Efeu - Die Kulturrundschau

Lektionen in Botanik

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05.09.2022. Die FAZ erkennt die Wahrheit über Werner Herzog. In Venedig versucht sich der Tagesspiegel einen Reim auf Paul Schraders Film "Master Gardener" zu machen. Die Nachtkritik feiert Sebastian Hartmanns Elektropop-Oper "Der Einzige und sein Eigentum" nach Max Stirner. Im Standard versichert Julian Schutting, dass auch Realisten dichten können. Die NZZ berauscht sich in Lucerne an den vibrierenden Farbflächen von Dieter Ammanns "Gran Toccata".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2022 finden Sie hier

Film

Werner Herzog wird 80 Jahre alt. Für FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist Herzog allein schon aufgrund der schieren Fülle seines Werks der "bekannteste Unbekannte des deutschen Kinos". Das Image vom großen, ernsten Rauner mag FAZ-Kritikerin Verena Lueken nicht unwidersprochen stehen lassen: Tatsächlich seien nahezu alle Herzog-Filme und -Bücher "selbst im Schrecklichen, von dem sie auch erzählen, unsagbar komisch - nicht denunziatorisch satirisch, sondern von tiefer kosmischer Ironie. Ein Orestie-Darsteller, der mit seinem Bühnenschwert seine Mutter umbringt - in Südkalifornien hinter einem Garten voller Plastikflamingos ('My Son, My Son, What Have You Done'). Ein Schlafender, der in einem längst evakuierten Gebiet auf einen Vulkanausbruch wartet, der kommen mag oder auch nicht ('La Soufrière'). Ein suizidaler Pinguin in der Antarktis ('Encounters at the End of the World'). Ein Bärenschützer, der von einem Grizzly gefressen wird ('Grizzly Man'). Hier scheinen seine Brüder im Geist auf, Herbert Achternbusch in Bayern und David Lynch im Süden Kaliforniens. Die Wahrheit über Werner Herzog? Soweit sie sich in seinem Werk offenbart, lautet sie vielleicht so: Er ist ein Humorist, der in der Komik des Lebens an den Rändern der Welt und der Geschichte sein eigenes, eigentümliches Pathos findet."



Dunja Bialas hat für Artechock bereits Thomas von Steinaeckers Porträtfilm über Herzog gesehen, der Ende Oktober in die Kinos kommt, für ihren Geschmack aber zu sehr an der Herzog-Kinski-Connection hängt. Philipp Bovermann staunt in der SZ, dass Piotr Winiewicz gerade einen Film auf Grundlage eines von einer K.I. erstellten Drehbuchs dreht, die mit Herzogs Drehbüchern und Interviews gefüttert wurde. Anke Sterneborg bespricht die Herzog-Ausstellung im Berliner Filmmuseum. In der Zeit bespricht Alexander Cammann Herzogs jüngst erschienene Memoiren (dieses und weitere Bücher von und über Herzog finden Sie auf unserem Herzog-Büchertisch auf Eichendorff21). BR und Dlf Kultur würdigen Herzog mit Radiofeatures. Dlf Kultur und Welt+ haben ausführlich mit Herzog gesprochen. Rüdiger Suchsland und Josef Schnelle sprechen im Artechock-Podcast über Herzogs Filme.

Nur die Harten kommen in den Garten: "Master Gardener" von Paul Schrader

Die Filmfestspiele Venedig ehren Paul Schrader für sein Lebenswerk - und zeigen seine neueste Arbeit, das Nazi-Botaniker-Drama "Master Gardener": Ein "besonders seltsamer Film", findet Andreas Busche im Tagesspiegel. Darin spielt Joel Edgerton "einen Neonazi im Zeugenschutzprogramm, der in seiner neuen Existenz die herrschaftlichen Gärten von Sigourney Weaver pflegt. Schraders Figuren waren schon immer eher Typen als Charaktere, doch in seinem mittlerweile dritten Karriereherbst werden seine Obsessionen zunehmend gewagter. 'Master Gardener' enthält einige hübsche Lektionen in Botanik. Sowie die beruhigende Erkenntnis, dass Gärtnern selbst Nazis zu besseren Menschen macht - und mit einem grünen Daumen Vergebung tatsächlich möglich ist." Für FAZ-Kritikerin Maria Wiesner bildet der Film mit den beiden vorangegangen Schrader-Filmen "First Reformed" und "The Card Counter" eine lose Motivtrilogie: Alle drei Filme zeigen einen "Männlichkeitstypus, an dem Schrader sich schon immer gern abgearbeitet hat: Einzelgänger am Rande der Gesellschaft, deren Vergangenheit schrecklichere Taten umfasst, als normale Bürger in ihren schlimmsten Albträumen erleben könnten - und die dennoch nicht unter der Last zusammenbrechen, sondern mit dem, was sie fortan machen, Buße tun."

Der Kampf um Gerechtigkeit erweist sich als das zentrale Thema dieses Festivals, stellt SZ-Kritiker Tobias Kniebe nach Filmen von unter anderem Romain Gavras, Laura Poitras und Sergei Loznitsa fest. Weiterhin aus Venedig besprochen werden Luca Guadagninos "Bones & All" (FAZ, taz) sowie Ti Wests Horrorfilm "Pearl" und Darren Aronofskys "The Whale" (Tsp).

Weitere Artikel: Andreas Scheiner von der NZZ kann sich zwar vorstellen, dass an den vom Spiegel laut gemachten Vorwürfen gegen Ulrich Seidl (unser Resümee) was dran ist, doch "der reißerische Ton" der Reportage "ist ihrer Glaubwürdigkeit nicht zuträglich". Auf ZeitOnline erklärt Matthias Kalle, warum die Serie "Breaking Bad" ungebrochen aktuell ist.

Besprochen werden Mantas Kvedaravičius' Dokumentarfilm "Mariupolis 2" (Tsp, unsere Kritik hier), der Dokumentarfilm "Komm mit mir in das Cinema" über die Berliner Filmhistoriker Erika und Ulrich Gregor (Tsp), eine DVD-Ausgabe von Jonas Mekas' "Reminiscences of a Journey to Lithuania" (Jungle World), Laurent Larivières Liebesfilm "Die Zeit, die wir teilen" mit Isabelle Huppert und Lars Eidinger (Standard), Doris Dörries "Freibad" (Standard), die Sky-Serie "Munich Games" (FAZ) und die neue Amazon-Fantasyserie "Die Ringe der Macht" (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Der Standard spricht mit dem Wiener Schriftsteller Julian Schutting, der heute mit dem H.-C.-Artmann-Preis geehrt wird. Unter anderem erklärt er, wie man als Realist und Mensch ohne Fantasie - so wie er - zum Dichter wird. "Indem man davor gefeit ist, sich was zusammenzudichten. Man hält sich an das Alltägliche, und wenn man Glück hat wie ich, hat man vom lieben Gott eine gute Imaginationskraft bekommen, die einen befähigt, sich aus kleinen Beobachtungen delikat beunruhigender Art beispielsweise gesellschaftliche, politische Ängste aufsteigen zu lassen. ... Ich habe es mir zur Vorschrift gemacht, ein jedes Gedicht habe auch eine Rechtfertigung zu sein, wodurch es ein Gedicht sei. Nämlich durch sein Formales, durch Variationen eines Einfalls in ihn umkreisenden Zeilen. Der Leser müsste ein Gedicht als das erkennen, selbst wenn es in Prosa gedruckt wäre. Wenn er dann sagt: 'Aber das ist doch ein Gedicht!', wäre das für mich ein großes Kompliment. Wovor man sich aber zu hüten hat, das ist lebensphilosophischer Schwachsinn."

Außerdem: In der NZZ setzt der Schriftsteller Sergei Gerasimow hier und dort sein Kriegstagebuch aus Charkiw fort. Besprochen werden unter anderem Hertha Paulis Erinnerungsbuch "Der Riss der Zeit geht durch mein Herz" (Standard), Alexa Hennig von Langes "Die karierten Mädchen" (Tsp), Matthieu Aikins' Reportage "Die Nackten fürchten kein Wasser: Eine Reise mit afghanischen Flüchtlingen" (Freitag) und neue Krimis, darunter Chuah Guat Engs "Echos der Stille" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Alexandru Bulucz über Eugène Ionescos "Elegie für die Kleiepuppe":

"Es zerbrach
die Puppe, die die rechte Hand bewegte,
wenn du zogst am linken Faden,
..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Schutting, Julian, Lyrik

Bühne

Einzigartig: Sebastian Hartmanns "Der einzige und sein Eigentum". Foto: Arno Declair/Deutsches Theater

Als "Referenzabend" und rauschhafte Elektropop-Oper feiert Nachtkritiker Christian Rakow Sebastian Hartmanns Abend "Der Einzige und sein Eigentum" am Deutschen Theater, der den Vormärz-Philosophen und Individualismus-Propheten Max Stirner mit der Musik von PC Nackt aus den Angeln hebt: "Aus traurigen, kajalgeschwärzten Augen blicken sie uns an: Max Goeser, ein herztrauriger Entertainer, oder Anja Schneider als stille Diva. Linda Pöppel und Elias Arens schlenzen sich mit gummiartigen Bewegungen vor die karge Wand und bieten etwas längere Stirner-Monologe: 'Ist es mir recht, so ist es recht / Ist es mir recht, so ist es recht', lehrt Arens und stanzt Stirners Machtherrlichkeits-Doktrin Silbe für Silbe aus, in einem langen Mantra. Wer aber bald darauf Cordelia Wege mit Versen auf den Lippen wie ein dunkles Schneewittchen in einem Glassarg voll Wasser ertrinken sieht, - oder wer erblickt und leidet, wie der junge, fabulöse Niklas Wetzel im Finale gleich einem Sisyphus an der Spiralmauer mit stockenden Worten ächzt, der weiß, hier gibt's keine Apotheose des Ich, keine Feier des Egoismus. Hier drückt sich das Leiden unserer hyperindividualisierten Zeit aus, in der der Konsummensch in ungebremster Bedürfnis(über)sättigung zerfließt, während ihm die Umwelt abhanden kommt."

Weiteres: In der taz lässt sich Katrin Bettina Müller nicht von den Witzeleien bezirzen, mit denen René Pollesch sich um die niedrigen Auslastungszahlen der Volksbühne herumwindet. Vor Anna Netrebkos Rückkehr auf die Bühne der Wiener Staatsoper positionieren sich Ronald Pohl und Stefan Ender im Standard Pro und Contra.

Besprochen werden die Solo-Performance "I am 60" der chniesischen Choreografin Wen Hui bei der Ruhrtriennale (taz), das Musiktheaterstück "Welcome to Paradise Lost" von Jörn Arnecke und Falk Richter in Weimar (Nachtkritik), Paul McCarthys Sadomaso-Performance "NV/Night/Vater/Vienna" mit Lilith Stangenberg am Wiener Volkstheater (Standard) und das Musical "Sugar" am Schlosspark Theater in Berlin (Tsp).
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Archiv: Bühne

Kunst

Besprochen werden die Foto-Biennale "Images Vevey", die monumentale Bilder im öffentlichen Raum zeigt ("Niederschwelliger kann Kunst nicht sein", versichert Antonio Fumagalli in der NZZ), eine Ausstellung des Digital-Pop-Künstlers Brandon Lipchik im Kunstpalais Erlangen (Welt) und die Schau "The Woven Child" mit textilen Arbeiten von Louise Bourgeois im Berliner Gropiusbau (FAZ).
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Design

31 neue Emojis sollen ab Herbst als vom Unicode-Konsortium festgelegter Standard neu hinzugekommen und unsere Gefühlslagen eindeutiger kommunizierbar machen, sofern Sprache uns nicht zur Verfügung steht. "Wer schon immer gern eine Ingwerknolle, eine Kehrschaufel oder ein High-Five-Symbol verschicken wollte, dessen Sprachlosigkeit hat nun ein Ende", kommentiert Birgit Schmidt in der NZZ. Hingegen "zeitgeistige Symbole lösen immer wieder Kontroversen aus, so zum Beispiel der schwangere Mann oder ein nonbinärer Weihnachtsmensch. Denn das Bemühen der gendersensiblen Tech-Firmen um Repräsentation aller gesellschaftlichen Minderheiten ist groß. Nur schafft das auch wieder Probleme. Schon versenden weiße Menschen gern den erhobenen dunklen Daumen, mit dem sie sich im Namen der Emojis, die es inzwischen in allen Hauttönen gibt, als tolerant und Diversität bejahend geben. Dürfen sie das? Oder betreiben sie damit kulturelle Aneignung?"

Für seine Stilkolumne im Zeitmagazin holt Tillmann Prüfer für den Herbst den Strickpullover aus dem Schrank.
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Musik

Schwindelerregend verdichtete Tonabfolgen brachten beim Lucerne Festival die Ohren des NZZ-Kritikers Christian Wildhagen bis an die Grenzen der Wahrnehmung. Gegeben wurde Dieter Ammanns "Gran Toccata", Der Komponist "hat den Solopart seines 2019 in London uraufgeführten Klavierkonzerts derart verdichtet, dass auch hier das musikalische Einzelereignis zurücktritt hinter die Wahrnehmung von vibrierenden Farbflächen, die in packenden Rhythmen pulsieren. Ziemlich entgeistert fragt man sich beim Hören zugleich, wie ein Mensch überhaupt so viele Noten auf engstem Raum unterbringen kann. Andreas Haefliger kann es." Sein "Klavierpart ist gespickt mit allen Fingerbrecher-Finessen, die von Chopin und Liszt bis zu Ligeti für das Instrument ersonnen wurden. Das Ergebnis ist bunt, stilistisch vielfältig, aber alles andere als modisches Crossover. Eher denkt man an die Gestaltenfülle von Wimmelbildern, die bei jedem Betrachten neue Einzelheiten preisgeben."

Außerdem: Manuel Brug berichtet in der Welt von der Schubertiade in Vorarlberg. Besprochen werden ein Berliner Abend mit dem London Symphony Orchestra unter Simon Rattle (Tsp, hier eine Aufzeichnung), ein Berliner Konzert des Cleveland Orchestras unter Franz Welser-Möst (Tsp, hier eine Aufzeichnung) und ein Auftritt von Iggy Pop in Wien (Presse, Standard).
Archiv: Musik