Im Kino
In den Umwegen am Schönsten
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
05.03.2025. Bong Joon-hos Weltraumspektakel "Mickey 17" verschenkt die Feuerkraft des Bluckbusters gelegentlich an allzu große Zielscheiben. Robert Pattinson freilich brilliert als ein menschliches Versuchskaninchen, das von Assel-Aliens im entscheidenden Moment nicht gefressen wird.
Ein letzter Pickel auf Mickeys Stirn wird ausgedrückt. Der Bioprinter soll das Ding schließlich nicht bei jeder Neuzusammensetzung Mickeys miterneuern müssen. Das futuristische Gerät, das wie die Designer-Version eines Kernspintomographen aussieht, kann aus organischer Recycling-Schlacke, mit Hilfe eines Memory-Sticks, der das Gedächtnis speichert, jeden Menschen replizieren. Auf der Erde der Zukunft sorgt das Ding, wie Mickey (Robert Pattinson) uns im Voice-Over erzählt, für allerlei ethisches und religiöses Blabla unter Philosophinnen, Politikern und diversen anderen Erdenbürgerinnen, lässt letztlich aber alle mit der gleichen moralischen Ratlosigkeit zurück. Zumindest solange, bis einer seiner Mitentwickler zwei ihm nicht nachfolgende, sondern gleichzeitig existierende Kopien von sich selbst anfertigt, die seine Gewaltfantasien ausleben und sich gegenseitig ein Alibi geben. Der von den "Multiples" verübte Serienmord beendet die metaphysische Ratlosigkeit: das Nachproduzieren von Verstorbenen ist auf der Erde fortan verboten.
Also muss die Technik, so schlussfolgert Antagonist und Ex-Senator Kenneth Marshall (Marc Ruffalo), stattdessen im Weltall ausprobiert und zum wirtschaftlichen Wohl der Menschheit eingesetzt werden. Der einzige Freiwillige ist Mickey. Auf der Erde von einem gnadenlosen Kredithai verfolgt, flüchtet er auf die Expedition des auf der Erde gescheiterten Marshall. Da er keine Qualifikationen vorweisen kann, heuert er als "Expendable" an, sprich: als wiederverwendbarer Test- und Arbeitskörper der Expedition. Das Kleingedruckte hat er freilich nicht gelesen, versteht aber spätestens, als die Vorgesetzte ihm nach Ausdrücken des Pickels eine durchgeladene Pistole an die Schläfe drückt, worauf er sich eingelassen hat.
Mickey macht erst einmal gute Miene zum bösen Spiel: Er lässt sich in kosmischer Strahlung braten, von Nervengas vergiften und bei der Ankunft auf dem Zielplaneten der Expedition schließlich so oft von außerirdischen Viren dahinraffen, bis ein Vakzin aus ihm gewonnen werden kann. Während sich die Expedition zunächst fahrlässig, dann zunehmend zielstrebig durch 16 Mickeys arbeitet, fächert Regisseur Bong Joon-ho seine Geschichte in eine schwindelerregende Zahl von Erzählsträngen und damit verbundenen Tonlagen auf.

Dabei geht es nicht allein um Mickeys Ersetzbarkeit, um die der Film immer dann einen ontologischen Schlenker macht, wenn niemand um ihn herum - am ehesten tut das noch seine Freundin, die Sicherheitsbeauftragte Nasha (Naomi Ackie) - für sein Menschsein einsteht, das im Recycling-Prozess mit fortlaufender Nummer unter die Räder kommt. Für die meisten ist Mickey, wenn er einmal nicht dabei ist zu sterben, schlichtweg jemand, der mehr über den Tod weiß, aber über die Frage hinaus, was denn nun wirklich zwischen dem Ab- und Wiederbeleben passiert, nicht von Interesse ist. Eine Antwort hat Mickey nicht. Überhaupt weicht der Film ontologischen Fragen zu Mickeys Menschsein eher aus, statt es ausgiebig auf den Prüfstand zu stellen. Mitnichten verliert Bong bei den unzähligen Umwegen den Faden, gibt einem aber zumindest das Gefühl, ein ums andere Mal die interessantere Abzweigung links liegen zu lassen.
Das Leben auf dem Kolonistenschiff prägen Menschen, die schon auf der Erde das Leben weitgehend an die Wand gefahren haben. So wie der politische und religiöse Anführer und ewige Loser Marshall, dem die Massen mit roten Basecaps auf dem Kopf zujubeln. Mark Ruffalo spielt ihn als US-Präsidenten-Verschnitt, der mit seiner Zunge permanent seine irritierend roséfarbenen Lippen und die noch irritierendere Kauleiste massiert. Damit wirklich absolut kein Zweifel daran besteht, wer hier wirklich gemeint ist, beschert ihm der Film noch ein knapp gescheitertes Attentat. Auf der gleichen Welle surft seine Ehefrau Ylfa (Toni Collette), die dem einfältigen Diktator seine politische Linie ins Ohr flüstern muss. Bong rückt der allzu zeitgenössischen Dystopie mit Satire zu Leibe. Angesichts der Übergröße der jeweiligen Zielscheiben erscheint das freilich nie wie ein wirklich geeigneter Einsatz für die Feuerkraft, die im Blockbuster steckt.
"Mickey 17" ist in den Umwegen, den Side-Quests am schönsten. Oft ist das dort, wo sich Bong um das Leben sorgt, das aus Sicht der Expedition voraus, also im Einklang mit dem Expeditionsplaneten und nicht im Rückspiegel, sprich im Zivilisationsmodell der ausgebeuteten Erde, liegt. Empathie wird nicht nur den permanent durch den Wolf gedrehten Mickeys zuteil. Die Assel-artigen Aliens, die den Zielplaneten bevölkern, werden bald zur eigentlichen Attraktion der auf Robert Ashtons Roman "Mickey7" basierenden Science-Fiction-Geschichte. Nicht allein als Krebstierverkörperung des "Edler Wilder"-Topos, sondern als eigenwillige Alienrasse mit recht rigider Moralvorstellung und einem überraschenden Sinn für Humor.
Alles ändert sich für alle in dem Moment, in dem Mickey auf dem Eis des auf den Namen Niflheim getauften Planeten einbricht und eben nicht, wie erwartet, verlangt und irgendwie auch erhofft das Zeitliche segnet beziehungsweise von den Assel-Aliens gefressen wird. Mickey 17 kehrt zurück zur Expeditionsbasis und trifft in seinem Bett Mickey 18 an. Schnell wird klar: nicht jeder Mickey ist gleich. #17 ist, besonders nach seiner Begegnung mit den deutlich intelligenter als gedachten und deutlich komplexer für ihre Interessen einstehenden "Natives" ein sanftmütigerer Mickey geworden. Sein Nachfolger #18 ist ein deutlich tougheres Exemplar.
Robert Pattinson ist fantastisch als Mickey 17, als Mickey 18 und überhaupt als jegliche Inkarnation Mickeys in jeglicher Gemütslage. Mit Mickey 18 ist die nächste Inkarnation und damit auch eines der schönsten Sidequests des Films ins Leben geworfen: Die beiden Mickeys müssen lernen, sich ein Leben zu teilen. Beim Sex macht das vor allem Freundin Nasha Spaß, die das gemeinsam geschriebene Alphabet der Liebesstellungen nun mit gleich zwei Mickeys ausprobieren kann. Wirklich damit einverstanden ist nur einer der beiden. So oder so währt der Spaß nicht allzu lang: als Multiples haben die doppelten Mickeys auch im Weltall keine Existenzberechtigung. Die kurze Komödie der Irrungen kommt unter die Räder des Polit-Zirkus, den Bongs anti-kolonialistischer, anti-imperialistischer und im besten Fall pro-extraterrestrischer Satire-Rundumschlag auseinandernimmt, um ihn, nicht immer stimmig, aber doch glatt neu zusammenzusetzen.
Karsten Munt
Mickey 17 - Südkorea, USA 2025 - Regie: Bong Joon-ho - Darsteller: Robert Pattinson, Naomie Ackie, Steven Yeun, Toni Collette, Mark Ruffalo - Laufzeit: 137 Minuten.
Kommentieren