25 Jahre Perlentaucher
Sie spuckt in die Hände und pflegt Füße
Von Arnim Eisenhut
06.03.2025. "Liebevoll, zugewandt - und im wahrsten Sinne ganz ohne Berührungsängste." Arnim Eisenhut antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Im November 2024, zum Start unserer Kritikerumfrage, verzeichnete die Buchdatenbank des Perlentaucher knapp 61.000 Bucheinträge, davon machte der Anteil deutschsprachiger Belletristik etwa 12.800 Einträge, also ein gutes Fünftel aus. 12.800 Romane, Krimis, Kinderbücher, Gedichtbände, Reportagen oder Briefwechsel wurden in den vergangenen 25 Jahren mindestens einmal in den großen überregionalen Zeitungen besprochen, weit mehr als 2000 mindestens fünfmal.
Fünf aus 12.800 - die Auswahl kann also nur eine unfaire sein, vor allem dann, wenn eine Lektürelücke von knapp zehn Jahren aufklafft: Meine Nullerjahre waren nicht nur, aber auch studienbedingt deutschen Klassikern und Wiener Modernisten vorbehalten. Dann, zusammenfallend mit meiner Zeit beim Perlentaucher, hungrig zurück im Gelände deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die Feststellung: Die Popliteratinnen der Teenagerjahre sind abgelöst worden, an ihre Stelle ist die sogenannte migrantische bzw. postmigrantische Literatur getreten, die der Gegenwartsliteratur neue Perspektiven schenkt und der deutschen Sprache längst einen neuen Sound verleiht. Aber welche Töne klingen nach?
Hier meine Fünf, chronologisch geordnet, mit der Hoffnung, dass sie ihre Botschaft durch das 21. Jahrhundert tragen:
Zwei Nennungen, eine Entscheidung: Terezia Mora und Christoph Hein hinterlassen mit Muna und Friedemann Romanfiguren, die nach der Lektüre lange nicht loslassen. Nicht zwingend aus Zuneigung, sondern weil sie zur Verzweiflung treiben, so weit, dass man ins Romangeschehen eingreifen möchte, um sie zu schütteln. Zwei Protagonisten mit ostdeutschen Lebensläufen, beide vor und nach der Wende im Literaturbetrieb tätig, sie gefangen in einer gewalttätigen Beziehung, er, dessen katholischer Vater eine Kindheit lang versuchte, ihm die Homosexualität mit dem "Siebenstriemer" aus dem Leib zu prügeln, ein Doppelleben lang gefangen in sich selbst. Zwei große Werke, nüchtern, beklemmend. Mora erweist sich in "Muna oder die Hälfte des Lebens" als die feinere Psychologin, dennoch fällt meine Entscheidung auf Christoph Heins "Verwirrnis" aus dem Jahr 2018, allein deshalb, weil er das Panorama weiter spannt: Hein hat die Wunden, die der rigide Katholizismus hinterlässt, ebenso im Blick wie die schwelende Macht, die nicht nur autoritäre Staaten und Gesellschaften auf den Einzelnen ausüben können, dem sie das Recht auf freie Selbstentfaltung nehmen. Richtungsweisend, weil Hein von den Folgen auch stiller Repressionen erzählt und vor dem Angriff durch Staat und Aktivisten auf die Wissenschaftsfreiheit warnt.
Ein Titel, der schnell feststand, weil Katja Oskamp in "Marzahn, mon amour" etwas viel zu ungewöhnliches macht: Während allerorten über "den Osten" diskutiert wird, verlässt Oskamp, Mitte 40 und im eigenen Leben feststeckend, ihre Komfortzone, spuckt in die Hände und pflegt Füße. Sie lässt sich zur Fußpflegerin ausbilden und in einem Salon in Marzahn, in Europas einst größter Plattenbausiedlung, anstellen, empfängt KundInnen, oft alt, einsam und in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hört ihnen zu: Liebevoll, zugewandt - und im wahrsten Sinne ganz ohne Berührungsängste. In wenigen Strichen entstehen Einzelschicksale und Lebensläufe vor unseren Augen, genau beobachtete Vignetten von geradezu August Sander'scher Qualität. Richtungsweisend, weil Oskamps Demut beispielhaft ist. Ein Wunsch für das angebrochene Vierteljahrhundert: eine Serie über Menschen des 21. Jahrhunderts, skizziert von Katja Oskamp.
Über keinen Roman wurde 2021 in einem kleinen Berliner Milieu mehr gesprochen als über Juli Zehs Roman "Über Menschen": In jener saturierten Bohème hörte man an jeder Ecke die Sehnsucht, die Stadt, die sie so gründlich aller Illusionen beraubt hatte, zu verlassen und sich nun Brandenburg vorzuknöpfen. Zeh ließ den Traum der Bourgeoisie wahr werden und ihren Albtraum gleich mit: Im fiktiven Bracken setzt sie der Berlinerin Dora den Nazi vor die Haustür. Im gleichen Zirkel hätte mehr über Leif Randts "Allegro Pastell" aus dem Jahr 2020 gesprochen werden sollen, auf den meine Wahl fällt: Randt hat das selbe Millennial-Milieu im Blick, erweist sich aber als der subtilere Seismograph, wenn er die Leere jener Blase widerspiegelt, die über ihre maßlose Selbstbezüglichkeit das Fühlen verlernt und das Außen vergessen hat. Selten wurde Sprachlosigkeit mit so viel Witz und Ironie geformt. Richtungsweisend, weil Randt die Dekadenz einer Generation einfängt, deren makellos scheinende Oberfläche längst Risse bekommen hat.
Ein Meisterwerk, das die Nerven strapaziert: Kim de l'Horizon gewinnt 2022 den Buchpreis, nicht, weil er queer schreibt, wie einige Kritiker ätzten, sondern zurecht: Ein paar redundante Vulgarismen hätten gestrichen, nicht wenige Assoziationsströme hätten dem Lesefluss zuliebe gebündelt werden dürfen. Aber, 2022, die Genderdebatte ist nach wie vor in vollem Gang, legt Horizon, in der Schweiz geboren, mit "Blutbuch" alles andere als ein identitätspolitisches Manifest vor. Horizon, sich nicht binär verstehend, sprengt Grenzen und Formen, auch von Körper und Geist, und verfasst, fast nebenbei, eine Liebeserklärung an die "Großmeer". Die Kunst des Romans besteht aber darin, wie Horizon über Sprache reflektiert und ihr lebendige Plastizität verleiht: "Großmeers Hände waren Tiere (...) Sie waren Spinnen in ihrer Gestalt, aufgebuckelte Beingetüme; gefangen in ihrer rauen Haut suchten sie unentwegt einen Ausweg aus Großmeer". Richtungsweisend, weil so viel Experimentierfreude in deutschsprachigen Romanen viel zu selten ist.
Ein so schmales wie wuchtiges Buch: In den Neunzigerjahren gehören die Jugoslawienkriege zum Hintergrundrauschen meiner Kindheit, der in Sarajevo geborene Schriftsteller Tijan Sila ist mittendrin. Zwei europäische Kindheiten, geografisch so nahe, biografisch so fern. Wenn Sila in "Radio Sarajevo", 2023 erschienen, den Krieg aus Perspektive jenes Kindes erzählt, das er einst war, fällt kein sentimentales Wort, im Gegenteil: Er schenkt dem Leser so wenig, wie ihm selbst geschenkt wurde. Drastisch zeichnet er die Verrohung einer Gesellschaft nach, in der Krieg zum Alltag wird. Der Vater prügelt mehr denn je, das Kind verlernt das Weinen. Statt Schule stehen Plünderungen, Schlägereien und das Dealen mit Kippen und Pornos auf der Tagesordnung. Glück bedeutet neue Batterien fürs Transistorradio. Es überleben jene, die verhärten, und jene, die fliehen. Richtungsweisend, weil der Roman weit über Silas Biografie hinausweist: Unweigerlich liest man die Schicksale der Kinder in Israel, Gaza, in der Ukraine und in den vielen Kriegsgebieten auf der Welt mit.
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Im November 2024, zum Start unserer Kritikerumfrage, verzeichnete die Buchdatenbank des Perlentaucher knapp 61.000 Bucheinträge, davon machte der Anteil deutschsprachiger Belletristik etwa 12.800 Einträge, also ein gutes Fünftel aus. 12.800 Romane, Krimis, Kinderbücher, Gedichtbände, Reportagen oder Briefwechsel wurden in den vergangenen 25 Jahren mindestens einmal in den großen überregionalen Zeitungen besprochen, weit mehr als 2000 mindestens fünfmal.
Fünf aus 12.800 - die Auswahl kann also nur eine unfaire sein, vor allem dann, wenn eine Lektürelücke von knapp zehn Jahren aufklafft: Meine Nullerjahre waren nicht nur, aber auch studienbedingt deutschen Klassikern und Wiener Modernisten vorbehalten. Dann, zusammenfallend mit meiner Zeit beim Perlentaucher, hungrig zurück im Gelände deutschsprachiger Gegenwartsliteratur, die Feststellung: Die Popliteratinnen der Teenagerjahre sind abgelöst worden, an ihre Stelle ist die sogenannte migrantische bzw. postmigrantische Literatur getreten, die der Gegenwartsliteratur neue Perspektiven schenkt und der deutschen Sprache längst einen neuen Sound verleiht. Aber welche Töne klingen nach?
Hier meine Fünf, chronologisch geordnet, mit der Hoffnung, dass sie ihre Botschaft durch das 21. Jahrhundert tragen:
Zwei Nennungen, eine Entscheidung: Terezia Mora und Christoph Hein hinterlassen mit Muna und Friedemann Romanfiguren, die nach der Lektüre lange nicht loslassen. Nicht zwingend aus Zuneigung, sondern weil sie zur Verzweiflung treiben, so weit, dass man ins Romangeschehen eingreifen möchte, um sie zu schütteln. Zwei Protagonisten mit ostdeutschen Lebensläufen, beide vor und nach der Wende im Literaturbetrieb tätig, sie gefangen in einer gewalttätigen Beziehung, er, dessen katholischer Vater eine Kindheit lang versuchte, ihm die Homosexualität mit dem "Siebenstriemer" aus dem Leib zu prügeln, ein Doppelleben lang gefangen in sich selbst. Zwei große Werke, nüchtern, beklemmend. Mora erweist sich in "Muna oder die Hälfte des Lebens" als die feinere Psychologin, dennoch fällt meine Entscheidung auf Christoph Heins "Verwirrnis" aus dem Jahr 2018, allein deshalb, weil er das Panorama weiter spannt: Hein hat die Wunden, die der rigide Katholizismus hinterlässt, ebenso im Blick wie die schwelende Macht, die nicht nur autoritäre Staaten und Gesellschaften auf den Einzelnen ausüben können, dem sie das Recht auf freie Selbstentfaltung nehmen. Richtungsweisend, weil Hein von den Folgen auch stiller Repressionen erzählt und vor dem Angriff durch Staat und Aktivisten auf die Wissenschaftsfreiheit warnt.
Ein Titel, der schnell feststand, weil Katja Oskamp in "Marzahn, mon amour" etwas viel zu ungewöhnliches macht: Während allerorten über "den Osten" diskutiert wird, verlässt Oskamp, Mitte 40 und im eigenen Leben feststeckend, ihre Komfortzone, spuckt in die Hände und pflegt Füße. Sie lässt sich zur Fußpflegerin ausbilden und in einem Salon in Marzahn, in Europas einst größter Plattenbausiedlung, anstellen, empfängt KundInnen, oft alt, einsam und in der ehemaligen DDR aufgewachsen und hört ihnen zu: Liebevoll, zugewandt - und im wahrsten Sinne ganz ohne Berührungsängste. In wenigen Strichen entstehen Einzelschicksale und Lebensläufe vor unseren Augen, genau beobachtete Vignetten von geradezu August Sander'scher Qualität. Richtungsweisend, weil Oskamps Demut beispielhaft ist. Ein Wunsch für das angebrochene Vierteljahrhundert: eine Serie über Menschen des 21. Jahrhunderts, skizziert von Katja Oskamp.
Über keinen Roman wurde 2021 in einem kleinen Berliner Milieu mehr gesprochen als über Juli Zehs Roman "Über Menschen": In jener saturierten Bohème hörte man an jeder Ecke die Sehnsucht, die Stadt, die sie so gründlich aller Illusionen beraubt hatte, zu verlassen und sich nun Brandenburg vorzuknöpfen. Zeh ließ den Traum der Bourgeoisie wahr werden und ihren Albtraum gleich mit: Im fiktiven Bracken setzt sie der Berlinerin Dora den Nazi vor die Haustür. Im gleichen Zirkel hätte mehr über Leif Randts "Allegro Pastell" aus dem Jahr 2020 gesprochen werden sollen, auf den meine Wahl fällt: Randt hat das selbe Millennial-Milieu im Blick, erweist sich aber als der subtilere Seismograph, wenn er die Leere jener Blase widerspiegelt, die über ihre maßlose Selbstbezüglichkeit das Fühlen verlernt und das Außen vergessen hat. Selten wurde Sprachlosigkeit mit so viel Witz und Ironie geformt. Richtungsweisend, weil Randt die Dekadenz einer Generation einfängt, deren makellos scheinende Oberfläche längst Risse bekommen hat.
Ein Meisterwerk, das die Nerven strapaziert: Kim de l'Horizon gewinnt 2022 den Buchpreis, nicht, weil er queer schreibt, wie einige Kritiker ätzten, sondern zurecht: Ein paar redundante Vulgarismen hätten gestrichen, nicht wenige Assoziationsströme hätten dem Lesefluss zuliebe gebündelt werden dürfen. Aber, 2022, die Genderdebatte ist nach wie vor in vollem Gang, legt Horizon, in der Schweiz geboren, mit "Blutbuch" alles andere als ein identitätspolitisches Manifest vor. Horizon, sich nicht binär verstehend, sprengt Grenzen und Formen, auch von Körper und Geist, und verfasst, fast nebenbei, eine Liebeserklärung an die "Großmeer". Die Kunst des Romans besteht aber darin, wie Horizon über Sprache reflektiert und ihr lebendige Plastizität verleiht: "Großmeers Hände waren Tiere (...) Sie waren Spinnen in ihrer Gestalt, aufgebuckelte Beingetüme; gefangen in ihrer rauen Haut suchten sie unentwegt einen Ausweg aus Großmeer". Richtungsweisend, weil so viel Experimentierfreude in deutschsprachigen Romanen viel zu selten ist.
Ein so schmales wie wuchtiges Buch: In den Neunzigerjahren gehören die Jugoslawienkriege zum Hintergrundrauschen meiner Kindheit, der in Sarajevo geborene Schriftsteller Tijan Sila ist mittendrin. Zwei europäische Kindheiten, geografisch so nahe, biografisch so fern. Wenn Sila in "Radio Sarajevo", 2023 erschienen, den Krieg aus Perspektive jenes Kindes erzählt, das er einst war, fällt kein sentimentales Wort, im Gegenteil: Er schenkt dem Leser so wenig, wie ihm selbst geschenkt wurde. Drastisch zeichnet er die Verrohung einer Gesellschaft nach, in der Krieg zum Alltag wird. Der Vater prügelt mehr denn je, das Kind verlernt das Weinen. Statt Schule stehen Plünderungen, Schlägereien und das Dealen mit Kippen und Pornos auf der Tagesordnung. Glück bedeutet neue Batterien fürs Transistorradio. Es überleben jene, die verhärten, und jene, die fliehen. Richtungsweisend, weil der Roman weit über Silas Biografie hinausweist: Unweigerlich liest man die Schicksale der Kinder in Israel, Gaza, in der Ukraine und in den vielen Kriegsgebieten auf der Welt mit.
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