Efeu - Die Kulturrundschau
Schubumkehr des Denkens
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.10.2026. Wie groß muss ihr Hass auf Israel sein, fragt sich die NZZ, nachdem Sally Rooney lieber ihre Bücher aus dem Handel hat nehmen lassen, als sich von einer palästinensischen Terrorgruppe zu distanzieren. Artechock vergleicht Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza" mit Claude Lanzmanns "Shoah". Die taz meldet unter Berufung auf The Atlantic, dass mit der Verleihung des Caine Prize for African Writing an Simbarashe Steyn Kundizezas Kurzgeschichte "The Blue Fighter" erneut ein angeblich per KI ersteller Text ausgezeichnet wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
16.10.2026
finden Sie hier
Literatur
In Britannien hat der Verlag Faber alle Bücher von Sally Rooney aus dem Handel genommen - offenbar nach Übereinkunft mit der Autorin. Diese hatte zuvor angekündigt, ihre aus britischen Verkäufen erzielten Gewinne der 2025 als terroristische Organisation eingestuften Gruppe "Palestine Action" spenden zu wollen - was ihr unter Umständen schwere juristische Probleme einbringen könnte. Aus den Statements von Rooney und dem Verlag, die man auszugsweise bei der taz nachlesen kann, wird Zelda Biller (NZZ) nicht recht schlau: "Unklar bleibt, warum Rooney gerade jetzt die Auslieferung ihrer Bücher stoppt. .... Hat sie inzwischen Post von MI5 bekommen? Hat sie sich vom politischen Momentum der englischen Grünen inspirieren lassen, die Anfang Oktober auf einer Parteikonferenz Zionismus mit Rassismus gleichsetzten? ... Rooney hat weltweit mehr als sechs Millionen Bücher verkauft, davon über zwei Millionen in Großbritannien. Ihr Hass auf Israel, den einzigen jüdischen Staat der Welt, scheint ihr wichtiger zu sein als der eigene Erfolg. Das kann man konsequent nennen. Oder einfach wahnhaft."
Sophia Zessnik meldet in der taz unter Berufung auf The Atlantic, dass mit dem Caine Prize for African Writing für Simbarashe Steyn Kundizezas Kurzgeschichte "The Blue Fighter" erneut ein angeblich per KI ersteller Text mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Erneut kam die Software Pangram dafür zum Einsatz. "Für den Verdacht spricht, dass Pangram alle 25 früheren Gewinnergeschichten und Kundizezas früheren Text 'The Whistleblower' als menschlich geschrieben einstuft. Atlantic-Autor Vauhini Vara erkennt zudem typische KI-Merkmale: 'Nicht x, sondern y'-Konstruktionen (Sätze, die erst etwas verneinen und dann die eigentliche Aussage dagegensetzen, etwa 'Das war kein Zufall, sondern Absicht'), eine Flut von Metaphern und Stereotype über das Leben in Afrika. Allerdings ist unabhängige Forschung zur Treffsicherheit bei Autoren unterschiedlicher Herkunft noch begrenzt." (Hier unsere Resümees zum Fall Thélyson Orélien, der in Frankreich immer noch für Debatten sorgt.)
Besprochen werden unter anderem Sven Regeners "Frankie und Freddie" (Welt), Christian Buckards "Café Babylon. Berlin, Romanisches Café. 1913-1933" (FR, unsere Leseprobe), Eka Kurniawans "Bellende Katzen" (FR) und Rupert Gaderers "Reaktionsmaschine. Tribunale sozialer Medien" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Sophia Zessnik meldet in der taz unter Berufung auf The Atlantic, dass mit dem Caine Prize for African Writing für Simbarashe Steyn Kundizezas Kurzgeschichte "The Blue Fighter" erneut ein angeblich per KI ersteller Text mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Erneut kam die Software Pangram dafür zum Einsatz. "Für den Verdacht spricht, dass Pangram alle 25 früheren Gewinnergeschichten und Kundizezas früheren Text 'The Whistleblower' als menschlich geschrieben einstuft. Atlantic-Autor Vauhini Vara erkennt zudem typische KI-Merkmale: 'Nicht x, sondern y'-Konstruktionen (Sätze, die erst etwas verneinen und dann die eigentliche Aussage dagegensetzen, etwa 'Das war kein Zufall, sondern Absicht'), eine Flut von Metaphern und Stereotype über das Leben in Afrika. Allerdings ist unabhängige Forschung zur Treffsicherheit bei Autoren unterschiedlicher Herkunft noch begrenzt." (Hier unsere Resümees zum Fall Thélyson Orélien, der in Frankreich immer noch für Debatten sorgt.)
Besprochen werden unter anderem Sven Regeners "Frankie und Freddie" (Welt), Christian Buckards "Café Babylon. Berlin, Romanisches Café. 1913-1933" (FR, unsere Leseprobe), Eka Kurniawans "Bellende Katzen" (FR) und Rupert Gaderers "Reaktionsmaschine. Tribunale sozialer Medien" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst



300 Jahre alt würde der Grafiker Daniel Chodowiecki heute, der zu seiner Zeit eine Berühmtheit war, nicht nur, weil er Werke von Goethe, Schiller oder Shakespeare illustrierte, weiß Christian Schröder im Tagesspiegel. Schön, dass gleich drei Ausstellungen (in der Berliner Gemäldegalerie, im Schloss Neuhardenberg und im Berlin Museum) an den "Superstar" der Aufklärung erinnern, freut sich Schröder. "'Der Abschied des Jean Calas von seiner Familie' lautet der Titel des Bildes, mit dem Chodowiecki 1766 den Durchbruch schaffte. Es illustriert einen Justizskandal. Der Tuchhändler war in Toulouse zu Unrecht wegen Mordes zum Tod verurteilt und durch Rädern hingerichtet worden. Voltaire erreichte seine posthume Rehabilitierung. Chodowiecki zeigt den Moment, in dem Calas sich von seinen bestürzten Angehörigen verabschiedet, während der Kerkermeister schon dessen Fußfesseln öffnet, damit er zur Hinrichtung gehen kann."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel überlegt Bernhard Schulz mit Blick auf das Werk von Lovis Corinth, der in Berlin und München wirkte, welche der beiden Städte damals fortschrittlicher war. Für die SZ trifft sich Alexander Menden mit Gregor Schneider, dessen Projekt "Haus u r" in einer aktualisierten Version in der Kunsthalle Düsseldorf zu sehen sein wird, bis diese dann 2029 voraussichtlich saniert werden kann. Das 2023 als NS-Raubkunst eingestufte Kandinsky-Werk "Das bunte Leben" ist für etwa 32 Millionen Euro bei Christie's versteigert worden, meldet ebenfalls die SZ. In der FAZ gratuliert Freddy Langer dem Fotografen Bruce Gilden zum Achtzigsten.
Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Women support Women" in der Kommunale Galerie Berlin und die Ausstellung "Courage. Schwestern im Geiste" in der Berliner Prater Galerie (taz).
Bühne
Dorion Weickmann zürnt in der SZ: Seit über einem Jahrzehnt wird in Wuppertal über die Ausgestaltung des Pina-Bausch-Zentrums verhandelt, aber nichts geht voran. "Unter Einbeziehung eines sogenannten Risikozuschlags könnte das Projekt statt der bislang veranschlagten rund 160 Millionen mehr als 220 Millionen Euro kosten. Wolfram Weimer, der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM), denkt nicht daran, über den bislang zugesagten Betrag von gut 37 Millionen Euro hinaus Geld hinzulegen. Obwohl Pina Bauschs einzigartige Kunst de facto nationales Kulturgut mit internationalem Marktwert ist."
Besprochen werden das Stück "The Alonetimes" von Jennifer Walshe und Philip Venables an der Deutschen Oper in Berlin (Tsp) und Martin Crimps Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" am Theater Basel (nachtkritik).
Besprochen werden das Stück "The Alonetimes" von Jennifer Walshe und Philip Venables an der Deutschen Oper in Berlin (Tsp) und Martin Crimps Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" am Theater Basel (nachtkritik).
Film
In einem ausführlichen Artechock-Essay kommt Rüdiger Suchsland nochmal auf Yuval Abrahams und Rachel Szors "Naza" zu sprechen. Dass die beiden Filmemacher darin einen Hinweis auf Claude Lanzmanns "Shoah" einstreuen, hat manche Kritiker dazu veranlasst, "Naza" eng auf diesen Film zu beziehen - zu Unrecht und zu voreilig, findet Suchsland: "'Naza' will ein investigativer Dokumentarfilm sein. 'Shoah' entwickelt dagegen eine umfassende filmische Form für die Zeugenschaft über ein feststehendes historisches Verbrechen, dessen Folgen, Erinnerung und Darstellbarkeit selbst zum Gegenstand werden." Vor allem aber sprechen die Menschen in 'Naza' komplett anonym - ihre Aussagen lösen sich vom Aussagenden und werden auf ihren bloßen semantischen Inhalt reduziert. Lanzman hingegen "interessiert sich nicht nur für das Gesagte, sondern für den Menschen, der es sagt. Ein Gesicht ist bei ihm kein dekoratives Beiwerk der Aussage. Es ist Teil des Zeugnisses. Die Kamera beobachtet, wie eine Erinnerung sich im Gesicht niederschlägt, wie jemand stockt, den Blick abwendet oder sich einer Frage widersetzt. Die Person ist nicht lediglich Trägerin von Informationen, sondern ein Gegenüber, dessen Verhalten die Aussage begleitet, verändert und mitunter infrage stellt."
In Berlin bietet das Zeughauskino Ende November die rare Möglichkeit, Lanzmanns "Shoah" über ein Wochenende verteilt von 35mm-Kopien zu sehen.
Weitere Artikel: In seiner Artechock-Kolumne empfiehlt Rüdiger Suchsland Rachel Langs Thriller "Im Visier der Macht", der nur bei den Hofer Filmtagen auf der Leinwand zu sehen sein wird, bevor er auf die Streaming-Plattformen geht: Dieser Film ist "ein Gegenentwurf zu allen zerknirschten Denkerinnen und woken weichen 'neuen Männern' im deutschen Kino, zu allen heilen Familien und achtsamen gesellschaftlichen Klassenstrebern". Axel Timo Purr empfiehlt auf Artechock die 16. Afrikanischen Filmtage in München. Birgit Schmid spricht für die NZZ mit Andreas Dresen über dessen aktuellen Film "Alte Liebe". Jörg Gerle berichtet für den Filmdienst vom auf Horror und Science-Fiction spezialisierten Filmfestival Sitges, wo Horrorklassiker aus dem Fundus präsentiert wurden - darunter Christopher Lees erster "Dracula"-Auftritt erstmals in einer unzensierten Fassung.
Besprochen werden Volker Schlöndorffs "Heimsuchung" (Artechock, Welt, unser Resümee), Romain Gavras' "Sacrifice" (critic.de, FAZ, unsere Kritik), Kitao Sakurais Action-Rangelei "Street Fighter" nach dem gleichnamigen Computerspiel (Standard), Brian Duffields Survivalthriller "Whalefall", der im Innern eines Wals spielt (Welt), Blerta Bashollis vorerst nur in der Schweiz startender Film "Dua" (NZZ), die neuen Horrorserien "Carrie", "Crystal Lake" und "House of Yang" (ZeitOnline) und Marcus Stigleggers Studie "Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino" (Artechock).
In Berlin bietet das Zeughauskino Ende November die rare Möglichkeit, Lanzmanns "Shoah" über ein Wochenende verteilt von 35mm-Kopien zu sehen.
Weitere Artikel: In seiner Artechock-Kolumne empfiehlt Rüdiger Suchsland Rachel Langs Thriller "Im Visier der Macht", der nur bei den Hofer Filmtagen auf der Leinwand zu sehen sein wird, bevor er auf die Streaming-Plattformen geht: Dieser Film ist "ein Gegenentwurf zu allen zerknirschten Denkerinnen und woken weichen 'neuen Männern' im deutschen Kino, zu allen heilen Familien und achtsamen gesellschaftlichen Klassenstrebern". Axel Timo Purr empfiehlt auf Artechock die 16. Afrikanischen Filmtage in München. Birgit Schmid spricht für die NZZ mit Andreas Dresen über dessen aktuellen Film "Alte Liebe". Jörg Gerle berichtet für den Filmdienst vom auf Horror und Science-Fiction spezialisierten Filmfestival Sitges, wo Horrorklassiker aus dem Fundus präsentiert wurden - darunter Christopher Lees erster "Dracula"-Auftritt erstmals in einer unzensierten Fassung.
Besprochen werden Volker Schlöndorffs "Heimsuchung" (Artechock, Welt, unser Resümee), Romain Gavras' "Sacrifice" (critic.de, FAZ, unsere Kritik), Kitao Sakurais Action-Rangelei "Street Fighter" nach dem gleichnamigen Computerspiel (Standard), Brian Duffields Survivalthriller "Whalefall", der im Innern eines Wals spielt (Welt), Blerta Bashollis vorerst nur in der Schweiz startender Film "Dua" (NZZ), die neuen Horrorserien "Carrie", "Crystal Lake" und "House of Yang" (ZeitOnline) und Marcus Stigleggers Studie "Mediale Projektionen des Anderen. Indigene Kulturen im Genrekino" (Artechock).
Musik
Ueli Bernays erinnert in der NZZ anlässlich des erst jetzt geführten Prozesses um die Ermordung des Rappers Tupac Shakur an die bis in die Siebziger zurückreichende Geschichte der Gang Wars zwischen den Crips und den Bloods in South Central Los Angeles. Der Gangsta-Rap, der dort in den Achtzigern entstand und sich rasch international popularisierte, ist eng mit dieser Geschichte verflochten: "Im Hip-Hop wird der Gangster, der sich, befreit von Gesetz und Moral, im Dschungel der Metropolen durchschlägt, zumeist glorifiziert und gefeiert." Doch "es gibt auch kritischere Stimmen. Auf seinem herausragenden zweiten Album 'Good Kid. M. A. A. D City' (2012) etwa rappt Kendrick Lamar aus der Perspektive eines Jugendlichen, der sich gegen die Dominanz der Gangs wehrt - und trotzdem in ihre Abgründe gleitet."
Weiteres: Boris Herrmann porträtiert in der SZ Gustavo Dudamel, der kürzlich vom Los Angeles Philharmonic Orchestra zum New York Philharmonic wechselte und mit seinem neuen Orchester morgen in Berlin Mahler spielen wird. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker Dieter Glawischnig.
Besprochen werden ein Konzert der Zürcher Géza-Anda-Stiftung, das mit Zlata Chochieva, Dmitry Yudin, Wataru Hisasue, David Fray und Anton Gerzenberg gleich fünf ehemalige Preisträger synchron miteinander spielen ließ, was den Pianisten laut NZZ-Kritiker Christian Wildhagen "makellos gelingt", das neue Jazzalbum "Sure Grand Out" von Myra Melford (taz) und das neue Album "Archives" von Vanishing Twin ("Nicht selten reiben sich futuristische Sounds dabei an bukolische Feldaufnahmen", schreibt Stephanie Grimm in der taz).
Weiteres: Boris Herrmann porträtiert in der SZ Gustavo Dudamel, der kürzlich vom Los Angeles Philharmonic Orchestra zum New York Philharmonic wechselte und mit seinem neuen Orchester morgen in Berlin Mahler spielen wird. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzmusiker Dieter Glawischnig.
Besprochen werden ein Konzert der Zürcher Géza-Anda-Stiftung, das mit Zlata Chochieva, Dmitry Yudin, Wataru Hisasue, David Fray und Anton Gerzenberg gleich fünf ehemalige Preisträger synchron miteinander spielen ließ, was den Pianisten laut NZZ-Kritiker Christian Wildhagen "makellos gelingt", das neue Jazzalbum "Sure Grand Out" von Myra Melford (taz) und das neue Album "Archives" von Vanishing Twin ("Nicht selten reiben sich futuristische Sounds dabei an bukolische Feldaufnahmen", schreibt Stephanie Grimm in der taz).
4 Kommentare



