Efeu - Die Kulturrundschau

Die Augen schließen geht immer

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17.10.2024. Oliver Reeses Inszenierung von Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" macht das Beste aus der Berliner Theaterkrise, freut sich die FAZ: gutes Theater. Elif Shafak beschwört auf der Frankfurter Buchmesse in ihrer von der FAZ dokumentierten Rede die Macht der Literatur, die Peripherie ins Zentrum zu bringen. Florentina Holzingers Nonnen-Skateboard-Spektakel "Sancta" zieht an der Staatsoper Stuttgart Triggerwarnungen und Onlineempörung nach sich, weiß die Zeit. Der Perlentaucher fühlt sich wohl in Andreas Dresens neuem Film "In Liebe, eure Hilde", der den Körper der Widerstandskämpferin ins Zentrum rückt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2024 finden Sie hier

Bühne

Berliner Ensemble - Der nackte Wahnsinn. v.l. Lili Epply, Marc Oliver Schulze, Peter Moltzen © Jörg Brüggemann

Wie ein Kommentar zur aktuellen Berliner Theaterkrise angesichts von Sparplänen der Politik wirkt das Stück "Der nackte Wahnsinn" von Michael Frayn, das das Berliner Ensemble derzeit auf die Bühne bringt, meint Irene Bazinger in der FAZ. Schaut so die Zukunft Berliner Bühnen aus? "Wir sehen einer gestressten Tourneetheatertruppe beim Proben zu, die kurz vor der Premiere steht, obwohl nichts funktioniert. Im nächsten Akt wird die Produktion - einige Wochen später tief in der Provinz - backstage aus der Sicht der Akteure gezeigt. Auch hier: Nichts als Chaos auf der Bühne und privat zwischen den Beteiligten. Ebenso dann bei der Dernière, bloß dass Kostüme und Ausstattung, Laune und Nerven in noch schlechterer Verfassung sind als zu Beginn." Auch dank des erstklassigen Ensembles wird der Abend zu einem vollen Erfolg, freut sich Bazinger. Bleibt zu hoffen, dass sich das Berliner Ensemble solche durchaus kostspieligen Späße auch in Zukunft leisten kann.

Florentina Holzingers Opernperformance "Sancta" (unser Resümee), in der unter anderem echtes Blut fließt, sorgt weiter für Aufregung, derzeit in Stuttgart. Christine Lemke Matwey berichtet in der Zeit von heißlaufender Onlineempörung bis hin zu Todesdrohungen, die Staatsoper Stuttgart reagiert unter anderem mit einer ausführlichen Triggerwarnung. Lemke Matwey vermutet, dass der Ärger etwas mit dem Ort zu tun hat, an dem das Nonnen-Skateboard-Spektakel zur Aufführung kommt: "Theater als Zumutung, als Angriff auf die körperliche Unversehrtheit - damit handeln Aktionskünstlerinnen und künstler seit je (Nitsch, Abramović, auch Schlingensief), Zwischenfälle sind mit eingepreist. Allein: In der Oper gelten andere Verabredungen, und das ist ein Teil des Stuttgarter Problems. In der Oper ist alles 'nur' gespielt, Liebe, Sex und Tod - in der Performancekunst hingegen treten reale Körper real in Aktion. Das kann zu Verwechslungen führen, Irritationen auslösen, zumal an einem Opernhaus, das es seinen Zuschauern traditionell schwer macht, die Flucht zu ergreifen. Die Augen schließen, sagt Viktor Schoner, gehe allerdings immer."

Außerdem: Das Leipziger Theaterfestval euro-scene lädt "And here I am", eine Performance des palästinensischen Freedom Theater, nach Antisemitismusvorwürfen aus, meldet die FAZ. Die Frankfurter Rundschau erinnert an die verstorbene Schauspielerin Carmen-Renate Köper. Sabine Leucht redet in der taz mit dem Regisseur Marco Layera über dessen Stück "Mia san Mia" an den Münchner Kammerspielen. Auf nachtkritik findet wer möchte die aktualisierten Theater-Charts.

Besprochen werden "Die Maschine" nach Georges Perec im Schauspielhaus Hamburg (taz Nord, siehe auch hier) und Nuran David Calis' "Odysseus"-Inszenierung Landestheater Salzburg (Standard).
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Film

Liv Lisa Fries in Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde"

Andreas Dresen erzählt in "In Liebe, Eure Hilde" die Geschichte von Hilde Coppi, die sich im Nationalsozialismus der kommunistischen Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" anschließt und dafür, wie ihre Genossen, von den Nazis ermordet wird. Der Filmemacher widmet sich hier "den verschiedenen Arten von Kommunikation, jenseits des gesprochen Wortes", schreibt Carolin Weidner im Perlentaucher. "Es geht um Verschlüsseltes und Körperliches, Unkontrollierbares und Heimliches. Innerhalb eines Systems, das den offenen Ausdruck, die freie Meinungsäußerung verbietet, müssen sich andere Wege finden. Die Rote Kapelle als solche ist ein gutes Beispiel dafür. Aber da ist auch der von Liv Lisa Fries sehr ausdrücklich gespielte Körper mit seinen Schmerzen, Trieben und Reflexen, der sich nicht belügen lässt und nicht zur Lüge fähig ist. Er wird zum eigentlichen Barometer, kündet von Lust und Fassungslosigkeit, überwindet Grenzen und sendet Botschaften. Er befindet sich, einfach, indem er ist, im Widerstand."

Der Film ist vom "Zauber des Alltäglichen" durchdrungen, schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Die Tatsache, dass die Widerstandskämpfer ein Leben hatten und nicht nur eine Mission, war in den Deutungskämpfen des Kalten Krieges vergessen worden. Dresens Film bringt sie wieder zum Vorschein. Als der Henker sein Werk an Hilde Coppi verrichtet und Hans Coppi junior, der Sohn, seinen Schlussmonolog gesprochen hat, zeigt er noch einmal, worum es ihm geht. Ein Tanzvergnügen irgendwo im Grünen, Hans und Hilde begegnen sich zum ersten Mal. Er fordert sie auf, und sie tanzen Walzer, selbstvergessen und sanft. Das Gewicht alles dessen, was man vorher gesehen hat, liegt auf diesem Bild. Deshalb vergisst man es nicht." Für die Zeit porträtiert Peter Kümmel die Hauptdarstellerin, Wolfgang Hamdorf hat für den Filmdienst mit Dresen gesprochen.

Eher "Wall Street" als "Citizen Kane": "The Apprentice" von Ali Abbasi

In den USA ist Ali Abbasis mitten im Wahlkampf losgelassenes Biopic "The Apprentice" über die Lehrjahre des jungen Donald Trump natürlich der ganz große Aufreger. Republikaner halten den Film für "election interference", also Beeinflussung des Wahlgeschehens - auch, weil der Film eine Szene beinhaltet, in der Trump seine damalige Ehefrau Ivana vergewaltigt. "Wie so oft allerdings, wenn Trump eine Öffentlichkeit bekommt und sei sie noch so kritisch, könnte selbst dieser bitterböse Film ihm nützen", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Was das Drama so geschmeidig macht, ist auch sein Verhängnis: Der Regisseur von 'Holy Spider' adaptiert die bewährten Muster wirtschaftlicher Aufstiegsgeschichten, deren Erfolg meist doch auf Identifikation beruht - und sei es mit den erfolgsverwöhnten Schurken. So ist ihm eher eine Art Trump-Version der Michael-Douglas-Figur in 'Wall Street' gelungen als ein neuer 'Citizen Kane' - mitreißend, aber auf zwiespältige Weise." Auch Hannes Stein in der Welt hält die Vorstellung, dass dieser Film "irgendwelche Trump-Anhänger dazu bringen könnte, ihr Idol zu verraten", für reichlich illusionär: "Sie verehren Trump nicht trotz seiner Hässlichkeit, sondern wegen seiner Hässlichkeit."

Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit David Cronenberg, der auf der Viennale seinen neuen Film "The Shrouds" zeigt. Bert Rebhandl empfiehlt im Standard die Retrospektive Robert Kramer im Österreichischen Filmmuseum und auf der Viennale (mehr zu Kramers Filmen bereits hier). Jamie Babbits 1999 entstandene Komödie "But I'm A Cheerleader" war unserer Gegenwart in Sachen Genderpolitik um einiges voraus, schreibt Mina Marschall in der FAZ. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt feiert das 100-jährige Bestehen des Frankfurter Flughafens mit einer Filmreihe, schreibt Sonka Weiss im Filmdienst.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Krieg oder Frieden", in dem Elfi Mikesch anhand des brandenburgischen Wünsdorf sich mit der Frage befasst, wie sich Militäranlagen friedlich umwidmen lassen (taz), Ramon Zürchers auf der Viennale und in den deutschen Kinos gezeigtes Familiendrama "Der Spatz im Kamin" (Standard, unsere Kritik), Dani Rosenbergs israelischer Antikriegsfilm "The Vanishing Soldier" (FR), Parker Finns Horrorfilm "Smile 2" (Perlentaucher), ein Prachtband aus dem Taschen Verlag zur Geschichte von Donald Duck (FAZ), die DVD-Ausgabe von Jérôme Bonnells "Auf die Freude" (taz), und Cyrill Boss' und Philipp Stennerts Fantasyfilm "Hagen - Im Tal der Nibelungen" (SZ). SZ und Filmdienst informieren außerdem über die Filmstarts der Woche.
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Architektur

Sophie Jung ist von den 21 Entwürfen für eine Umgestaltung des viel kritisierten Wiederaufbaus des Berliner Stadtschlosses, die die Initiative "Schlossaneignung" vorgestellt hat (siehe auch hier) eher mäßig begeistert. Vielen Entwürfen haftet, findet sie in der taz, etwas "Belehrendes, moralisch Überlegenes" an. Doch es gibt Ausnahmen: So "fallen die Schiffscontainertürme von Christoph Balzar und Fabian Ferrari positiv auf. Sie wollen die großen Portale des Preußenschlosses mit einer Funktionsarchitektur verrammeln und den neubarocken Sandsteinornamenten eine bunt rostende Symbolik des weltweiten Warenhandels gegenüberstellen - da ist selbst Kritik am Kolonialismus dabei. Oder die großen Solarpaneele von Michael Birn: Sie würden das Humboldt Forum zu einem städtischen Kraftwerk umfunktionieren. Beide Vorschläge erinnern an das Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers in Paris."
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Literatur

In ihrer von der FAZ dokumentierten Rede auf der Eröffnungskonferenz der Frankfurter Buchmesse beschwört die türkisch-britisch Schriftstellerin Elif Shafak die Literatur in Zeiten internationaler Krisen, Zerwürfnisse und Zersplitterungen der Mediensphäre: "Überinformiertheit verschafft uns die Illusion von Wissen." Aber "echtes Wissen braucht Verlangsamung. Wir brauchen Kulturräume, Literaturfestivals, den offenen und ehrlichen intellektuellen Austausch. ... Wir brauchen Empathie. Wir brauchen Literatur." Denn "wenn wir Geschichten schreiben, verbinden wir uns mit etwas, das größer ist als wir, älter ist als wir und allemal weiser ist als wir. Und dieses 'etwas' ist die ehrwürdige Kunst und das Handwerk des Erzählens. Das ist universal. ... Literatur bringt die Peripherie ins Zentrum und gibt jenen ihre Menschlichkeit zurück, die entmenschlicht worden sind. Deshalb sind Erzähler Gedächtnisstützen."

Julia Hubernagel (taz) und Nadine A. Brügger (NZZ) resümieren den Auftakt der Frankfurter Buchmesse mit Auftritten der italienischen Delegation, darunter der rechte Kulturminister Alessandro Giuli. Felix Stephan von der SZ (online gestellt vom TA) sieht darin auch ein Zeichen, "wie weit sich die Öffentlichkeit seit 2017 an die Anwesenheit rechtsradikaler Kräfte in ihrer Mitte gewöhnt hat".

"Jeder Tag ist beraubt von seiner Gegenwart", sagt die Schriftstellerin Siri Hustvedt im Zeit-Gespräch mit Volker Weidermann über ihre Trauer um ihren Mann, den Schriftsteller Paul Auster. "Es ist wie ein Wahrnehmungsdefizit. In diesem Haus, wo ich jetzt sitze und mit Ihnen spreche, haben wir beide 30 Jahre zusammengelebt. Es ist sonderbar. Klar, er ist hier und in mir allgegenwärtig. Aber gleichzeitig ist der Verlust seiner ständigen Anwesenheit total fremd. Die Trauer ist einfach eine große Umorientierung. Eine Neuorientierung in einer neuen Realität. ... Paul wusste, dass er sterben wird. Und die Würde, mit der er starb, war ein Geschenk für die Menschen, die ihn liebten. Wenn Sie verstehen, was ich meine ... Es war eine Art von Großzügigkeit."

Weitere Artikel: Die FAS veröffentlicht ihre traditionelle, anonym verfasste Suada zur Frankfurter Buchmesse. In seiner in der Zeit abgedruckten Dankesrede zur Auszeichnung mit dem Thomas-Mann-Preis erinnert sich Navid Kermani daran, wie er im Alter von 11 Jahren in Paris Ajatollah Chomeini begegnete, zu dem Kermanis Vater - ein "glühender Anhänger" - damals gepilgert war (hier unser Resümee in der Debattenrundschau). Timo Berger (taz) und Gerrit Bartels (Tsp) schreiben Nachrufe auf den chilenischen Exil-Schriftsteller Antonio Skármeta. Die Welt hat sich im Kulturbetrieb umgehört, welches Buch Italien am besten erklärt: Peter Sloterdijk empfiehlt die "Operette morali" von Giacomo Leopardi, Ingo Schulze greift zu Paolo di Paolos Roman "Und doch so fern" und für Elke Heidenreich lässt sich Italien sowieso am besten in dessen canzoni erleben. Andrea Pollmeier berichtet in der FR vom Auftakt der Open-Books-Reihe in Frankfurt.

Besprochen werden unter anderem Levin Westermanns "Zugunruhe" (FAZ), David Wagners "Verkin" (FAZ), Davide Coppos "Der Morgen gehört uns" (Freitag), George Saunders' "Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil" (Welt), Julian Schuttings "Auf vertrauten Umwegen - Datierte Blätter 2" (Standard) und Faruk Šehićs Lyrikband "Meine Flüsse" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Paula Rego, The Cadet and His Sister, 1988, Privatsammlung, © Paula Rego. 2024 / Bridgeman Images

Paula Rego
stellt in ihren Bildern, der das Kunstmseum Basel eine Ausstellung widmet, tradierte Geschlechterrollen subtil auf den Kopf, freut sich Philipp Meier in der NZZ. Zum Beispiel im Bild "The Cadet and His Sister": "Sie hat buchstäblich die Fäden in der Hand. Die Hände des zarten Jünglings stecken dagegen in weißen Handschuhen: Er weiß noch wenig vom Leben. Hinter ihr führt eine Allee in die Weite. Sie kennt die ganze Perspektive. Neben ihr liegen ihre Handschuhe. Sie weiß, wie die Dinge anzupacken, zu hantieren sind, sie tut es mit bloßen Händen. Da ist auch mit weiblichen und männlichen Geschlechtsorganen assoziierte Symbolik auszumachen: Die Handtasche der Schwester mit rotem Futteral steht leicht geöffnet im Sonnenlicht. Im linken unteren Bildrand hingegen sucht ein zerbrechlicher Keramik-Gockel Schutz im Schatten der Bank."

Passt arme Kunst in reiche Museen? Manchmal nicht allzu gut, findet Bernhard Schulz in monopol angesichts einer "Arte Povera"-Ausstellung im Pariser Bourse de Commerce: "Die Protagonisten der Arte Povera liefen gegen die etablierte Institution des Museums Sturm, aber auch ihnen bleibt nicht erspart, am Ende doch im Museum zu landen. Die Präsentation im clean-coolen Gehäuse des White Cube, des neutralen Museumsraumes, übernimmt die Pinault-Stiftung in ihrem Pariser Haus, der von Tadao Ando so edel-minimalistisch hergerichteten Bourse de Commerce. Wer die ein oder andere Aktion der Arte-Povera-Künstler außerhalb des Museums erlebt und erfahren hat, wird ein bisschen wehmütig sein angesichts der jetzigen, gewissermaßen staubfreien Präsentation. Künstler wie Mario Merz, Jannis Kounellis oder Luciano Fabro, um nur einige der großen Namen zu nennen, wollten ja gerade die ästhetischen Potenziale der Nicht-Kunst-Materialien freilegen, wollten weg vom Künstler-Genie und hin zum handwerklichen Produkt."

Außerdem: Bei Sotheby's wurde zum ersten Mal ein von einem Roboter gemaltes Bild versteigert, gibt unter anderem der Standard durch.

Besprochen werden die Ausstellung "Yalla. Arabisch-jüdische Berührungen" im Jüdischen Museum Hohenems (Standard) und "Helen Frankenthaler: Painting Without Rules" im Palazzo Strozzi, Florenz (Tagesspiegel).
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Musik

Tim Caspar Boehme empfiehlt in der taz einen Konzertzyklus der Berliner Philharmoniker mit Kompositionen von Ferruccio Busoni. Tilman Spreckelsen (FAZ) und Willi Winkler (SZ) gratulieren dem Schlager- und TV-Komponisten Christian Bruhn zum 90. Geburtstag. Bei beiden unerwähnt bleibt Bruhns Soundtrack zur deutschen Ausgabe der Zeichentrickserie "Captain Future", deren Sound eine ganze Generation westdeutscher Fernsehkinder geprägt hat.

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