Efeu - Die Kulturrundschau

Optimierte Aquakultur-Dorade

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14.03.2014. Alle freuen sich über den Leipziger Buchpreis für Saša Stanišić. Im Freitag fragt sich Autor Alexander Schimmelbusch, ob man als Schreibschulabsolvent überhaupt noch ein eigenwilliger Wildfang-Wolfsbarsch sein kann. Die Philosophin Bettina Schöne-Seifert fragt in der NZZ Sibylle Lewitscharoff, ob sie moderne Medizin nur bei der Fortpflanzung ablehnt ober auch bei gottgemachten Naturkatastrophen. Die Welt erzählt, wie die Regierung Erdogan Theater drangsaliert, die keine AKP-kompatiblen sittlichen Werte vertreten. Die Berliner Zeitung kritisiert die MaerzMusik als zu selbstbezüglich.

Literatur

Die Leipziger Buchmesse hat Saša Stanišić für seinen Roman "Vor dem Fest" mit dem Buchpreis ausgezeichnet (hier alle Infos dazu bei der taz). Richard Kämmerlings sieht damit in der Welt Maxim Billers Thesen zur migrantischen deutschen Literatur widerlegt. Für die Zeit flaniert Wiebke Porombka mit dem frisch gebackenen Preisträger durch Leipzig. Im Tagesspiegel kann sich Gerrit Bartels mit dieser Entscheidung gut arrangieren, nicht ohne es allerdings schade zu finden, dass Diederich Diederichsens neues Buch "Über Pop-Musik" nicht ausgezeichnet wurde: "So ein Buch, das sich umfassend, klug und theoretisch mit Pop auseinandersetzt, als Siegertitel bei einer ausgesprochen literarischen Veranstaltung - das wäre es gewesen, das hätte dem Pop nochmal ganz andere Aufmerksamkeit beschert. Dafür fehlte der Jury wohl der Mut."

Midt. findet in der SZ auch die anderen Entscheidungen der Leipziger Jury begrüßenswert: "In der Sparte Übersetzung freute sich Robin Detje über die Auszeichnung, die er zugleich als stellvertretende Anerkennung des oft verkannten Übersetzerstandes entgegennahm." Und das für ein Pionierunternehmen: "Schließlich hat er mit seiner Übertragung von William T. Vollmanns Großroman 'Europe Central' (Suhrkamp) über Krieg und Diktatur im 20. Jahrhundert ein epochales Werk der amerikanischen Literatur erschlossen, das acht Jahre auf sein deutsches Sprachgewand warten musste.

Fernerhin exzerpiert Gregor Dotzauer im Tagesspiegel die Dankesrede des britisch-indischen Autors Pankaj Mishra, der mit dem Buchpreis für europäische Verständigung ausgezeichnet wurde. Roman Bucheli (NZZ) ist hochzufrieden mit dem Auftritt des Bundesrats Alain Berset, der die Leipziger Buchmesse "mit Verstand und Witz, mit Souplesse und Selbstironie" eröffnete.

Die Debatte um die deutsche Gegenwartsliteratur dreht sich weiter. Im Freitag stellt sich der - an keiner der nun gescholtenen Schreibschulen ausgebildete - Schriftsteller Alexander Schimmelbusch mäandernde Fragen, ob man das wirklich sein will, "Schreibschüler": "Kann es sein, dass man als Schreibschulabsolvent kein eigenwilliger Wildfang-Wolfsbarsch mehr sein kann, sondern lediglich eine optimierte Aquakultur-Dorade?" Zeit online lässt dagegen allerlei Schreibschüler antreten, die die Ansicht vertreten: "Schreiben, ohne es zu lernen, ist nicht möglich" (Tillman Severin).

Auch die Jungle World greift die Debatte nochmal in einem kleinen Themenschwerpunkt auf. Claire Horst stört nicht nur die Fixierung auf die Biografie von Schriftstellern, die so tut, als habe es Roland Barthes' Kritik am Autorenbegriff nie gegeben: "Insgeheim lauert hinter all diesen Aufsätzen ein reichlich elitärer Begriff von Literatur, der nur das zulässt, was ich selbst als literarisch wertvoll, gehaltvoll, sinngebend empfinde. ... Dass es keine spannenden Texte gebe, kann ohnehin niemand im Ernst behaupten, schon allein deswegen, weil die Flut an Veröffentlichungen kaum zu überblicken ist. In einem Radiogespräch mit Maxim Biller wies die Literaturkritikerin Ina Hartwig kürzlich darauf hin, dass das Problem nicht im Mangel an guten Texten bestehe, sondern in ihrer Vermittlung. Und das ist die Aufgabe der Literaturkritik." Und: Tobias Prüwer reiste eigens nach Leipzig ans konkret im Visier der Kritik stehende Deutsche Literaturinstitut.

Die NZZ räumt eineinhalb Seiten frei, um die ethischen und religiösen Fragen zu diskutieren, die Sibylle Lewitscharoffs Dresdner Rede aufgeworfen hat: Die Autorin selbst distanziert sich noch einmal von ihrer Aussage, mittels künstlicher Befruchtung erzeugte Menschen seien "Halbwesen", um dann ihre Skepsis gegenüber den neuen medizinischen Fortpflanzungstechniken zu bekräftigen: Erstens werde damit der Mutter eine riesige Verantwortung aufgebürdet. Zweitens werde oft genug der Mann ausgeschaltet. Und drittens führten diese Methoden direkt zum Klonen. Fazit: "Mir ist der alte Weg der Adoption sympathisch."

Eine Debatte um all diese Fragen wird ja schon lange geführt, doch kann eine "Promi-Rede 'zur Zeit'", nicht schaden, meint die Philosophin Bettina Schöne-Seifert. Sie stört sich allerdings an der "teils apodiktischen, teils undifferenzierten Argumente-Suppe", die Lewitscharoff aufträgt: "In aller Kürze und nur mit Blick auf die Fortpflanzung: Wer künstliche Befruchtung und anderes als Frevel gegen die Schöpferhand oder gegen das Diktat einer normsetzenden Natur ablehnt, muss begründen können, warum dies hier gelten soll, nicht aber an anderen 'Fronten': Warum ist Demut nicht auch bei Krankheit und Dürre oder anderen Naturkatastrophen angezeigt? Ohne Zusatzargumente bleibt Lewitscharoffs Überlegung untauglich für den öffentlichen Raum jenseits persönlicher Glaubensinhalte und Weltbilder."

Außerdem: Der Philosoph Robert Spaemann ist der Ansicht, dass "Zeugung durch Basteln im Labor" die Würde des Menschen verletzt, aber das rechtfertige nicht, sie weiter zu verletzen, etwa indem man sie als "Halbmenschen" betrachtet. Der Philosoph Otfried Höffe lobt Lewitscharoff ausgiebig für ihre Überlegungen und ihre "Sprachmacht", meint am Ende aber doch, niemand solle seine "'Abscheu' so ungeschminkt artikulieren".

In der Jungle World durchleutet der Bioethiker Oliver Tolmein die Lewitscharoff-Debatte. Trotz einiger Hinweise auf zu Unrecht übergangene, bedenkenswerte Passagen der umstrittenen Rede der Autorin lautet sein Fazit: "Lewitscharoffs durch Abwesenheit jeder Analyse geprägte Kritik moderner Entwicklungen in der Medizin ist gepaart mit einer Mystifikation dessen, was sie als wünschenswerte Normalität ansieht. ... Sie sehnt sich offenbar nach einem Zustand, der das Schicksalsgetriebene der Vormoderne verbindet mit den Bequemlichkeiten der fortgeschrittenen Zivilisation."

Amazon will unter die Verleger gehen. Hubert Spiegel macht sich in der FAZ Sorgen über eine kommende "Berechnete Literatur" und zitiert nebenbei eine kleine Kriegserklärung: "Jo Lendle, neuer Verleger des Traditionshauses Hanser, sagt, zum Verlegen gehöre mehr als 'Programmarbeit mittels Verkaufsranking: Verbundenheit stiften, Werke begleiten, Sichtbarkeit schaffen über die eigenen Kanäle hinaus'. In Amerika, so Lendle weiter, gebe es eine 'lehrreiche Vorgeschichte' denn dort biete kaum ein Buchhändler die von Amazon verlegten Titel an: 'Ich kann das verstehen.'"

Besprochen werden unter anderem finnische Comics (Tagesspiegel), Jörn Leonhards Studie über die Geschichte des Ersten Weltkriegs (taz) und Julio Cortázars und Carol Dunlops "Die Autonauten auf der Kosmobahn" (Jungle World).
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Bühne

Cigdem Toprak erzählt in der Welt, wie die Regierung Erdogan das türkische Theater drangsaliert: "Ein Gesetzentwurf sieht die Privatisierung der Staatstheater vor und die Errichtung eines staatlichen Kunstrates, was zu weiteren umfangreicheren Zensuren führen werde, befürchten Kritiker. Bereits seit diesem Jahr werden per Gesetz nur jene privaten Theater finanziell vom Staat gefördert, deren Aufführungen mit 'sittlichen Werten' der türkischen Gesellschaft konform sind. Die Schauspieler selbst fühlen sich der Selbstzensur ausgesetzt. Die AKP-Regierung versuche eine Form von 'konservativer Kunst' zu etablieren, sagen sie - und bitten darum, ihre Namen lieber nicht zu veröffentlichen."
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Musik

In der Berliner Zeitung zeigt sich Peter Uehling sehr missmutig darüber, wie sich das Berliner Musikfestival MaerzMusik über den Begriff der Aktualität definiert. Verloren gehe dabei der Begriff historischer Tiefe: "Es ging nie um Werke oder Themen, sondern um die festivaleske Darstellung einer Szene, die den Rest des Jahres nur für ihre Akteure existiert. In einer Broschüre der diesjährigen MaerzMusik haben diese Akteure ihre Erinnerungen aufgeschrieben. ... Nirgends werden Werke erwähnt, sondern nur das Werkeln."

Weiteres: Im Tagesspiegel porträtiert Frederik Hanssen den Dirigent Bernard Haitink. Für die Zeit unterhält sich Daniel Schieferdecker mit Der Graf von Unheilig über seine Pläne für den Eurovision Contest.

Besprochen werden das neue Album der Berliner Popband Paula (taz), das neue Album von Kylie Minogue (Tagesspiegel), Neneh Cherrys neues Soloalbum (NZZ), das Zürcher Konzert des Montreal Symphony Orchestras (NZZ), das Berliner Konzert von Anna Calvi (taz) und eine Aufnahme von Schuberts Winterreise (Welt).

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Archiv: Musik

Kunst

Vor 50 Jahren erschien Wolf Jobst Siedlers Buch "Gemordete Stadt", ein flammendes Plädoyer gegen die Architektur der Moderne und für die ornamentale Ästhetik der wilhelminischen Architektur. In der Welt erinnert sich Rainer Haubrich: Das Buch "bereitete überall im Lande den Weg für die Wiederentdeckung großstädtischer Bautraditionen Ende der Siebzigerjahre. Und noch beim Wiederaufbau Berlins nach dem Fall der Mauer war ihr Geist zu spüren: Die Protagonisten der damaligen Baupolitik hatten alle 'ihren' Siedler verinnerlicht."



Bettina Maria Brosowsky besucht für die NZZ eine Ausstellung zu Playboy-Architektur im Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt: "Der Playboy setzte von Anbeginn auf verschiedene inhaltliche Formate, um maskuline Interessen zu stimulieren und ein neues Männlichkeitsideal zu schaffen. Neben den Porträts von bedeutenden Architekten wie Frank Lloyd Wright oder Mies van der Rohe, aber auch von Hitlers Architekten und Rüstungsminister, Albert Speer, präsentierte das Magazin eine eigene Typologie erotisch anregenden Wohnens."
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Film

Im Freitag meint Michael Angele ein künstlerisch radikales Langzeit-Konzept in der gestern an ihr endgültiges Ende gekommenen Harald Schmidt Show zu erkennen: Organisierte der Late-Night-Talker sein eigenes Verschwinden? "Die bösen Stimmen, die seinen Wechsel 2012 zum Bezahlsender Sky als ein primär monetär motiviertes Manöver deuteten, irrten: Er ging zu dem Sender, der ihm maximalen Quotenverlust garantieren konnte. Und es hat ja auch vorzüglich geklappt." Wie zum Hohn dieser These hat Sky die letzte Folge der lange Zeit massiv feuilletonrelevanten Late-Night-Show in voller Länge bei Youtube hochgeladen:



Hoo Nam Seelmann stellt in der NZZ die koreanische Fernsehserie "Der Liebste, der von einem Stern kam" vor, die eine Renner auch in China ist.
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