Efeu - Die Kulturrundschau

Pointen und Erkenntnisse

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30.11.2022. Dre Guardian bewundert Sydney neues Kulturwahrzeichen: Die Kunstgalerie Sydney Modern, die das Architekturbüro Sanaa als Lichtung im Stadtwald entworfen hat. Die SZ stellt die Ohren auf, wenn Chimamanda Ngozi Adichie in der BBC gegen die Tyrannei von Selbstzensur und Konsens angeht. Der Standard bewundert die virtuose Vagheit von Albert Serras Diplomatendrama "Pacifiction". Im Tagesspiegel erklärt Lysann Windisch vom Streamingdienst Mubi, wie das Programmkino ein bisschen cooler werden kann, wenn nicht gar edgy.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2022 finden Sie hier

Architektur

Die Lichtung im Großstadtdschungel: Sydney Modern. Foto: Iwan Baan/ Art Gallery of New South Wales

Sydney
hat sich ein neues Wahrzeichen der Kultur gegeben: Die Kunstgalerie Sydney Modern, ein Bündel von Pavillons aus Glas und Licht, war das ehrgeizigste Projekt seit Jörn Utzorn Oper von 1973, wie Julian Worral im Guardian schreibt: "Das von Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa vom japanischen Büro Sanaa entworfene Gebäude ist fast das Gegenteil des Opernhauses. Halb in den Hügel eingegraben, auf dem abschüssigen Gelände mit hellen und transparenten Oberflächen getarnt, bietet Sanaas charakteristische Geschmeidigkeit und Subtilität dem ungeduldigen Auge wenig, woran es sich festhalten kann. Deswegen zeigten sich einige nach dem achtjährigen, 222 Millionen Euro teuren Prozess etwas enttäuscht von dieser schwer fassbaren Qualität. Für Michael Brand, den Direktor der Galerie und Hauptinitiator des Projekts, bedeutet jedoch die Tatsache, dass Sydney bereits eine Ikone hat, dass es keinen Bedarf für eine weitere gibt. Vielmehr, so Brand, 'werden die Teile dieses Gebäudes durch seinen zentralen Raum zusammengefügt, der von außen nicht sofort wahrgenommen werden kann, sondern direkt erlebt werden muss'. Nishizawa führt diesen Gedanken fort: 'Es gibt zwei Möglichkeiten, ein Wahrzeichen zu schaffen, wenn sie von der Landschaft abhängen. Befindet man sich in einem offenen Gelände, kann eine Landmarke eine positive Form und klare Konturen haben, wie ein Felsen. Befindet man sich jedoch in einem Wald mit all seinen Bäumen, funktioniert das nicht. Dann muss man eine Lichtung schaffen und das Sonnenlicht hereinlassen." Tolle Bilder gibt es auch bei Dezeen.
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Literatur

Susan Vahabzadeh konnte für die SZ vorab den Vortrag hören, den Chimamanda Ngozi Adichie in der renommierten BBC-Reihe "Reith Lectures" gehalten hat und der heute ausgestrahlt wird. Die Schriftstellerin spricht darin über die "Redefreiheit - und zwar in einem ganz bestimmten Licht: Es geht bei ihr um Selbstsenzur im Zeitalter der sozialen Medien." Denn "Selbstzensur, so Adichie, werde der Sargnagel sein für Literatur und andere künstlerische Erzählformen. Die Welt habe sich in 'ideologische Stämme' aufgeteilt - wer ausschert, werde in sozialen Medien abgestraft. 'Barbarei', findet Adichie: 'Es ist die Aktion einer virtuellen Bürgerwehr, deren Ziel es ist, nicht nur die Person zum Schweigen zu bringen, sondern eine racheschnaubende Atmosphäre zu schaffen, die andere vom Sprechen abbringt.' Und sie geht noch weiter: 'Es ist etwas Ehrliches an einem Autoritarismus, der sich selbst erkennt, als was er ist. Man kann ein solches System leichter bekämpfen, weil die Kampflinien klar gezogen sind. Die neue soziale Zensur aber verlangt einen Konsens, der voller Absicht blind bleibt für seine eigene Tyrannei.'"

Man hatte ja keine Vorstellung, was für ein voluminöser Schatz im bislang nicht erschlossenen, da privat geführten Rilke-Archiv Gernsbach schlummerte, das nun vom Deutschen Literaturarchiv angekauft wurde, schreibt Andreas Platthaus ziemlich von den Socken in der FAZ. Schon zuvor lagerte in Marbach ein im Vergleich dazu sich allerdings bescheiden ausnehmender Rilke-Fundus, neu hinzukommen jetzt "zum Beispiel 23.300 Blatt Manuskripte, davon rund zehntausend von Rilke selbst ... Privatbesitz an wichtigen Zeugnissen der Literaturgeschichte ist gut, aber öffentlicher Besitz ist besser."

Weitere Artikel: Rilana Kubassa wirft für den Tagesspiegel einen Blick in die Comicszene, die sich derzeit gewerkschaftlich organisiert, denn "der Zeitschrift Buchreport zufolge verzeichneten Comics auf dem deutschen Buchmarkt im vergangenen Jahr ein zweistelliges Umsatzplus. Trotzdem können bislang hierzulande nur wenige Comicschaffende von ihrer Arbeit leben." Sergei Gerasimow setzt in der NZZ sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Andrea Pollmeier besucht für die FR Marion Poschmanns Antrittslesung als Stadtschreiberin von Bergen.

Besprochen werden unter anderem Tanya Pyankovas "Das Zeitalter der roten Ameisen" (taz), Julian Barnes' "Elizabeth Finch" (SZ), Helene Bukowskis "Die Kriegerin" (Zeit), Christiane Ludwig-Körners "Und sie fanden eine Heimat" (Tsp) und Alexei Salnikows "Petrow hat Fieber" (FR).
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Kunst

Für eine große Reportage besucht Thomas Abenarius in der SZ auf der Seite 3 das einst prachtvolle Oleksij-Schowkunenko-Museum von Cherson, das die russischen Truppen während der Besetzung der plünderten, obwohl Alina Dozenko über die Sammlung wachte, wie es nur sowjetisch geschulte Direktorinnen können: "Schätzungsweise 14.000 Kunstwerke, Bilder und Skulpturen aus dem 17. bis hin zum 21. Jahrhundert. Weggeschafft, gestohlen. 'Keine andere Sammlung in der Ukraine war besser', sagt Dozenko. Die Direktorin ist eine überzeugte, eine beinharte ukrainische Nationalistin. Sie fängt gleich wieder an zu schimpfen: 'Na chui idi, habe ich den Russen gesagt.' Na chui idi - das bedeutet im Russischen so viel wie 'Leck mich'. Aber es ist viel grober, richtig unflätig."

Besprochen wird eine Schau des Künstlers und DJ Gerwald Rockenschaub im Wiener Belvedere (Standard).
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Film

Südhemisphärischer Surrealismus: Albert Serras "Pacifiction"

Standard-Kritiker Bert Rebhandl schwebt mit Albert Serras Dschungel- und Diplomatendrama "Pacifiction" im Kino-Himmel: "Das Vage ist die Domäne von Serra, er schafft mit 'Pacifiction' eine geradezu virtuose Vagheit, eine - so könnte man den Titel ja auch lesen - stillgelegte, ruhiggestellte Fiktionalität, mit der es für einen Plot nicht mehr so richtig reicht." Er "ist ein Eklektiker, der gern die Epochen durchlässig werden lässt und an alles zu glauben scheint, nur nicht an einen Fortschritt, auch an keinen dramaturgischen. Mit 'Pacifiction' führt er nun eine lange Traditionsspur von Erzählungen an ein Ende, in denen Menschen aus Europa oder Nordamerika irgendwo an der Peripherie des Weltgeschehens den Überblick verlieren oder gleich sich selbst. Großartig, wie Serra dabei einen ganz eigenen, maritim-südhemisphärischen Surrealismus entwickelt."

Lysann Windisch vom Arthaus-Streamingdienst Mubi, der seine Eigenproduktionen regelmäßig auch im Kino auswertet und daneben eine Kinozeitschrift herausgibt, spricht im Tagesspiegel darüber, wie sich Streaming und Kino vereinen lässt. Eine Konkurrenz sieht sie im Fall von Mubi nicht, eher im Gegenteil sogar eine Symbiose: "Das Mubi-Publikum ist jünger als die klassische Arthouse-Klientel. Das Wort Programmkino hatte lange einen angestaubten Charakter, gerade in puncto Kundenansprache und Digitalisierung. Es ist unerlässlich, neue Zielgruppen für das Kino zu begeistern, jünger, cooler, ein bisschen edgy. Und dafür die entsprechenden Kanäle zu finden. ... . Der Appetit auf diese Filme ist ja vorhanden, man muss nur Angebote schaffen, die auch wahrgenommen werden. Darin sehe ich unsere Verantwortung als Verleih: Indem wir einen Film wie 'Memoria' von Apichatpong Weerasethakul auf die Leinwand bringen, öffnen wir den Blick für eine andere Art von Kino. Streaminganbieter und Kinobetreiber müssen sich künftig als Partner verstehen."

Weitere Artikel: Die österreichische Filmbranche diskutiert, wie sie sich auf Vordermann bringen kann, berichtet Valerie Dirk im Standard. Der britische Boulevard sieht Aaron Taylor-Johnson als nächsten Bond, meldet Denise Jeitziner im Tagesanzeiger. Im Standard spricht Carla Marie Lehner über ihre Arbeit als neue Leiterin des Internationalen Menschenrechtsfilmfestivals in Wien. Urs Bühler porträtiert in der NZZ den Schweizer Schauspieler Max Hubacher. Kevin Spacey, seit MeToo-Vorwürfen weitgehend abgemeldet, dürfte demnächst wohl einen neuen Film drehen (auch wenn es sich wohl nur um eine Sprechrolle handelt), meldet David Steinitz in der SZ. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Schauspieler Mandy Patinkin zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Emre Kayış' "Der anatolische Leopard" (taz), Nathan Fielders Dokuserie "The Rehearsals" (ZeitOnline) und ein ARD-Biopic über Alice Schwarzer (Welt).
Archiv: Film

Bühne

Alicia Bischoff und Miguel Klein Medina in Wolfgang Herrndorfs "Weg des Soldaten". Foto: Felix Grünschloß

Das Schauspiel Frankfurt bringt Wolfgang Herrndorfs Erzählung "Der Weg des Soldaten" über einen Nürnberger Malereistudenten auf die Bühne, und auch wenn Tobias Rüther in der FAZ nicht hundertprozentig überzeugt ist von der Inszenierung, so begeistert er sich doch für den bestens getroffenen Herrndorf-Sound: "Herrndorfs Sinn für Timing, seine fehlerfreie Prosa, in der Sentimentalität und Kälte elegant wechseln, und vor allem: Seine auf immer und ewig jugendliche Opposition gegen die verlogene Falschheit und moralische Korruption der erwachsenen Welt. Und wie in 'Tschick' ist der Erzähler auch hier ein genauer Beobachter seiner pädagogischen Anstalt. Ein junger Mensch, der irgendwie schon, aber dann doch lieber gar nicht dazugehören will zur Gesellschaft der anderen Menschen - und der zu Pointen und Erkenntnissen zerlegt, was er sieht."

Weiteres: Im NZZ-Interview skizzieren die Zürcher Tanzpädagogen Jason Beechey und Samuel Wuersten, wie sie die Tanz-Akademie reformieren wollen, durch moderne Lehrmethoden, ein achtsameres Gesundheitsmanagement - und einen Tag Pause: "Die Lehrpersonen haben festgestellt, dass die Konzentration nach einer Pause am Wochenende viel besser ist." Besprochen wird Ersan Mondtags "Phädra"-Version am Kölner Schauspielhaus, die SZ-Kritikerin Cornelia Fiedler in ihrer Krawalligkeit allerdings etwas ziellos findet.
Archiv: Bühne

Musik

Nach langer Pause melden sich Metallica mit einem ziemlichen Blast zurück: Neues Album angekündigt, neue Tour angekündigt, großes Porträt im New Yorker und mit "Lux Aeterna" gibt es eine neue Single noch obendrein. Damit bringen die Blockbuster-Außenseiter den "Zeitgeist auf den Punkt", staunt SZ-Kritiker Andrian Kreye, zumal bei dem Song auch das Künstlerische stimmt: "Metallicas Wirkung ist eher architektonisch... Das sind wuchtige Gebäude. Eher von der Großmeisterin der Kurvenführung Zaha Hadid, als vom Chef des Brutalismus Le Corbusier. Massiv ist das trotzdem. Das beginnt mit einem absteigenden Vierklang, den die Gitarren und Schlagzeuger Lars Ulrich erst in einem Galopp und dann in vier Monsterschlägen durchexerzieren, bevor die Power-Chords kurz ausklingen, damit der Schub der Sechzehntel-Stakkatos der Gitarristen seine volle Wucht entfalten kann. ... Wenn man dann noch bedenkt, dass die Herren alle vier um die sechzig Jahre alt sind, ist die rein physische Kraftanstrengung der Band mindestens so beeindruckend wie ihre Fingerfertigkeiten."



Weitere Artikel: Konstantin Nowotny ärgert sich im Freitag-Kommentar grün und blau über die gesalzenen Preise, die der über ein Quasi-Monopol verfügende Ticketverkäufer Eventim aufruft, der in diesem Jahr wohl nicht nur Rekordumsätze, sondern auch Rekordgewinne machen wird, während zahlreiche Musiker 2022 als weiteres annus horribilis verbuchen müssen. Gerald Felber resümiert in der FAZ Dietrich Henschels neues Liedfest im Kühlhaus Berlin. In der FAZ gratuliert Gina Thomas dem Dirigenten Semyon Bychkov zum 70. Geburtstag. Franco Arnold erinnert in der NZZ an Michael Jacksons vor 40 Jahren veröffentlichten Riesenerfolg "Thriller" - auf das dazu passende Musikvideo-Epos haben wir kürzlich schon hingewiesen.

Besprochen werden Rudolf Buchbinders "Diabelli-Variationen" (Tsp, mehr dazu hier), der Frankfurter Abend "Afghanische Musikwelten im Exil" (NMZ) und das neue Album des Elektronikduos Mount Kimbie (taz).
Archiv: Musik
Stichwörter: Metal, Metallica