Efeu - Die Kulturrundschau

Kontrabassmassaker

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14.02.2014. 25 Jahre nach der Fatwa würdigt die FAZ Salman Rushdies "Satanische Verse" als große Literatur und macht klar: Auch unter den Muslimen gab es Gegner der Fatwa. Die Jungle World feiert die friedfertige Müdigkeit der bayerischen Band The Notwist. Die NZZ berichtet über die  Klassengesellschaft auf britischen Bühnen. Und die Zeitungen haben alle denselben Favoriten für den Goldenen Berlinale-Bären: Richard Linklaters "Boyhood".

Literatur

25 Jahre nach Chomeinis Morddrohung gegen Salman Rushdie liest Jochen Hieber für die FAZ noch einmal beeindruckt die "Satanischen Verse" und die Rushdie verteidigenden Essays des großen Sadik Al-Azm. Und macht so - besser spät als nie - darauf aufmerksam, dass die Verteidigung Rushdies keineswegs nur aus dem Westen kam: "Wie minoritär Al-Azms Position in seinem Umfeld auch sein mag: Es gibt sie, und sie hat sich vehement artikuliert. Immer wieder hat dieser Gelehrte darauf aufmerksam gemacht, dass die muslimische Welt in Sachen "Satanische Verse" keineswegs gleichgeschaltet sei. Zumal in den sunnitischen Ländern Arabiens habe es nie Massenproteste und nie Unterstützung für Chomeinis Fatwa gegeben, wenngleich auch hier eine frei zugängliche Übersetzung des Romans noch auf absehbare Zeit fehlen werde."

Ebenfalls in der FAZ resümiert Hubert Spiegel die Frankfurter Poetikvorlesungen Terézia Moras.
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Musik

Klaus Walter kommt das überraschende Privileg zu, den ersten Jungle-World-Artikel überhaupt über die Weilheimer Indiepop-Institution The Notwist zu schreiben, die gerade ein neues Album veröffentlicht haben. Dafür ist es auch ein ganz besonders schöner Text über Verweigerung und Slackertum geworden: "Markus Achers unverwechselbar unvirile, wenn nicht antivirile Stimme ist das markanteste Instrument des reichhaltigen Notwist-Sounds, sie verleiht selbst angriffslustigen Punkrocksongs eine friedfertige Müdigkeit und entschleunigt Uptempo-Nummern; da kommt die alte Schule von Dinosaur Jr. & Sebadoh durch. Schlaffes, aggressionsgebremstes Singen mit dem harten Wall-of-Guitars-Sound zu kombinieren, darin war J Mascis ein Meister." Bei arte gibt es die Aufnahme eines Konzerts, im folgenden das aktuelle Video samt Titelstück in einer Playlist:



Einfach hingerissen ist FAZ-Rezensent Jan Wiele von der Art, wie der jungen Jazzpianisten Michael Wollny und seine zwei Begleitern auf ihrem neuen Album Alban Berg, Guillaume de Machaut und David Lynch aufmischen. Und: "Was steht also zu erwarten, wenn dann auch noch das deutsche Volkslied in die Transformationskammer kommt? In einem kühlen Grunde, da geht ein - Breakbeatschlagzeug. Kontrabassmassaker. Darüber freie Jazzimprovisation an den Tasten. Die romantische Weise vom Mühlrad zerlegt Wollny in Einzelteile, in einem Fernsehbeitrag hat er es jüngst sehr anschaulich demonstriert."




Außerdem: Ein neuer Bildband und zwei neue Compilations arbeiten den frühen Punk und dessen "zelebriertes, dilettantisches Non-Design" auf, berichtet Christian Gasser in der NZZ (im Guardian dazu eine ausführliche Würdigung). In der SZ plaudert David Crosby über dies, das und sein erstes neues Solo-Album seit 21 Jahren. Und Eric Pfeil schreibt Poptagebuch im Rolling Stone.

Besprochen werden das neue Album von Anthony Joseph (NZZ), das neue Album von Maximo Park ("nett", meint Frédéric Schwilden in der Welt), die Compilation "Punk 45" (NZZ), das Berliner Konzert von Patti Smith (Tagesspiegel), eine Aufnahme der "Winterreise" mit Jonas Kaufmann (FAZ) und das Berliner Konzert von Arcadi Volodos (Clemens Haustein hätte am liebsten den "ganzen Abend Chopin" gehört).

Und: Es ist Freitag! DJ Andy Smith hat einen Discomix zum Wochenende zusammengestellt.

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Film

Spät im Festival haben die Kritiker bei der Berlinale einen neuen Liebling im Wettbewerb für sich entdeckt: "Boyhood" von Richard Linklater, ein im Zeitraum von 12 Jahren entstandener Film über das Heranwachsen eines kleinen Jungen, erhielt bei der gestrigen Pressevorführung stehende Ovationen und nun auch glänzende Kritiken. In der taz schwärmt Andreas Busche vom Talent des Regisseurs, "seine unsentimentalen Beobachtungen im richtigen Moment mit überreifem Pathos aufzubrechen. In jedem anderen Film wäre die Lobeshymne auf Patricia Arquettes Mutter am Ende von "Boyhood" ein kitschiges Zugeständnis. Bei Linklater ist es nicht weniger als die Würdigung einer der schönsten und pragmatischsten Frauenfiguren im US-Kino seit verdammt langer Zeit."

Beim Perlentaucher ist auch Thomas Groh diesem Film mit Haut und Haar verfallen: "Toll, großartig ist das anzusehen. Nicht, dass Linklater, wie schon in den "Before"-Filmen, die Überwältigung sucht. Ganz im Gegenteil, sein Film ist ganz in den Moment, in dieses Leben, diese Leute verliebt. Er schaut zu, protokolliert, reiht schön zwanglos aneinander. Oft es sind nur kleine Details, die ihn interessieren. Ellipsen trennen bei ihm gerade nicht das Nebensächliche vom Pathos des bewältigten Lebensabschnitts; so lässig, wie Linklater Episode an Episode reiht, merkt man oft erst gar nicht, dass Zeit vergangen sein muss." Till Kadritzke berichtet auf critic.de, dass der Regisseur "die Leichtigkeit [sucht] und die Größe der Bescheidenheit findet". Für Keyframe Daily hat David Hudson zudem eine sehr persönliche Würdigung des Films verfasst. Beim Tagesspiegel finden wir fünf Gründe, warum der Film den Goldenen Bären verdient hat. Und in der Welt stimmt Barbara Möller, in der FAZ Andreas Kilb aus vollem Herzen zu.

Weiteres: Die Premiere des Dokumentarfilms "Anderson" (eine Besprechung in der Welt) war von kleineren Unruhen begleitet, berichtet Matthias Dell im Freitag. Patrick Wildermann porträtiert im Tagesspiegel die Schauspierlerin Julia Hummer, die beim Festival in "Top Girl" zu sehen ist (unsere Kritik). Für die taz hat sich Andreas Busche mit dem rumänischen Regisseur Corneliu Porumboiu unterhalten. Simon Rothöhler untersucht für die taz Schulterschlüsse zwischen Kino und Kunst aus dem Forum Expandend.

Besprochen werden der chinesische Wettbewerbsfilm "Black Coal Thin Ice" (Tagesspiegel/Perlentaucher/Zeit), Jonathan Nossiters "Natural Resistance" (Welt), der chinesische Western "No Man"s Land" (Berliner Zeitung) Wim Wenders" Kollaborationsprojekt "Kathedralen der Kultur" (Perlentaucher), Thomas Allen Harris" Dokumentarfilm "Through A Lens Darkly" (Perlentaucher), Georg Nonnenmachers Dokumentarfilm "Raumfahrer" (Tagesspiegel), Stephan Geenes "Umsonst" (taz), Tamara Trampes "Meine Mutter, ein Krieg und ich" (taz) und Catherine Deneuves neuer Film "Madame empfiehlt sich" (FR).
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Bühne

Die Briten diskutieren gerade die Klassengesellschaft auf ihren Bühnen, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ: "Die "Times" unternahm eine kleine Studie darüber, deren Ergebnisse unlängst zu lesen waren. Unter hundert mit Auszeichnungen gefeierten englischen Schauspielern, die nach 1957 geboren wurden, genoss ein überproportional hoher Prozentsatz eine Ausbildung an Privatschulen, wie das Blatt erklärt. Die Chancen, in Großbritannien als Schauspieler mit einem Working-Class-Hintergrund erfolgreich zu sein, haben sich, so die Behauptung, in den vergangenen 30 Jahren reduziert."

Ebenfalls in der NZZ bekundet Isabelle Jakob Begeisterung für Ken Ossolas in Genf aufgeführte Ballett-Choreografie "Mémoire de L"Ombre". Zwar sind Szenen zu beobachten, "die sich kaum voneinander abheben, sondern vielmehr den Eindruck eines diffusen Ganzen vermitteln. In den eigenen Sehgewohnheiten gefangen, sucht man verzweifelt nach Anhaltspunkten eines Erzählstrangs, nach Eckpunkten einer Geschichte. Was man fälschlicherweise als choreografisches Defizit abtun könnte, entpuppt sich bald als unglaubliche Qualität, denn die Schnörkellosigkeit der Inszenierung gibt einem die seltene Möglichkeit, sich gänzlich auf den Tanz zu konzentrieren." Ein vom Theater zur Verfügung gestelltes Video bietet einige Eindrücke:



Außerdem: Stefan Keim trifft sich für die Welt mit dem aufsteigenden Jung-Regisseur Simon Stone. Besprochen wird die Kriegstheaterrevue "Oh What a Lovely War" am Royal Theatre Stratford (FAZ).
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Kunst

Für die taz hat sich Ronald Berg die Ausstellung "Lens Based Sculpture" in der Berliner Akademie der Künste angesehen. Diese geht der Frage nach dem Verhältnis zwischen Fotografie und Skulptur nach: "Das meint nicht nur die einfache Tatsache, dass viele Bildhauer eben nach Fotovorlagen arbeiten. Hermann Pitz interpretiert den Bildraum tatsächlich ganz plastisch, wenn er das Innere von alten Boxkameras in Gips gießt. Für viele Bildhauer, die in der Nähe zur Performance oder mit temporären Interventionen arbeiten, ist die Fotografie das Einzige, was am Ende übrig bleibt. Ob Ana Mendieta ihr Gesicht für die Kamera gegen eine Glasscheibe presst oder ob Michael Asher einen Wohnwagen in Münster parkt, solch plastische Aktionen wäre ohne Fotos auch in dieser Ausstellung unsichtbar."

Besprochen werden Karl Lagerfelds Ausstellung "Parallele Gegensätze: Fotografie - Buchkunst - Mode" im Museum Folkwang in Essen (taz), eine Ausstellung über afrikanische Stammesmasken im Museum Rietberg in Zürich (NZZ), die Ausstellung "Corporate Design: Der Logopionier Wilhelm Deffke" im Folkwang-Museum Essen (SZ) und eine Ausstellung von Duchampiana in der Galeria Stella A in Berlin (Berliner Zeitung).
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