Efeu - Die Kulturrundschau

Die Denkerei ist nichts für mich

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.11.2021. Liebe findet sich in den kleinsten Ecken, erkennt critic.de in Sebastian Meises Gefängnisfilm "Große Freiheit". In der Jungle World erklärt die äthiopische Autorin Maaza Mengiste, warum die Frauen kaum bekannt sind, die gegen Mussolinis Einmarsch kämpften: Nach dem Krieg mussten sie wieder in die Küche. Die SZ stöhnt über die Tiefsinnshochstapelei von Jon Fosses neuem Stück "Starker Wind" am Deutschen Theater und begeistert sich für die Aufnahme aller 299 Schumann-Lieder durch Christian Gerhaher und Gerold Huber. Prospect sucht ein anderes Wort für Blau.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2021 finden Sie hier

Film

Nähe als Lebensnotwendigkeit: Franz Rogowski in "Große Freiheit"

Breit besprochen wird diese Woche Sebastian Meises "Große Freiheit". Franz Rogowski spielt darin einen jungen Mann, der in der alten BRD wegen einvernehmlichem Sex mit einem Mann ins Gefängnis wandert und dort eine tiefe Männerfreundschaft aufbaut. Keinen Themenfilm hatte Meise dabei im Sinn, sondern einen Film über die Liebe, schreibt Robert Wagner auf critic.de. Die "Regulierungsmaschine der Haftanstalt ... lässt nicht viel Platz, und doch sucht 'Große Freiheit' nach den Möglichkeiten von Zuneigung, Wärme und Liebe in den kleinen Ecken, die einem gelassen werden. Manchmal sind es die großen Momente von Zärtlichkeit. Beispielsweise wenn sich Hoffmann mit einem Liebhaber verabredet. Beide lassen sich nachts in den Käfig verfrachten. Die Kälte und der Dreck des Hofes machen das Kuscheln, Küssen und den Sex nur umso mehr zur wärmenden Lebensnotwendigkeit. Oft sind es aber kleine Gesten oder liebevolle Sticheleien, die einem vermitteln, dass die Leute trotz aller Isolationsanstrengungen nicht allein sind."

Auch Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist von dem Film sehr angetan: "Mit Rogowski und Friedrich, zwei der beredtetsten Schweiger im deutschsprachigen Kino, haben der Regisseur und sein Autor auch zwei Darsteller gefunden, die dieses Drama (aus ganz unterschiedlichen Gründen) verhinderter Männlichkeit ohne ein Wort zu viel verkörpern. ... Ihre innige Umarmung im Gefängnishof, zwischen Schmerzensschrei und Liebkosung, unter den Stockschlägen der Wärter, während sich Viktor zum Schutz über den wimmernden Hans wirft, hätte unter einer weniger diskreten Regie leicht zu einer Szene melodramatischer Katharsis geraten können. Selbst Nils Petter Molværs gestopfte Trompetensoli kommen nie als Gefühlssubstitut zum Einsatz, sie fungieren als melancholische Vorahnung einer neuen, vielleicht auch freieren Zeit." Weitere, nicht minder positive Besprechungen in taz, Zeit, Freitag und SZ.

Oliver Stones "JFK Revisited"

Mit seinem Dokumentarfilm "JFK Revisited" kommt Oliver Stone noch einmal auf das Attentat auf John F. Kennedy zurück - nicht nur, aber auch um seinen mittlerweile ziemlich demontierten Spielfilm "JFK" von 1991 aufs Neue zu unterfüttern. Dazu lässt der Filmemacher "viele Zeuginnen und Experten in schneller Reihenfolge auftreten", schreibt Alan Posener auf ZeitOnline, der sich merklich wundert, dass es Stone nicht weiter anficht, dass der Verschwörungsglaube als einstmals linke Bastion heute mittlerweile bei den Rechten Asyl genießt. Das Publikum derweil "hat kaum Zeit, sich selbst Fragen zu stellen. Etwa, weshalb Stone als Kritiker der Autopsie ausgerechnet einen Augenarzt auftreten lässt? Wie weit es also mit der Expertise seiner anderen Experten und der Glaubwürdigkeit seiner Zeugen her ist? Weshalb er keine der Experten befragt, die - wie etwa die Juristen und Investigativjournalisten Gerald Posner und Vincent Bugliosi - die Befunde der Warren-Kommission bestätigt und die Verschwörungstheorien Punkt für Punkt widerlegt haben? Stone untersucht nicht, diskutiert nicht, wägt nicht ab: Er überwältigt. Der Gestus des Films ist der des YouTube-Agitators, nicht des Aufklärers." In Interviews für die taz und die FR legt Stone dar, warum er auch weiterhin an ein Komplott glaubt und warum er von einer Verschwörung des militärisch-industriellen Komplexes ausgeht.

Außerdem: Für critic.de berichtet Anne Küper von der Duisburger Filmwoche (mehr dazu bereits hier). Wilfried Urbe schreibt in der taz über die sozialen Schieflagen in der Film- und Fernsehbranche während der Coronakrise. Quentin Tarantino, der angekündigt hat, NFTs seines Film "Pulp Fiction" gegen Geld unters Volk zu bringen, wird dafür nun von seinem damaligen Filmstudio verklagt, berichtet David Steinitz in der SZ: Der Regisseur habe überhaupt nicht die Rechte an seinem Film.

Besprochen werden Jason Reitmans "Ghostbusters: Legacy" ("die Nostalgieschleifen drehen sich in immer kürzeren Abständen", stellt Andreas Busche im Tagesspiegel fest, "Witz und Tiefe, beides hat Platz", freut sich Valerie Dirk im Standard), Jane Campions "The Power of the Dog" mit Benedict Cumberbatch (SZ, Tagesspiegel, mehr dazu bereits hier), Joe Pennas auf DVD erschienener Science-Fiction-Film "Stowaway" (taz), eine Ausstellung in Paris über das Verhältnis zwischen dem frühen Kino zur Kunst (NZZ), Michael Dwecks und Gregory Kershaws Dokumentarfilm "The Truffle Hunters" (NZZ) und das Roadmovie "Mein Sohn" mit Anke Engelke (Tagesspiegel). Daneben stellen uns die SZ-Filmkritiker die weiteren Filmstarts der Woche vor.
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Literatur

Till Schmidt spricht für die Jungle World mit Maaza Mengiste über deren Roman "Der Schattenkönig", in dem die aus Äthiopien stammende, heute in New York lebende Schriftstellerin von den äthiopischen Frauen erzählt, die sich damals Mussolinis faschistischem Feldzug entgegen stellten. Zehn Jahre lang hat sie dafür in offiziellen und grauen Archiven geforscht, um eine Leerstelle des öffentlichen Gedächtnisses zu füllen: "Meist wird nur an die Frauen aus den besseren Kreisen erinnert, etwa Offiziersfrauen. Über die anderen Frauen sind kaum detaillierte Geschichten überliefert. Häufig haben sie ihre eigene Tapferkeit hervorgehoben, etwa wie es war, auf einen Italiener zu schießen. Mehr aber nicht. Interessiert haben mich vor allem die Frauen aus den Dörfern, die nicht mit Männern von Rang und Namen verheiratet waren, die arm geboren wurden und es auch ihr Leben lang blieben: Frauen, die gezwungen waren, Essen zu kochen und die sexuellen Bedürfnisse der höherstehenden Männer zu erfüllen. Nach dem Krieg sind sie wieder an den gesellschaftlich für sie vorgesehenen Platz zurückgekehrt. Ihre Geschichten wurden allenfalls in den eigenen Familien erzählt, der klassischen Geschichtsschreibung erschienen sie als unwichtig."

Besprochen werden unter anderem Garry Dishers Thriller "Moder" (Tagesspiegel), Mary Lawsons "Im letzten Licht des Herbstes" (FR), Michael Krügers Gedichtband "Im Wald, im Holzhaus" (NZZ), die Gesamtausgabe des Comicklassikers "Fabulous Furry Freak Brothers" (Tagesspiegel), Ulrich Woelks "Für ein Leben" (Intellectures), Carolin Amlingers Studie "Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit" (SZ) und Clemens Meyers Erzählungsband "Stäube" (FAZ).
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Architektur

Haben wir übersehen und reichen es jetzt nach: SZ-Kritiker Alexander Menden lässt sich freudig vom Glanz des frisch sanierten Bonner Münsters blenden. "Wer sich an den Eindruck finsterer Höhlenartigkeit erinnert, die das Münster vor seiner Einrüstung ausstrahlte, wird angenehm überrascht sein von der Helligkeit des neu gestalteten Innenraums. Die tiefhängenden Bronzeleuchter sind verschwunden, das Triforium erhielt - ebenso wie die Krypta mit dem Schrein der Stadtheiligen - eine indirekte Beleuchtung. Die kostbaren Alabasteraltäre, die so sehr nachgedunkelt waren, dass sie wie aus Gips modelliert wirkten, leuchten nach einer Laser-Reinigung und der Ergänzung fehlender Puttenköpfe mit dem gesäuberten Apsismosaik des Christus Pantokreator aus dem 19. Jahrhundert um die Wette."

Besprochen wird Martin Kierens "Die zweihundert Bücher zur Architektur" (taz).
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Stichwörter: Bonner Münster

Bühne

Jon Fosses "Starker Wind" am DT Berlin. Foto: Arno Declair


In Jon Fosses neuem Stück "Starker Wind", das Jossi Wieler in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin inszeniert hat, sitzt ein Mann am Fenster und grübelt über sein Leben. Das Stück dauert nur 75 Minuten, aber selbst die kommen SZ-Kritiker Peter Laudenbach sehr, sehr lang vor: "Als sich der altmodische grüne Vorhang öffnet, kann sich Bernd Moss in den leeren Stuhlreihen des Zuschauerraums durch Fosses Variation der 'Wer bin ich und wenn ja wie viele'-Sinnfragen arbeiten. Sein Monolog geht nicht ohne Komik energisch im Kreis ('es ändert sich und ist immer dasselbe'), bleibt genießerisch an einzelnen Vokabeln hängen ('Augenblick - das hässlichste Wort') oder entdeckt die Rätsel der vergehenden Zeit ('wenn man 'jetzt' sagen kann ist es schon vorbei'). Das hat etwas von Tiefsinnshochstapelei."

Für FAZ-Kritikerin Irene Bazinger kann immerhin Jossi Wieler das Stück mit seiner Inszenierung retten: "Jossi Wieler ist ein sensibler Meister der Zwischentöne und Traumtänze und bringt selbst dieses so kurze wie bemühte Stück Jon Fosses zum Schwingen und Funkeln. Nur 75 Minuten dauert die Aufführung, die er behutsam als Etüde der Vergeblichkeit inszeniert. Der Mann am Fenster findet nicht aus seinen Hirngespinsten heraus: 'Nein ich kann nicht denken / Denken konnte ich noch nie / Die Denkerei ist nichts für mich.' Das Paar indes amüsiert sich, verschwindet turtelnd zwischen den Sitzreihen, tauscht treuherzig die Kleidung, beschmiert einander zuletzt fröhlich vor der Kletterwand mit dicken Batzen grünen Schleims."

Weiteres: In der NZZ stellt Georg Rudiger die amerikanische Sopranistin Nicole Chevalier vor, die derzeit mit Verdis "La Traviata" als One-Woman-Show in Basel auftritt.  Besprochen werden André Campras Oper "Idoménée" bei den Berliner Barocktagen (nmz) und Erich Wolfgang Korngolds Oper "Stumme Serenade" in Lübeck (nmz),
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Kunst

Für die Griechen war der Himmel bronzefarben


Mit Interesse hat David McAllister für Prospect "The World According to Colour", ein Buch über Farben des Kunsthistorikers James Fox, gelesen. Farben existieren, wie man weiß, eigentlich nur im Auge des Betrachters. "Aber in gewisser Weise hat die Farbe auch ein Leben jenseits jeder individuellen Wahrnehmung. Sie existiert sowohl als Qualität einer Sache als auch als Annäherung an diese Sache, oder - wie James Fox schreibt - 'als Tanz zwischen Subjekten und Objekten, Geist und Materie'." Dennoch ist es sehr schwierig, über etwas zu sprechen, das jeder anders sieht. Zum Beispiel die Bewohner der südpazifischen Torres-Strait-Inseln, "die zur Überraschung des britischen Wissenschaftlers William Rivers im Jahr 1898 Schwierigkeiten hatten, Blau zu identifizieren, als sie gebeten wurden, eine Pigmentprobe zu beschreiben. Das Problem hatte nichts mit der Wahrnehmung zu tun. Anthropologen haben herausgefunden, dass es in vielen Sprachen kein eigenes Wort für Blau gibt, sondern dass es oft mit Grün und manchmal sogar mit Schwarz und Gelb verbunden wird; für die alten Griechen war der Himmel bronzefarben."

Besprochen werden die Ausstellung "Nebukadnezar im Sozialismus. Das Vorderasiatische Museum in der DDR" im Vorderasiatischen Museum in Berlin (Tsp), eine Ausstellung der Kunstsammlung des katarischen Scheichs Hamad im restaurierten Hôtel de la Marine in Paris (FR), die Ausstellung "Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis" im Leopold Museum in Wien (Zeit) und die Ausstellung "Ferdinand Hodler und die Berliner Moderne" in der Berlinischen Galerie (FAZ).
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Stichwörter: Fox, James, Farben

Musik

Wie viel wiegen eigentlich Schumanns insgesamt 299 Lieder? SZ-Kritikerin Renate Meinhof hat penibel nachgemessen: 627 Gramm - allerdings muss man da noch die 231 Gramm für das Booklet abziehen, das eine CD-Box mit den im Laufe von drei Jahren entstandenen Schumann-Aufnahmen von Christian Gerhaher und Gerold Huber flankiert. Aber auch Menschen, die ihre CDs lieber in den Player stecken, statt sie zu wiegen, finden an dieser Veröffentlichung Freude: Sie birgt "ein wildes, soghaftes Abenteuer. ... Nichts ist dem Zufall überlassen. Man denkt an Filme von Wes Anderson mit ihrer fast militanten Liebe zum Detail. Sorgfältigst wählt Schumann die Texte aus, stellt sie zusammen, lässt sie ineinanderfließen. Jedes Lied 'funktioniert' in sich wie ein Individuum, und doch wirkt es über sich hinaus, knüpft an das folgende an, rekurriert auf ein vorangestelltes Bild, bricht es, verwirrt, sendet Signale aus, löst auf, erlöst. Was nicht zueinander zu passen scheint, beginnt miteinander zu sprechen. Es ist, als hätte Schumann die Inkongruenz, das Überlagern verschiedener Ebenen der Bedeutungen nahezu gesucht." Beim Sender BR Klassik, der die Aufnahmen mit auf den Weg gebracht hat, gibt es ein großes Schumann-Gespräch.

Außerdem: Hannes Soltau vom Tagesspiegel hat sich einen Onlinekurs bei Metallica gegönnt. Dagmar Leischow plaudert für die FR mit Sting über dessen neues, in der SZ besprochenes Album "The Bridge". Eric Claptions Corona-Äußerungen sorgen auch in seinem direkten Umfeld für Befremden, berichtet Nelly Keusch in der NZZ. Die Aufregung darüber, dass die Sängerin Sophia Urista bei einem Konzert ihrer Band Brass Against einem (dazu allerdings begeistert einwilligenden) Fan on stage auf den Kopf gepinkelt hat, lässt Karl Fluch im Standard nur müde lächeln: Mit solchen feuchtfröhlichen Gesten fingen bei Asi-Punk-Legende GG Allin die Abende damals überhaupt erst an. Besprochen wird Adeles Album "30" (NZZ, mehr dazu bereits hier)
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