Im Kino

Alles ist immer Flickwerk

Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
09.10.2024. Ramon Zürcher schließt mit "Der Spatz im Kamin" seine Tier-Trilogie ab. Die Spannungen, die in den vorherigen Filmen des Schweizer Regisseurs noch weitgehend im Verborgenen wirkten, brechen an die Oberfläche durch. Darin liegt auch ein Moment der Hoffnung.

Die Welt verbrennt
im neuen Film der Schweizer Zürcher-Zwillingsbrüder, und das gleich zweimal. Zuerst in einer halluzinatorisch-alptraumhaften Sequenz im Herzen von "Der Spatz im Kamin", und dann noch einmal, vielleicht, näher an der Realität des Erzählten. Der Charakter dieser Feuer bleibt ambivalent - reinigend und befreiend oder apokalyptisch und alles verzehrend? Oder ist das vielleicht ohnehin alles dasselbe?

"Sie kommen gleich", verkündet der zehnjährige Leon anfangs seiner Mutter Karen, und Maren Eggerts unergründlicher Blick in die Kamera eröffnet einen Reigen, wie man ihn bereits zu kennen glaubt aus den bisherigen Arbeiten von Ramon und Silvan Zürcher. Mit "Das merkwürdige Kätzchen" hatten die Brüder immerhin eines der originellsten und eigenwilligsten Debüts vorgelegt, die das deutschsprachige Kino in den letzten zehn, zwanzig Jahren zu bieten hatten - und dem mit "Das Mädchen und die Spinne" eine Art Variation auf dieselben Motive und Themen folgen lassen. Auch "Der Spatz im Kamin" ist auf den allerersten Blick als Zürcher-Film erkennbar - in Form wie Inhalt.

Wie bereits die beiden Vorgänger entwirft auch "Der Spatz im Kamin" zunächst eine Situation, die im Folgenden durchgespielt, ja, durchkomponiert wird. Eine familiäre Zusammenkunft liefert den Rahmen für ein böses Spiel - mal mehr, mal weniger Patchwork, oder besser gesagt: alles ist immer Patchwork, nur der Grad der Offenheit, in der die Spaltungen, die Brüche, das Beziehungsflickwerk verhandeln werden, variiert. Karen lebt mit Leon und dessen pubertierender Schwester Johanna im Landhaus ihrer verstorbenen Mutter. Die älteste Tochter Christina studiert in einer weit entfernten Stadt und hat sich mit dieser Flucht den Hass ihrer jüngeren Schwester zugezogen. Und Karens Ehemann Markus hat eine Affäre mit der enigmatischen Nachbarin Liv, eine Scheidung steht aber nicht zur Debatte. "Um euch das Leben zur Hölle zu machen", wie Karen Livs Frage nach dem Fortbestand einer Beziehung beantwortet, die für alle offenkundig nur noch aus Hass und Fremdheit besteht.


Davon handeln alle Filme der Zürcher-Brüder: wie wir alle fortwährend in zwischenmenschlichen (und vorwiegend familiären) Beziehungen verharren, die uns nichts als Verletzungen und Schmerz bringen. In "Das merkwürdige Kätzchen" blieb die Oberfläche noch seltsam stabil, ungebrochen. Etwas wie eine unsichtbare, ungreifbare Elektrizität war da spürbar, etwas, das subkutan in allen Protagonist*innen pulsierte und keinen rechten Ausdruck fand, während der Schein um jeden Preis gewahrt wurde. Destruktive Impulse, die in "Das Mädchen und die Spinne" erstmals machtvoll an die Oberfläche drangen - einem Film, der sich im Rückblick als eine Art Übergangswerk erweist, zum nackten Familienhorror, der nun in "Der Spatz im Kamin" seinen Ausdruck findet.

Hier gibt es von Anfang an keinerlei Zurückhaltung mehr, und alles, wirklich alles wird ausgesprochen. Mal mit eisigem Lächeln im maskenhaften Gesicht, immer öfter aber mit offener Aggression und geradezu sadistischer Erbarmungslosigkeit. Dies ist ein Endzeitfilm, und allen Protagonisten scheint klar zu sein, dass es nichts mehr zu retten gibt und sich Hass und Wut nicht mehr mit vorgespiegelter Harmonie übertünchen lassen. Das Patchwork ist nicht mehr zu flicken - die schlimmsten Schmerzen rühren von den letzten Fäden, mit denen all die Flicken noch immer zusammengebunden sind. Auf Gedeih und Verderb.

Natürlich braucht eine solch statische Situation einen Impuls von außen, um die festgefrorenen Dinge in Bewegung zu setzen und die fortschreitenden Eskalationen in Gang zu bringen. Diese Rolle übernimmt Karens Schwester Jule, die mit Ehemann, Tochter und Baby in das gehasste Haus der gemeinsamen Kindheit zurückkehrt. "Ich habe nie verstanden, wie du hier einziehen konntest", sagt sie einmal zu Karen, und auch ihren Nichten und Neffen erzählt sie allerlei aus der eigenen Familiengeschichte, das sonst im Unterbewussten, Unausgesprochenen verräumt wird. Geschichten von Einsamkeit, Missbrauch und Tod, von Traumata, die sich von Generation zu Generation vererben, ebenso wie der titelgebende Spatz, der anfangs befreit wird, Minuten später erneut verzweifelt hinter geschlossenen Kamintüren piepst.

Mit ihrer "Tier-Trilogie" haben die Zürcher-Brüder drei Variationen auf dasselbe Thema inszeniert, aber von bloßer Redundanz könnte dieses Unterfangen kaum weiter entfernt sein. Eher geht es um einen fortschreitenden Auf- und Ausbruch: eine Fassade, die im "Kätzchen" zu bröckeln beginnt, in der "Spinne" erste Risse bekommt und die nun im "Spatz" endgültig in Flammen aufgeht. Es gibt Momente in diesem ungeheuer intensiven, perfekt (und hochmusikalisch!) durchkomponierten Film, in denen so etwas wie Befreiung in der Luft liegt. Aber ist Karen nun der Spatz im Kamin oder doch eher die Katze in der Waschmaschine? Und was eigentlich sollte nahelegen, dass nicht auch die nächste Generation, die vielleicht eh schon "kaputt" ist, wie der mit Blutergüssen und Platzwunden übersäte, "kochsüchtige" Leon, erneut in die Falle tappt, erneut hilflos und verwirrt im Kamin vor sich hin piepst?

Alles, was diesen grauenvollen Ist-Zustand ändert, scheint am Ende willkommen; und wenn die Flammen das verfluchte Haus verzehren, dem niemand entkommen konnte, egal wie weit es ihn fortzog, wenn giftige Glühwürmchen die Nacht erleuchten und schwarze Kormorane am Himmel kreisen, dann kommt in diesen dunklen, apokalyptischen Bildern durchaus auch eine Hoffnung zum Ausdruck. Es ist das Maß an Hoffnung, mit dem man halt vorlieb nehmen muss.

Jochen Werner

Der Spatz im Kamin - Schweiz 2024 - Regie: Ramon Zurcher - Darsteller: Maren Eggert, Britta Hammelstein, Luise Heyer, Lea Zoë Voss, Ilja Bultmann - Laufzeit: 117 Minuten.