Efeu - Die Kulturrundschau

Protokoll und Zeremonie

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15.01.2022. Mittleres Beben in den Feuilletons nach den Vorwürfen gegen die Documenta 15: Die Berliner Zeitung wirft der Zeit vor, "xenophoben Impulsen Luft zu machen", die taz erinnert Monopol an "menschenrechtliche Standards". Die FAZ zieht sich derweil in Cottbus mit der Sammlung Chagas Freitas in die Nischen der DDR-Kulturgeschichte zurück. Die SZ bangt um den Regierungs-Hain am BER. FAZ und Jungle World erinnern an Franz Fühmann. Und der Guardian trauert um den Architekten Ricardo Bofill, der Spanien so schöne postmoderne Exzesse bescherte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2022 finden Sie hier

Kunst

In der Berliner Zeitung wütet Hanno Hauenstein heute gegen die Vorwürfe des Zeit-Redakteurs Thomas E. Schmidt gegen die Documenta und ein palästinesisches Künstlerkollektiv, das in Kassel teilnehmen soll (Unser Resümee). Schmidts "Polemik" sei "eine Fingerübung in kalkulierter Unsachlichkeit". Der Artikel wirke "wie eine weitere Wegmarke der inzwischen normalisierten Sehnsucht in Deutschland, xenophoben Impulsen Luft zu machen, indem man die Deutungshoheit über Antisemitismus gegen Minderheiten in Anschlag bringt. Ob diese palästinensisch, indonesisch, jüdisch oder links sind, scheint dabei keine Rolle mehr zu spielen. Eins haben alle gemeinsam: sie entsprechen nicht 'unseren' deutschen Standards, wie sie 2019 im BDS-Beschluss des Bundestags festgehalten wurden. Anstatt tatsächlich antisemitischer Propaganda entgegenzuwirken, forciert der Beschluss eine provinzielle Interpretation von Kritik, deren anti-pluralistische Auswirkungen in den letzten Jahren immer deutlicher zutage traten."

In der taz reagiert Andreas Fanizadeh wiederum auf Elke Buhr, die bei Monopol schrieb, die documenta-Praxis sei alternativlos, sonst könne man ja niemanden mehr einladen, (Unser Resümee): "Lassen sich menschenrechtliche Standards so leicht außer Kraft setzen? Oder müsste es nicht vielmehr heißen, so manche Kunstfunktionäre laden gern ein, wer den eigenen stereotypen Vorstellungen einer Kritik an 'dem' Kapitalismus und Israel entspricht. All die anderen vermögen sie oft nicht, als 'authentische' Subjekte zu erkennen."

In die "Nischen der DDR-Kulturgeschichte" dringt Kevin Hanschke (FAZ) in der Ausstellung "Rausch der Bilder" im Brandenburgischen Landesmuseum in Cottbus vor, das erstmals nach dreißig Jahren Werke aus der Sammlung Chagas Freitas in Deutschland zeigt. Als Kulturattaché der brasilianischen Botschaft in der DDR sammelte Freitags "subversive" Werke aus der Untergrund-Kunstszene der DDR: "Kurz vor dem Mauerfall gerieten nicht nur seine Wegbegleiter, sondern auch er selbst ins Visier der Staatssicherheit. 'Sie drangen nachts in mein Apartment ein. Sie stellten alle Bilder auf den Kopf, um zu zeigen, dass sie da waren', sagt er in einem Interview. Auch in der Sammlung zeigt sich dieser Bruch. Ein blauer Engel schwebt über der Stadt, die in Rot getränkt ist. Seine Flügel sind ausgebreitet. Der Blick gleitet über die Menschen, die zurückbleiben. Das Gemälde 'Goodbye Dresden' von Wolfgang Scholz ist ein Schlüsselwerk. Der Künstler nahm Abschied von seiner Heimatstadt und schuf eine Elegie des Verlassens und Verlassenwerdens - Gefühle, die für viele um Freitas Alltag waren, sei es, weil sie selbst aus der DDR flohen oder andere es taten."

Außerdem: Im Tagesspiegel gratuliert Hanno Rehlinger dem in Haiti geborenen und Berlin lebenden Künstler Jean-Urick Désert zum Wi Di Mimba Wi-Preis, der von der Galerie Savvy Contemporary für Künstlerinnen of Color gestiftet wurde.
Archiv: Kunst

Film

Männlich, weiblich, jung, alt - Filme, die alle Quadranten im Zielgruppen-Bingo Hollywoods abgleichen können, waren bislang meist eine sichere Bank für die Produzenten, erklärt Barbara Schweizerhof im Freitag. Doch das Modell ist ins Schwanken geraten: Zunehmend werden Filme für ein junges, männliches Publikum gedreht. "Wirklich abgestraft findet sich das Zielpublikum des vierten Quadranten, die Frau über 25: Deren Lieblingsgenre, die mittelbudgetierten, 'erwachsenen' Romcoms, wird heute in Hollywood gar nicht mehr gemacht. ... Was Frauen über 40 im Kino wollen, scheint den Markt nicht zu interessieren", was insofern paradox auf Schweizerhof wirkt, weil "die älteren Frauen eine Art schweigende Mehrheit bilden. Sie sind da, interessiert und engagiert, neugierig und aufgeschlossen: Nennen wir sie ruhig die Kulturtanten." Doch "niemand würde ihr massenhaftes Erscheinen als Erfolg deklarieren. Im Gegenteil: Wären nur die Kulturtanten da und nicht der eine oder andere distinguierte Herr und das eine oder andere junge Paar, würde man die Ausstellung oder die Premiere zum Fehlschlag erklären."

Außerdem: Für die FR spricht Marc Hairapetian mit der Filmemacherin Ninja Thyberg und der Schauspielerin Sofia Kappel über deren pornoindustrie-kritischen Spielfilm "Pleasure", den aktuell auch Dominik Kamalzadeh im Standard bespricht. Auf ZeitOnline ärgert sich Lars Weisbrod über das abfallende Ende der ansonsten viele Staffeln lang hervorragenden SF-Serie "The Expanse". Doch davon vielleicht mal abgesehen erlebt die filmische Science Fiction derzeit zwar nicht so sehr im Kino, aber umso mehr im Streaming einen beachtlichen künstlerischen Boom, unterstreicht Florian Schmid im Freitag. Anlässlich einer Peter-Thomas-Werkschau im Münchner Werkstattkino dokumentiert Artechock ein zuvor in SigiGoetz-Entertainment veröffentlichtes Gespräch mit Philip Thomas, dem Sohn des 2020 verstorbenen Filmkomponisten. Andreas Kilb schreibt in der FAZ zum Tod des Regisseurs Jean-Jacques Beineix. Weitere Nachrufe auf Herbert Achternbusch schreiben Paul Jandl (NZZ), Robin Detja (ZeitOnline), Ulf Poschardt (Welt) und Gerhard Stadelmaier (FAZ) - weitere Nachrufe bereits hier. Der BR hat außerdem ein Radiogespräch mit Achternbusch von 2006 wieder online gestellt. Und Dlf Kultur zitiert Klaus Lemke zum Tod Achternbuschs: "Wie bei Achternbusch aus einer schrecklich schönen Szene plötzlich was schrecklich Erschreckendes wurde, das war Bombe!"

Besprochen werden Pablo Larraíns biografisches Fragment "Spencer" über Lady Di, das dem Artechock-Team gleich drei Kritiken wert ist, Robert Guédiguians "Gloria Mundi" (Artechock, Freitag, Tsp) und Kida Khodr Ramadans "Égalité" (Artechock).
Archiv: Film

Bühne

Bild: Szene aus "Sinfonie des Fortschritts" am Berliner HAU. Foto: Dorothea Tuch.
Nachtkritiker Christian Rakow spürt die Wut, wenn ihm die moldawische Gegenwartsdramatikerin Nicoleta Esinencu in ihrem Stück "Sinfonie des Fortschritts" am Berliner HAU die Schicksale (osteuropäischer) Billig-LohnarbeiterInnen vor Augen führt: "Eindrücklich ist der Vortrag dort, wo er aus der Parole ausschert und genauer in die Arbeitswelt hineinleuchtet. Etwa zum Amazon-Paketfahrer, der als Spielball von Algorithmen und harten Maximierungskalküls erscheint. Oder zur Saisonarbeit in der Landwirtschaft: Doriana Talmazan erzählt uns vom bitteren Sommer einer Moldauerin auf den Äckern in Finnland, wo man in auszehrender Akkord-Plakerei marktgängiges Gemüse erntet. Und wie im Wechselgesang jaulen dazu die Bohrmaschinen auf. Die Erzählungen sind durchweg aus der Position der Betroffenen gesprochen, von Osteuropäer:innen, die das westliche System zwischen Ausländerbehörde und Gurkenacker leiden. Refrainartig und sarkastisch streuen die drei Performer:innen dazu New Age Psychologie oder das Motivationsmantra des fröhlichen Konsumismus dazwischen. Quasi: Fancy Überbau gegen die bittere Basis."

Außerdem: "Molières Theater ist nicht psychologisch. Es geht nicht so sehr um Gefühle, sondern vor allem um Machtverhältnisse, um Hierarchien", sagt die französische Schauspielerin Jeanne Balibar, die ab Ende Januar in einer Molière-Inszenierung von Frank Castorf in Köln zu sehen sein wird, im SZ-Gespräch mit Alexander Menden: "Molière war einer der ersten französischen Autoren, die sich mit dem Patriarchat in den Familien auseinandergesetzt haben und seinen Parallelen zum Absolutismus." In der FR schreibt Arno Widmann zum 400. Geburtstag von Molière.

Besprochen werden Christine Gaiggs Choreografie zu Stephanie Haerdles "Spritzen" im Tanzquartier Wien (Standard), Marie Schleefs und Anne Tismers Inszenierung von Kate Chopins feministischem Text "Die Geschichte einer Stunde" am Berliner Ballhaus Ost (Nachtkritik), Oliver Reeses Inszenierung von Max Frischs "Mein Name sei Gantenbein" am Berliner Ensemble (nachtkritik), Florian Lutz' Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzeck" (Mit dieser Inszenierung "hat sich das Kasseler Staatstheater in die erste Liga der hiesigen Opernhäuser gespielt", meint Berthold Seliger in der jungen Welt) und Rainald Grebes "Ach, Sisi"-Premiere im Wiener Volkstheater (FAZ).
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Archiv: Bühne

Literatur

Vor hundert Jahren wurde der Schriftsteller Franz Fühmann geboren. In seiner Jugend strammer Nazi, wandelte er sich nach Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion zum strammen Stalinisten und kam dann in DDR-Literatur unter, aus der heraus er später opponierte, erinnert Lukas Betzler in der Jungle World. Fühmanns frühe Erzählungen "sind zwar allesamt mit einer klaren didaktischen Absicht geschrieben, gehören aber dennoch zu den ernsthaftesten Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus, die in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu finden sind. Während in der BRD revisionistische Kriegserinnerungen von NS-Verbrechern vom Schlage Albert Kesselrings erschienen, schildern Fühmanns Erzählungen frei von Selbstmitleid und Beschönigung die (prä)faschistische Gesellschaft, die Verbrechen der Wehrmacht und die Erfahrung der Kriegsgefangenschaft. Offen bekannte er, 'daß Auschwitz ohne mich und meinesgleichen nicht möglich gewesen wäre'."

In der FAZ erinnert sich Fühmanns West-Lektor Hans-Jürgen Schmitt an die gemeinsame Arbeit und viele Begegnungen, unter anderem die erste in Frankfurt am Main: "Als wir aus einem Parkhaus fuhren, ich eine Münze einwarf, um die Schranke zu öffnen, bemerkte Fühmann: "Mein Gott, so funktioniert das halt alles bei Ihnen." Ein vielsagender Satz, der von uns beiden in diesem Augenblick nicht weiter kommentiert werden musste, aber er barg schon Fühmanns ganzen Widerspruch. Trotz aller Defizite und Unzulänglichkeiten seines Staates, trotz der Schwierigkeiten, die dieser Schriftstellern und Künstlern machte, wollte Fühmann an der DDR festhalten, sogar, wenn sie ihn nur - seinen eigenen Worten nach - auf den 'braven Antifaschisten und Kinderbuchautor' einzuschränken versuchte." Dlf Kultur hat eine Lange Nacht von Uwe Wittstock über Christa Wolf und Franz Fühmann online gestellt. Außerdem bespricht Frank Meyer beim Dlf Kultur den Briefwechsel zwischen Wolf und Fühmann.

Außerdem: In der FAZ gratuliert Jan Brachmann dem Dichter Uwe Grüning zum 80. Geburtstag. Besprochen werden Michel Houellebecqs "Vernichten" (taz), Alba de Céspedes' "Das verbotene Notizbuch" (taz), Karoline Georges "Synthese" (Tsp), Elizabeth Wetmores "Wir sind dieser Staub" (taz), Giwi Margwelaschwilis "Der Leselebenstintensee" (taz), John von Düffels "Die Wütenden und die Schuldigen" (SZ) und Ronja von Rönnes "Ende in Sicht" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Der Popjournalist Hans Keller ist gestorben. In der SZ würdigt Diedrich Diederichsen die Pionierleistungen seines Wegbegleiters: Keller lag im Rennen um den Titel "erster Punk in Deutschland", auch den Ska entdeckte er hierzulande früh und über Hip-Hop schrieb er sogar europaweit als erster. "Hans lebte in einem Loft in Tribeca, das eigentlich Iggy Pop gehörte, und entdeckte jeden Tag etwas Neues: Hipster-Salsa von Coati Mundi, die neuen Frauenbands wie Y Pants, Pulsallama und Bush Tetras. Er zog mit August Darnell alias Kid Creole durch die Clubs und spielte Geige in einer Undergroundband, die im A7 auftrat, in Hamburg hatte er noch die Geisterfahrer (mit Michael Ruff, Matthias Schuster und Holger Hiller) mitbegründet. In New York nahm er den Geigenkasten nachts mit, um sich mit einem angesagten und von ihm lustvoll übertriebenen deutschen Akzent an den Türstehern vorbeizuschlawinern: "Vee Are Pfrom The German Band Eisenstein". Sofort durften wir in diese After Hours Bar, wo sich außer uns auch David Bowie und Nile Rogers gerade rumtrieben."

Weiteres: Christian Heiß, Leiter der Regensburger Domspatzen, spricht in der FAZ über die Pläne, nun auch Mädchen in seinen Chor aufzunehmen. Besprochen werden das neue Album "Covers" von Cat Power (SZ), die Oberhausener Ausstellung "Vinyl" über den Zusammenhang von Pop und Comic (Tsp), das neue Album von Bonobo (Tsp), Kristof Magnussons Buch über die Pet Shop Boys (Tsp), Heinz Rudolf Kunzes Autobiografie (FAZ) und das Album "Balens Cho" des US-haitianischen Rappers Mach-Hommy, dem tazler Victor Efevberha auch endlich hierzulande Erfolg wünscht. Wir hören rein:

Archiv: Musik

Architektur

Christian Lindner hatte in einem Interview gesagt, angesichts der großen Ausgaben könne man auf einen nur der Repräsentation dienlichen "Regierungsterminal" am BER verzichten. "Populistisch" findet der Architekt Stefan Terbroke das, der mit seinen Kollegen vom Berliner Architekturbüro "Haberer Vennes Tebroke Jaeger" das neue Regierungsterminal entworfen hat, berichtet Peter Richter in der SZ und seufzt: "Der große Reiz des Entwurfs von Stefan Tebroke und seinen Kollegen bestand darin, dass sie das Regierungsterminal als Landschaft inszenieren und einen kleinen brandenburgischen Kiefernwald anlegen wollten, wo ursprünglich immerhin auch mal einer war, bevor die Planierraupen für das Rollfeld kamen. Ein 'lichter Hain' aus einem heimischen Gehölz sollte das werden, dem seit den Grunewald-Gemälden von Walter Leistikow nicht mehr so viel ästhetische Wertschätzung widerfahren sein dürfte. Und aus diesem Landschaftsbild entwickeln sich dann mit verblüffender Selbstverständlichkeit die Würdeformeln staatlicher Repräsentation, die Ikonografie von Protokoll und Zeremonie: Aus Stämmen werden Fahnenstangen, dann hohe dünne Stahlstelzen, darüber ein großes Regendach als Baldachin, darunter die Räumlichkeiten für Ankunft und Abflug, Abfertigung und standesgemäßes Warten ('VIP-Bereiche'), diese wiederum komplett aus Holz."

Bild: Ricardo Bofill. Les Espaces D'Abraxas.

Im Guardian trauert Oliver Wainwright um den im Alter von 82 Jahren gestorbenen katalanischen Architekten Ricardo Bofill, der mit seinen postmodernen Gebäuden dem Spanien der Sechziger und Siebziger einen Science-Fiction-Look verpasste: "Seine Projekte verliefen nicht immer wie erhofft, die utopische Rhetorik verfehlte manchmal die Realität. Seine Serie monumentaler Wohnsiedlungen, die Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre am Stadtrand von Paris errichtet wurden, wurde zum Inbegriff für die Exzesse der aufgebauschten Postmoderne. Sein Projekt Espaces d'Abraxas, das wie ein stalinistisches Disneyland aussah, war Neoklassizismus auf Steroiden und umgab große öffentliche Räume mit gigantischen kannelierten Säulen und schweren Betongiebeln. Es spielte 1985 in Terry Gilliams Film Brazil mit und lieferte kürzlich eine dystopische Kulisse für The Hunger Games. Aber genau wie seine Arbeit in Spanien haben die Gebäude im Rahmen der anhaltenden Pomo-Wiederbelebung eine neue Wertschätzung erfahren, die durch ihr Erscheinen in der Popkultur angeheizt wurde, Fans, die in der überwältigenden architektonischen Kraft schwelgen."

Außerdem: Für die NZZ verlässt Sabine von Fischer das Homeoffice, um sich in dem 2020 eröffneten Hostel im früheren Getreidespeicher auf der Erlenmatt und in dem ebenfalls 2020 eröffneten Hotel im einstigen Bürogeschoss des Volkshauses Basel umzuschauen.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Bofill, Ricardo, BER, 80er