Efeu - Die Kulturrundschau

Ruhiges, helles Licht

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12.03.2014. Keine Tränen für Matthias Hartmann: Die fristlose Kündigung des Burgtheaterdirektors geht für die Kritiker in Ordnung. Die Berliner Zeitung hörte Maurizio Pollini reine Kalligrafien der Luft spielen. Anders als Necla Kelek gestern freut sich Detlev Claussen heute über den Buchpreis zur Europäischen Verständigung für Pankaj Mishra. Die FAZ begutachtet den Maler Félix Vallotton, einen postimpressionistischen Tiger, der als Bettvorleger endete.

Bühne

Am Wiener Burgtheater hat's jetzt richtig geknallt: Nach abgeschlossener Überprüfung der Buchführung hat der österreichische Kulturminister Josef Ostermayer Direktor Matthias Hartmann nun fristlos entlassen. Der machte prompt die Schauspieler dafür verantwortlich. Außerdem ist Georg Springer, Aufsichtsratsvorsitzender des Burgtheaters, zurückgetreten.

In der FAZ bringt Gerhard Stadelmaier nicht für zwei Cent Sympathie für Hartmann auf, den er für einen "Egomanen" und künstlerischen Gemischtwarenverkäufer hält. "Bei vielen Inszenierungen, zuletzt einem völlig überflüssigen 'Geisterhaus' (nach Isabel Allendes Roman), fragte man sich, wozu jetzt diese Verschwendung guter Schauspieler, teurer Materialien und kostbarer Zeit? Der Fall Hartmann ist dergestalt auch der Fall eines Theaters, das im Grunde nicht mehr weiß, was es eigentlich will - und nur vor sich hin wurstelt. Es ist daraus zu lernen."

In der nachtkritik meint Nikolaus Merck gnadenlos: "Zeiten, in denen die Scheinriesen aus dem Amt gehen müssen, sind prinzipiell keine schlechten Zeiten."

Außerdem: Auch Karin Cerny hat in der Welt wenig Mitleid mit Hartmann. Weitere Hintergründe bringt Peter von Becker im Tagesspiegel. Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung zeigt sich "auch eine große Pointe auf das Klischee von Hartmann als Theater-Sanierer". Die Presse hat den Vorgängen ein ganzes Dossier gewidmet. So bereitet etwa Barbara Petsch den oder die Neue schon mal auf ihre Aufgaben vor: "Der neue Burg-Chef sollte die üblichen Qualitäten haben: Kreativität, Erfahrung, Glamour-Faktor. Vor allem aber wird er ein hartes Sparpaket umsetzen müssen: 8,3 Millionen Euro Defizit plus fünf Millionen mögliche Steuerschulden, das sind fürs Erste die Zahlen. Ist das Repertoire-System haltbar, müssen Immobilien veräußert werden?" Na, jemand Lust?

Weiteres: In der NZZ skizziert Dirk Pilz in einem längeren Artikel die Strukturprobleme der Theater: sinkende Zuschauerzahlen, Bedeutungsverlust und ein wachsendes Einkommensgefälle zwischen gewerkschaftlich organisierten, prekär arbeitenden Mitarbeitern, Intendanten und Regisseuren. Taz und Berliner Zeitung berichten von der ersten Etappe des ungarischen Theaterfestivals im Berliner HAU. In der Welt wirft Ulrich Seidler einen ersten Blick auf das Programm des Mannheimer Festivals "Theater der Welt". Für die Welt unterhält sich Kathrin Rosendorff mit dem Stand-Up-Comedian Oliver Polak.

Besprochen werden Georges Schehadés in Berlin aufgeführtes Stück "Der Auswanderer" (taz), Ellfriede Jelineks in Berlin aufgeführtes "Rein Gold (Welt), René Polleschs in Frankfurt aufgeführtes Stück "Je t'Adorno" (Welt) und Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Drama "Rein Gold" an der Berliner Staatsoper (SZ).
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Musik

Jan Brachmann berichtet in der Berliner Zeitung von seinem Besuch von Maurizio Pollinis Konzert in der Berliner Philharmonie. Zu Beginn wirkte der italienische Pianist noch etwas hektisch, "groß aber wurde er im zweiten Teil bei den Préludes Nummer eins bis zwölf von Claude Debussy. Hier, wo sich die Musik von aller Psychologie löst und ganz zur tönenden Farbe, zur reinen Kalligrafie der Luft wird, verlor Pollini jegliche Nervosität und verströmte ruhiges, helles Licht."

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Film

Eine Meldung in der Presse informiert uns, dass Kameramann Michael Ballhaus am grünen Star leidet und bereits einen Teil seiner Sehkraft verloren hat.

Besprochen wird Viviane Blumenscheins Dokumentarfilm über finnischen Tango (Zeit) und Keanu Reeves' Martial-Arts-Film "Man of Tai Chi" (Berliner Zeitung)
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Literatur

Nicht unumstritten ist die Entscheidung der Leipziger Buchmesse, den britisch-indischen Autor Pankaj Mishra mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung auszuzeichnen. Gestern kritisierte Necla Kelek in der Welt ganz entschieden die Auszeichnung für Mishra, den sie als "anti-europäisch" bezeichnete. Ganz anders heute Detlev Claussen in der taz, der die Auszeichnung rundum begrüßt: "Es geht nicht nur darum, die Welt wahrzunehmen, wie sie sich verändert hat, sondern auch sich zu verabschieden von eurozentrischen normativen Vorstellungen der Moderne, denen weder Indien noch China entsprechen - aber bei näherer Betrachtung gilt dies für den Westen ebenso. Die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung an den Inder Pankaj Mishra könnte man daher auch als Anstiftung zur kritischen Selbstreflexion Europas verstehen." Im Tagesspiegel liest sich Thomas Speckmann unterdessen sehr interessiert durch Mishras letztes Buch "Aus den Ruinen des Empires".

Außerdem: Nach der Lewitscharoff-Debatte hält Harald Jähner in der Berliner Zeitung abschließend fest: Die Rede der Autorin ist zurecht auf Ablehnung gestoßen, doch "wir brauchen in unserer Gesellschaft Einspruch und Dissidenz". In der Presse spricht Najem Wali über seinen neuen Roman "Bagdad Marlboro" und warum er ihn Bradley Manning gewidmet hat. In der Welt sondiert Christine Knödler die aktuelle Jugendliteratur und attestiert ihr kritisch "zunehmende Enttabuisierung und eine Dramaturgie der gegenseitigen Überbietung""

Besprochen werden unter anderem Katja Petrowskajas Roman "Vielleicht Esther" (Welt). Außerdem bringt die taz eine Literaturbeilage, die wir in den kommenden Tagen auswerten werden. Im Aufmacher fragt sich Christoph Schröder, ob er Sasa Stanisic wirklich vorwerfen kann, "dass er weiß, wie gut er ist"?
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Kunst



Für die FAZ besucht Andreas Kilb eine Amsterdamer Werkschau des frankoschweizerischen Malers Félix Vallotton, den er als einen "Sonderfall der Kunstgeschichte" beschreibt: "Es beginnt mit akademischer Präzision und endet mit allegorischen Plattitüden. Es springt als postimpressionistischer Tiger und landet (zu sehen auf Vallottons 'Perseus tötet den Drachen' von 1910) als ausgestopftes Krokodil. Dazwischen liegen Höhepunkte moderner Graphik und Malerei, schwarzweiße Straßenszenen, wie sie ein Murnau oder Lang, Interieurs, wie sie, siehe 'Abendessen' [Bild], ein Hitchcock nicht besser hätte inszenieren können."

Besprochen wird noch die großartige Zurbarán-Ausstellung im Palais des Beaux-Arts Brüssel (SZ, mehr in der Zeit vom 8. Februar).
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