Im Kino
Menschliche Melodien
Die Filmkolumne. Von Silvia Szymanski
18.06.2024. Eva Trobischs "Ivo" erzählt von einer Palliativpflegerin, die bei ihrer Arbeit mit den kleinsten und größten Fragen konfrontiert wird. Mit müheloser Selbstverständlichkeit stellt der Film die Schattenseiten der Menschen neben ihren Charme, ihre Güte und ihre alltägliche Normalität. Ein Film über Wärme und Verständnis - und über den Tod.
"Give me a house where I can stay": Sophia Kennedys sehnsüchtiges Chanson mit dem gospeligen Piano läuft im Auto von Ivo (Minna Wündrich in ihrer ersten großen Kinorolle). Ivo hört oft poetische, soulige Musik. Einmal auch Michelle Gurevich, die melancholische, belgische Musikerin.
Draußen ist ein weiches Abendlicht. Vogelzwitschern, fernes Summen und Rauschen von Autos und Wind, gemischt mit den menschlichen Melodien der Alltagsgespräche. Und abends kann man sogar auf der Veranda kiffen.
Ivo ist ambulante Palliativpflegerin und kommt durch ihren Job viel herum, zieht durch die Häuser sozusagen. Trobisch erzählt in einer sensiblen, bewusst unspektakulären und doch kunstvollen Balance von Bild, Schnitt, Licht und Ton.
Film und Protagonistin lassen vieles offen. Sie zwingen die schwebenden Geschichten, in die sie kurz hineinschauen, zu nichts. Auch die aufmerksamen Seitenblicke im Vorüberfahren müssen keine Erkenntnis hervorbringen, zu nichts führen. Das finde ich ungewöhnlich, und es gefällt mir.
Bald fliegt Ivos Tochter in ihr Auslandsjahr. Jemand fragt in einem Chat nach dem schlimmsten deutschen Schimpfwort, Ivo und ihre Tochter behaupten scherzhaft "Milchschnitte" und haben Spaß an der kleinen Verarsche. Eine Frau mit Kopftuch hilft ihrem Töchterchen auf dem Bürgersteig aufs Rad. Ein Arbeiter zeigt seinem Jungen seine Baustelle. Ein Mann führt seinen Hund Gassi im Grünstreifen. Vier Gießkannen stehen aufgereiht an eine Hecke gelehnt. Pflanzen, Licht und Tiere; die Kamera ist viel draußen oder schaut raus. Vögel flattern bei der Paarung in den Bäumen. Eine Schnecke hat verschieden lange Fühler. Hühnchen laufen durch den Garten eines Patienten. Eine außergewöhnlich grimmig guckende Katze sitzt auf einer Wiese. Ivos krebskranke, bettlägerige Freundin Solveigh schaut täglich auf eine Taubengruppe, die sich auf einem Sims vor ihrem Fenster trifft. Sie hat ihnen Namen gegeben und beobachtet ihre Beziehungen. Das alles ist da. Es scheint banal - ist es aber nicht. Das erinnert mich entfernt an die Filme von Ozu Yasujirō.

Finanziell geht es den meisten von Ivos Patienten soweit okay oder sogar gut. Und nicht wenige haben einen coolen, freundlichen Humor. Sitzen im Garten, spielen Karten und warten in Ruhe. Ein Freund spielt für ein schwules Paar Klavier. Ivos Chef spricht mit einem gemütlichen Akzent. Er ist fürsorglich zu Ivo, beobachtet gelassen und hält den Ball flach. Auch Solveighs Ehemann Franz ist ein meist liebevoller und charmanter Scherzkeks.
In einer meiner Lieblingsszenen ist er mit Ivo intim (was der Film löblicherweise folgenlos zulässt). Er muss sich für sie in einer lustigen Challenge sein Hemd im Handstand gegen die Wand anziehen. (Vielleicht hat er geprahlt, dass er das kann). Er kriegt das wirklich hin. Ich mag die Nacktheit der beiden. Das Leben und Image als angezogene Person ist so anstrengend. Hier ist das mal vorbei.
Das alles ist da. Und es ist schön. Es ist nicht das Problem. Das Problem ist der Tod, der nirgendwohin passt und über den und dessen Danach man gar nichts sicher weiß. Wie soll man dann mit ihm umgehen? Dieser Challenge ist niemand gewachsen.
Wärme und Verständnis sind zum Glück überall und manchmal überraschend groß. Aber sie haben auch massive und erschreckende, plötzliche Grenzen, besonders wenn die Leute überfordert sind. Die Nerven liegen blank und wund. Die Ansprüche prallen aufeinander, man stolpert drüber, stößt sich, tut sich weh. Keiner kann diesen Job wirklich gut machen; es ist nicht menschenmöglich. Das merkt man selbst, das merken leider auch die anderen.
Was sind die richtigen Dosierungen und Zeitpunkte von Medikamentengaben, Wundpflege, Körpersaubermachen? Rollstuhl, Treppenlift, Krankentransport, das werden große Fragen, während vieles, das früher wichtig war, verschwindet. Braucht man einen Badezimmerumbau gerade jetzt/gerade nicht? Soll man Leute, die wahrscheinlich schon bald sterben, zum Essen und Bewegen nötigen oder sie in Ruhe lassen? Ihnen Alkohol verwehren, oder ist das scheißegal? Einer der Patienten sagt barsch, Ivo pflege ihn viel besser als seine Ehefrau. Diese leidet unter dieser Unfreundlichkeit. Aber als Ivo deshalb mit ihm schimpft, wechselt die Frau wiederum auf die Seite ihres Mannes weil er bald sterben wird und hilflos ist. Auch hier stellt sich wieder die Frage: richtig oder falsch? In dem Haus der englischstämmigen Patientin voller Jagdtrophäen empfängt der zynisch-genervte erwachsene Sohn Ivo achtlos halbnackt und wackelt in einem armseligen Scherz vor ihr mit den Hüften, um die Peinlichkeit der Situation zu überspielen, was auch nichts besser macht.
Schon in Eva Trobischs "Alles ist gut" fiel mir angenehm auf, wie selbstverständlich der Film die Schattenseiten von Menschen neben ihren Charme, ihre Güte und ihre alltägliche Normalität stellt. Film und Heldin machen selbst aus einem eklatanten Fehlverhalten keinen Aufstand und kein Drama. Sie werden sauer, giftig und empört, mit Recht. Aber unterm Strich gucken sie sich das an und leben weiter. Auch "Ivo" lässt die Dinge laufen wie sie sind, wenn man sie nicht verändern kann. Der Film ist durchdrungen von einer intensiven, philosophischen Art der Nachdenklichkeit, die eher Atmen oder Fühlen ist. Es hilft ja nichts. Die Körper hören einfach immer mehr zu leben auf. Solveigh muss ins Krankenhaus und sagt "Ich muss noch packen". Und ihr "ich", das ist jetzt Ivo. So ist das. Man verschmilzt. Ivo ist das, was Film und Heldin wahrnehmen und was von ihnen wahrzunehmen ist, während sie sich den Situationen anpassen, mit ihnen schwingen oder auch gegen sie… da steckt viel drin, was nicht in Worte zu fassen ist. Es ist ephemer, verschwindet bald und ohne weitere Erklärung. Man muss zugewandt und aufmerksam sein und es sich sehr gut anschauen.
Silvia Szymanski
Ivo - Deutschland 2024 - Regie: Eva Trobisch - Darsteller: Minna Wündrich, Pia Hierzegger, Lukas Turtur, Lilli Lacher, Pierre Siegenthaler - Laufzeit: 104 Minuten.
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