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25.06.2024. Die FAZ lernt beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg, wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht. Außerdem berichtet sie von den Protesten italienischer Schriftsteller gegen die Frankfurter Buchmesse. Die Welt vermisst in der großen Basler Schau zu afrikanischer Malerei Formen subtiler Kritik. Überwältigt ist sie von der rauen Schönheit harter Jungs in Frauenkleidern in der JVA Tegel. Die SZ versinkt in der rauchigen Melancholie der pakistanischen Sängerin Arooj Aftab. Aktualisiert: Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Aktualisiert um 10.13 Uhr: Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, teilt der Börsenverein in einer Pressemitteilung mit. In der Begründung heißt es: "Anne Applebaum hat mit ihren so tiefgründigen wie horizontweitenden Analysen der kommunistischen und postkommunistischen Systeme der Sowjetunion und Russlands die Mechanismen autoritärer Machtergreifung und -sicherung offengelegt und sie anhand der Dokumentation zahlreicher Aussagen von Zeitzeug*innen verstehbar und miterlebbar gemacht. Mit ihren Forschungen zur Wechselwirkung von Ökonomie und Demokratie sowie zu den Auswirkungen von Desinformation und Propaganda auf demokratische Gesellschaften zeigt sie auf, wie fragil diese sind - besonders wenn Demokratien von innen, durch Wahlerfolge von Autokraten, ausgehöhlt werden." Hier die Liste ihrer Bücher im Perlentaucher. Als ihr Opus magnum darf "Roter Hunger" gelten, eine Geschichte des Holodomor, des von Stalin angerichteten Hungermords an Ukrainern und anderen Kategorien der damaligen sowjetischen Bevölkerung. Applebaum ist feste Autorin des Atlantic, vom Perlentaucherhäufig zitiert - allerdings sind ihre Artikel heute wegen der Zahlschranken kaum mehr zugänglich.
Die italienischeLiteratur stellt sich auf die Hinterbeine: Zahlreiche italienische Schriftsteller - darunter Roberto Saviano, Antonio Scurati und Dacia Maraini - protestieren mit einem gestern in LaStampa veröffentlichten, vom Autor Paolo Giordano initiierten offenen Brief an JürgenBoos, den Leiter der FrankfurterBuchmesse, gegen die Planungen des italienischen Gastauftritts. Die Autoren lehnen es ab, auf der Buchmesse mit Duett-Auftritten italienischer Autoren weitgehend unter sich sein zu müssen und fordern Auftritte gemeinsam mit deutschen und internationalen Schriftstellern, schreibt Karen Krüger in der FAZ. Auch gegen die Zumutungen der Meloni-Regierung begehren sie auf: Die Nicht-Einladung Savianos "reihe sich ein in eine Abfolge von Übergriffen unterschiedlicher Art und Schwere, 'die wir in den vergangenen zwei Jahren erlebt haben und von denen wir oft betroffen sind, Einzelereignisse, die jedoch den ausdrücklichen Wunsch nach einer immer stärkeren politischen Einmischung in die Räume der Kultur zeigen'." Hier der Link zum offenen Brief.
Die Plätze für Literatur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden weniger: Der SWRstreicht im Zuge von Sparmaßnahmen DenisSchecksLiteratursendung "Lesenswert". Diese Sparmaßnahmen sind auch eine Folge erheblicher Belastungen, weil der SWR derzeit sehr viel Geld für seine pensioniertenMitarbeiter ausgeben muss. Das geht aus einem FAZ-Gespräch mit Cornelia Ruppert vom Landesrechnungshof Baden-Württemberg hervor, der sich das in alarmierendem Tempo dahinschmelzendeEigenkapital des Senders genauer angesehen hat: "Der SWR und die beiden Vorgängeranstalten haben ihren Beschäftigten jahrzehntelang eine sehr komfortable arbeitgeberfinanzierte Altersversorgung geboten, die die gesetzliche Rentenversicherung ergänzt. Diese Altverträge sind die wesentliche Ursache für die gegenwärtigen hohenBelastungen des SWR."
Besprochen werden PaulaIrmschlers "Alles immer wegen damals" (NZZ), Dana von Suffrins "Nochmal von vorne" (FAZ) und der Band "1924 - Eine Reise durch die deutsche Republik" mit Reportagen von LarissaReissner (SZ).
Ratlos steht Hans-Joachim Müller (Welt) in der großen Schau über afrikanische Malerei, "When We See Us", die das Kunstmuseum Basel mit Kuratoren aus Kapstadt ausgerichtet hat. "Alltagsszenen. Kleine-Leute-Gemütlichkeit, Glücksträume. Aktdarstellungen, Sex, Feststimmung. Figurenensembles in eurythmischer Aufstellung. Erinnerungen an mystische Praktiken. Und immer wieder Bildnisse, Porträts mit der Neigung zur Maske. Kaum einmal Landschaft, kaum einmal Stadt." Nach "Formen subtiler Kritik" sucht Müller vergeblich. "Und anders als im europäischen Realismus, der ziemlich getreulich die Katastrophen des Jahrhunderts spiegelt, könnte man vom Auftritt des vielköpfigen 'When-We-See-Us'-Teams schwerlich auf die Geschichte des Kontinents schließen. Kolonisation, Sklaverei, Apartheid, Stammeskriege, Kampf um Demokratie, korrupte Regime, verweigerte Menschenrechte, Abhängigkeit von internationalem Kapital, Migration - all die Schmerzensschreie scheinen wie erstickt in der Parole 'Wir sind die Größten der Welt, und die Mutigsten sind wir auch'."
Eine sehr seltsame Diskussion ist um eine Ausstellung der amerikanisch-simbabwischen Kuratorin Zoé Samudzi in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden entbrannt, die am Abend vor der Eröffnung abgesagt wurde (unser Resümee). Es wäre die zweite in einer dreiteiligen Reihe über das Verhältnis der DDR zur deutschen Kolonialgeschichte gewesen. Worum der Streit inhaltlich ging? "Das bleibt weiterhin unklar, immerhin erklären die SKD so viel: Man habe die Inhalte der Ausstellung erst wenige Tage vor der Eröffnung sehen können, die fertige Ausstellung überhaupt erst am Abend vorher. Danach aber habe sich unverzüglich 'inhaltlich motivierter Gesprächsbedarf' ergeben", berichtet Sonja Zekri in der SZ.
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Birgit Rieger die von der Initiative Urheberrecht und der Stiftung Kunstfonds in Auftrag gegebene Studie KI und Bildende Kunst vor, die untersucht, "wie sich der Einsatz von KI in Deutschland auf den Kunstmarkt und das ganze Ökosystem Kunst auswirkt, also auch auf Kunstvermittler, Kritiker, Kuratoren und Händler." Ex-Uffizien-Chef Eike Schmidt wird nicht neuer Bürgermeister von Florenz, die sozialdemokratische Kandidatin Sara Funaro setzte sich mit 60,6 Prozent der Stimmen durch, Schmidt musste sich mit 39,4 Prozent der Stimmen begnügen, meldet der Standard mit APA. In der Berliner Zeitungschreibt Ingeborg Ruthe den Nachruf auf den im Alter von 87 Jahren verstorbenen Berliner Fotografen und Verleger Hansgert Lambers.
Besprochen werden die Ausstellung "Das Rauschen des Kosmos" der chilenischen Zeichnerin Sandra Vásquez de la Horra in der Berliner Akademie der Künste (Eine so "intellektuelle wie mythische Mischung aus Surrealem und Expressivem", lobt Ingeborg Ruthe in der FR), die Ausstellung "Welten in Bewegung", mit der das Kunstmuseum Wolfsburg sein 30-jähriges Jubiläum feiert (taz) und die Ausstellung "Mika Rottenberg. Antimatter Factory" im Museum Tinguely in Basel (Tsp).
Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg. Der 7. Oktober liegt noch zu sehr in der akuten Gegenwart, um das Programm maßgeblich zu bestimmen, schreibt er. Aber ein dazu passender Fokus im Festivalprogramm zum "AntizionismusundAntisemitismus in der Zeit des real existierenden Sozialismus" liefert "wertvolles Material über die verschlungene Geschichte dieser beiden Begriffe". Und wartet mit "filmhistorischen Entdeckungen" auf, wie etwa Radosław Piwowarskis polnischem Film "Märzmandeln", der aus dem Jahr 1989 auf das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei zurückblickt: Der Film verdeutlicht, "wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht, wenn er Juden zu Nationalisten und Partikularisten (oder Kolonialisten) erklärt. Der Film ist nicht mehr als ein Splitter in einer höchst komplexen, langen Geschichte (vorgeblich) progressiver Konzeptionen der Überwindung von geschichtlichen Bedingtheiten. In diesem Splitter aber zeigt sich das Ganze."
Wie wollen wir leben? "The Bikeriders" von Jeff Nichols Daniel Moersener hat sich für die Jungle World mit JeffNicholsgetroffen, dessen 60s-Drama "The Bikeriders" die Filmkritik sehr fasziniert hat (unser Resümee). Seine "Filme kann man auch als Absage an ein Kino verstehen, das sich von der Lebensrealität der Menschen entkoppelt zu haben scheint", schreibt Moersener und Nichols bestätigt: "'Das heutige Kino hat sich vom Leben entfernt. Ich habe einen 13jährigen Sohn und in den Superheldenfilmen, die wir gemeinsam schauen und natürlich auch gerne schauen, ist glasklar, dass Thor und die anderen Protagonisten niemals sterben werden', sagt er. 'Wenn man aber das Problem der Zeit, die Dauer und das Problem der Sterblichkeit, den Tod aus dem Kino verbannt, dann verabschiedet sich man von allem, worauf das Drama fußt. Darum geht es in all meinen Filmen um Zeit und Tod. Plötzlich merkst du, wie sich deine Lungen wieder mit Sauerstoff füllen, und plötzlich gilt es wieder, etwas zu gewinnen. Es geht wieder darum, wie wir leben, oder vielmehr, wie wir leben wollen.'"
Besprochen werden EvaTrobischs Palliativdrama "Ivo" (taz, unsere Kritik), die zweite Staffel des "Game of Thrones"-Prequels "House of the Dragon" (NZZ,Freitag) und die im ZDF gezeigte, niederländische Serie "Bestseller Boy" (FAZ).
Szene aus "Dreigroschenoper". Foto: Thomas Aurin "Großartig, geradezu überwältigend", schwärmt Jakob Hayner in der Welt von der "Dreigroschenoper", die der Verein AufBruch unter der Regie von Peter Atanassow mit Häftlingen der JVA Tegel auf die Bühne gebracht hat. In ihrer "rauen Schönheit" besticht die Inszenierung noch mehr als jüngste Varianten von Wilson, Kosky oder Ostermeier, lobt der Kritiker: "Das Bühnenbild von Holger Syrbe bietet mit seinen zahlreichen Türen und Treppen viele Möglichkeiten für spektakuläre Auftritte, die für Operettenatmosphäre sorgen. Die aufgemalten Fassaden mit ihren unvergitterten Fenstern und Feuertreppen schaffen einen deutlichen Kontrast zur baulichen Umgebung. Für das Hurenhaus, in dem Mackie Messer regelmäßig absteigt, werfen sich die harten Jungs aus dem Knast in feine Frauenkleider - Kostüme: Anne Schartmann -, kräftige Männerarme mit Tätowierungen ragen unter Rüschen hervor. Das Publikum jubelt. Plötzlich ist man in der unglaublichsten Travestieshow Berlins gelandet, Röcke werden gehoben, Beine geschwungen. Die entfesselte Spielfreude der Darsteller ist kaum zu bremsen."
Weitere Artikel: Im Standardporträtiert Stefanie Ruep die Schauspieler Philipp Hochmair und Deleila Piasko, die bei den diesjährigen Salzburger Festspielen den Jedermann und die Buhlschaft in der Inszenierung des kanadischen Regisseurs Robert Carsen geben werden. Auf Zeit Online versucht Tobi Müller dem Erfolg der Blue Man Group auf die Spur zu kommen. Nachtkritiker Michael Wolf plädiert dafür, alte Inszenierungen wiederzubeleben.
Besprochen werden die Ausstellung "Imaginarium. Eine Ausstellung des Theaters der Brüder Forman und ihrer Freunde" in der Grimmwelt Kassel, ein Tanzabend an der Staatsoperette Dresden, bei dem Jörn-Felix Alt das Brecht & Weill-Stück "Todsünden" und Sebastian Weber das Stück "100 Leidenschaften" aufführten (FAZ) und Corinna von Rads Inszenierung "Hotel Savoy oder Ich hol' dir vom Himmel das Blau" nach Joseph Roth am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik).
SZ-Kritiker Andrian Kreye ist ganz in den Bann gezogen von der Stimme der aus Pakistan stammenden, in Brooklyn lebenden und arbeitenden Sängerin AroojAftab. Diese ist "rauchig, von einer Melancholie getragen, die sich weder auf den Blues noch auf die Romantik bezieht, und vor allem mit einer Tragweite, die aus einer ganzen Strophe eine in sich geschlossene Melodielinie formen kann." Aus ihrer Heimat "brachte sie eine Musiktradition in ihr Studium an der Jazzhochschule Berklee mit, die sich im Zeitgefühl und Melodieverständnis nicht an den Taktungen und wohltemperierten Skalen des globalen Nordens orientierte." Ihr neues Album "Night Reign" versammelt zahlreiche Gastauftritte von unter anderem VijayIyer über MoorMother bis ElvisCostello und bietet "Musik, die Flächen liefert, keine Grooves, die entschleunigt, nicht treibt. Da kann eine Idee schon reichen, um mitzuhalten."
Joachim Hentschel erinnert in der SZ an das vor 40 Jahren erschienen Album "Purple Rain" von Prince: "Hier war alles von Anfang an da, tief und sofort spürbar, mit voller Absicht. Die existenzielleZukunftslust, zugleich das Bewusstsein für die Vergangenheit. Die Raserei, Geilheit, Spiritualität, der explosive Wille zur wilden ästhetischen Zeitenwende. Das Fegefeuer der Ehrgeizigkeiten. Es liegt an dieser unfassbarenGegenständlichkeit, an der Kühnheit der künstlerischen Intentionen, dass jede einzelne von ihnen heute noch zündet, wenn diese Platte läuft."
Weitere Artikel: Susanne Lenz fasst in der Berliner Zeitung die peinliche Seifenoper um die Fusion zusammen, die sich bei der Positionierung zum 7.Oktober und den Hamas-Anschlag auf das ihr durchaus wesensverwandte Supernova-Festival allseitig in Nesseln gesetzt hat. Stephanie Caminada porträtiert in der NZZ den Schweizer Musiker DinoBrandão. Besprochen werden das Konzert in Bautzen der Beatsteaks, die aktuell durch die alternativen Jugendzentren der Republik touren (taz), der Auftritt von AC/DC in Wien (Presse), DIIVs neues Shoegaze-Album "Frog In Boiling Water" (FR), ein Konzert des russischen Pianisten ArcadiVolodos in Wien (Standard) und Sumacs neues, experimentelles Metal-Album "The Healer" (Pitchfork),