Efeu - Die Kulturrundschau

In die Zunge gehämmert

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26.03.2025. Claus Leggewie sieht im Perlentaucher erste Anzeichen dafür, dass Boualem Sansal frei kommen könnte. Die FAZ berichtet von einem Literaturskandal in Estland, wo ein preisgekrönter Essay als KI-Schöpfung enttarnt wurde. Die taz lernt in Karlsruhe von der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros, was Sprache mit Körperlichkeit zu tun hat. Die FAZ verteidigt das Bayerische Nationalmuseum gegen Antisemitismusvorwürfe. Ein Boykott amerikanischer Kulturinstitutionen trifft genau die Falschen, vermutet Backstage Classical. Kurdwin Ayubs Film "Mond" feiert weiblichen Mumm, freut sich die taz.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.03.2025 finden Sie hier

Literatur

Claus Leggewie will in einer Intervention für den Perlentaucher Anzeichen erkennen, dass Boualem Sansal freikommen könnte. Zwar wäre das Regime "durchaus fähig, Sansal im Gefängnis schmoren (und sterben) zu lassen, wie es auch andere Oppositionelle, namentlich kritische Journalisten drangsaliert. Wieso also kann man optimistisch sein? Spekulativ: Weil die Härte der Sanktion - zehn Jahre Knast - auf einen möglichen 'Deal' hindeutet, der auf die Verurteilung Begnadigung und Abschiebung folgen lässt. Und noch mehr, weil sich der algerische Staatspräsident Tebboune so eingelassen hat, dass er Frankreich tadelt, aber auch einen Deal auf Augenhöhe mit seinem Amtskollegen Macron anvisiert."

"In Leipzig wird ein Bücherfest gefeiert, in Dar El Beida ein Fanal inszeniert", kommentiert Andreas Platthaus in der FAZ den Prozess in Algerien, und zwar "gegen einen weltoffenen Schriftsteller, der die Missstände in seinem Land zu offen benannt hat, als dass ihm das daheim verziehen würde." Der Protest gegen Sansals Gefangennahme hält zwar an und wird wohl auch auf der Leipziger Buchmesse zu hören sein, doch "die algerische Regierung interessiert sich nicht für die Welt. Die Missachtung individueller Rechte, allen voran derer auf freie Meinungsäußerung und Wissenschaftsausübung, zugunsten eines behaupteten Mehrheitswillens ist ein bewährtes und derzeit das probateste Mittel bei der Abwicklung dessen, was bürgerliche Freiheit ausmacht. ... Im repressiven Umgang mit Büchern hat man einen Indikator für Tyrannei. Fantasie und Faktentreue sind ihr gleichermaßen unerträglich."

Der estnische Komponist Jüri Reinvere erzählt in der FAZ von einer Posse in seiner Heimat: Dort wurde letzten Herbst bei einem Essaywettbewerb im zur Zukunft Estlands ein Beitrag einer vorgeblich 19-jährigen Autorin namens Nora Maria London prämiert - dass der Text wahrscheinlich von einer KI geschrieben sein könnte, dämmerte manchen erst im Nachhinein. Tatsächlich gab sich nun der über 30-jährige Schriftsteller Kaur Riismaa als eigentlicher Autor zu erkennen, "der auf diese Weise seinem Frust über die politische Bevorzugung von Genres und Gender Luft machte und das Preisgeld einstrich. ... Die beliebte Fernsehsendung, in der er auftrat und das Geheimnis hinter der erfundenen Autorin lüftete, versuchte, den Skandal kühl zu rationalisieren. ... Dass die Sorge um Estlands geistiges Überleben von einer neunzehnjährigen Frau vorgetragen wurde, die nicht existiert; dass die Jury nur auf die spektakuläre Preisentscheidung schaute, ohne tiefer in die Materie einzusteigen; dass das prämierte Werk wahrscheinlich mit wesentlicher Hilfe von Künstlicher Intelligenz geschrieben worden war - all das wurde höflich verschwiegen. Ingmar Bergman sagte einmal, dass das Interesse des Menschen am Menschen ewig wäre und deshalb immer Hoffnung für die Kunst bestehe. Unsere Zeit hat begonnen, diesen Glauben zu erschüttern."

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier erinnert in der FAZ an den Schriftsteller und Journalist Hugo Bettauer, der vor 100 Jahren von einem Nationalsozialisten ermordet wurde. Schriftstellerin Teresa Präauer ist in ihrer SZ-Glosse reichlich genervt von der Geplauder-Inflation im Netz, "diesem Abklatsch der Idee von Meinungsvielfalt und Beteiligung".

Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (FAZ), Antje Rávik Strubels "Der Einfluss der Fasane" (Dlf Kultur), Christoph Heins "Das Narrenschiff" (Welt), Yasmina Rezas "Die Rückseite des Lebens" (TA), Thomas Manns "Deutsche Hörer" mit seinen BBC-Reden von 1933 bis 1945 (FR), Carmen-Francesca Bancius "Mutters Tag" (Tell), Katharina Geisers "Die Wünsche gehören uns" (NZZ), Jakob Heins "Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste" (FR), Faruk Šehićs "Von der Una" (FAZ) und Martin Mosebachs "Die Richtige" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Gefangen in einem systemischem Käfig: Florentina Holzinger in "Mond"

Kurdwin Ayubs thrillerartig erzählter "Mond" lässt eine österreichische Kampfsporttrainerin (gespielt von der Choreografin Florentina Holzinger in ihrem Filmdebüt) in Jordanien aufschlagen, wo sie drei junge Frauen einer wohlhabenden Familie trainieren soll, die von der Außenwelt abgeschottet sind. Ayub spielt bewusst "mit dem White Savior Complex", schreibt Carolin Weidner in der taz, "sie kalkuliert den Clash zwischen Wirklichkeit und Rettungsfantasie und macht damit eine Erfahrung möglich, die uns mit eigenen Erwartungen und Fehlschlüssen konfrontiert". Der Film handelt von der "Ohnmacht, die man angesichts der systemischen Unterdrückung von Frauen empfinden kann. Sowie die Erkenntnis, dass auch die Bereitschaft zu Heldentaten nur schwer an einem Fundament zu rütteln vermag, das derart fest verankert ist. Sich in Erzählungen zu flüchten, in denen Einzelnen Großartiges gelingt, trösten, inspirieren möglicherweise. Mit den Tatsachen haben sie oft nichts gemein. Ayub offeriert all dies nie süffisant, nie herablassend. Sie setzt auf ihre Protagonistinnen, schenkt ihnen Mumm und Widerständigkeit."

Jens Balkenborg (FAZ) verortet den Film in Ayubs Theater- und Filmschaffen: Die Filme der kurdisch-österreichischen Regisseurin "lassen Kulturen crashen, stellen Fragen zu Migration und Religion, zu Heimatlosigkeit, (patriarchaler) Macht und (digitalen) Identitäten. Ihre Figuren sind Gefangene in systemischen Käfigen, manche wollen raus, manche haben sich eingerichtet. Dass es Systeme gibt, wie 'Mond' zeigt, die ohne Intervention von außen unüberwindbar scheinen, verleiht diesen sehr kinematographischen Werken etwas erschlagend Wahrhaftiges."

Weiteres: Dass der (wie der Standard meldet, nun wieder auf freien Fuß gesetzte) Fotograf und Regisseur Hamdan Ballal bei einer Auseinandersetzung zwischen Palästinensern und israelischen Siedlern im Westjordanland verletzt und vom Militär verhaftet wurde, erinnert FAZ-Filmkritiker Bert Rebhandl an Szenen aus dem Dokumentarfilm "No Other Land", an dem Ballal beteiligt war. Marco Fründt blickt für die taz auf die aktuelle Ausgabe des Griechischen Filmfestivals in Hamburg. Welt-Kritikerin Marie-Luise Goldmann erfährt in der neuen Staffel von "White Lotus", warum Trio-Freundschaften untereinander gerne übereinander lästern, sobald das Trio zum Duo schrumpft.
Archiv: Film

Bühne

Opera Forward Festival - Codes. Foto: Michel Schnater

Joachim Lange besucht für die taz das Amsterdamer Opera Forward Festival. Hier wird der Versuch unternommen, die Kunstform Oper einem neuen, jüngeren Publikum nahezubringen und im Großen und Ganzen scheint dies zu gelingen. Besonders gefällt Lange "das von Gregory Caers mit 170 (!) Jugendlichen inszenierte Stück 'Codes'. Es ist faszinierend, wie hier die jungen Akteure einzeln und dann in kleinen und immer größer werdenden Gruppen nach ihren Bewegungs- und Ausdrucksritualen im Umgang mit unterschiedlichen Lebenssituationen suchen, dabei verschiedene Erfahrung machen und immer wieder in neue Bewegungsmuster übersetzen und dabei singen und auch sprechen. Man kann nur staunen, wie man eine solche Masse auf einer Bühne in ein Ensemble verwandeln kann, das mit seiner Kraft fasziniert - Einzelnen ihren Auftritt verschafft und am Ende alle in den Bann zieht."

Außerdem: Das Berliner Ensemble, berichtet der Tagesspiegel, spielt wieder Jorinde Dröse und Claude De Demos Stück "#Motherfuckinghood", das die beiden Regisseurinnen nach Mobbingvorwürfen gegen die Leitung des Hauses ausgesetzt hatten. Besprochen wird Tschaikowskis "Iolanta" in Evgeny Titovs Inszenierung an der Wiener Staatsoper (Standard, "Coming-of-Age-Geschichte im Hyperkitsch").
Archiv: Bühne

Kunst

Ausstellungsansicht, Lenora de Barros: To See Aloud, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 2025. Foto: Felix Gruenschloss

Sprache, in Kunst verwandelt: Das kann man derzeit, so Carmela Thiele in der taz, im Badischen Kunstverein Karlsruhe bewundern. Der widmet der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros eine Ausstellung, die sich unter anderem dem körperlichen Aspekt von Sprache widmet: "Dreh- und Angelpunkt ihres Werks ist die Doppelbedeutung des portugiesischen Wortes 'Lingua', das sowohl Sprache als auch Zunge heißt. Die Zunge liegt diskret verborgen in der Mundhöhle. In ihren Videoperformances untersucht die Künstlerin diesen Muskel am eigenen Leib und stellt seine Beweglichkeit zur Schau oder attackiert ihn. In der Arbeit 'Calaboca (Shut up)' ist die Künstlerin verstummt, während jemand ihr die Buchstaben des Wortes 'Silencio' in die Zunge hämmert. Diese groteske Szene entstand als Fotomontage, die in das Video eingebaut ist."

Stefan Trinks verteidigt in der FAZ das Bayerische Nationalmuseum gegen den in der SZ erhobenen Vorwurf des "saisonalen Antisemitismus" in Bezug auf ein Faltblatt des Museums, auf dem eine klischeeisierte Judas-Darstellung abgedruckt war (mehr hier). Trinks: "An mittelalterlicher Kunst Interessierte wissen, dass rote Haare, Silberlinge und das grellgelbe Gewand die Attribute des Judas im Hoch- und Spätmittelalter sind und den für die Heilserfüllung so wichtigen Jünger Jesu auf nahezu allen mittelalterlichen Altären identifizierbar machen, auch wenn wir heute diese Stereotypisierung schrecklich finden. Oft geht dies außerdem mit einer Verzerrung der Gesichtszüge und einer Hakennase einher, Ausdruck eines strukturellen Antijudaismus des Christentums (Judas als personifizierter Verräter, Juden als 'Christusmörder'), der Pogrome anstachelte. Deshalb aber grundsätzlich jede Darstellung des Judas mit den oben genannten Attributen als antisemitisch zu bezeichnen, würde alle Künstler des Mittelalters summarisch zu Antisemiten erklären." Marcus Woeller greift den Fall in der Welt ebenfalls noch einmal auf und kommt zu einem ganz anderen Schluss. Für ihn liegt eine antisemitische Ausdeutung des Motivs nahe. Und außerdem: "Wenn ausgerechnet Kunsthistoriker die Wirkung von Bildern nicht mehr einschätzen können, dann ist das ein Grund zu Besorgnis."

Ein Gerhard-Richter-Fresko, das der Künstler selbst als "Jugendsünde" bezeichnet, wird bald im Dresdner Hygienemuseum wieder vollständig zu besichtigen sein, vermeldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. Die Istanbuler Kunstszene meldet sich, berichtet Ingo Arend für monopol, nach der Festnahme Ekrem Imamoğlus zu Wort - gegen Erdoğan. Jan Kage unterhält sich ebenfalls auf monopol mit dem Künstler Christian Thoelke. Donald Trump gefällt das Porträt seiner selbst nicht, das in der Präsidentengalerie des Kapitols von Colorado hängt, teilt uns unter anderem Valerie Dirk im Standard mit. Mark Reichwein spaziert mit Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle an der Saale, für die Welt durch dessen Wirkungsstätte. Susanna Petrin porträtiert in der NZZ die Blumenkünstlerin Bella Meyer.

Besprochen werden die Gruppenausstellung "Invading Space" in der Berliner Galerie Schau Fenster (taz), die Schau "Berliner Realistinnen" im Berliner Haus am Lützowplatz (FR), die Fotoausstellung "Aslan Goisum, Suspect" im Berliner Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst (Tagesspiegel) und die Schau "Ein Jahrhundert in Bildern. Österreich 1925-2025" in der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (Standard).
Archiv: Kunst

Design

Standard-Kritiker Michael Freund kann nach dem Besuch der Ausstellung im Wiener Fotomuseum Westlicht zur legendären, von Willy Fleckhaus als Art Director gestalteten 60s-Zeitschrift Twen den Phantomschmerzäußerungen von Hannes Hintermeier in der FAZ (unser Resümee) nur beipflichten: "Nach viel Antiästhetik und 'Anything goes' in der Grafikdesignbranche wäre es heute immer noch ein hervorragendes Magazin. Twen fehlt. Die Schau macht das bewusst."
Archiv: Design
Stichwörter: Fleckhaus, Willy, Twen

Architektur

Bernhard Schulz spaziert für die FAZ durch Portlandis, das neu errichtete Besucherzentrum des Rotterdamer Hafens. Gestaltet hat es das umtriebige Architekturbüro MVRDV. Nicht nur die in Portlandis präsentierten Ausstellungen, auch die Gestaltung des Gebäudes soll dabei helfen, das zunehmend unübersichtliche Hafengelände doch wieder überblickbar zu machen: "Im Portlantis ist jede Etage an einer Seite durchgängig befenstert, jedoch in eine jeweils andere Richtung, sodass die Ausstellungskapitel mit den entsprechenden Ausblicken korrespondieren, sei es etwa auf die Kräne des nächstgelegenen Container-Kais oder auf die Reihe der Windräder, die sich auf dem Deich entlangzieht. Ein kleines Exemplar steht nahe dem Gebäude und versorgt es mit grünem Strom. Die Terrasse, durchgehend knallrot gehalten, bietet einen Rundblick über das Areal, das so gar nichts mehr gemein hat mit dem einstigen innerstädtischen Hafen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Portlandis, Rotterdam

Musik

Franz Welser-Möst hat im Kommentar für Backstage Classical zwar Verständnis dafür, dass in Europa derzeit einige klassische Musiker die USA boykottieren. Aber als langjähriger Leiter des Cleveland Orchestras "habe ich auch verstanden, dass Musik und Kultur in den USA eine ganz besondere Rolle einnehmen: Sie sind demokratische Orte einer breiten, aufgeklärten Gesellschaft. Anders als in Österreich oder Deutschland werden die meisten Kulturinstitutionen hier von privaten Spenden finanziert. Gerade deshalb sind viele der Institutionen dem eigenständigen Denken und dem Dialog mit den Menschen verpflichtet - und nicht irgendeiner Regierung. ... Ich befürchte, dass generelle Boykotte der US-Kultur die Gefahr bergen, ausgerechnet jene Amerikanerinnen und Amerikaner zu treffen, die derzeit für die Demokratie auf die Straßen gehen. ... Boykotte amerikanischer Kulturinstitutionen würden wohl dazu führen, dass die USA zu einer intellektuellen Wüste würden. Und damit wäre eine Politik unterstützt, die genau das in Kauf nimmt: die Bedeutungslosigkeit der Kultur."

Weitere Artikel: Christian Wildhagen (NZZ) und Winrich Hopp (FAZ) erinnern an Pierre Boulez, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. In den Audiotheken von ARD und Deutschlandradio finden sich zu diesem Jubiläum zahlreiche lange, dem Komponisten gewidmete Sendungen. Karl Fluch freut sich im Standard auf die Österreich-Tour von The Godfathers. Samir H. Köck porträtiert in der Presse den österreichischen Musiker und Gitarrenhändler Stootsie. Stefan Frommann plaudert in der Welt mit dem früheren EAV-Musiker Thomas Spitzer über Österreich und die Welt.

Besprochen werden Benjamin Schaefers "Irregular Pearls" (FR) und das im Alter von 100 Jahren vorgelegte Debütalbum des Jazzmusikers Marshall Allen, der seit den Fünfzigerjahren im Sun Ra Arkestra spielt ("Allen ist im Zen des hohen Alters angekommen", schreibt Christoph Wagner in der NZZ). Im Musikvideo zeigt er sich beeindruckend rüstig:

Archiv: Musik