Efeu - Die Kulturrundschau

Selbstzeugung von Schriftstellern und Autos

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18.03.2014. In der taz fragt sich der syrische Filmregisseur Talal Derki, ob der Preis für den Aufstand gegen Assad nicht zu hoch war. Pitchfork feiert die Hardcore-Punkband Perfect Pussy. Die Welt hört in Antoine Mariottes Einakter "Salome" eine Getriebene in einer triebhaften Männerwelt. Die NZZ liest Julius Margolins Aufzeichnungen über seine Zeit im Gulag. Jezebel begutachtet schusssichere Westen bei der Fashion Week in Kiew. Und Belgien hat die Fußball-WM quasi gewonnen.

Musik

Begeistert feiert Lindsay Zoladz auf Pitchfork das Debutalbum der Hardcore-Punkband Perfect Pussy: Dieses klingt "wie eine Hardcore-Band mit der Jungfrau von Orleans als Frontfrau: Ein wirbelnder Malstrom von Feuer hüllt eine Sängerin ein, die mit der ekstatischen Überzeugung eines Menschen brüllt, der lieber stirbt als sich zu entschuldigen ... Frontfrau Meredith Graves hat die Songs der Band 'glückliche Enthüllungen über aufwieglerische Ereignisse' genannt, und das bleibt die passendste Beschreibung ihrer Musik. Es ist nicht kitschig oder übertrieben, dieses Album lebensbejahend zu nennen, so perfekt fängt es Funken von Dankbarkeit, Selbsterkenntnis und die unerklärliche Freude ein, die oft auf die Erfahrung großer Angst folgt." Zuvor wurde das Album auch schon bei Spex bejubelt, auf Youtube gibt es ein schön krachiges Musikvideo.



Außerdem: In der taz stellt Tim Caspar Boehme die experimentelle Musik von Arnold Dreyblatt vor, der heute im Berliner Berghain ein Konzert gibt: "Dreyblatts Musik hat oft einen durchgehenden Puls, es ist ein rhythmischer Drone, der sich weniger um komplexe Formen oder spieltechnische Schwierigkeit als um ein dichtes Klangspektrum bemüht." Julian Weber (taz) schreibt den Nachruf auf Stooges-Drummer Scott Asheton. In der SZ singt Thomas Steinfeld eine Hymne auf die 70er-Rockband Little Feat, deren Musik gerade in einer CD-Box wiederveröffentlicht wurde (hier ihr Album "Dixie Chicken" von 1973 zum Hören).

(Via Le Monde) Die Belgier haben die Fußball-WM quasi gewonnen, denn Stromae schreibt ihnen die Hymne:



Besprochen werden das Debütalbum von Skrillex (eine "Rave-Bombe, die 2014 sämtliche Partys auf der ganzen Welt zerschießen wird", jubelt Frédéric Schwilden in der Welt) und ein Berliner Konzert von Carla Bruni (Tagesspiegel).
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Film

Beim 5. Arabischen Filmfestival, das dieser Tage in Berlin stattfindet, ist unter anderem auch Talal Derkis desillusionierter Film "Homs - ein zerstörter Traum" zu sehen, der sich gleich zu Beginn fragt, ob es richtig war, die Auseinandersetzung mit Assad gesucht zu haben. In der taz fragt Ines Kappert beim Regisseur diesbezüglich genauer nach. Derkis entmutigende Antwort: "Der Preis, den wir zahlen, ist viel, viel zu hoch. Das wollte ich mit diesem Anfang erzählen. Wenn man die Zerstörung heute in Homs und anderswo sieht, dann frisst einen die Sorge von innen her auf. Dann muss man sich fragen: Was ist mit all den Menschen, die dafür gestorben sind, nur weil sie das Recht auf ein würdevolles Leben gefordert haben?"

Besprochen werden Johannes Holzhausens Film "Das große Museum", der heute die Diagonale in Graz eröffnet (Standard), und Matthew Barneys Film "River of Fundament", mit dem FAZ-Rezensentin Julia Voss nicht viel anfangen kann: "Barneys Parabel ist ein zerdehntes amerikanisches Männermärchen über die Selbstzeugung von Schriftstellern und Autos (vielleicht auch der Grund, warum im angekündigten Katalog nur Männer schreiben)."
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Stichwörter: Julia Voss

Literatur

Die Aufzeichnungen des Polen Julius Margolin über seine Zeit im Gulag gehören in jedes Bücherregal - neben Solschenizyn, Herling, Levi und Kertész, schreibt ein erschütterter Andreas Breitenstein in der NZZ: "Mit stockendem Atem liest man dieses Buch, das nicht nur den Schleier vom obszönen innersten Geheimnis des Sowjetkommunismus reißt, sondern auch ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk darstellt. Margolin hat auf seinem Weg durch die Lagerwelt unglaubliches Glück, denn ... immer wieder helfen ihm Leute, die sich Funken von Humanität bewahrt haben. Julius Margolin mit seinem Wissen, seiner Weisheit und seinem Witz ist der Richtige, sich der Absurdität anzunähern, dass hier der Preis für eine bessere Welt gezahlt wird."

Besprochen wird weiter ein Lyrikband von Albert Ostermaier mit "Oden an Philip Lahm, Thomas Müller, Basti Schweinsteiger und Ostermaiers großes Vorbild, Oliver Kahn" (Welt), Jan Bauers Comicband "Der salzige Fluss" (Welt)
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Kunst

Für die taz reist Klaus Englert in den Norden Norwegens, nach Vardø, wo Louise Bourgeois und Peter Zumthor ein Mahnmal für als Hexen ermordete Frauen in die Landschaft gebettet haben: "Nachdem Louise Bourgeois und Peter Zumthor 2006 mit dem Bau beauftragt worden waren, einigten sich beide auf eine recht archaische Formensprache. 'Zumthor und ich haben Erde, Wasser, Feuer und Licht genutzt, um Ansichten der Stille zu schaffen', sagte Bourgeois. Der Schweizer Architekt, der damals mit der zum Himmel geöffneten Bruder-Klaus-Kapelle auf den Eifel-Feldern von Mechernich-Wachendorf beschäftigt war, eiferte auch in der norwegischen Arktis naturwüchsigem Bauen nach. Eine kleine Kapelle, daneben ein umfriedeter Gottesacker, findet sich ebenso in Vardø. Wer an diesem besinnlichen Ort vorbeikommt, sieht vor sich das 'Witch Memorial' wie eine riesige, fragile Holzskulptur auftauchen, dahinter die Meeresenge der Barentssee, und am Horizont den Domen, den Hexenberg auf dem norwegischen Festland." (Bild: Dezeen, dort gibt es weitere Fotos).

Außerdem: Im Tagesspiegel unterhält sich Bernhard Schulz mit dem Architekt Peter Zumthor über seine Arbeiten.

Besprochen werden die die Fotografien von Wols im Berliner Martin-Gropius-Bau (taz), Ausstellung Odilon Redon in der Basler Fondation Beyeler (Welt) und das Projekt "Forensic Architecture" am Haus der Kulturen der Welt (FAZ)
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Bühne



München zeigt derzeit mit Antoine Mariottes von Balász Kovalik inszeniertem Einakter "Salome" eine kleine Rarität, berichtet Marco Frei in der Welt. Die Oper unterscheidet sich erheblich von der Fassung, die Richard Strauss aus Oscar Wildes zugrunde liegendem Stoff gemacht hat, erklärt er: "Während Salome bei Strauss die treibende Kraft der Handlung ist, wirkt sie bei Mariotte eher wie eine Getriebene in einer triebhaften Männerwelt. Dass sie den Kopf des Iokanaan (Heeyun Choi) einfordert, ist hier weniger nekrophilem Wahnsinn geschuldet als einer Männerwelt, die Salome sexuell ausbeutet." Beim Bayerischen Rundfunk gibt es eine Videoaufzeichnung. (Foto: A.T. Schäfer)

Besprochen werden außerdem Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Juli Zehs "Corpus Delicti" in Hannover (taz), Yael Ronens am Maxim Gorki in Berlin aufgeführtes Stück "Common Ground" (Tagesspiegel), Michael Thalheimers Inszenierung von Hebbels "Maria Magdalena" am Wiener Burgtheater (Welt), ein Ballettabend von Patrick Delcroix und Lukáš Timulak am Luzerner Theater (NZZ), Sebastian Hartmanns Inszenierung von John Goldmans "Ein Löwe im Winter" am Deutschen Theater Berlin ("plattes Horrorstadel, vollgestopft mit Deppen", resümiert Reinhard Wengierek in der Welt), ein Doppel-Schwan am Landestheater Coburg: einmal von Richard Wagner und einmal von Salvatore Sciarrino (FAZ) sowie Yael Ronens Jugoslawien-Projekt "Common Ground" am Berliner Gorki Theater (SZ).

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Design

Die Russen haben quasi die Krim besetzt? Gerade deshalb, zitiert Jezebels Isha Aran die Organisatorin Iryna Danylevska, muss die Fashion Week in Kiew stattfinden: "'We thought of postponing Ukrainian Fashion Week but when the Crimea situation began we knew we had to do it now…We need to show the outside world that we're unbroken and that we're strong.' Some designers have taken inspiration from the wave of protests and unrest known as the Euromaidan and infused aspects of the crisis into their designs, incorporating bullet-proof vests, gas masks, and patriotic imagery." Auch die SZ berichtet.
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Stichwörter: Gas, Krim