Tagtigall

Wer braucht schon Gemälde

Die Lyrikkolumne. Von Marie Luise Knott
18.11.2021. In der Berliner Akademie der Künste gibt es derzeit eine große Ausstellung mit dem Titel "Nothingtoseeness" - eine Wortschöpfung von John Cage, allerdings nahezu unübersetzbar, wörtlich: Nichtszusehenheit, etwas freier: Vom-nichts-zu-sehen. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Farbe Weiß - weiß übermalte Leinwände, das Weiße Album der Beatles, weiße Stühle, Schneebälle und vieles vieles mehr. Sehr klein, doch äußerst gegenwärtig hängen dort auch fünf Werke der japanisch-amerikanischen Konzept- und Fluxuskünstlerin Yoko Ono. Sie zeigen Yoko Ono als Dichterin.
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Kleinen Kindern gelingt es mühelos: Sie halten sich die Hände vor die Augen und sagen "Lisa weg". Sie glauben, sie seien verschwunden, weil sie die Welt vor ihren Augen zum Verschwinden gebracht haben. Wenn sie die Hände von den Augen nehmen, sagen sie: "Wieder da!" Wenn sie größer werden, können sie sich die Welt nicht mehr wegdenken und sich nicht mehr aus der Welt wegdenken; die Zwänge und das Gelärme der (Außen)Welt haben sie in Beschlag genommen und prägen ihr Tun.

Es war die Generation von John Cage, Samuel Beckett oder Yves Klein, die sich Anfang der 1950er Jahre die skandalöse Frage stellten, was geschähe, wenn man die ganzen gesellschaftlichen Übereinkünfte und Zwänge - all die Worte, Noten und Figurationen, welche die Schreckensherrschaften des 20. Jahrhunderts nicht hatten verhindern können -,wenn man das ganze Getöse ausblendete. "As the talk goes on we are getting nowhere, and that is a pleasure", formulierte einst John Cage. Nowhere. Ins Nirgendwo. Kann man die Kunst von allen alten wie neuen sinnsuchenden, sinnstiftenden Moden oder Manifesten befreien? Kann man aus dem (mörderischen) Reich des Gegebenen radikal aussteigen?

Was damals begann, war eine "Entrümpelung", um einen Begriff von Nanne Meyer zu verwenden. 1952 komponierte John Cage seine "4:33" Minuten klaviernes Schweigen, das einem Konzertpublikum völlig Neues zu hören gab. 1958 lud Yves Klein zur Einzelausstellung in von ihm eigenhändig geweißte Galerieräume ("Le vide"), und etwa zur gleichen Zeit gab Samuel Beckett auf der Bühne dem Leerlauf der Kommunikation freien Lauf - ins Nichts. Eine Freude, und doch auch eine Revolte (der Verzweiflung) angesichts der Absurdität der Existenz.

Eine jüngere Generation - darunter Yoko Ono, geboren 1933 in Tokio - begann kurz darauf, Cages nowhere auf neue Weise zu befragen. Ono war ein feministisches Multitalent: Musik, Performance, Sprache, Film. Sie war in den 1950er Jahren nach New York gekommen und hatte den Cage-Schüler Toshi Ichiyanagi geheiratet. "Wer braucht schon Gemälde? Bohr lieber ein Loch in die Wand und schau den Himmel an", soll sie gesagt haben; und so verfasste sie, wohl gegen den Konsumismus und die Egomanien ihrer Künstler-Kollegen, 1955 ihr erstes Sprachbild, "Lighting piece" betitelt: "Zünde ein Streichholz an und warte, dass es ausgeht." - der Anfang einer langen Serie aus Instructions (zu deutsch vielleicht Anleitungen), die man als Anleitungen für Performances oder auch für Filme denken sollte. A pleasure, soviel war sicher.

Viel zu oft wird Yoko Ono in der Öffentlichkeit noch immer auf ihre spätere Verbindung mit John Lennon "reduziert", was ja tatsächlich eine zentrale künstlerische Zeit und ein wichtiger Impuls in ihrem Leben war. Doch es gab ganz anderes. Die Instruktionen, von denen fünf in der Ausstellung "Nothingtoseeness" zu sehen sind, stammen aus der Zeit vor John Lennon, und bilden in ihrer mit poetischen Mitteln verdichteten Lakonie Aufbrüche in ein where der Imagination. Eine der Bildkarten in der Ausstellung heißt TAPE PIECE  III und IV.

Yoko Ono, TAPE PIECE III and TAPE IV, 1963. From Grapefruit (1964, Wunternaum Press, Tokyo). Courtesy of the artist © Yoko Ono

Ein anderes heißt  WATER PIECE und ist von 1963.

Yoko Ono, WATER PIECE, 1963. From Grapefruit (1964, Wunternaum Press, Tokyo). Courtesy of the artist © Yoko Ono

Es gibt noch ein zweites WATER PIECE in dieser Phase ihres Werks, es stammt von 1964 und lautet:

    WATER PIECE

    Steal a moon on the water with a bucket.
    Keep steeling until no moon is seen on
    the water.

          1964 spring


    WASSERSTÜCK

    Nimm einen Eimer und stiehl einen Mond auf dem Wasser.
    Stiehl weiter, bis kein Mond (mehr) auf dem Wasser
    zu sehen ist.

    1964 Frühjahr

Dem Grundwasser lauschen, den Schnee fallen und die Sterne wandern hören, einen Mond stehlen? Wie soll das gehen? Kann ich mir den Mond aneignen, wo er doch für alle scheint? Oder richtiger: Kann ich das Spiegelbild des Mondes, jenes romantische Urbild, fortschöpfen?

Tatsächlich entkleidet Yoko Ono hier den Mond seiner romantischen Aufladung, wie er in der klassischen europäischen wie japanischen Anschauung existiert, ob in Tiecks "mondbeglänzter Zaubernacht" oder in "Vor meinem Bett das Mondlicht ist so weiß, / Daß ich vermeinte, es sei Reif gefallen" des chinesischen Mönchdichters Li Bai (7. Jh., hier in der Übersetzung von Günter Eich). Gleichzeitig erinnert das Bild an die Geschichte vom Tod Li Bais, der, so will es die Legende, im 7. Jh. nach Christus, im betrunkenen Zustand ins Wasser ging, um das Spiegelbild des Monds zu umarmen: Mond als Symbol des wahren, nicht zu fassenden Wesens des Menschen, das aufflackert, aber sich entzieht, sobald man es erhaschen will.

1964 veröffentlichte Yoko Ono ihre Instructions in Tokio im Selbstverlag. Ein weißes Buch, noch vor dem Weißen Album der Beatles. Der Titel, "Grapefruit", war Programm, denn wie die Grapefruit, die Yoko Ono als eine Mischfrucht ansah, so verstand sie auch ihre Kunst als eine Mischkunst, bei der sich alle Grenzen auflösten, allen voran die Gattungen und die kulturellen Zugehörigkeiten. In ihren Instructions durchwanderte sie mit einer an Cages nowhere geschulten Distanz die europäisch-amerikanische wie die japanische Bildwelt. Ein "Unterwegssein", das seine Kraft aus der Distanz zu beiden Traditionen bezog und gleichermaßen die amerikanische wie die japanische Öffentlichkeit ansprach.


Sprachkopffilme

Yoko Onos minimalistischen Instruktionen waren wie alle gute Kunst einer Not entsprungen:

Ich erinnere mich, wir waren während des Kriegs (2. WK) aus Tokyo evakuiert, und mein Bruder war sehr unglücklich und traurig und sehr hungrig, weil es damals nicht viel zu Essen gab. Also sagte ich ihm: "Komm, wir machen uns ein Menu. Was möchtest du zu Abend essen? und er sagte "Eis". "Gut", sagte ich, "dann denken wir uns jetzt unser Eis-Essen aus." Was wir taten. Prompt sah er glücklicher aus, was mich darauf brachte, dass wir mit Fantasie die Stimmung heben können. Wir hatten unser Konzept-Essen und ich mein erstes Kunstwerk.

Im Mittelpunkt der Werke stehen keine Bilder, die sich konsumieren lassen; der menschliche Körper selbst ist zum Sinnesorgan geworden, und auch wenn Yoko Ono einige ihrer Instruktionen später selbst als Filme realisierte, eigentlich waren ihre Sprach-Bilder, wie man in der Szene mit dem Bruder erkennt, dazu gedacht, sich im Kopf des Betrachters zu realisieren. "Ich glaube daran, dass die Menschen eine angeborene künstlerische Kraft in sich haben. Und die möchte ich ans Licht bringen." Also nahm Ono industrieweiße meist DIN A6 große Kartons und tippte nur die Skript-"Anweisungen" darauf. Sprach-Kopf-Filme. Wer braucht schon Gemälde?

Indem man lesend im Kopf den Anweisungen folgt, setzt man sich der Realität ihrer Sprache aus, genauer: der Realität des im Gedicht gegenwärtigen Augenblicks. Schließlich ist auch Imagination eine Realität. "In allem, was ich tue, versuche ich eine lyrische, poetische Ebene einzubeziehen. (...) Meine Instruktionen sind lesbar als freie, weitergedachte Poesie." Den Mond befreien.

Das Tun im Kopf (das vorgestellte Stehlen des Monds, das Hören der Sterne und das Lauschen der Erdbewegung) überdeckt, verdeckt und schließlich: ent-deckt wie von Zauberhand beides, die Notwendigkeit des Entrümpelns und die Intensität des gegenwärtigen Augenblicks, um den es in fast allen Pieces von Yoko Ono geht.

Ein anderes Stück in der Ausstellung lautet:  

    Earth Piece
    Listen to the sound of the earth turning.
    Spring 1963

    Erdstück
    Hör, wie die Erde sich dreht.
    Frühling 1963

In ihrer Schönheit und Lakonie kontern die Instruktionen das Getöse der Welt.

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ZUM WEITERLESEN

* Yoko Onos Instruktionen kann man noch bis zum 12. Dezember in der Ausstellung "Nothingtoseeness. Leere/Weiß/Stille" der Akademie der Künste Berlin sehen.  

Yoko Ono, Grapefruit, 1964. Artist's book, offset; self-published (Wunternaum Press, Tokyo). Courtesy of the artist © Yoko Ono. Foto: Wikipedia

* Der Band Grapefruit. Instructions and Drawings, erschien 1964 in Tokyo im Selbstverlag, Wunternaum Press, in einer Auflage von 500 Exemplaren, mit fast ganzweißem Cover. Er enthielt 150 Instruktionen. Für die (späteren) amerikanischen Ausgaben, die den gleichen Titel tragen, wurden dem ursprünglichen Band Gemeinschaftswerke von Yoko Ono und John Lennon hinzugefügt, ferner verfasste John Lennon das Vorwort für die amerikanischen Ausgaben.

Zum Mond und Spiegelbild und der Geschichte des Li Bai siehe die lesenswerte Studie zu Yoko Tawada: "Übersetzung als po(i)etisches Verfahren: Yoko Tawadas deutsch-japanische Partnertexte Im Bauch des Gotthards, Orangerie und Spiegelbild. 

Unter den fünf Instruktionen von Yoko Ono in der Ausstellung findet sich auch folgender Zettel:

Yoko Ono, LINE PIECE to La Monte Young I and II, 1964. From Grapefruit (1964, Wunternaum Press, Tokyo). Courtesy of the artist © Yoko Ono