Im Kino

Zustand der partiellen Unsichtbarkeit

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
11.09.2024. Bilder, die hinfort nicht mehr vergessen werden können sammelt Farahnaz Sharifi in ihrem eindrucksvollen Dokumentarfilm "My Stolen Planet". Sie zeigen iranische Frauen, die lachend, tanzend, feiernd der Unterdrückung trotzen und fügen sich zu einem Archiv, das gleichzeitig ein persönliches und ein kollektives ist.

"My Stolen Planet", dieser vielfach ausgezeichnete Film über Bilder und über das Vergessen, enthält sehr viele Bilder, die nicht mehr zu vergessen sind. Das Schwarzweiß-Foto einer Straße in Teheran, auf der Tausende von Frauen im Sommer 1979, wenige Wochen nach der Islamischen Revolution, gegen den Hijab-Zwang demonstrieren. Die Video-Aufnahme einer anderen Straße, in derselben Stadt über 40 Jahre später aus der Luft gefilmt, auf der die Verbrennung der Hijabs von Tanz und Gesang begleitet wird und der Protest für einen Augenblick aussieht wie eine Choreografie. Die Clips von maskierten Krankenschwestern und -pflegern in iranischen Krankenhäusern, die in der schlimmsten Phase der Covid-Pandemie ebenfalls zu tanzen begannen und sich dabei mit ihren Smartphones filmten. Die Clips von tanzenden Frauen, Männern, Kindern, die von Familien und Freunden ins Netz gestellt wurden, nachdem dieselben Frauen, Männer, Kinder im Herbst 2022 bei Demonstrationen im Iran getötet worden waren. Das Video einer Gruppe von Freundinnen, lachend und entspannt in einer Wohnung. Und das andere Video, das die Frauen kurz darauf schwarz verschleiert und verhüllt auf ihrem Weg durch die Stadt zeigt.

Es wird viel gefilmt in "My Stolen Planet". Vom Stativ, aus der Hand, mit professionellen Kameras, viel häufiger aber mit den Kameras von Smartphones. Und es wird viel getanzt, aus Trotz, aus Verzweiflung, als Akt des Widerstands, vor allem aber, weil diejenigen, die hier vor der Kamera tanzen, gerne tanzen wollen und noch nichts davon wissen (oder wissen wollen), dass es ihnen verboten sein soll. Die Filmemacherin Farahnaz Sharifi, die ihren Abschluss an der Universität Teheran erworben hat und auf die Arbeit mit Bildmaterial aus dem Archiv spezialisiert ist, hat die Aufnahmen der Tanzenden gesammelt, teilweise auch selbst aufgezeichnet, und sie mit vielen weiteren Aufzeichnungen zu einer Erzählung montiert, die zugleich eine persönliche und eine kollektive ist. Eine für alle, wenn man so will; nur dass ihr Film auch vermittelt, wie groß die Einsamkeit derjenigen sein muss, die den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen ihres Landes seit 2022 aus dem Exil in Deutschland verfolgt.


Die Situation, die sich aus der gewaltvollen Unterdrückung ergibt, ist paradox. Was in der Geschichte des westlichen Feminismus als ein zentraler Schauplatz der Repression figuriert: der Innenraum, das häusliche Umfeld, ist in der Geschichte, die "My Stolen Planet" erzählt, jener Ort, an dem der Hijab abgelegt und das Haar frisiert werden kann, wo Partys gefeiert werden (einige sehen ziemlich wild aus), wo getanzt, gelacht, gesungen, gefilmt und wie selbstverständlich eine Praxis der weiblichen Solidarität gestaltet wird. Der Außenraum hingegen ist der Raum der Restriktion, in dem der Schleier zu tragen und der Körper zu verhüllen ist, ein Raum, der Frauen nur unter der Bedingung zugänglich bleibt, dass sie sich so unsichtbar wie möglich machen, auch: ein Umfeld, in dem das Filmen für manche mit dem Tod endet, wenn die Person hinter der Kamera ins Visier der Polizei oder der Scharfschützen gerät. Auch das dokumentiert das gesammelte Material: jähe Bewegungen, abreißende Aufzeichnungen; von Sharifi selbst gibt es eine Aufnahme, die zeigt, wie ihr bei dem Versuch zu filmen plötzlich das Autofenster eingeschlagen wird.

Weil "My Stolen Planet" von Leid, Brutalität, Tapferkeit erzählt, und zwar auf ebenso beiläufige wie eindringliche Weise, kann aus dem Blick geraten, dass es sich zugleich um einen Film handelt, der formal sehr interessant ist. Als Sammlerin von Super8-Filmen von Personen, denen sie nie begegnen wird (wer den Iran verlässt, lässt das private Bildarchiv zurück, wer bleibt, vernichtet es), ist Sharifi immer auch mit der Materialität der zurückgelassenen Bilder befasst. Schrammen, Spuren, die auch die gefilmten Körper affizieren. Zersetzungen des Materials, die dazu führen, dass Personen im Bild unkenntlich werden. Fast immer ein Zustand der partiellen Unsichtbarkeit, manchmal ein Stadium fortgeschrittener Auflösung, und in einzelnen Fällen nicht mehr als Flecken und Schemen, die für einen Augenblick durch das Sichtfeld wandern. Gefilmt werden heißt nicht notwendig überdauern. Vielmehr ist Sharifis Sammlung das Archiv eines Verschwindens, gegen das die Bilder keine Versicherung bieten, und an dem sie auf ihre Weise Anteil haben.

Stefanie Diekmann

My Stolen Planet - Iran 2024 - Regie: Farahnaz Sharifi - Laufzeit: 82 Minuten.