Efeu - Die Kulturrundschau

Das Schwungrad der Poesie

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19.11.2021. Bei der Probe zum "Troubadour" in Nürnberg stellt sich die Frage: Ist Rassist, wer einer schwarzen Chorsängerin bei der Probe ein Beispiel aus Afrika gibt, wie Peter Konwitschny es tat? Die Literaturkritiker trauern um den Avantgardisten Oswald Wiener. Die SZ porträtiert die Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud, die eine Erbschaftslotterie auf die Bühne stellt. Van weiß, warum auch heute Komponistinnen kaum zu hören sind.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.11.2021 finden Sie hier

Film

Drückt auf die Tränendrüse und revidiert den Western: "First Cow" von Kelly Reichardt

Die amerikanische Filmemacherin Kelly Reichardt kennt und schätzt man wegen ihrer spröden Filmsprache. Ihr Western "First Cow" hingegen bietet nun "große Bilder, kluge Allegorien, eine politische Haltung, emotionale Wucht, Geschichtsunterricht und die universelle Botschaft der Bedeutung von Freundschaft", staunt Patrick Holzapfel im Perlentaucher. Es hilft nur nicht allzu viel: Der Film zielt auf die Darstellung großer Zusammenhänge, doch bleibe Reichardt letzten Endes zu sehr dem Erzählen verhaftet. "Was sie in ein mit Plotpoints und narrativen Spannungsbögen bestücktes Drama verpackt, kann man nur zeigen. Das amerikanische Kino, das bereits in seinen Anfangsjahren, in Filmen wie 'A Corner in Wheat' von D.W. Griffith oder 'The Half-Breed' von Allan Dwan, genau dieses Zeigen von Zusammenhängen beherrschte wie kein anderes Kino, ist dazu heute völlig unfähig."

Ganz anders, nämlich als Revidierung der Western-Erzählung, sah es Thekla Dannenberg, ebenfalls im Perlentaucher, bei der Berlinale-Vorführung des Films: "Reichardts Bilder vermeiden das Erhabene, Weite, Offene. Sie sind in jeder Hinsicht tief gehängt. Die Kamera bewegt sich wenig, sie zeigt die Menschen im Unterholz beim Pilzesuchen, beim Fallenstellen, in selbstgezimmerten Hütten, im Matsch. ... Und noch einen Topos des klassischen Westers konterkariert Reichardts kluger und schöner Low-Budget-Film: Hier kann niemand einfach ein neues Leben beginnen, die meisten müssen ihr altes fortsetzen, und zwar unter härteren Bedingungen." Sofia Glasl feiert im Filmdienst die "Größe" dieses humanistischen Films. Beatrice Behn bescheinigt dem Film auf Kino-Zeit "trotz aller Elegie eine Dringlichkeit fast schon Shakespearescher Art".

Weitere Artikel: Margret Köhler spricht im Filmdienst mit dem Schauspieler Franz Rogowski über dessen neuen, auf Artechock besprochenen Film "Große Freiheit" (mehr dazu bereits hier). Patrick Heidmann spricht für ZeitOnline mit Jane Campion über deren neuen, im Filmdienst besprochenen Film "The Power of the Dog" (mehr dazu hier). Die Menge an Streaminganbietern, die alle monatlich bezahlt werden wollen, verhilft der überwunden geglaubten Filmpiraterie zum Comeback, meint Barbara Steinbrenner in der Presse. Eckhard Haschen berichtet für Artechock vom Fantasy Filmfest. Christel Strobel war für Artechock bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck.

Besprochen werden Oliver Stones "JFK Revisited" (critic.de, Artechock, mehr dazu bereits hier), Aboozar Aminis Dokumentarfilm "Kabul, City in the Wind" (Tagesspiegel), Edouard Bergeons "Das Land meines Vaters" (Artechock), Lena Knauss' "Tagundnachtgleiche" (Artechock), Lena Stahls "Mein Sohn" (Artechock), die Netflix-Neuauflage des Animes "Cowboy Bebop" (Zeit), eine Ausstellung im Museum Folkwang Essen "Von der Zeichnung zum Film" zum zeichnerischen Federico Fellinis (taz), der Weihnachtsfilm "Eine Junge namens Weihnacht" (Perlentaucher, ZeitOnline), Pierre Monnards "Platzspitzbaby - Meine Mutter, ihre Drogen und ich" (Filmdienst), Ryûsuke Hamaguchis "Wheel of Fortune and Fantasy" (Standard), die Amazon-Fantasyserie "Rad der Zeit" (Presse) und die Serie "The Beast Must Die" (ZeitOnline).
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Bühne

Regisseur Peter Konwitschny wurde in Nürnberg aus seiner Opernproduktion für den "Troubadour" geschasst, berichtet Michael Stallknecht in der NZZ (von einer "einvernehmlichen" Trennung spricht die SZ). Um einer schwarzen Choristin zu vermitteln, wie sie auf der Bühne vor einer Pistole erschrecken soll, hat er nach eigenem Bekunden gesagt: "Das ist wie in Afrika, wenn Ihnen ein Löwe entgegenkommt, dann können Sie auch nicht weggucken." Daraufhin habe sie ihm "hintenrum" beim Intendanten Rassismus vorgeworfen, statt ihn direkt mit seiner Äußerung zu konfrontieren. "Fiktionen unterliegen dabei beide Seiten", meint Stallknecht augenrollend: "Von Konwitschny ist bekannt, dass er auf Proben recht autoritär werden kann. Dass Produktionsbeteiligte den Mut fänden, den berühmten Regisseur dafür offen zur Rede zu stellen, darf als unwahrscheinlich gelten. Umgekehrt müssten sich die Beschwerdeführer vorwerfen lassen, dass der Rassismus eigentlich erst in ihrem eigenen Kopf entsteht, wenn sie zwischen 'Afrika' und schwarzer Hautfarbe automatisch eine Verknüpfung herstellen."

In der SZ porträtiert Christiane Lutz die Dramatikerin Nora Abdel-Maksoud, die gerade "Jeeps" an den Münchner Kammerspielen inszeniert, eine Komödie über Erben oder vielmehr über die Auswirkungen einer neuen Umverteilung: "Die Erbschaftslotterie, die sie in 'Jeeps' veranstaltet, ist in ihrer Zufälligkeit genauso gnadenlos ungerecht wie die Geburtenlotterie, die die einen in wohlhabende, die anderen in Familien mit Schulden katapultiert. Blöd nur, dass ausgerechnet das Jobcenter auserkoren wurde, die Reform durchzuführen. So treffen in der Wartehalle Hartz-IV-Empfänger auf wütende Enterbte und alle zusammen auf die Mühlen deutscher Bürokratie. Diese karikiert Abdel-Maksoud genüsslich, lässt Infoblätter verlesen und Bewilligungsstempel stempeln, lässt Sachbearbeiter 'knicken, lochen, abheften'. Sie führt die Accessoires einer vermeintlichen gesellschaftlichen Ordnung vor, den hilflosen Versuch, soziale Ungleichheit wegzuverwalten."

Weiteres: Im Tagesspiegel schreibt Frederik Hanssen zum Tod des Musikwissenschaftlers, Regisseurs und Intendanten Peter P. Pachl. Besprochen werden die Uraufführung von Christina Ketterings Stück "Schwarze Schwäne" am Theater Heilbronn in der Inszenierung von Elias Perrig (nachtkritik), Rossinis Burletta "Gelegenheit macht Diebe" im Münchner Prinzregententheater (nmz) und Roger Vontobels Inszenierung der "Maria Stuart" am Stadttheater Bern (FAZ).
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Kunst

In der NZZ fordert Thomas Ribi die Stiftung Bührle auf, endlich alle Akten zur Erwerbsgeschichte der Sammlung auf den Tisch zu legen: "Die Stiftung stellt sich auf den Standpunkt, die Provenienzen aller Werke seien aufgearbeitet. Tatsächlich geben der Katalog der Sammlung und die Aufstellung auf der Website der Stiftung detailliert Auskunft über Handänderungen, soweit sie eruiert werden konnten. Doch über die Umstände, unter denen die Verkäufe zustande kamen, erfährt man nichts. Und lückenlos sind die Nachweise in vielen Fällen auch nicht. Es gibt Leerstellen, offene Fragen. Einzelne können vielleicht einmal beantwortet werden, andere vielleicht nie. Dafür müssen die Projekte offengehalten werden, auch für Dritte. Es geht schließlich nicht nur um Wissenschaft. Sondern in vielen Fällen um Unrecht."

Weitere Artikel: Im Standard wundert sich Stefan Niederwieser über den aktuellen Baselitz-Hype, den er wenig verdient findet. Zum Tod des Künstlers und Aktivisten Jimmie Durham schreiben Till Briegleb in der SZ und Birgit Rieger im Tagesspiegel

Besprochen werden die Ausstellung "Enfin le cinéma! Arts, images et spectacles en France (1833-1907)" im Pariser Musée d'Orsay (NZZ), die Ausstellung "Von der Zeichnung zum Film" im Museum Folkwang (taz), eine Zille-Ausstellung im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum (Tsp) und zwei Schweizer Ausstellungen mit Arbeiten von Meret Oppenheim, im Kunstmuseum Bern und im Kunstmuseum Solothurn (NZZ).
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Archiv: Kunst
Stichwörter: Sammlung Bührle

Literatur

Der Schriftsteller, Avantgardist, Kybernetiker und Provokateur Oswald Wiener ist tot. Mit seinem in der Zeitschrift manuskripte erschienenen Roman "die verbesserung von mitteleuropa" revoltierte er in den Sechzigern gegen den Muff des Konservatismus und legte glatt einen Porno-Skandal hin, erinnert Paul Jandl in der NZZ. "Eine stockkonservative Öffentlichkeit witterte dort, wo sich Sinn und Sinnlichkeit in den Armen lagen, literarische Unzucht. ... Dieses Monumentalwerk wirkt immer noch nach. Als fröhlicher Versuch, bisherige Konventionen des Denkens zu Grabe zu tragen und aus Naturwissenschaften, Philosophie und Literatur etwas ganz Neues zu schaffen. 'die organisation der sprache durch die wirklichkeit ist unerträglich', heißt es bei Oswald Wiener."

So glich denn "das experimentelle Dichten und Denken von Wiener & Co einem inwendigen Rütteln am Käfig der Sprache: Man musste, schien es, die Begriffe quetschen wie Zitronen, damit sie endlich neue Bedeutungen preisgaben", schreibt Ronald Pohl im Standard. Die Wiener Gruppe "ergötzte sich am Erfindungsreichtum der Barock-Literatur und baute, unter Zuhilfenahme von Wörter- oder Exerzierhandbüchern, streng kalkulierte Texte. Wider den Dünkel der alten, zum Teil noch aus dem Austrofaschismus emeritierten Literaturbeamten setzte man das Schwungrad der Poesie in rasende Bewegung." Wiener "ist zwar gestorben, aber auf keinen Fall erledigt", betont Dietmar Dath in einer FAZ-Notiz.

In der Ausstellung "Nothingtoseeness" der Berliner Akademie der Künste versenkt sich Perlentaucherin Marie Luise Knott in die Gedichte Yoko Onos. "Dem Grundwasser lauschen, den Schnee fallen und die Sterne wandern hören, einen Mond stehlen? Wie soll das gehen? Kann ich mir den Mond aneignen, wo er doch für alle scheint? Oder richtiger: Kann ich das Spiegelbild des Mondes, jenes romantische Urbild, fortschöpfen? Tatsächlich entkleidet Yoko Ono hier den Mond seiner romantischen Aufladung, wie er in der klassischen europäischen wie japanischen Anschauung existiert." Alle Lieferungen aus Knotts zeitloser Lyrikkolumne "Tagtigall" finden Sie hier.

Besprochen werden unter anderem Carlo Lucarellis Krimi "Der schwärzeste Winter" ("großartig unbehaglich", sagt Thomas Wörtche im Dlf Kultur), der von Andreas Kilcher herausgegebene Band "Franz Kafka. Die Zeichnungen" (FR) und Britta Teckentrups illustriertes Buch "Von Raben und Krähen" (SZ).
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Musik

In den Programmen der öffentlich finanzierten Orchester dominiert eine Handvoll Komponisten aus dem 19. Jahrhundert und einiger Jahrzehnte drum herum. "Entdeckungen aus dieser Zeit scheinen bei Entscheidern und Marketingabteilungen genauso ungern gesehen wie Neue Musik", schreibt Merle Krafeld dazu in einer großen VAN-Recherche. Für Frauen im Repertoire hat das empfindliche Folgen: "Die Komponistinnen, die schon im 19. und frühen 20. Jahrhundert arbeiteten, wurden aber von der bürgerlichen Gesellschaft und dem mit der Aufklärung aufkommenden Glauben an natürliche Unterschiede zwischen den geistigen Fähigkeiten von Frauen und Männern systematisch aus dem öffentlichen Raum und dem Konzertleben verdrängt und aus der Musikgeschichtsschreibung ausgeschlossen. Die, die danach kamen, zählen schon zur Neuen Musik. Komponistinnen fallen also zwangsläufig in eine dieser beiden bei vielen Veranstaltern unpopulären Kategorien: 'unbekannt' oder 'zu neu'."

Schade findet es Jeffrey Arlo Brown im VAN-Magazin, dass die Skater, die sich während des Lockdowns im Frühjahr 2020 vor der Berliner Philharmonie herumtrieben - er selbst einer von ihnen -, dort nun mit Bußgeldern vertrieben werden: "Man verpasst dabei die Möglichkeit zu zeigen, dass die Philharmonie ein Teil von Berlin ist, der allen zugänglich sein kann und die Vielfalt der Stadt widerspiegelt - egal ob Philharmoniker-Abonnent oder Skaterin oder beides. In Zeiten von rasant steigenden Mieten und Privatisierungen des öffentlichen Raums wäre das eine Position mit Signalwirkung. Weil wir Skater:innen jetzt weg sind, fällt wieder die Leere am Potsdamer Platz auf, der schon vor Corona leer und unbelebt war wie ein langer Tag im Lockdown."

Weitere Artikel: Ein Mathematikstudium kann kreativer sein als ein Musikstudium, sagt der Oboist Juri Valentin im VAN-Gespräch. Frederik Hanssen gratuliert im Tagesspiegel dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zum 75-jährigen Bestehen. Victor Efevberha schreibt in der taz einen Nachruf auf den Rapper Young Dolph, der bei einer Schießerei ums Leben kam. In der 100. Folge seiner VAN-Reihe über Komponistinnen - wir gratulieren zur erreichten Dreistelligkeit! - widmet sich Arno Lücker Caterina Assandra.



Besprochen werden das neue Adele-Album "30" (taz, mehr dazu bereits hier) und ein neues Album von Courtney Barnett (taz, FR). Wir hören rein:



Und daran sollten sich Spotify und Co. ein Beispiel nehmen: Die Agenturen melden, dass der Streamingdienst Tidal auf ein nutzerzentriertes Abrechnungsmodell umstellt, bei dem der individuelle Beitrag jedes Nutzers gemäß dem tatsächlichen Nutzerverhalten für den Künstler abgerechnet wird, statt alles in einen großen Topf zu werfen.
Archiv: Musik