Im Kino
An meiner Stelle sterben
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
05.03.2025. Ariane Labeds Regiedebüt dreht sich um zwei Schwestern, die allzu innig verbunden sind. "September & July" nähert sich fern aller Klischees an weibliche Sexualität an, bleibt jedoch auf Distanz zu seinen Figuren.
Die irischen Teenager-Schwestern September und July sind unzertrennlich - und das, findet man im Laufe von Ariane Labeds Film heraus, in einem viel wörtlicheren Sinne als man zunächst vermuten könnte. July ist ein zurückgezogenes, verschüchtertes Mädchen, das das Schicksal all derer teilt, die ein bisschen anders sind. In der Schule wird sie mit unverhohlener Brutalität beleidigt, erniedrigt und auch körperlich angegriffen - die Lehrer stehen dieser jugendlichen Grausamkeit wie gewohnt hilflos gegenüber. Mutter Sheela ist mit ihrer Kunst und ihrer Depression so beschäftigt, dass ihre Töchter eher wie Nebenfiguren in ihrem Leben wirken. Die einzige, die July helfen kann, ist ihre Schwester September (Pascale Kann), die sich immer schützend vor sie stellt, oder bei Bedarf auch selbst zum Angriff übergeht.
Doch so froh wir anfangs sind, diese Löwin von einem Teenager-Mädchen an der Seite der stillen, fragilen July (Mia Tharia) zu sehen, so schnell macht sich Unbehagen breit: "Wenn ich sterben müsste, würdest du an meiner Stelle sterben?", fragt September ihre Schwester und die zögert erst, nickt dann aber, "Ja klar, würde ich." Irgendwas stimmt nicht so ganz in dieser Beziehung - und was am Anfang Ahnung ist, steigert sich immer weiter bis zum beklemmenden Finale des Films: Zwischen den Schwestern herrscht ein ungesundes Abhängigkeitsverhältnis, dass sich in kontinuierlichen Macht- und Kontrolldemonstrationen Septembers niederschlägt. In ihrer Isoliertheit haben die Mädchen ein Spiel entwickelt, in dem July die Befehle ihrer Schwester blind befolgen muss - was erst kindlich-harmlos daherkommt, zeigt bald seine dunkleren, perverseren Seiten.

Bei einer Konfrontation mit den Mobbern ihrer Schwester passiert etwas Schlimmes, das erst am Ende aufgelöst wird. Nach diesem Ereignis, in der zweiten Hälfte der Geschichte, verwandelt sich "September & July" endgültig in ein psychologisches Kammerspiel, das sich im Haus der Großeltern an der irischen Küste abspielt, in das die Mädchen mit der Mutter fahren.
Die Stärke des Films liegt in der Darstellung der psychologischen Dynamiken dieser drei Frauen. Die Machtspiele zwischen September und ihrer Schwester July sind grenzwertig, aber die Situation bleibt lange in der Schwebe, sodass man trotzdem noch Sympathie für diese seltsamen Mädchen empfindet, auch für die dominante September. Sehr gelungen, auch witzig ist die Sequenz, in der wir zum ersten und letzten Mal näher an die Mutter Sheela (Rakhee Thakrar) herankommen, die sich in der lokalen Bar ohne viel Federlesen einen Mann sucht und ihn nach Hause mitnimmt. Ariane Labed beschert uns eine der wenigen wirklich realistischen Sexszenen der Filmgeschichte, soweit entfernt von einem Harry und Sally-Orgasmus, wie es nur geht (auch die Socken werden anbehalten).
Der Film besticht durch sensible Figurenzeichnung, kluge Dialoge und seine Gratwanderung zwischen Alltagsszenen, dunklem Humor und Grusel. Der Grund dafür, dass die Schlusspointe nicht so ganz zündet, könnte sein, dass man den Figuren im Großen und Ganzen doch ein wenig fern bleibt. Die Weltfremdheit, die alle drei weiblichen Hauptfiguren davon abhält, an der Gesellschaft teilzunehmen, überträgt sich auf das Publikum, dem die letztendliche Einsicht in die Seelen der Frauen verwehrt bleibt. Optisch wirkt der analog gedrehte Film wie aus der Zeit gefallen, die Retro-Optik fasziniert, trägt aber zum Distanz-Gefühl bei. Trotzdem ist "September & July" ein spannendes Regiedebüt von Ariane Labed, mit tollen Darstellerinnen, dem außerdem eine klischeefreie Annäherung an weibliche Sexualität und jugendliches Begehren gelingt.
Alice Fischer
September & July - Irland 2024 - OT: September Says - Regie: Ariane Labed - Darsteller: Mia Tharia, Pascale Kann, Rakhee Thakrar, Amelia Valentina Pankhania, Sienna Rose Velikova - Lauzeit: 100 Minuten.
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