Efeu - Die Kulturrundschau

Hörkrimi erster Güte

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.02.2014. Der New Statesman lernt in Lausanne, wie die UdSSR die Olympischen Spiele mit Hilfe der Künstler in eine Arbeiter-Spartakiade verwandelte. Im Freitag erklärt Regisseurin Tatjana Turanskyj, warum sie ein Verbot der Prostitution für kontraproduktiv hält. Welt und SZ sind sich einig: die Münchner Aufführung von Mozarts "La Clemenza di Tito" konnte auch Kirill Petrenko nicht retten. Die NZZ feiert die CD-Box "Black Europe". Joachim Lottmann besucht für die taz Thomas Bernhards Lieblingsorte. Und: Shirley Temple ist tot, steppt aber weiter.

Bühne



"Dieses Mozart-Spukschloss [fällt] wie Schaumgebäck in sich zusammen", urteilt in der Welt Manuel Brug über Jan Bosses Inszenierung der Mozartoper "La Clemenza di Tito" in München. Die Sänger waren ihrer Sache oft nicht gewachsen und auch der sonst so gefeierte Dirigent Kirill Petrenko war nicht auf der Höhe, findet Brug: "An der Komischen Oper war sein Mozart wild, rau und körperhaft, den "Tito" versucht er durch Feinarbeit und oft langsam genaue Tempi zu veredeln. Doch vieles zerfasert, Arienbögen brechen ein, das erste Finale verpufft völlig. Im weiten, gefährlich offenen Bühnenraum wird der allzu intime Ansatz zur Flüstertüte. So bleiben oft nur Mozart-Brösel im Konzept-Nirwana übrig." In der SZ sieht Helmut Mauró das nicht anders. In der FAZ findet Eleonore Büning zumindest die Turba-Chorszenen sehr schön dirigiert.

Keith Warners Frankfurter "Falstaff"-Neuinszenierung kann in Hans-Klaus Jungheinrichs Augen und Ohren gut bestehen. Dem Orchester unter Bertrand de Billy attestiert er in der FR "einen sehr spezifischen Falstaffklang: knisternd, trocken, ja höhenluftig-asketisch, dann auch wieder filigran und fein ziseliert. Kaum ein Detail, das nicht seine bestmögliche Ausformulierung gefunden hätte."

Außerdem: Im Standard spricht Brigitte Fassbaender, die mit Benjamin Brittens "Albert Herring" gerade ihre letzte Inszenierung an der Volksoper Wien hingelegt hat, über Disziplin, den Fluch des Smartphones und die Geschlechterverhältnisse in der Britten-Oper.

Besprochen werden außerdem Hans Neuenfels" Wiener Neuinterpretation von Heiner Müllers "Quartett" als Klamotte (Welt und Nachtkritik sind je not amused), Russell Brands Comedyperformance "The Messias Complex" (Welt) und Lothar Kittsteins in Frankurt aufgeführtes Stück "Der weiße Wolf", das sich mit dem NSU befasst (taz).
Archiv: Bühne

Film

Shirley Temple ist tot. Der gefeierte Kinderstar mit den Korkenzieherlocken brachte die Amerikaner über den Zweiten Weltkrieg und war in den Dreißigern der bestverdienende Star Hollywoods. Die Zeit erinnert sich. In der FAZ schreibt Dieter Bartetzko den Nachruf. Und wir hoffen, dass sie im Himmel ein Tänzchen mit Bill "Bojangles" Robinson hinlegt: "A happy little ditty"



Im Freitag spricht Regisseurin Tatjana Turanskyj über ihren neuen Film "Top Girl", der in der Sex-Branche spielt und gerade im Forum der Berlinale gezeigt wird, und die von Alice Schwarzer losgetretene Debatte um ein Verbot der Prostitution: "Die Helena in "Top Girl" hat keinen Zuhälter, sie begreift sich als selbstbestimmt und frei. Solche Sex-Arbeiterinnen gibt es, sogar viele. Aber ich habe bei der Recherche auch ganz andere Geschichten gehört, da ist nichts zu beschönigen. Trotzdem bin ich gegen ein Verbot der Prostitution. Das würde die Frauen zu etwas machen, was sie nicht sind, Kriminelle. Aber man kann auch nicht leichthin sagen, Sexarbeit sei ein Beruf wie jeder andere. Interessanter wäre ohnehin eine Debatte über Körperlichkeit und Intimität im fortgeschrittenen Kapitalismus."

Außerdem: In der Berliner Zeitung berichtet Susanne Lenz über eine Berlinale-Diskussion zur Filmförderung. In der SZ online ärgert sich Ruth Schneeberger über die Arbeitsbedingungen, die Journalisten von der Berlinale aufgezwungen werden. Clauda Lenssen hat sich für die taz mit Elfi Mikesch unterhalten, deren neuer Film "Fieber" (eine Besprechung in der Berliner Zeitung) im Panorama läuft. Im Freitag befasst sich Dieter Chill mit dem Wandel vom analogen zum digitalen Kino. Katja Lüthge sieht für die Berliner Zeitung Dokumentationen über die Geschichte der Schwulen. Im Tagesspiegel blickt Jan Schulz-Ojala mit äußerstem Wohlwollen auf die vier deutschen Wettbewerbsbeiträge. Das Berlinale-Blog des Perlentauchers finden Sie hier.

Besprochen werden unter anderem Alain Resnais" "Aimer, Boire et Chanter" (Berliner Zeitung / Perlentaucher), Feo Aladags Wettbewerbsfilm "Zwischen Welten" (taz / Perlentaucher, Zeit online), Andreas Prochaskas Literaturadaption "Das finstere Tal" (Spon), Benjamin Heisenbergs Komödie "Über-Ich und Du" (taz), Hans Petter Molands "Kraftidioten" (Berliner Zeitung), Volker Schlöndorffs "aufregendes" Kammerspiel "Diplomatie" (Welt), Karim Ainouz" Wettbewerbsfilm "Praia do Futuro" (taz), Denis Côtés "Que ta joie demeure" (taz) und Tatjana Turanskyis "Top Girl" (taz).
Archiv: Film

Literatur

Heute vor 25 Jahren starb Thomas Bernhard. In der Welt besucht der Schriftsteller Joachim Lottmann zunächst das Grab des Autors, dessen Grabstein jüngst wieder entwendet wurde, und schreitet dann die Lieblingsorte Bernhards ab. Dabei landet er auch im Wiener Café Bräunerhof, in das Bernhard sich zur Pflege seiner Melancholie zurückzog: "Er liebte es, die Menschen zu beobachten, und zwar über Jahrzehnte. Er sah dann, wie die einst junge Serviererin, die einmal so behende, flink und lustig gewesen war, dieselben Bewegungen, etwa das Zählen des Geldes, nun mit ganz anderen, ebenfalls schönen Bewegungen ausführte - und zerfloss dabei."

Im Standard resümieren die Regisseure Matthias Hartmann und Sabine Mitterecker im Interview Bernhards Theatervermächtnis. Dazu Hartmann: "Dass Bernhard nicht mehr da ist, um sich einzumischen, ist vielleicht die größte Erleichterung für die Theatermacher - und zugleich ein noch viel größerer Verlust: Angesichts des sogenannten Akademikerballs konnte man sich doch nur wünschen, Bernhard wäre wieder da und würde hier mit flammendem Zorn Kehraus halten."

Außerdem: In der SZ erinnert sich Verleger Jochen Jung an einen Abend in Bernhards Haus in Ohlsdorf. Gerrit Bartels stellt im Tsp. Alexander Schimmelbuschs "Die Murau Identität", eine Romansatire über Bernhard vor. Die Presse gibt an, was man sonst noch von Bernhard lesen muss.

Andere Literaturthemen: Die Welt bringt Auszüge aus Ernst Jüngers Feldpostbriefen. Die NZZ meldet, dass Juror Martin Meyer Florian Illies für den Börne-Preis ausgewählt hat. Besprochen wird u.a. Lars Saabye Christensens Roman "Der Sommer, in dem meine Mutter zum Mond fliegen wollte" (NZZ, mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
Anzeige
Archiv: Literatur

Musik

Mit Tränen in den Augen dankt Thomas Leuchtenmüller in der NZZ dem avancierten Label Bear Family für die Herausgabe von "Black Europe", einem luxuriösen Archiv bestehend aus zwei Büchern und insgesamt 44 CDs, das Spuren und Zeugnisse schwarzer Kultur in Europa aus den Jahren von 1880 bis 1927 sichert und aufarbeitet. "Nachgerade sensationell sind (...) die - zumeist erstmals publizierten - Mitschnitte. Dazu zählen ethnologisch orientierte Dokumente afrikanischer Sprachen, Volkserzählungen und religiöser Tonkunst. ... Einige der ältesten Nachweise für volkstümliche Klänge: Hier sind sie! Die frühesten Proben des "Stride-Piano", eines grösstenteils improvisierten Solo-Klavierstils aus den Kindertagen des Jazz: Hier sind sie! Und die ersten Belege für den rhythmischen, spontan silbenreihenden Scat-Gesang: Hier sind sie!"

Marco Frei resümiert in der NZZ die Münchner "musica viva", der er eine angenehme Profilschärfung attestiert: Wolfgang Rihms "In-Schrift 2" begeisterte ihn sehr: Es "war schöpferisch die grösste Überraschung, weil eine Klangerfindung hörbar wurde, wie man sie in dieser Unmittelbarkeit vor allem aus früheren Werken Rihms kennt. Wie noch dazu die Symphoniker des br diesen Raumklang verlebendigten, war ein Hörkrimi erster Güte."

Besprochen wird das neue Album von Ja, Panik (Freitag).
Archiv: Musik

Kunst

Anlässlich der Olympischen Spiele in Sotschi erinnert eine Ausstellung in Lausanne daran, dass die Bolschewiken viele Jahre von Olympia nichts wissen wollten. Sie gründeten nach der Revolution die Arbeiter-Spartakiade, erstmals 1928 veranstaltet, die sportliche Leistungen ohne Wettkampf zeigten, erzählt im New Statesman Michael Prodger. "Um die Botschaft zu verbreiten, dass mens sana in corpore sano das neue sowjetische Ethos war, wurden Künstler hinzugezogen. Es war eine gute Kombination. Wenn Sport Modernität repräsentierte, dann war die Wiederschaffung der modernen Welt die treibende Kraft hinter der Kunst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, des Zeitalters der "ismen". Sie lag dem Kubismus und dem Futurismus zugrunde ebenso wie den russischen Bewegungen des Konstruktivismus und Suprematismus. Künstler wie Alexander Rotschenko, Varvara Stepanowa, Kasimir Malewitsch und El Lissitzky waren enthusiastische Verkünder des Images vom sowjetischen "neuen Mann" (und der "neuen Frau", denn anders als im Westen waren die Frauen im russischen Sport gleichgestellt.)." (Bild: Entwurf von W. Stepanowa für männliche Sportkleidung)

Außerdem ein Link zum Stöbern: Chris Dewitts Fotos aus dem Westberlin der 80er.
Archiv: Kunst