Efeu - Die Kulturrundschau

In Sachen Softness

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17.01.2022. In der Berliner Zeitung rät Regisseur Armin Petras nicht auf Konventionen zu vertrauen, sondern den eigenen Charakter. Auf ein geteiltes Echo stößt Matthias Brandt mit seinem Solo-Abend "Mein Name sei Gantenbein". Der Freitag begrüßt die Renaissance des Campus-Romans. In der Welt bekennen Carlo Chatrian und Marietta Rissenbeek, dass ihr Berlinale-Konzept noch nicht final durchkalkuliert ist. Die Filmkritiker trauern um Jean-Jacques Beineix, der mit seinem Cinéma Du Look äußerst kunstvoll Oper und Action verband.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.01.2022 finden Sie hier

Film

In der Welt befragt Hanns-Georg Rodek die Berlinale-Leitung Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek zum zweiten Corona-Jahrgang des Festivals, der als Präsenzveranstaltung mit eingeschränktem Programm, 2G+ und 50 Prozent Saalauslastung stattfinden soll. Allerdings gibt es derzeit noch zu ermittelnde Finanzierungslücken, sagt Rissenbeek: "Das Neukonzept wird gerade noch final durchkalkuliert, aber die Staatsministerin hat uns signalisiert, dass sie sehr konstruktiv mit uns darüber sprechen will". Vollkommen überzeugt, dass das Festival definitiv vor Ort stattfinden wird, ist die Leitung offenbar auch selbst noch gar nicht: "Sollten die Gesundheitsbehörden irgendwann sagen, die Inzidenz sei nun so hoch, dass sie das nicht mehr mitrragen können, müssen wir das akzeptieren. Momentan geht man bei den Behörden davon aus, dass die Omikron-Zahlen in den nächsten zehn Tagen noch stark hochgehen, danach aber wieder abfallen werden."

Fritz Göttler schreibt in der SZ zum Tod des französischen Regisseurs Jean-Jacques Beineix, der mit Filmen wie "Diva" das Cinéma Du Look und irgendwie auch die Achtziger einläutete, seine künstlerische Karriere über diese aber auch kaum hinaus verlängern konnte: Der Film "war eine klassische Gangstergeschichte", doch er "wurde ein Kultfilm, weil sich zwei hochartifizielle Kunstformen darin gegenseitig befeuerten, die Oper und das Actionkino." Dieser Film war der Startschuss der filmischen Postmoderne, schreibt Harry Nutt in der FR: "Witz, Soundtrack und ein Paris zwischen Gosse und Glamour halten in diesem Film zusammen, was nicht zusammengehört und tragen den Traum von einem aufregend anderen Leben mit einer bis dahin ungeahnten Leichtigkeit vor." Jenni Zylka erinnert im Tsp an die Aufbruchstimmung des französischen Kinos dieser Tage: "Seriöse Klassik in einen New-Wave-Thriller zu integrieren, in dem Paris per Mofa erkundet wird, das war nach der zuweilen sperrigen, schwarz-weißen Nouvelle Vague etwas Neues in der Filmszene. Und verschmolz mühelos zwei Welten: Die Blicke von Menschen, die in der französischen Wirtschaftskrise Ende der Siebziger aufwuchsen, mit der glatten Video-Ästhetik der beginnenden Achtziger." Hier der Trailer:



Besprochen werden Ninja Thybergs pornobranchenkritisches Drama "Pleasure" (Jungle World), Robert Guédiguians "Gloria Mundi" (taz), die zweite Staffel der Netflix-Sportdoku "Cheerleading" (taz) und das ARD-Dokudrama "Nazijäger" ("Essayfiktionskitsch", urteilt Matthias Dell auf ZeitOnline, FAZ).
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Bühne

Experimentiert mit dem eigenen Ich: Mathias Brandt in "Mein Name sei Gantenbein". Foto: Matthias Horn /Berliner Ensemble


Hellauf begeistert kommt SZ-Kritiker Peter Laudenbach aus dem Berliner Ensemble, wo er Matthias Brandt in Max Frischs Identitäten-Text "Mein Name sei Gantenbein" brillieren sah. Denn ein Theater, das wegkommt von Gesinnungsdemonstrationen, hat den Blick frei für die eigene Wahrheit eines Kunstwerkes und die Widersprüche und Ambivalenzen seiner Figuren, meint Laudenbach: "Matthias Brandt, sozusagen das Paradox eines introvertierten Schauspielers, dem man im Spiel immer auch beim Denken, beim In-sich-Hineinhorchen zuzusehen glaubt, spielt diese probeweisen Figurenwechsel ganz leichtfüßig, manchmal fast tänzerisch, immer grundiert mit etwas verwundertem Staunen, als könne er das alles nur begrenzt ernst nehmen: Ach, das könnte ich also auch sein, erstaunlich. Das ist frei von verschwitzter Testosteron-Selbstqual-Wichtigtuerei und hat bei aller Ernsthaftigkeit jeder neuen Möglichkeits- und Rollenerkundung immer etwas von der unsentimentalen Leichtigkeit, mit der Brandt die nicht mehr benötigte Anzugjacke oder die Blindenbrille abschüttelt und von der Bühne fallen lässt, bereit für das das nächste Gedankenexperiment mit dem eigenen Ich."

taz-Kritikerin Barbara Behrendt dagegen findet die Inszenierung recht oberflächlich: Sie "gefällt sich viel zu sehr in ihrem gediegenen Glanz, als mal versuchsweise nach rechts oder links abzuzweigen." Weitere Besprechungen in Tsp und FAZ (in der etwa Simon Strauss Brandt einfach gern lächeln sieht).

In einem ausführlichen Interview mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung spricht Regisseur Armin Petras über Machtmissbrauch am Theater und die Vorwürfe, die gegen ihn erhoben worden waren. Der schwarze Schauspieler Ron Iyamu hatte ihm rassistisches Verhalten vorgeworfen. "Als Ron sich damals bei mir beklagte, habe ich verstanden, dass ihn das triggert, wenn ich den verkürzten Rollennamen, also 'Sklave', zu ihm sage. Mann darf sicher 'Bettler' und vielleicht auch 'Prostituierte' sagen, wenn es eben die Rollenbezeichnungen sind. Aber man darf zu einem Schwarzen jungen deutschen Schauspieler nicht 'Sklave' sagen. In der Probenzeit habe ich ihn um Entschuldigung gebeten, wir sind lange miteinander spazieren gegangen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass da noch etwas Ungeklärtes zwischen uns war. Ein Jahr und acht Monate später las ich dann von seinem TV-Interview über seine Verletzungen in der Zeitung und reagierte. Ich habe mich oft gefragt, wo die Knackpunkte bei der Geschichte waren. Ein Fehler war ganz sicher, dass ich es in dieser Produktion nicht geschafft habe, eine Gemeinschaft zu bilden, einen gemeinschaftlichen Ausgangspunkt zu finden, für die oben beschriebene Reise, auf die man sich bei den Proben begibt." Iyamu ist nach Berlin gezogen und arbeitssuchen, wie Seidler schreibt: Er wolle zwar spielen, sich aber noch Zeit lassen, "weil ihn der Theaterapparat triggert".

Besprochen werden Anna Bergmanns Inszenierung von Elfriede Jelineks "Rechnitz" am Wiener Theater in der Josefstadt (ganz famos, findet Ronald Pohl im Standard, weniger begeistert zeigt sich Reinhard Kriechbaum in der Nachtkritik), die Performance "Sinfonie des Fortschritts" der moldawischen Dramatikerin Nicoleta Esinencu (die Katrin Bettina Müller in der taz als "scharfe Abrechnung mit dem Westen, mit Europa, mit dem Kapitalismus goutiert), Christian Spucks Ballettabend "Monteverdi" am Zürcher Opernhaus (der kühn Tanz mit Gesang und konzertanten Partien verbindet, wie Martina Wohlthat in der NZZ schreibt), Mateja Koležniks Inszenierung von Ibsens "Hedda Gabler" am Schauspiel Frankfurt (FAZ), David Gieselmanns Wirecard-Komödie "Villa Alfons" in Mainz (FR), eine Ausstellung über die Zusammenarbeit von Heiner Müller mit dem Bühnenbildner Erich Wonder in der Berliner Akademie der Künste (taz).
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