Im Kino

Gruselgrinsen

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
15.10.2024. Parker Finns Horrorfilmfortsetzung "Smile 2" ist barocker und exaltierter als ihr Vorgänger. Zwar werden wir wieder von Gesichtern mit festbetonierten Dauergrinsen in Angst und Schrecken versetzt - gleichzeitig jedoch gefällt der Film als launige Satire auf das Popmusik-Business.

Kein Lächeln weit und breit, stattdessen: Angst und Schrecken in den Suburbs. Ein derangierter Typ, dem offensichtlich längst alles egal ist, schiebt in der ersten Szene des Films einem bulligen Pferdeschwanzträger die Knarre in den Nacken, betritt mit ihm ein von außen einigermaßen respektables Haus, das sich innen als gammeliger Drogenumschlagplatz entpuppt. Dort kommen Messer und Pistolen zum Einsatz, Blut spritzt, weit aufgerissene Augen, einer sieht etwas, was er nicht sehen soll…

Parker Finn weiß, dass es in einem Horrorfilm, der "Smile 2" heißt, manchmal effektiver sein kann, nicht direkt mit dem teuflischen Grinsen ins Haus zu fallen. Nicht nur im rabiaten Prolog ist das Markenzeichen der Horrorfilmserie abwesend, auch im Folgenden dauert es noch ein wenig, bis es seinen ersten Auftritt hat. Beziehungsweise, bis eines der vielen Lächeln, die in der amerikanischen Unterhaltungsindustrie allgegenwärtig sind und die einem auch schon jenseits des Horrorkinos oft nicht geheuer sind, sich in charakteristischer Manier verfestigt, einfach nicht mehr verschwinden will aus dem Gesicht, in das es sich eingepflanzt hat.

Im Reich der klickoptimierten, geldwerten Scheißfreundlichkeit siedelt Parker Finn "Smile 2" also an, dort, wo das Lächeln besonders blendend-, blendamedweiß daher kommt und wo es freilich, ahnen wir, immer schon mit besonders viel Blut, Schweiß und Tränen bezahlt werden muss: im Herzen der Celebrity Culture. Skye Riley heißt der Superstar, der sich in der Fortführung des Gruselüberraschungserfolgs von 2022 das tödliche Grinsevirus einfängt. (Kurze Rekapitulation: Wer einen anderen grinsend Selbstmord begehen sieht, wird bald darauf selbst von blutigen Halluzinationen heimgesucht und erst in den Wahnsinn, perspektivisch in den Freitod getrieben - vor einem neuen Zeugen, der das Virus hinfort weiterträgt. Das ist auch schon alles, was man über die Handlung wissen muss.) 


Naomi Scott verkörpert Riley mit viel Freude am emotionalen Exzess. Skye schmiegt sich als kulturelle Fantasie eng an die Wirklichkeit an. Optisch denkt man angesichts des schicken Kurzhaarschnitts an Miley Cyrus, überdeutlich schwingen außerdem die noch etwas angesagteren Gen-Z-Idole Taylor Swift und Billie Eilish mit. Nicht zuletzt, weil auch Skye Riley einen Hang zur hyperemotionalen Selbstinszenierung hat. Selbst die kurzen Haare dürften, erfahren wir bald, auf ein höchstens halb überwundenes Trauma verweisen.

Blutiger Suspense und Glamour Pop: Auf diese Mischung setzte zuletzt auch M. Night Shyamalans "Trap" (nimmt man als etwas entferntere Verwandte noch Demi Moores Ageism-in-Hollywood-Alptraumtrip "The Substance", das Lady-Gaga-Spektakel "Joker: Folie a Deux" und die Meta-B-Movie-Extravaganz "MaXXXine" hinzu, kann man 2024 schon fast zum ultimativen Kinojahr des Showbiz-Horrors erklären). Anders als der nicht nur in dieser Hinsicht komplexer gebauten "Trap" schließt "Smile 2" beides kurz und schreibt den Schrecken direkt in die Oberflächen der Kulturindustrie ein.

Genauer gesagt geht es um einen Gestus der Demaskierung: Der popkulturellen Glitzerwelt wird die Maske vom allzu perfekt, facegeliftet grinsenden Gesicht gerissen, und darunter kommt ein zweites, ein blutiges Grinsen zum Vorschein. Regelrecht ornamental kommen einige dieser Demaskierungen daher: Ein Musikvideodreh früh im Film kehrt später als barock ausufernde Grinsehorror-Choreografie wieder. In den schöneren Szenen des Films - die vielleicht schönste wird von einem defekten (oder verhexten?) Teleprompter getriggert - entfaltet sich das Gruselspektakel freilich primär nicht in der äußeren Welt, sondern auf Naomi Scotts Gesicht, das gelegentlich fast zur Leinwand auf der Leinwand wird.


Die Einsamkeit des Ich in Zeiten eskalierender medialisierter Dauerkommunikation könnte das verborgene Urthema der "Smile"-Filme sein. Einerseits nistet sich das Grauen in einer Grundform der nichtmedialisierten Face-to-Face-Sozialisation ein: jemand lächelt Dich an - aber etabliert damit gerade keinen Möglichkeitsraum des wechselseitigen Erkennens, sondern eine knallharte, unilaterale Machtmechanik. Um dem Terror des direkten, nicht durch Technik vermittelten Blicks zu entkommen, flüchtet sich das verschüchterte Ich andererseits in digitale Kommunikationskanäle, in denen das übergriffige Smile zum vermeintlich handhabbaren Smiley mutiert; und gerät dabei vom Regen in die Traufe. Ihr Handy ist Skylers treuester Gefährte - und letztlich doch nur ein weiteres Medium ihrer Hilflosigkeit, weil die Signale, die sie mit seiner Hilfe empfängt, nicht mehr verlässlich auf Menschen aus Fleisch und Blut umgerechnet werden können.

Soweit die Medientheorie. Wie funktioniert das Ganze als Horrorfilm? Ziemlich gut, auch wenn man schon zugestehen muss, dass der Terroreffekt des Gruselgrinsens nicht die allerlängste Halbwertszeit hat. Was vermutlich auch Regisseur Finn weiß, weshalb er es, siehe oben, diesmal sparsamer einsetzt und das alltagsnähere Setting des ersten Films ordentlich aufbrezelt - nicht nur in Gestalt des Glamour-Settings, sondern auch mithilfe spektakulärer Überkopf-Skyline-Kamerafahrten und eines ordentlich auf die atonale Tube drückenden Scores (Cristobal Tapia de Veer).

"Smile 2" ist - nicht der schlechteste Impuls für ein Sequel - barocker, exaltierter, durchaus auch hibbeliger geraten als der Vorgänger. Möglicherweise wird der Film nicht für gar so viele schlaflose Nächte verantwortlich sein; die "jump scares" haben diesmal teils weniger Wucht als die satirischen Spitzen, etwa wenn der kontrafaktische "auch Du wirst es schaffen"-Daueroptimismus der Pop-Branche oder die Wellness-Rhetorik des pharmakologisch-industriellen Komplexes aufs Korn genommen werden. Besonders spektakulär ist in dieser Hinsicht Rosemarie DeWitt als Rileys ihre Tochter mit unnachgiebiger soft-skills-Härte als Cash Cow missbrauchende Alfred-Hitchcock-Gedächtnis-Mutter. Schon bei ihrem ersten Auftritt ahnt man: Der wird das diabolisch festbetonierte Grinsen besonders gut stehen.

Lukas Foerster

Smile 2 - USA 2024 - Regie: Parker Finn - Darsteller: Naomi Scott, Kyle Gallner, Rosemarie DeWitt, Lukas Cage, Peter Jacobson - Laufzeit: 127 Minuten.