bei der Leipziger Buchmesse nach: "So skeptisch die Schriftsteller sind, so einig sind sie sich in ihrem Optimismus: Jetzt sei endlich die sowjetische Nabelschnur durchtrennt, möge das ukrainische Baby gesund und munter wachsen."

Außerdem: Marc Reichwein spaziert für die Welt über das Gelände der Leipziger Buchmesse und beobachtet dabei: Vorbehalte gegenüber E-Books fallen insbesondere bei den Kleinverlagen, und die Fülle an Veranstaltungen ist schier überwältigend. Ebenfalls in der Welt porträtiert Nadine Hemgesberg den Berliner Verbrecher Verlag.

Besprochen werden unter anderem Roger Willemsens "Das Hohe Haus" (taz), Navid Kermanis "Große Liebe" (taz) und Martin Heideggers "Schwarzen Hefte" (Berliner Zeitung, taz).

Außerdem gibt Schriftsteller Daniel Kehlmann der taz auf Stichwortzuruf Antworten zum Besten.

In der Frankfurter Anthologie deutet Ruth Klüger das Gedicht "Zeitlicher Rat" von Ilse Aichinger:

"Zum ersten
mußt du glauben,
daß es Tag wird,
wenn die Sonne steigt.
Wenn du es aber nicht glaubst,
sage ja.
..."
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Musik

Noch ein Buch über Popmusik: In der taz stellt Dirk Schneider Karl Bruckmaiers "The Story of Pop" vor: "Pop, das zeigt Bruckmaier in seiner sehr subjektiv gehaltenen Geschichtsschreibung, entsteht immer dort, wo Trennlinien verlaufen, denn Grenzüberschreitungen zu ermöglichen, ist das Wesen des Pop." Diedrich Diederichsens derzeit allgegenwärtiges Buch "Über Pop-Musik" wird außerdem im Freitag besprochen.

Außerdem: Für den Tagesspiegel geht Barbara Eckle mit dem Komponisten Michael Wertmüller Kaffee trinken. Jochen Overbeck trifft sich unterdessen für die Welt mit Joe Mount von der britischen Popband Metronomy. Berliner Zeitung und Tagesspiegel gratulieren dem Jazz-Pianisten Joachim Kühn zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden das neue Album von Subway to Sally (taz) und das neue Album von Neneh Cherry (NZZ).
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Bühne

Meret Baumann überlegt in der NZZ, wie es nach der Entlassung des Intendanten Matthias Hartmann am Wiener Burgtheater weitergeht: "Schon nächste Woche soll ein interimistischer Leiter präsentiert werden, dem in erster Linie Krisenmanagement obliegt. Dem Haus am Ring drohen ein Verlust von 8,3 Millionen Euro plus Steuernachzahlungen in der Höhe von 5 Millionen (bei einem Stammkapital von nur noch 9,3 Millionen). Dazu kommen ein verunsichertes Ensemble, der Rechtsstreit mit Hartmann und die Frage, ob dieser noch als Regisseur an der Burg arbeiten darf."
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Film

Andreas Fanizadeh bespricht in der taz den Film "Die Moskauer Prozesse", für den Milo Rau die Prozesse rund um Pussy Riot theatralisch mit Prozessbeteiligten nach- und umstellte: "tatsächlich gelungen, die verfeindeten Lager von demokratischer Kunst und nationalistisch-christlicher Szene auf eine Bühne und vor die Kamera zu bekommen. Eine kleine Sensation wie der kritische Künstler Dmitri Gutow sagt, ohne sich naive Vorstellungen zu machen: 'Unser Land kennt nur Extreme, 40 Grad minus im Winter, 40 Grad plus im Sommer, dazwischen gibt es nichts. Ich sehe keine Anzeichen für einen Dialog'." Und: Der Film "legt die Gesinnung an der gesellschaftlichen Basis im Reiche Wladimir Putins bloß."

In der NZZ freut sich Claudia Schwartz auf die am morgigen Sonntag im ZDF anlaufende zweite Staffel der schwedisch-dänischen Krimiserie "Die Brücke" (hier eine Zusammenfassung der ersten Staffel). Im SZ Magazin erzählt der Schauspieler Willem Dafoe von seiner Kindheit mit sieben Geschwistern und seine Vorliebe für Schurkenrollen.

Besprochen werden außerdem der chinesische Film "Shanghai Shimen Road" (Tagesspiegel), der Kinder-Gruselfilm "Vampire Academy" (Welt) und der Thriller "Non-Stop" (Welt).
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