Efeu - Die Kulturrundschau
Angst in Hymnen
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06.03.2025. Der Tagesspiegel lauscht den stummen Botschaften von Pilzen, die Shu Lea Cheang durchs Münchner Haus der Kunst sendet. Die SZ weiß: Seit 2022 wusste man in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, welche Werke restituiert werden müssten. Gelungener Protest oder hohler Ketamin-Rave? Die Zeit klatscht Beifall, wenn Anne Imhof Teenager gegen Trump auf SUVs toben lässt. Mehr ist nicht drin?, fragt dagegen bestürzt Hyperallergic. Die taz klärt Trump, der dem Land klassische Architektur verordnet, über Repräsentationen von Macht auf. Die Zeit trifft sich mit Christian Kracht in Kalkutta.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.03.2025
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Kunst

In den Installationen und Performances der taiwanesisch-amerikanischen Künstlerin Shu Lea Cheang geht es um Rassismus, Datenmüll, Überwachung, Biotechnologien, KI und Robotik, erklärt Gabi Czöppan (Tagesspiegel), die sich im Münchner Haus der Kunst in der Schau "Kiss Kiss Kill Kill" gern auf einen Science-Fiction-Parcours einlässt: "In den drei Räumen hört man Maschinen fahren und Schafe blöken, Essensgeruch liegt in der Luft, Computertasten krachen aus Röhren auf den Boden, und Pilze senden über Drähte stumme Botschaften, die sich in Musik verwandeln und für gute Stimmung sorgen. Am Anfang transportieren Miniroboter leere Pappschachteln von einer Wand zur anderen - doch das 'Home Delivery', so der Titel des Raums, endet mit einem Berg aus Papiermüll, der immerhin recycelbar ist. Gegen die unsinnige Leerfracht rebellieren die Maschinen, indem sie auf ihrer Fahrt den künstlichen Geruch von hausgemachten Lunchpaketen verdampfen. Mittendrin steht ein runder Tisch mit den Schädeln von Schafen."
In der SZ liefert Jörg Häntzschel nach im Raubkunst-Skandal der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Entgegen der öffentlichen Beteuerungen nenne ein bereits auf den Mai 2022 datierter und von den beiden damaligen Stellvertretern von Generaldirektor Bernhard Maaz an diesen adressierter Brief 6000 zu überprüfende Werke, von denen rund 1000 rot oder orange eingestuft wurden: "An dieser Stelle, so die Autoren, beginnen die Probleme. Es sei für die weitere Untersuchung dieser 1000 Fälle 'keine Priorisierung und Zeitschiene vorhanden'. Weder die Leitung der Staatsgemäldesammlungen noch die Leitung der Provenienzabteilung hätte Kriterien formuliert, welche Bilder als erste zu untersuchen seien und welche warten könnten. Angesichts der riesigen Menge und des großen Zeitaufwands, der mit der 'Tiefenrecherche' verbunden ist, ist diese Frage essenziell: Wann wird die Herkunft eines Bildes ermittelt, wann werden die Erben kontaktiert, wann wird die Restitution eingeleitet?"
In einem Welt-Essay stellt sich Hans-Joachim Müller die Frage, warum andere deutsche Städte schaffen, was Berlin nicht gelingt: Zündende Ausstellungsideen. "Es liegt etwas seltsam Defensives über der Berliner Museumspolitik. Als sollte alles tunlichst vermieden werden, was nach Auftrumpfen, nach zu viel Glanz aussehen könnte." Seine Diagnose: "Vielleicht ist das museale Pflichtenheft schlicht zu üppig ausgefallen. Vielleicht kranken die Berliner Museen an ihrer historisch aufgelaufenen Überforderung."
Weiteres: Marion Ackermann wechselt an die Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, als neuer Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden folgt ihr Bernd Ebert, der nicht überzeugt ist, dass Museen "Orte der Demokratie und niedrigschwelliger sein müssen", wie er im SZ-Gespräch mit Peter Richter sagt. Besprochen wird die Schau "Isa Genzken meets Liebighaus" im Frankfurter Liebighaus (FR).
Literatur


Außerdem: In der juristischen Auseinandersetzung (unser Resümee) zwischen dem Galeristen Johann König und dem Autor Christoph Peters, gegen dessen Roman "Innerstädtischer Tod" ersterer gerichtlich vorzugehen versucht, hat das Landgericht Hamburg in erster Instanz "die Kunst großräumig abgesichert", schreibt Paul Jandl in der NZZ. An diesem Wochenende auf nach Leipzig, ruft uns Andreas Platthaus in seiner Comickolumne auf FAZ.net zu: Denn nur noch an diesem Wochenende ist dort die dem Comiczeichner Chris Ware gewidmete Ausstellung zu sehen. Tobias Schwartz erinnert im Tagesspiegel an die vor 150 Jahren geborene Schriftstellerin Alice Berend.
Besprochen werden unter anderem Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (online nachgereicht von der FAZ), Dmitrij Kapitelmans "Russische Spezialitäten" (online nachgereicht von der FAZ), Florentine Anders' "Die Allee" (FR), Sven Pfizenmaiers "Schwätzer" (Jungle World), Thomas Manns "Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland" (NZZ), Camilla Barnes' "Keine Kleinigkeit" (FAZ) und eine Neuausgabe von J. G. Ballards "Super-Cannes" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Und die Nominierungen für den Leipziger Buchpreis stehen fest - in unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir Sie für einen Büchertisch mit allen Titeln zusammengestellt.
Film

Das ziemlich reine Genre-Kino von Paul W.S. Anderson muss man mögen, sonst wird das nichts. Mit "In the Lost Lands" vermählt der Regisseur Motive aus Western, Fantasy, Science-Fiction und Endzeit-Spektakel. "Zweifellos befinden wir uns, wenn wir die Lost Lands betreten, im Reich der B-Movie-Postmoderne", schreibt Lukas Foerster auf critic.de, der zu Andersons großen Bewunderern zählt, "und doch bekommt man den Film nicht zu fassen, wenn man ihn nur als das Sammelsurium synthetischer Mythologeme beschreibt, das er selbstverständlich auch ist. Denn im Kern hat Anderson einen Film erschaffen, dem Stimmungs-, Licht- und Bewegungsmodulationen durchgehend wichtiger sind als erzählerische oder auch nur motivische Stringenz." Zu erleben ist "eine ziemlich beispiellose Vermählung absoluter Künstlichkeit mit intuitiver Stimmigkeit, die sich vor allem in einer berückenden Lichtregie manifestiert. Licht ist in diesem Film nicht mehr dazu da, eine ihm selbst vorgängige Welt auszuleuchten, sondern wird zu einer sich oftmals ursprungslos in mehreren Schichten über die Einstellungen ausbreitenden Substanz eigenen Rechts."
Weitere Artikel: Der Filmdienst spricht mit der Regisseurin Anne Fontaine über deren Biopic "Bolero" über Maurice Ravel. Magdalena Mayer empfiehlt in der Presse die Wiener Feminist Week mit feministischem Filmprogramm.
Besprochen werden Gints Zilbalodis' eben mit dem Oscar ausgezeichneter Animationsfilm "Flow" (FR, Artechock), Ariane Labeds "September & July", dem laut Perlentaucherin Alice Fischer "eine klischeefreie Annäherung an weibliche Sexualität und jugendliches Begehren gelingt", Bong Joon-hos Weltraumsatire "Mickey 17" (Perlentaucher, FR, Welt, Artechock, mehr dazu bereits hier), Ladj Lys Banlieue-Drama "Die Unerwünschten - Les Indésirables" (taz, Artechock), Petra Volpes "Heldin" mit Leonie Benesch als Krankenpflegerin am Limit (TA, unsere Kritik), Alain Guiraudies Thriller "Misericordia" (critic.de, Artechock), die israelische Serie "Kugel" (NZZ), die von Arte online gestellte Serie "Douglas is Cancelled" (taz) und die ebenfalls von Arte gezeigte Krimiserie "Fatal Crossing" (FAZ). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die wichtigsten Filmstarts der Woche.
Bühne
Es ist die bisher größte Performance der deutschen Künstlerin Anne Imhof, staunt Tobias Timm im Aufmacher des Zeit-Feuilletons: In der 5000 Quadratmeter großen Exerzierhalle der New Yorker Park Avenue Armory hat sie zwei dutzend SUVs zu einer "modernen Wagenburg" aufgebaut, auf deren Dächer eine Gruppe junger Menschen skandiert "We're fucked! We're doomed!" Für Timm das "Stück der Stunde": "Ein 'Drill für die Liebe', so hatte es Imhof schon vor einem Jahr angekündigt, solle das werden. Sie habe gespürt, in welche Richtung sich die Dinge in den USA entwickeln würden; so etwas vorauszusehen, sei sie in der Kunst trainiert. Einfach hat sie es sich mit dieser Performance nicht gemacht: Das Stück ist eine komplexe und nicht lineare Neuerzählung von Shakespeares Romeo und Julia, teils Theaterstück und Ballett, teils Punkkonzert und Installation - voll mit Zitaten aus anderen Kunstgenres." Warum die New Yorker Kunstszene zu Trump noch schweigt, will Timm von Marina Abramović, die im Publikum ist, wissen: Sie spricht "von einer 'Katatonie', von einer fast schon physischen Erstarrung als Folge einer Depression."
Auf Hyperallergic ärgert sich hingegen Hakim Bishara über diese "infantile, komisch unpolitische und tragisch hohle" Performance, die zwischen trauriger Schulaufführung und einem Berliner Rave auf Ketamin mäandere: "Zombieartige Teenager klettern auf glänzende schwarze Cadillac-SUVs, wo sie kiffen, sich tätowieren lassen oder einfach nur gelangweilt ins Leere starren. Sie sind unterdrückt von dieser ungerechten Welt, in der unterdrückerische Erwachsene das Klima zerstören und Transsexuellen ihre Rechte nehmen. Das ist das Politischste, was die Show zu bieten hat: irgendwo auf dem Boden lagen ein paar zerrissene Pappstücke mit Sätzen wie 'Help me I'm trans' und 'don't touch my tits'. ... Leider sieht das, was der rebellische Aufschrei einer verkorksten Generation gegen die Brutalität des Kapitalismus und die mörderischen Ideologien unserer Führer hätte sein können, am Ende aus wie ein Fotoshooting für eine Balenciaga-Werbung und klingt auch so." Fotos findet man bei Women's Wear Daily.
Besprochen werden außerdem die Reihe "Digital Sins", die von der Neuköllner Oper und dem Berliner Museum für Kommunikation veranstaltet wird (taz), der Auftakt des F-Festivals - (F for Fuck the patriarchy) im Berliner Ballhaus Prinzenallee (Tsp) und Jan Neumanns "Faust"-Inszenierung am Nationaltheater Weimar sowie Lydia Bunks "Faust"-Inszenierung am Landestheater Eisenach (Welt).
Auf Hyperallergic ärgert sich hingegen Hakim Bishara über diese "infantile, komisch unpolitische und tragisch hohle" Performance, die zwischen trauriger Schulaufführung und einem Berliner Rave auf Ketamin mäandere: "Zombieartige Teenager klettern auf glänzende schwarze Cadillac-SUVs, wo sie kiffen, sich tätowieren lassen oder einfach nur gelangweilt ins Leere starren. Sie sind unterdrückt von dieser ungerechten Welt, in der unterdrückerische Erwachsene das Klima zerstören und Transsexuellen ihre Rechte nehmen. Das ist das Politischste, was die Show zu bieten hat: irgendwo auf dem Boden lagen ein paar zerrissene Pappstücke mit Sätzen wie 'Help me I'm trans' und 'don't touch my tits'. ... Leider sieht das, was der rebellische Aufschrei einer verkorksten Generation gegen die Brutalität des Kapitalismus und die mörderischen Ideologien unserer Führer hätte sein können, am Ende aus wie ein Fotoshooting für eine Balenciaga-Werbung und klingt auch so." Fotos findet man bei Women's Wear Daily.
Besprochen werden außerdem die Reihe "Digital Sins", die von der Neuköllner Oper und dem Berliner Museum für Kommunikation veranstaltet wird (taz), der Auftakt des F-Festivals - (F for Fuck the patriarchy) im Berliner Ballhaus Prinzenallee (Tsp) und Jan Neumanns "Faust"-Inszenierung am Nationaltheater Weimar sowie Lydia Bunks "Faust"-Inszenierung am Landestheater Eisenach (Welt).
Musik
Jan Brachmann erinnert in der FAZ mit einem großen Text an Maurice Ravel, dessen Geburtstag sich morgen zum 150. Mal jährt. Dominika Hirschler spricht für VAN mit dem Piano-Duo GrauSchumacher. Christine Lemke-Matwey porträtiert in der Zeit Matthias Moosdorf, der früher Cellist im Leipziger Streichquartett war und seit 2021 für die AfD im Bundestag sitzt. Die Agenturen melden, dass das Bach-Archiv in Leipzig einige wertvolle Originale aus New York erhält.
Besprochen werden ein Berliner Abend mit dem Chansonnier Tim Fischer und den Liedern von Hildegard Knef (Tsp) sowie neue Alben von Max Andrzejewski (FR), der Chills (Standard) und von Bob Mould, der einst in den Achtzigern den Alternative Rock erfunden hat (Standard).
Besprochen werden ein Berliner Abend mit dem Chansonnier Tim Fischer und den Liedern von Hildegard Knef (Tsp) sowie neue Alben von Max Andrzejewski (FR), der Chills (Standard) und von Bob Mould, der einst in den Achtzigern den Alternative Rock erfunden hat (Standard).
Architektur
In einem seiner zahlreichen Dekrete der vergangenen Woche verfügte Donald Trump, mit Bundesmitteln finanzierte Bauten sollen sich ab sofort an "regionale, traditionelle und klassische architektonische Traditionen zu halten", die moderne Architektur der Nachkriegszeit oder der viele öffentliche US-Gebäude prägende Brutalismus sollen hingegen ausradiert werden, schreibt Sebastian Moll in der taz: "Wie allerdings der Rückgriff auf Klassizismus und Neoklassizismus zu Trumps Programm des Populismus passt, ist eher fraglich. Schon seit der Renaissance werden klassisch-antike Formen für die Repräsentation von Macht verwendet. Nicht zuletzt die Tatsache, dass sämtliche Eliteuniversitäten der USA klassizistisch gestaltet sind, macht den Stil zum offensichtlichen Symbol der Exklusivität."
Weitere Artikel: Ganz nachvollziehen kann Nicola Kuhn (Tagesspiegel) den Pritzker-Preis für den chinesischen Architekten Liu Jiakun nicht: "Eigentlich soll diese renommierteste Auszeichnung der Branche Personen auszeichnen, deren Werk die Debatte über Wege des Bauens und künstlerischer Architektur bereits bereichert haben wie die vorherigen Preisträger Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Frei Otto, Norman Foster, David Chipperfield, Francis Kéré oder Peter Zumthor. Lius Wirkung auf die Weltarchitektur aber war bisher überschaubar."
Weitere Artikel: Ganz nachvollziehen kann Nicola Kuhn (Tagesspiegel) den Pritzker-Preis für den chinesischen Architekten Liu Jiakun nicht: "Eigentlich soll diese renommierteste Auszeichnung der Branche Personen auszeichnen, deren Werk die Debatte über Wege des Bauens und künstlerischer Architektur bereits bereichert haben wie die vorherigen Preisträger Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Frei Otto, Norman Foster, David Chipperfield, Francis Kéré oder Peter Zumthor. Lius Wirkung auf die Weltarchitektur aber war bisher überschaubar."
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