Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.11.2024. Bei der Eröffnung der Nan-Goldin-Retro in Berlin kam es zum erwarteten Eklat: "Why can't I speak, Germany", fragte die Künstlerin - während sie eine Rede hielt, staunt die SZ. Zeit Online lobt Direktor Klaus Biesenbach, der seine Rede zweimal halten musste, weil er beim ersten Mal niedergebrüllt wurde. Die NZZ schreibt zum Siebzigsten des Regisseurs Emir Kusturica, der sich bei Russland einschmeichelt. Außerdem hatten die Kritiker einen tollen Theaterabend mit Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Thomas-Brasch-Revue am Deutschen Theater.
Es kam, wie es kommen musste: Bei der Eröffnung zur Nan-Goldin-Retro mit dem vielsagenden Namen "This will not end well" in der Neuen Nationalgalerie, verurteilte die US-Fotografin den "Genozid" in Gaza und beklagte eine deutsche Cancel-Culture - es war jedoch die anschließende Gegenrede des Museumsdirektors Klaus Biesenbach, die von pro-palästinensischen Aktivisten "konsequent niedergebrüllt" wurde, wie Peter Richter in der SZ berichtet: "In ihrer Rede klagte sie dann aber nicht die Hamas oder die Hisbollah, sondern das militärische Vorgehen Israels an. Es war nicht der einzige Widerspruch. 'Why can't I speak, Germany?', fragte Nan Goldin - während sie in der Berliner Nationalgalerie doch gerade eine Rede halten durfte. Dann sagte sie, Antizionismus sei kein Antisemitismus, und daraufhin brach in Teilen des Publikums ein Jubel aus..." Als "Klaus Biesenbach zu einer Erwiderung ansetzte, wurde er komplett übertönt. Mitgebrachte Fahnen, Poster und Transparente wurden geschwenkt, Sprechchöre mit Vorsängern skandierten 'Viva, viva Palästina' und 'Yalla, yalla, Intifada'."
Hier Goldins Rede:
Nan Goldin "hat die Neue Nationalgalerie Berlin, die ihr eine große Gesamtschau ausrichtet, bei der Eröffnung vergangenen Freitag in einen Ort des Hasses verwandelt", ärgert sich Stefan Trinks in der FAZ, und weist auf ihren "geschmacklosen" Vergleich zwischen Pogromen gegen Juden in Russland und dem Vorgehen Israels in Gaza hin.
Nan Goldin forderte das Puiblikum zu Beginn ihrer Rede zu einer Schweigepause auf. Marcus Woeller benennt in der Welt die überaus seltsame Opferbilanz, die Nan Goldin dabei in ihrer Rede zog: "Nan Goldin, rote Locken, harte Stimme, reizt die Andacht auf vier Minuten aus, im Gedenken an 'die 44.757 Menschen, die in Palästina von israelischen Streitkräften getötet wurden, die Hälfte von ihnen Kinder', an 'die 3.516 Menschen, die im Libanon von israelischen Streitkräften getötet wurden' und für 'die 815 israelischen Zivilisten, die am 7. Oktober getötet wurden'. Die übrigen 400 mutmaßlichen Nicht-Zivilisten erwähnt sie nicht. Dass sie bei einem terroristischen Angriff der Hamas kaltblütig ermordet wurden, auch nicht."
In der NZZmeint Roman Bucheli, den das einfältige Gratis-Revoluzzertum der linken Kulturszene insgesamt nervt, zu Goldin: "Es müsste ihr zu denken geben, dass ihre Anhänger die anschließende Rede des Museumsdirektors niederbrüllten. Es müsste sie auch deswegen ins Grübeln bringen, weil sie damit die Anschauung dafür erhielt, dass sie in Gaza keinen Tag überleben würde, wenn sie ähnlich aggressiv die Hamas kritisieren oder ihre Kunst zeigen wollte. Man würde sie nicht bloß niederbrüllen."
Deprimiert ist Dirk Peitz auf Zeit Online nach diesem Abend. Was soll man noch sagen? "Vielleicht vor allem Klaus Biesenbach loben...Biesenbach nahm diese Repräsentantenrolle an, indem er kerzengerade am Rednerpult stand und stur auf Englisch seine differenzierte Gegenrede auf Goldin hielt, obwohl sie akustisch niemand im Saal verstehen konnte. Biesenbach musste und wollte offenbar ein Zeichen setzen."
Die Berliner Zeitung druckt die RedeKlaus Biesenbach, Chef der Nationalgalerie, ab, der betonte, nicht mit Goldin übereinzustimmen, jedoch ihr Recht auf Meinungsfreiheit anzuerkennen: "Wir haben hier in Berlin und in Deutschland eine einzigartige historische Verantwortung. Wir glauben, dass diese Verpflichtungen für alle gleichermaßen gelten müssen. Deshalb lehnen wir die Logik des kulturellen Boykotts ab, den die BDS-Kampagne fordert. Wir werden nicht zulassen, dass zu Gewalt aufgerufen oder dazu angestiftet wird, dass Terrorakte legitimiert werden, dass dazu aufgerufen wird oder Terrorakte verharmlost werden, noch die Verletzung und Tötung von Zivilisten oder die Unterstützung von terroristischen Organisationen. Die Neue Nationalgalerie ist ein Raum, in dem Meinungsfreiheit und respektvoller Austausch möglich sind."
Biesenbach musste seine Rede zweimal halten, denn beim ersten Mal wurde sie vom "propalästinensischen" Mob niedergebrüllt:
Neue Nationalgalerie. Berlin ist ein einziges antisemitisches Shithole! Es wird Zeit, dass kein Cent mehr an diesen Hamas-Fanclub wohlstandsverwahrloster "Kulturschaffender" geht.
Auch dem Symposion "Kunst und Aktivismus in Zeiten der Polarisierung", das gestern, am Tag nach der Ausstellungseröffnung, stattfand, ging ein heftiger Streit voran, Goldin selbst hatte ihre Teilnahme abgesagt (unser Resümee). Julia Encke resümiert die Diskussion in der FAZ: Das Moderatorenpaar Meron Mendel und Saba-Nur Cheema nahm die Rede Goldins kritisch unter die Lupe und warb für gegenseitige Empathie. Im Gegensatz zur Museumsleitung und zu den Reaktionen aus der Kulturpolitik, verurteilte Mendel Goldins Rede nicht explizit: "Er habe die Rede von Goldin nicht 'unerträglich' gefunden...Dass Protest auch mal störe, lautstark und unangenehm sei, gehöre zu einer offenen und liberalen Gesellschaft." Protest aushalten, schön und gut, aber kritisieren kann man ihn schon, meint Encke: "Wer Nan Goldins Fotografien betrachtet, dem kommen auch die jungen Menschen in den Sinn, die auf dem Supernova-Musikfestival am Morgen des 7. Oktober in Israel in der Wüstenlandschaft zu psychedelischen Beats tanzten. Die ermordet und entführt wurden. Früher hätte Nan Goldin vielleicht ihre Gesichter fotografiert und einzelne von ihnen zu Protagonisten ihrer 'chosen family' gemacht. Es sind und waren doch eigentlich ihre Leute, denkt man. Es ist die Empathie in diese Richtung, die einem fehlt."
Die Nationalgalerie hat die Seite zum Symposion - vielleicht nur vorläufig? - von ihrer Website entfernt.
Screesnhot von der Website der Neuen Natioalgalerie.
Dort waren zuvor die drakonischen Bedingungen dargelegt worden, unter denen man das Symposion besuchen durfte, nur mit namentlicher Karte, ohne Tasche. Und keine Handyaufnahmen!
Außerdem: Ingeborg Ruthe empfiehlt in der FR, abseits der Aufregung, die Fotografien Nan Goldins in der Neuen Nationalgalerie anzuschauen. In der tazberichtet Bernhard Schulz aus Paris, wo sich die Kunstkritik angesichts der Ausstellung "Männer malen" im Musée d'Orsay erzürnt, die fragt, ob der impressionistische Maler Gustave Caillebot homosexuell war.
Über den Verbleib von Boualem Sansal gibt es nach wie vor keine Neuigkeiten. Das französische Staatsfernsehen brachte unterdessen in der populären Sendung "C politique" eine Art Tribunal zu Sansal, dem Historiker wie Benjamin Stora (der bekannteste Historiker des Algerienkriegs), Nedjib Sidi Moussa und Sébastien Ledoux im Moment seines Verschwinden "Rechtsextremismus" vorwarfen - Sansal ist ein dezidierter Kritiker des Islamismus und eines Islams, der gegen den Islamismus nichts unternimmt. Verteidigt hat ihn in der Sendung einzig die Journalistin Rachel Binhas.
Rachel Binhas est toute seule pour arrêter le procès et ce massacre contre Boualem Sansal
Il faut agir désormais contre cette émission #Cpolitique de Thomas Snégaroff produit par Le Van Kim (comme #CceSoir) qui n'a plus rien à faire sur le service public mais sur LFI TV ! pic.twitter.com/n69vs7Qarf
Reiner Wandler schreibt in der taz über Leben und Werk des SchriftstellersBoualemSansal, der in Algerien offenbar verhaftet wurde und von dem seitdem jede Spur fehlt (hier und dort unsere Resümees). Robert von Luciusschreibt in der FAZ zum Tod des Schriftstellers und Anti-Apartheid-Aktivisten BreytenBreytenbach. In der FAZgratuliert Jan Wiele dem SchriftstellerMaarten 't Hart zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem SamanthaHarveys mit dem Booker Prize ausgezeichneter Roman "Umlaufbahnen" (online nachgereicht von der Zeit), Mithu Sanyals "Antichristie" (Jungle World), Ivy Compton-Burnetts "Ein Haus und seine Hüter" (online nachgereicht von der Zeit), DoloresPratos "Unten auf der Piazza ist niemand" (NZZ), Alexej Nawalnys Autobiografie (Standard), Ulrike Draesners "zu lieben" (online nachgereicht von der Zeit), Anuschka Roshanis "Truboy. Mein Sommer mit TrumanCapote" (online nachgereicht von der FAZ), Ralf Günthers "Die Könige von Babelsberg" (Tsp), Luisa Stömers und Eva Wünschs "Schwellenangst" (Freitag) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter "Inken oder Alba" von MarianneKaurin (FAZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Henning Heske über DursGrünbeins "Der Optiker":
"In einer Ladengalerie, gespickt mit Brillen, Stapelt das Licht sich in Vitrinen, blitzt vom Kassentisch ..."
Szene aus "Halt's Maul, Kassandra" am Deutschen Theater Berlin Foto: Thomas Aurin. In ihrer Inszenierung "Halt's Maul Kassandra" am Deutschen Theater Berlin beschwören Tom Kühnel und Jürgen Kuttner nicht nur den DDR-Dissidenten, Dichter und Filmemacher Thomas Brasch mit einer Auswahl seiner Texte und Gedichte, sondern auch die "versunkene DDR" selbst, erzähltNachtkritikerin Esther Slevogt, die einen tollen Theaterabend verbracht hat: "Einmal, da taucht die DDR als Gespenst und Engel der Geschichte in Gestalt des zerbrechlichen Jörg Pose tatsächlich auf, an dessen nackten Oberkörper riesige Flügel befestigt sind. Unbeholfen versucht er damit zu flattern, steigt aber nicht auf. Nur sein Bild nimmt als riesengroßes Filmbild die ganze Bühne ein. 'Erkennst du mich noch immer nicht. Ich bin die DDR', sagt er leise. 'Wieder hast du die Tür vor mir verschlossen und wieder wird ein Schlag von mir sie öffnen. Sprengt die Tür. Wieder hast du die Fenster vor mir verriegelt, damit du dich im Dämmerlicht von der Gegenwart ausschließen und ungestört einschlafen kannst', so die Worte dieses DDR-Geists in einem Theatertext aus dem Jahr 1974."
Einem "wilden, zuweilen selbstverliebten und vor allem herrlich trotzigen" Abend applaudiert auch taz-Kritiker Tom Mustroph: "Mitregisseur Kuttner steht als eine Art Conferencier im Deutschen Theater auf der Bühne - mal eine schnieke Offiziersmontur, Zeitfenster 16. bis 18. Jahrhundert, mal eine konstruktivistisch angehauchte Clownstracht an (Kostüme: Daniela Selig). Das passt, denn sowohl Narr wie Elitesoldat des Geistes muss Brasch gewesen sein. In die "schmerzhaften Regionen dieser deutsch-deutsch verquälten Künstlerbiografie" wird SZ-Kritiker Peter Laudenbach entführt: "Statt lustigen Budenzauber abzufackeln, lesen die Schauspieler einfach sehr klar und schön einige Gedichte Braschs. Es ist ein wenig, als würde der Tote zu uns sprechen." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und Berliner Zeitung.
Weitere Artikel: In der FAZ unterhält sich Jan Brachmann mit dem Opernintendanten Bernd Loebe und dem Publizisten Michel Friedman, deren Gesprächsreihe "Friedman in der Oper" an der Oper Frankfurt in die zweite Runde geht. Ebenfalls der FAZ denkt Jürgen Kesting zum hundertsten Todestag Giacomo Puccinis über die Modernität von dessen Opern nach.
Besprochen werden der Tanzabend "Seven Sins" am Stuttgarter Theaterhaus mit Choreografien von unter anderem Aszure Barton, Sidi Larbi Cherkaoui und Sharon Eyal (FR), Martina Drostes Inszenierung von "Zeit für Zeug:innen" im Historischen Museum Frankfurt (FR), Hannah Frauenraths Inszenierung ihres Stücks "Magic Town" am Staatstheater Mainz (taz), Ronny Jakubaschks Inszenierung von Coline Serreaus Stück "Hase, Hase" am Theater Konstanz (nachtkritik), Eva Spreitzhofers Bühnenadaption ihrer Filmkomödie "Wie kommen wir da wieder raus?" am Landestheater Niederösterreich St. Pölten (nachtkritik), Ève Signeyroles Inszenierung der Verdi-Oper "Macbeth" an der Deutschen Oper Berlin (Tsp), David Pountneys Inszenierung von Krzysztof Pendereckis Einakter "Die schwarze Maske" an der Oper Warschau (nmz).
Armina Galijas schreibt in der NZZ zum 70. Geburtstag des Regisseurs EmirKusturica, der sich seit dem Balkankrieg erst in den serbischenNationalismus verirrt hat und sich nun - als finale Bankrotterklärung - in Russland einschmeichelt: "Im April besuchte Kusturica Putin und bewarb sich um Subventionen für ein großes Filmprojekt: das 'Russische Triptychon', basierend auf den Werken von Dostojewski, Gogol und Tolstoi. Der Regisseur dankte dem Gastgeber im Kreml dafür, dass er 'die historischeGerechtigkeit' fürdieSlawen wiederherstellen wolle, und bezeichnete den Krieg in der Ukraine als 'Kampf für uns Slawen' - als wären die Ukrainer keine Slawen. Putin revanchierte sich mit der Bemerkung, dass Russland und Serbien Ähnliches durchgemacht hätten: eine Anspielung auf den Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens."
Ein zweites Beispiel für linkes Kino, das sich gründlich verrannt hat: OliverStone. Im Lichte des Wahlerfolgs von DonaldTrump, der auch durch Einwanderer aus Lateinamerika zustande kam, blickt Tobias Käufer in der Welt zurück auf Stones "South of the Border" von 2009, einer der mittlerweile vielen Dokumentarfilme, für die sich Stone vor den Karren von Diktatoren und Autokraten spannen ließ. Darin machte Stone noch die These stark, dass Einwanderung aus Lateinamerika aus den USA automatisch ein sozialistisches Paradies machen würde. "Das Gegenteil ist der Fall: Millionen Migranten aus den brutalen Linksdiktaturen Kuba, Venezuela und Nicaragua kommen nicht in die USA, um dort den Sozialismus zu etablieren, sondern sie sind vor ihm geflohen. ... Sie wollen vor einem Sozialismus geschützt werden, nicht das nächste sozialistische Experiment miterleben, das in ihrer Heimat bereits schiefgegangen ist." Es ist "eine VölkerwanderunghistorischenAusmaßes".
Weiteres: Valerie Dirk porträtiert im Standard die Regisseurin UlrikeKofler, deren Familiendrama "Gina" Katrin Nussmayr in der Pressebespricht. In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem DEFA-Regisseur HerrmannZschoche zum 90. Geburtstag. Besprochen werden SteveMcQueens "Blitz" mit SaoirseRonan (Presse) und die RTL-Serie "Angemessen Angry" (taz).
Die großen Rapstars veröffentlichen ihre Alben ja mittlerweile ohne Vorankündigung. So auch KendrickLamar mit "GNX" in der Nacht von Freitag auf Samstag. Den Popkritikern verlangt das Flexibiliät und Überstunden am Wochenende ab, geliefert haben sie aber alle. Für Joachim Hentschel von der SZ (online nachgereicht vom Tagesanzeiger) ist Lamar "einer der größten, besten und literarisch beschlagensten Rapper der Gegenwart". Auch dieses Album ist "eine große öffentliche Übung in virtuos angewandten Skills, praktizierter Achtsamkeit und Sound-Arithmetik. Wenn auch kein titanisches Manifest zur Lage der Dinge" wie frühere Alben. Gut aber, dass Produzent Jack Antonoff, sonst für Taylor Swift und Lana del Rey tätig, mit an Bord ist, denn der bringt "eine rotbackige Popzugkraft in einige der Stücke, lässt sie schneller, schlüssiger und impulsiver zum Punkt kommen, als man es von Lamar sonst gewohnt ist."
"Dieser Mann ist wütend", hält Aida Baghernejad auf Zeit Online fest. Lamar "bellt, er knurrt, er lässt seine Stimme in höchste Höhen aufschwingen und zieht sie hinunter in die Untiefen seiner Psyche", wirkt dabei aber mitunter auch "selbstbesoffen". An Männern dieses Schlags herrscht aktuell kein Mangel, doch anders als jene "schafft es Lamar, diese Behauptung und diese Pose mit hypnotischen, explosivenTexten zu unterfüttern, jeder davon voller lyrischer Dichte, Adrenalin und Verletzlichkeit. ... Kaum ein Künstler vereint Hybris und Selbstzweifel, Narzissmus und Selbstlosigkeit, Liebe und Hass so gekonnt wie Kendrick Lamar. Und vielleicht ist genau dies der Sound, der in diese zerrisseneZeit passt." Es ist Lamars "bisher aufgeräumtestes Album", urteilt Andreas Borcholte im Spiegel. "Erstaunlicherweise scheinen Antonoffs Charts-Sensibilität und seine im Achtzigerjahre-Pop geschulten Synthie-Klangsphären perfekt zu Kendrick Lamars lässigerL.A.-Kreuzfahrt zu passen." Fast hat man den Eindruck, Neo-Soul-Musiker MichaelKiwanuka lieferte mit "Small Changes" eine Art Gegengewicht zu Lamar. Denn er "bietet mit seinem neuen Album genau das, was die Welt zurzeit am dringendsten bräuchte: Sanftmut", schreibt Karl Fluch im Standard. Geglückt ist Kiwanuka "ein stilles, anmutiges Werk mit Soul, Folk und Cinemascope fürs Handykino." Er bezieht "eine liberale Position, die im Gekeife polarisierender Gesellschaften zusehends verlorengeht. Wobei Kiwanukas Insistieren, sich davon nicht anstecken zu lassen, bereits eine Message ergibt. ... Nach mehrmaligem Hören erweist sich 'Small Changes' als SlowBurner, dessen Qualität und Vielseitigkeit sich langsam offenbart."
"Ach, es war so ein netter Abend", freut sich Johanna Adorján in der SZ über "Plattenspieler" im Roten Salon der Berliner Volksbühne, das unregelmäßig wiederkehrende Format von ThomasMeinecke, der sich pro Abend einen Gast einlädt, um dann im Wechsel einander Vinyl vorzuspielen, ohne dass der eine wüsste, was der andere hervorzaubert. Diesmal war DiedrichDiederichsen zu Gast und Adorján fühlte sich dabei wie in einer gut kuratierten Radiosendung im Nachtprogramm. "Den Anfang macht Diederichsen ohne große weitere Einleitung. Er höre zurzeit sehr gerne Pianisten, diehartzuschlagen, sagt er und lässt dem ein Bebop-Stück des amerikanischen Jazzpianisten MalWaldron (1925-2002) folgen, bei dem dieser hart in die Tasten schlägt. Nach dem Song sagt Meinecke etwas leicht Abfälliges über die Plattenfirma, auf der Mal Waldron viel veröffentlichte, ECM. Diederichsen widerspricht: Diese Plattenfirma hätte 43 gute Platten herausgebracht. Damit ist der Ton des Abends gesetzt. Man befindet sich auf allerfeinstemNerd-Terrain."
Weiteres: Die Rockband Nickelback wird zu Unrecht geschmäht, findet Dennis Sand in der Welt. Besprochen wird das Album "Homecoming" des Schriftstellers und Kulturjournalisten FabianSaul, das laut tazler Jens Winter "manchmal fast als Apotheose des Einfachen wirkt".