Efeu - Die Kulturrundschau

Das Jenseits der Schriftsteller

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19.10.2026. Als einsame Viruserkrankte begeistert Nina Hoss die Kritiker in Mariko Minoguchis Film "Die andere Seite". Das Deutsche Jazzfestival zeigt der FAZ allerhöchste Standards abseits von ausgetretenen Jazz-Pfaden. Die SZ bewundert die Virtuosität der Jazzpianistin Johanna Summer. Die taz trauert um den senegalesischen Autor Cheikh Hamidou Kane. Michael Köhlmeier erinnert sich im Gespräch mit dem Standard an seine verstorbene Frau Monika Helfer. Die Münchner Theaterbesucher gruselt es in Felicitas Bruckers Horváth-Inszenierung über den Verlust der Moral in schwierigen Zeiten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2026 finden Sie hier

Film

Nina Hoss ist "auf der anderen Seite"

Susan Vahabzadeh ist in der SZ sehr ergriffen von Mariko Minoguchis "Die andere Seite". Nina Hoss spielt darin eine in einem bayerischen Wald einsiedelnde Viruserkrankte, die während einer globalen Pandemie Abstand zum Rest der Gesellschaft hält und mit ihrem Überleben beschäftigt ist. Es ist "eine faszinierende Tour de Force für Nina Hoss. ... Sie ist ganz großartig, wie sie dem Wald und der Einsamkeit ihr Überleben abtrotzt, tausend Emotionen ausdrückt ohne ein einziges Wort. ... Aber zum Teil ist 'Die andere Seite' auch ein Essay über Ausgrenzung, Freiheit, Solidarität, eine Dystopie der gespaltenen Gesellschaft. ... Minoguchi lässt in ihrem Film Pandemie und Flüchtlingskrise in ihren Bildern fließend ineinander übergehen, nur sind die Flüchtlinge hier vorwiegend Europäer. Hoss, die ums Überleben kämpft, die Natur in ihrer widerborstigen Pracht: Das ist alles ganz wundervoll anzusehen. Zum Heulen schön. Aber doch zum Heulen."

Die Regisseurin "erzählt mit unglaublicher Effizienz", schreibt Jens Balkenborg in der FAZ: "Helikopter kreisen über dem Wald, Autos stauen sich vor einer Grenze, flankiert von Menschen mit Masken. Aus Hannas Radio kommt die Nachricht, dass es in Frankreich Tumulte gegeben habe, ein Strom Geflüchteter sei auf dem Weg Richtung Süden. Ein gekonntes Spiel der Andeutungen, das einer von Paranoia erfassten Welt die nötigen Konturen gibt, ohne dabei etwas auszuerzählen."

Außerdem: Hanns-Georg Rodek freut sich in der Welt, dass der lange Zeit verschollene Erinnerungsband, den die Filmcrew vor hundert Jahren F. W. Murnau nach den Dreharbeiten zu "Faust" geschenkt hat, nun wieder aufgetaucht ist und als Faksimile veröffentlicht wird. Besprochen werden Johann Lurfs auf 70mm gedrehter Experimentalfilm "Forever... Forever", der die Viennale eröffnet (Dieser Film "fügt der Essenz des Kinos die Essenz des Kosmos hinzu", schreibt Dunja Bialas im Standard), Andrina Mračnikars auf der Viennale gezeigtes Historiendrama "Mila/Marija" (Standard) und Ilja Chrschanowskis Abschlussfilm seines "Dau"-Zyklus (Standard, mehr dazu bereits hier).
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Musik

Wenn Johanna Summer spielt, dann "wirkt das ein wenig so, als würde man einer großen Komponistin beim Denken zuhören", schreibt Andrian Kreye in seinem SZ-Porträt der Jazzpianistin: "Was sie da aus dem Moment holt, strahlt oft, reißt selten in die atonale Moderne aus, entwickelt dafür aus ihrer Virtuosität die Schnörkelhaftigkeit einer großen Sonate, um dann mit kräftigen Blues-Akkorden einen Swing daraus zu machen. ... Ihre Improvisationen bewegen sich an der Schnittstelle zwischen klassischer Musik und Jazz auf einer magischen Ebene. Auch da erinnert sie ein wenig an Bill Evans. Manchmal reichen schon zwei, drei Auftaktakkorde, mit denen sie ein Publikum in einen atemlosen Bann zieht. Mit dem Unterschied, dass Evans vor allem die Romantik in die Jazz-Gegenwart seiner Zeit holte und Summer aus dem gesamten Schatz der konzertanten Klaviermusik schöpft, der bei ihr irgendwo bei Bach beginnt und bei Philip Glass nicht zwingend endet."

Hier spielt sie mit der WDR Big Band ihre Komposition "Die Tilgung":



Jazzfestivals waren früher Orte des Streits, der Avantgarde-Provokationen, des Protests des Publikums gegen Künstler auf der Bühne oder der Künstler auf der Bühne gegen das Publikum. Nichts von alledem beim Deutschen Jazzfestival, das zum 73. Mal in Frankfurt stattgefunden hat, berichtet Wolfgang Sandner in der FAZ. Ist auch ganz gut so, meint er, denn auf der Bühne gab es höchstes Niveau und im Publikum höchste Sachkenntnis. "Ein früher, kompromisslos innermusikalischer Höhepunkt" war der Auftritt von Christof Lauer. "Dieser Gigant des Tenorsaxofons" begab sich komplett solo und ohne technische Mätzchen auf eine "Odyssee durch das Labyrinth der Klangmöglichkeiten. ... Ohne Netz vorgegebener Idee und ohne doppelten Boden harmonischer Strukturen entwickelt er aus dem Augenblick heraus eine fantastisch geschlossen wirkende Improvisation." Für die FR hat Stefan Michalzik das Festival besucht.

"Soundalikes - Musik, die stilistisch und vor allem stimmlich so klingt wie bestimmte Künstler:innen - werden für die Musikwelt zunehmend zum Problem", schreibt Kristoffer Cornils in der taz, ausgehend vom Fall von Tara Nome Doyle, die nicht schlecht staunte, als auf ihrem Spotify-Künstlerprofil plötzlich Musik auftauchte, die gar nicht von ihr stammte. Solche per KI erstellte und aufgrund laxer Überprüfungen rasch ins Nest gelegte "Kuckuckseier" werden "genutzt, um im Streaming-Umfeld den realen Künstler:innen Tantiemen streitig zu machen." Doch "erst nachdem die KI-Klone bei Spotify den Tantiemenklau begangen haben, oder jemand einen Song mit einem stimmlichen Soundalike veröffentlicht hat, lässt sich das straf- oder zivilrechtlich verfolgen. Dem nachzugehen, kann für unbekannte Künstler:innen mit extrem viel Aufwand verbunden sein."

Weitere Artikel: In der FAZ erklärt Edo Reents, warum das nun in einer Luxusausgabe mit zahlreichen Scheiben füllenden Outtakes und Alternativversionen wiederveröffentlichte Beatles-Album "Rubber Soul" pophistorisch so wichtig ist. Besprochen werden das Zürcher Abschiedskonzert von Marek Janowski, der Ende des Jahres seine Karriere beenden will (NZZ), ein Auftritt von Dendemann in Frankfurt (FR) und ein Konzert von Deep Purple in Zürich (NZZ am Sonntag) und das neue Album des Londoner Psychedelic-Trios Vanishing Twin (NZZ).
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Literatur

Dominic Johnson schreibt in der taz zum Tod von Cheikh Hamidou Kane, der im Alter von 98 Jahren in Senegal gestorben ist. Sein 1962 erschienener Roman "L'Aventure ambiguë" (Das zwiespältige Abenteuer) "machte ihn weltweit berühmt. ... Es war ein Gründungsakt der modernen afrikanischen Literatur". In ihm stellte Kane die Fragen seiner Generation, "der letzten Zeugen einer Zeit, in der das alte Afrika starb. ... Soll man sein Kind auf die Schule der Weißen schicken, wo sie etwas Neues lernen, aber eben das Alte nicht mehr? 'Ist das, was man lernt, so viel wert wie das, was man vergisst?' lässt er einen Protagonisten fragen. Die Antwort ist klar: Man muss. Sonst wird die nächste Generation keine Zukunft haben. ... Wie die Alten das Ende all ihrer Gewissheiten durch die Opfergabe ihrer Kinder an die Weißen abzumildern versuchen, steht für das Dilemma eines ganzen Kontinents. ... 'L'Aventure ambiguë' erschien zu früh, um die nachkolonialen Enttäuschungen in Afrika nachzuzeichnen, aber das Buch macht deutlich, wie es zwangsläufig zu diesen Enttäuschungen kommen musste."

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Mia Eidlhuber spricht für den Standard sehr ausführlich mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, dessen Frau, die Schriftstellerin Monika Helfer im August überraschend verstorben ist. Es sind rührende Erinnerungen an eine geglückte Literatenehe - dem frühen Tod der gemeinsamen Tochter Paula zum Trotz. "Wir hatten eine lange Vergangenheit, und es ist uns immer wieder geglückt, im Augenblick zu leben. Das heißt, das scheinbar Unwesentliche als Einmaligkeit zu begreifen. ... Monika hat sich in den vergangenen Jahren angewöhnt, in der Nacht zu arbeiten. Manchmal haben wir uns um zwei Uhr in der Küche getroffen. Haben dann einen Kakao getrunken, und ich habe ihre Füße massiert. ... Im vergangenen Jahr haben wir uns Liebesgedichte geschickt, sie 63 vom ersten Stock zu mir, ich 63 vom Erdgeschoss hinauf zu ihr. Wir haben uns gewünscht, dass Paula uns abholt. Das Jenseits der Schriftsteller haben wir uns wie den Steinhof vorgestellt, mit Pavillons auf mehreren Hügeln. Ganz oben ist die Villa von Shakespeare, und der sieht die Paula und ist ganz hingerissen von ihr."

Weitere Artikel: Artur Weigandt liest für die Welt "Die Registrierung", den Roman, den der russische Exil-Schriftsteller Dmitry Glukhovsky gratis ins Netz gestellt hat und in dem er kompromisslos mit seiner alten Heimat abrechnet (mehr zum Buch bereits hier). In der FAZ gratuliert Tilman Spreckelsen dem Schriftsteller Philip Pullman zum 80. Geburtstag. 70 Jahre alt wird unterdessen der Schriftsteller Najem Wali, dem Andreas Platthaus in der FAZ gratuliert.

Besprochen werden unter anderem Martina Hefters "Nach der Sonne schauen" (Standard), Marie Luise Kaschnitz' "Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau" (Jungle World), Richard David Prechts Essay "Auserzählt? Wie künstliche Intelligenz die Kultur abschafft" (SZ), Davide Giuriatos "Die Fliege. Versuch über ein politisches Tier" (NZZ) und die Neuausgabe von H. G. Adlers "Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Bühne

"Jugend ohne Gott". Foto: Julian Baumann


Felicitas Brucker inszeniert Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" an den Münchner Kammerspielen, ursprünglich ein Roman um Repressionen und Gruppendruck, der unter dem Eindruck des Nationalsozialismus entstanden ist. Laut taz-Kritikerin Merle Zils gelingt ihr damit eine "Inszenierung, die kein Jugend-Bashing betreibt und sich weder an der Nazi-Vergangenheit noch an einer AfD-Gegenwartserzählung festklammert, sondern fragmentarisch von den Abgründen des Menschen erzählt: mit (teils angepassten) Passagen aus Horváths Text, ergänzt durch neue Szenen der Autorin Anne Habermehl." Es ist "ein Stück, das weit über die Figuren des Abends hinausreicht. Gemeinsam mit einem treibenden Ensemble plädiert sie zornig, manchmal verletzlich, dabei nicht belehrend und selten konkret politisch für die Moral. Oder wie Horváth es schrieb: 'Hinter dem Hass sitzt die Traurigkeit.'"
 
Für Stefan Fischer in der SZ sind größere Teile der Inszenierung "der absichtsvolle Ausdruck für sozialmedialen Stumpfsinn. Insofern ist es mitunter ein mühsames Unterfangen, dieser Inszenierung beizuwohnen. Nur gelingt es ihr eben, und das wird am Ende mit starkem Beifall honoriert, den Kern der horváthschen Erzählung für unsere Zeit neu herauszuarbeiten: Dass jedes Denken und Handeln einer nachfolgenden Generation eine - entweder abstoßende oder adaptierende - Reaktion ist auf das, was ihr vorgelebt wird. Obschon sie kaum in persona vorkommen, erzählt 'Jugend ohne Gott' also vor allem etwas über die Erwachsenen. Über ihren Mangel an Verantwortung." Weitere Besprechung in der Nachtkritik. 

Weiteres: Dorion Weickmann fordert in der SZ mehr Förderungen für die deutsche Tanzszene und ärgert sich über unüberlegte und intransparente Kürzungen.

Besprochen werden: Tschechows "Die Möwe" am Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Peter Hacks' Aristophanes-Nachdichtung "Der Frieden", inszeniert von Christina Friedrich am Staatstheater Cottbus (Nachtkritik), Shakespeares "Richard der Dritte", inszeniert von Andreas Kriegenburg am Schauspiel Stuttgart (FR), Stefan Bachmann führt Regie bei Alfred Jarrys "König Ubu" am Burgtheater Wien (FAZ, Nachtkritik), "Die Optimistinnen" von Ayla Yeginer am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg (taz) und Jan Friedrich inszeniert Dorothee Elmigers "Die Holländerinnen" am Deutschen Theater in Berlin (taz, Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Architektur

Die Europacity nahe dem Berliner Hauptbahnhof ist insgesamt ein ziemlicher Fehlgriff, findet Falk Jaeger im Tagesspiegel, aber Jan Kleihues' Hochhaus für die Deutsche Kreditbank hat vielleicht doch etwas ästhetisch versöhnliches: "Das Objekt hat Masse genug, um die Position am Ende der Europacity städtebaulich skulptural zu vollenden. Von den 37 Metern Traufhöhe der Heidestraße treppt es sich von fünf Geschossen hoch auf elf und schließlich auf 19 Geschosse und manifestiert eine optimistische Aufwärtsbewegung mit dem Höhepunkt am Verkehrsknoten, wo sich drei Bahnlinien, mehrere Straßenachsen und der Spandauer Schifffahrtskanal am Nordhafen treffen. Der Dynamismus der Baukörpergliederung wird durch abgerundete Ecken der Kuben unterstützt."

Architektur, und vor allem Stadtplanung, sollten immer auch ein soziales Ideal verfolgen, befindet Nikolaus Bernau ebenfalls im Tagesspiegel.
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Stichwörter: Europacity, Kleihues, Jan

Kunst

Sandro Botticelli, Giuliano de'Medici, 1478, 57,1 x 38,4 cm, Gemäldegalerie, Kat.Nr. 1068. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Jörg P. Anders.


Die Ausstellung "Porträts" in der Berliner Gemäldegalerie ist nach einem spannenden Prinzip zusammengesetzt, so Birgit Rieger im Tagesspiegel, die Kuratoren haben nach visuellen Ähnlichkeiten geschaut und unerwartete Porträt-Paare gegenübergestellt: "Bei Sandro Botticelli sind es die flächigen Farbkontraste und der Blick im Porträt des Giuliano de' Medici, die es mit dem Doppelporträt von Tamara de Lempicka vergleichbar machen. Lempicka, die sich in den 1920er-Jahren selbst zur Ikone stilisierte und die man heute vermutlich als Influencerin bezeichnen würde, hat ihre Geliebte Ira Perrot in kombinierter Dreiviertel- und Profilansicht gemalt. Iras Blick ist melancholisch und in sich gekehrt. Auch der Medici-Spross im Dreiviertelprofil hat die Lider gesenkt. Allerdings steckt bei Botticelli eine ganz eigene Symbolik dahinter: Giuliano de' Medici war bereits tot, als der Maler ihn porträtierte. (…) Allerdings gibt es weitere Bezüge zwischen Botticellis Darstellung und Lempickas Malerei. Lempicka war inspiriert von den Formen der Frührenaissance, kopierte in Florenz Botticellis berühmte Madonna del Magnificat in den Uffizien. Gerade das leicht Unberechenbare dieser Paarungen macht sie interessant."

Hubert Spiegel schlägt in der FAZ die Hände über dem Kopf zusammen: Der Kölner Finanzausschuss hat dem Stadtrat empfohlen, das Interim des Römisch-Germanischen Museums zu schließen, um 1,5 Millionen Euro Kosten zu sparen, bis der ursprüngliche Bau 2030 fertig saniert ist. Nicht wirklich durchdacht, findet Spiegel: "Mit den 1,5 Milliarden Euro, die Köln für die Opern- und Schauspielsanierung veranschlagen muss, könnte man die Miete für das Interim im Belgischen Haus noch ein gutes Weilchen bestreiten, nämlich 3000 Jahre lang. (…) Vieles spricht dafür, dass die Einsparung weit geringer ausfallen dürfte als angestrebt. Einsparungen in Höhe von 1,5 Millionen Euro stehen bislang noch nicht durchgerechnete Kosten für Räumung, Transport und Lagerung der Interimsausstellung gegenüber. Außerdem fallen Einnahmen aus dem Verkauf der Eintrittskarten weg und neue Kosten für die Unterbringung der Verwaltung an. 1,5 Millionen Euro, wer wüsste das besser als die Kölner, sind im unbarmherzigen Licht der Verhältnisse rasch zusammengeschmolzen."
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