Efeu - Die Kulturrundschau
In kreativer Hinsicht obsolet
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14.09.2024. Die Musikkritiker beugen sich über das neue Album der Antilopen Gang, die versuchen "Adorno auf eine Rap-Platte zu pressen", wie die FAS meint. Von der Choreografin Joana Tisckau lernt die FAS außerdem, was mit "Hasszination" gemeint ist. Wenn Thomas Bernhards Schimpftiraden am Burgtheater auf die Bühne kommen, sitzt der Standard gerne im Saal. Wie war eigentlich das Literaturjahr 1974, fragt sich die taz. Die FAZ blickt auf afghanische Kunst in Frankfurt und bewundert gar nicht langweilige Randkritzeleien in Bremen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
14.09.2024
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Bühne
FAS-Kritiker Matthias Dell besucht die Choreografin und Tänzerin Joana Tischkau im Berliner HAU, wo nächste Woche ihr Stück "Ich nehm dir alles weg. Ein Schlagerballett" Premiere hat. Aber warum eigentlich Schlager? Schlager generiert am meisten Umsatz, aber es gibt kaum Kulturkritik, die sich damit beschäftigt", eklärt sie: "Meine Dramaturgin Anta Helena Recke nennt das 'Hasszination' - eine herzhafte Auseinandersetzung mit einer Kultur, der man ambivalent gegenübersteht." Auch Fragen der Identität haben für Tischkau eine wichtige Rolle gespielt: "Die Songs bei uns kommen nur von schwarzen Schlagerstars (...). Also Marie Nejar, Billy Mo, Roberto Blanco, Randolph Rose oder Tina Daute. Aber das verkompliziert sich schnell wieder, weil deren Texte oft von weißen Menschen geschrieben oder übersetzt wurden, das sind häufig deutsche Versionen anderssprachiger Songs."
"Holzfällen" ist der Roman, in dem Thomas Bernhard am schärfsten mit der österreichischen Gesellschaft abgerechnet hat, jetzt bringt ihn Nicholas Ofczarek auf die Burgtheater-Bühne, gemeinsam mit der Musicbanda Franui. Besonders der einstige Bernhard-Förderer Lampersberger fühlte sich in dem Buch verleumdet und rief die Justiz an, die den Roman prompt beschlagnahmte - alles Stoff für Legenden, weiß Ronald Pohl im Standard: "Die Linke lässig aufgestützt, wohnt Ofczarek dem vielbeschworenen 'künstlerischen Abendessen' auf einem einfachen Holzsessel bei. Mit spitzer Zunge bohrt er Löcher in den Text, der aufgeschlagen vor ihm liegt. Ofczarek lässt Erregungsdampf ab. Er betont Einzelsilben, indem er sie aus dem reißenden Fluss von Bernhards Suada herausfischt. (…) In Ofczareks satirischer Bemühung sind rund hundert Jahre Burgtheaterdeutsch in nuce enthalten. Am Gaumen erzeugt er den Nachhall. Töricht ist die Selbstüberschätzung heimischer 'Publikumslieblinge'; rettungslos veraltet ihr Bedürfnis nach Anbetung, ihre unwiderstehliche Geltungssucht."
Weiteres: Jan-Christoph Gockel eröffnet die Theatersaison am Schauspiel Frankfurt mit Goethes "Faust", berichtet die FAS. Der Standard fasst die ersten, durchaus ambivalenten Reaktionen auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Intendant Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt (unser Resümee) zusammen.
"Holzfällen" ist der Roman, in dem Thomas Bernhard am schärfsten mit der österreichischen Gesellschaft abgerechnet hat, jetzt bringt ihn Nicholas Ofczarek auf die Burgtheater-Bühne, gemeinsam mit der Musicbanda Franui. Besonders der einstige Bernhard-Förderer Lampersberger fühlte sich in dem Buch verleumdet und rief die Justiz an, die den Roman prompt beschlagnahmte - alles Stoff für Legenden, weiß Ronald Pohl im Standard: "Die Linke lässig aufgestützt, wohnt Ofczarek dem vielbeschworenen 'künstlerischen Abendessen' auf einem einfachen Holzsessel bei. Mit spitzer Zunge bohrt er Löcher in den Text, der aufgeschlagen vor ihm liegt. Ofczarek lässt Erregungsdampf ab. Er betont Einzelsilben, indem er sie aus dem reißenden Fluss von Bernhards Suada herausfischt. (…) In Ofczareks satirischer Bemühung sind rund hundert Jahre Burgtheaterdeutsch in nuce enthalten. Am Gaumen erzeugt er den Nachhall. Töricht ist die Selbstüberschätzung heimischer 'Publikumslieblinge'; rettungslos veraltet ihr Bedürfnis nach Anbetung, ihre unwiderstehliche Geltungssucht."
Weiteres: Jan-Christoph Gockel eröffnet die Theatersaison am Schauspiel Frankfurt mit Goethes "Faust", berichtet die FAS. Der Standard fasst die ersten, durchaus ambivalenten Reaktionen auf die Missbrauchsvorwürfe gegen Intendant Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt (unser Resümee) zusammen.
Musik
Durch das neue Doppelalbum "Alles muss repariert werden" der Antilopen Gang geht nach alter linker Tradition ein spaltender Riss: Die eine Hälfte bietet Rap (oben), die andere Punk (unten). Gemotzt gegen alles mögliche - gerne auch gegen linke Betonköpfe - wird weiterhin. Und das klingt "ein wenig so, als hätte man versucht, Adorno auf eine Rap-Platte zu pressen", stellt Manuel Paß in der FAS fest. Ji-Hun Km vom Freitag hat das alles nur teilweise abgeholt: "Der Punk der Antilopen Gang ist ein Punk mit Vorgarten. Der protestierende Steinwurf reicht maximal bis an den eigenen Lattenzaun. Eingemottete Molotow-Cocktails taugen auch super als Grillanzünder. Wie ein Hygge-Kaminfeuer lodert die Subversion im kontrollierten Kamin mit Abzug. ... Aber Pop und Punk von Links darf heute wieder mehr wollen, als sich am eigenen Gartenzaun abzufeiern."
Benjamin Moldenhauer denkt in der taz über die Diskursstrategie der Antilopen Gang nach - sich zur Linken zählen, sich an der Linken aber auch reiben -, kommt dann aber doch zu dem Schluss, dass es im Pop am meisten darauf ankommt, ob ein Stück "ballert oder einen berührt oder halt kalt lässt. ... Diese Frage entscheidet sich bei der Antilopen Gang, die zwischen großartigen Tracks und latent wohlfeiler Grütze mit immer wieder überraschenden Ergebnissen hin und her schaltet, vor allem an den Songtexten." Hier "scheint bei ihnen eine Form von Bescheidwissen und Überlegensein im Wissen durch, dass die eigene Position auch nicht konsistent sein kann. Durch dieses Wissen noch cleverer zu erscheinen, ist bei den Antilopen eines der zentralen Versprechen. Die Suggestion ist, dass Bedeutsames kommuniziert wird, sonst funktioniert es nicht. Dafür muss das Distinktive als Hauptmotiv aber ausgeblendet werden, zumindest wenn man nicht wirken will wie irgendein arroganter Arsch, sondern eben wie der Topchecker, der man gerne wäre."
Wie auch immer dem sei, eine wichtige Geste war es dennoch, wie die Antilopen - als eine der ganz wenigen im deutschen Popbetrieb - vor wenigen Monaten mit klaren Worten Stellung zur antisemitischen Internationalen bezogen haben, die sich seit dem 7. Oktober 2023 formiert hat:
Im Gespräch mit Philipp Kressmann für die Jungle World erklärt der kanadische, derzeit in Köln lebende Pianist und Rapper Chilly Gonzales nicht nur, warum er die Musik von Richard Wagner zwar großartig findet, auf seinem neuen Album "Gonzo" mit dem großen Antisemiten der deutschen Komponisten aber dennoch abrechnet (nämlich genau deswegen), sondern auch, was er vom durch Entspannungsplaylists beförderten Trend der Neoklassik, in die er gegen seinen Willen gerne einsortiert wird, hält: weniger als wenig. "Je gesichtsloser diese Musik klingt, umso besser funktioniert es beim Streaming. Das bedeutet: Neoklassik könnte sehr bald die erste Musik sein, die erfolgreich von Künstlicher Intelligenz komponiert und reproduziert wird. Das wäre wahrscheinlich eine gute Entwicklung, denn dann werden all die Menschen, die diese gesichtslose Neoklassik aufnehmen, in kreativer Hinsicht obsolet sein. Ich zähle nicht dazu: Meine Klaviermusik ist nicht im eigentlichen Sinne Neoklassik, sie hat einen Standpunkt: Es gibt etwa Überraschungen und unangenehme Momente."
Weitere Artikel: Marco Frei blickt für die NZZ im Gespräch mit Iván Fischer auf die Geschichte des Budapest Festival Orchestra zurück, das jener vor 40 Jahren gegründet hat. Im Standard spricht Stefan Ender mit dem Dirigenten Petr Popelka über Arnold Schönberg. Marlene Knobloch porträtiert für die SZ die Schlagersängerin Michelle, die sich nach 30 Jahren aus dem Showgeschäft zurückziehen möchte.
Besprochen werden das neue Album von Die Nerven (Zeit Online, mehr dazu auch schon hier), Stephan Rehm Rozanes' und Fabian Soethofs Buch "Back for Good. Warum uns die Musik der 90er nicht loslässt" (FAZ) und das neue Album "Endless Rüttenscheid" von International Music (Jungle World).
Literatur

Weitere Artikel: Julia Habernagel und Jens Uthoff berichten in der taz vom Internationalen Literaturfestival Berlin, bei dem eine Debatte zu BDS und Antisemitismus offenbar völlig in die Binsen ging. Für die FAS porträtiert Tobias Rüther Mithu Sanyal, Katharina Volckmer, Sven Pfizenmaier, Hengameh Yaghoobifarah und Dana von Suffrin, die in dieser Saison allesamt zweite Romane auf den Markt bringen. In "Bilder und Zeiten" der FAZ erinnert Thomas Combrink an die Rundfunk-Essays von Jean Améry, die ihm jenes Maß an finanzieller Absicherung einbrachten, um sich vom Journalismus zu emanzipieren und seine Karriere als Essayist und Schriftsteller zu verfolgen. Amerys Radiodebüt "An den Grenzen des Geistes - Versuch über die Begegnung des Intellektuellen mit Auschwitz" kann man derzeit beim SWR hören. Viele Neuerscheinunen zeigen auf ihrem Cover bunte Frauenporträts, ist Christiane Lutz von der SZ aufgefallen. In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Matthias Heine daran, wie Thomas Bernhard im November 1978 in München von protestierenden Studenten bedrängt wurde. In der FAZ gratuliert Mark Lehmstedt dem Verleger Christoph Links zum 70. Geburtstag. "Bilder und Zeiten" der FAZ bringt eine Erzählung von Marjana Gaponenko.
Besprochen werden unter anderem Behzad Karim Khanis "Als wir Schwäne waren" (Freitag), Norbert Horsts Krimi "Lost Places - Wo die Toten schweigen" (taz), Eva Maria Leuenbergers Gedichtzyklus "die spinne" (FR), die Lübecker Ausstellung "Fiebertraum & Höhenrausch" über Thomas Manns "Zauberberg" (FAZ) und Andrew O'Hagans "Caledonian Road" (FAZ).
Der Standard bringt Clemens J. Setz' neues Gedicht "Traurige Meldung":
"Es war im neunten Jahrhundert
auf der Insel Reichenau
Ein Mönch in der Abtei ..."
Kunst

Lena Bopp führt für die FAZ ein Interview mit Kubra Khademi, deren Ausstellung "Bread, Work, Freedom" gerade in der Galerie Anita Beckers zu bestaunen ist. Khademi kommt ursprünglich aus Afghanistan, lebt aber aufgrund von Gewalt und Anfeindungen, die sie wegen ihrer Kunst erfahren hat, seit 2015 in Paris. Sie widmet sich in ihren Gemälden der weiblichen Identität, die die Taliban in ihrem Heimatland unterdrücken: "Kunst reproduziert diese Gewalt nicht. Kunst zeigt etwas anderes. Ich wurde immer anders behandelt als meine älteren Brüder, aber ich bin Künstlerin, warum sollte ich das nachmachen? Ja, ich zeige die Gewalt, aber neben ihr gibt es etwas anderes, nämlich meine Präsenz als Mädchen. Als Mädchen, das niemand davon abhalten konnte, zu zeichnen. Ich existierte mit meiner Würde."
Die "Randbereiche der Kunst" lernt FAZ-Kritiker Wolfgang Krischke mit der Ausstellung "Jenseits der Mitte. Skizzen am Rande" in der Kunsthalle Bremen kennen, es ist die erste Schau überhaupt, die sich einzig den sogenannten Remarques widmet, "spontanen Randeinfällen, mit denen Künstler frei gebliebene Stellen auf ihren Druckplatten füllten." Bei Künstlern wie Daniel Nikolaus Chodowiecki tragen die kleinen Randbilchen zur Wertsteigerung bei: "Seine Kupferstiche und Radierungen, die häufig Bücher bebilderten, entfalten ein Panorama des bürgerlichen Lebens seiner Zeit. Chodowiecki, der in der Ausstellung stark vertreten ist, radierte seine Remarques meistens mit der Kaltnadel, also ohne Ätzprozess und getrennt von der Radierung der Hauptmotive. Er hatte schon zu Lebzeiten ein großes Sammlerpublikum und verkaufte die Probedrucke mit den Randfiguren als Raritäten zu hohen Preisen."
Weiteres: Die FAZ ist nach Perpignan gereist, um auf dem Festival "Visa pour l'image" das Beste aus dem aktuellen Fotojournalismus kennenzulernen. An den Künstler Bernd Pfarr, der vor zwanzig Jahren gestorben ist, erinnert die SZ. "Spiral Jetty" von Robert Smithson ist ein legendäres Werk der sogenannten Land Art, weiß die Welt. David Wojnarowicz wäre heute siebzig Jahre alt geworden, sein früherer Galerist Alan Barrows erinnert sich im Interview mit Monopol an ihn. Die Taz begibt sich in Kopenhagen auf die Suche nach Spuren aus Caspar David Friedrichs Studienzeit dort.
Besprochen werden folgende Ausstellungen: "Heimaten" im Haus der Kulturen der Welt (FAS), "Superheroes" im NRW-Forum Düsseldorf (SZ), "Freitag, den 13." von Andreas Mühe in der Galerie Bastian und "Deutschlandsuche" mit Werken von Christoph Schlingensief in der Galerie Crone (beide Berliner Zeitung).
Film

Weiteres: Michael Ranze verneigt sich im Filmdienst vor der Schauspielerin Jacqueline Bisset, die gestern 80 Jahre alt geworden ist. Elena Oberholzer geht in der NZZ dem Erfolg der Serie "Shogun" auf den Grund. Tim Caspar Boehme berichtet in der taz von einem Abend im Berliner Kino Arsenal zu Ehren von Oleksandr Dowschenkos Stummfilm-Klassiker "Arsenal", der vor ausverkauftem Saal und einem mehrheitlich jungen Publikum gezeigt wurde. Francis Ford Coppola wehrt sich juristisch gegen die Behauptungen des Branchenmagazins Variety, er habe beim Dreh seines aktuellen Films "Megalopolis" Komparsinnen unangemessen behandelt, berichtet David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden Farahnaz Sharifis iranischer Essayfilm "My Stolen Planet" (SZ, unsere Kritik), Fabian Stumms "Sad Jokes" (online nachgereicht von der FAZ), eine Pasolini-Ausstellung im NBK in Berlin (taz) und die auf Disney+ gezeigte Dokuserie "In Vogue: The 90s" über Anna Wintour und die Geschichte der Vogue (Zeit Online).
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