Efeu - Die Kulturrundschau

Ich bin, weil Du bist

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25.10.2021. Die Frankfurter Buchmesse endet mit dem Friedenspreis für die simbabwische Autorin Tsitsi Dangarembga, die Descartes' Rationalismus und die Philosophie des Ubuntu zu etwas neuem Drittem verbinden möchte. Die SZ bemerkte allerdings mit Unbehagen Tränen der Rührung in den Augen der der versammelte Kulturelite. Als offene Kampfansage an die Buchmesse versteht die FAZ allerdings die Forderung des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann, künftig rechtsextreme Verlage auszuschließen. Außerdem vermisst die Zeit die Klimakrise in der Literatur. Die taz macht es sich auf den Bundestagsstühlen von Mario Bellini bequem.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2021 finden Sie hier

Literatur

Mit der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an die simbabwische Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga ist die Frankfurter Buchmesse am Sonntag zu Ende gegangen. Die taz dokumentiert Dangarembgas Rede in Auszügen. Descartes' Ausspruch "Ich denke, also bin ich", der für sie entscheidenden Anteil hat am hierarchischen und elitären Denken, das den Kolonialismus und Ideologien der Ungleichheit begünstigt hat, stellt sie ebenso in Frage, wie die in afrikanischen Ländern gängigere Philosophie des "ubuntu" - "Ich bin, weil Du bist": "Auch diese Philosophie hat uns nicht gerettet. Wir müssen neue Gedanken entwickeln, sie aus den Ecken des Universums ziehen, wo sie entstehen, um den Paradigmenwechsel zu bewirken, der unsere Art und Weise bestimmt, wie wir Erkenntnis erlangen, Wert und Bedeutung zuschreiben, die für unser Überleben notwendig sind, während unsere Ozeane verschmutzen, die Ozonschicht dünner wird, sich das Klima wandelt, Temperaturen und Meeresspiegel ansteigen, trotz wissenschaftlichen Fortschritts Krankheiten wüten, Hunger herrscht und schwarze Körper im Meer ertrinken auf dem Weg zu denen, die zuerst zu ihnen segelten, und in dieser Zeit ständig zum Opfer dessen werden, was Fortschritt genannt wird."

"Die Kulturelite klatschte stehend Beifall", berichten Marie Schmidt und Felix Stephan in der SZ, "obwohl oder gerade weil ihr gerade die Grundlagen ihres Denkens entzogen worden waren. Man erklärte sich so bereit, Selbstgewissheit aufzugeben. Es gibt da eine Offenheit und Demut von Jurys und Kulturfunktionären, die einen allerdings - gerade weil sie die Tränen in den Augenwinkeln an diesem Sonntag so schön glitzern ließ - eines fürchten lässt: Wenn in Deutschland die Rührung so groß ist, folgt oft wenig später ein Backlash." Caroline Fetscher vom Tagesspiegel beobachtet: "Dass auch präkoloniale Gesellschaften Hierarchien und kriegerische Konflikte zwischen Wir-Gruppen kannten, blendete das postkoloniale Denken, wie auch hier, stets ein wenig aus."

Bei der Friedenspreisverleihung kam es zum Eklat, als die schwarze Grünen-Politikerin Mirrianne Mahn die Begrüßungsrede des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann unterbrach und einmal mehr die Forderung erhob, rechtsextreme Verlage künftig auszuschließen. In der FAZ versteht Andreas Platthaus die unfriedliche Intervention als Affront: "Mahn sagte nun bei ihrer Intervention, Meinungsfreiheit sei nicht die entscheidende Frage: 'Das Paradox ist, dass wir hier in der Paulskirche einer schwarzen Frau den Friedenspreis verleihen und schwarze Frauen auf der Buchmesse nicht willkommen waren.' Schon zuvor hatte Feldmann festgestellt, dass er gelesen habe, dass Angst herrsche wegen des Festhaltens an der Meinungsfreiheit ... 'Im kommenden Jahr will ich, dass alle diese Autorinnen ohne Angst nach Frankfurt kommen können.' Das war eine offene Kampfansage an die Buchmesse und damit auch an den sie ausrichtenden Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der den Friedenspreis verleiht: Feldmann erwartet den Ausschluss rechter Verlage oder solcher, die öffentlich dafür erklärt werden." In der Welt ist Marc Reichwein nicht einverstanden: "Nur, was 'rechtsradikal' ist, wer das - wenn nicht der Gesetzgeber - definieren soll und wie, sagte Mirrianne Mahn leider nicht. Statt dass debattiert wird, wurden selbstgewisse Botschaften platziert." Buchmessenchef Jürgen Boos bleibt im Gespräch mit Mara Delius von der Welt bei seiner Position.

Weiteres: Ulrich Gutmair spricht für die taz mit Yalda Abassi vom afghanischen Verlag Aazam, der in diesem Jahr zwar auf der Frankfurter Buchmesse einen Stand bezogen hat, dort aber nur ein Transparent mit der Aufschrift "Keine Bücher in diesem Jahr" präsentiert hat. Eine kurzfristig beschlossene Aktion, um zu zeigen, "dass wir trauern. ... Die Bücher unseres Verlags befinden sich in Frankfurt. Aber wir wollen sie nicht zeigen, weil unser Herz blutet." Resümees der Buchmesse schreiben Gerrit Bartels (Tagesspiegel) und Tilman Spreckelsen (FAZ). Michael Wurmitzer porträtiert die Preisträgerin im Standard, mit der Jeannine Kantara von der Zeit sprach. Perlentaucherin Thekla Dannenberg las sich bereits im September durch die bislang auf Deutsch vorliegenden Bücher Dangarembgas.

Die Literatur steht der Klimakrise indifferent bis phlegmatisch gegenüber, meint der Sachbuchautor Bernd Ulrich in der Zeit: Zumindest in der deutschsprachigen Literatur werden zwar historische Wunden von den Nazis über die DDR bis zur RAF geleckt, doch "warum schlägt sich diese fundamentale Krise so wenig in der Literatur nieder? Warum, zur Hölle?!" Science-Fiction-Romane und Climate-Fiction interessieren ihn dabei ausdrücklich nicht: "Wie eine katastrophische Zukunft aussehen könnte, ist auch ein spannendes Thema, aber wie die zugleich drohende und beginnende Zukunft die Gegenwart beeinflusst, das ist möglicherweise noch spannender. Und beunruhigender." Immerhin versucht sich Jenny Offill in ihrem Roman "Wetter" an den Fragen zum Klimawandel - die FAS hat mit der Schriftstellerin gesprochen.

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel spricht Lars von Törne mit der Comiczeichnerin Jillian Tamaki. Im Freitag berichtet der Schriftsteller und Spaziergangsskeptiker Andreas Merkel von seinem nächtlichen Spaziergang mit dem Schriftsteller und Spaziergangsenthusiasten David Wagner. In Berlin las Dana Grigorcea aus ihrem Roman "Die nicht sterben", berichtet Katharina Granzin in der taz. Im Tagesspiegel gratuliert Peter Geist dem Lyriker Eberhard Häfner zum 80. Geburtstag. Michael Lentz schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Dichter Hartmut Geerken.

Besprochen werden unter anderem Marie NDiayes "Die Rache ist mein" (Standard), Colm Toíbíns Thomas-Mann-Roman "Der Zauberer" (Tagesspiegel), Deborah Levys "Ein eigenes Haus" (Dlf Kultur), die Neuauflage von Giuseppe Missos romanhafter Autobiografie (NZZ), Sarah Biasinis "Die Schönheit des Himmels" (Standard), John Muirs "Yosemite" (online nachgereicht von der FAZ), eine Ausstellung in Linz über Ilse Aichinger (Standard) und neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Lafcadio Hearns "Der Junge, der Katzen malte" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Joachim Simm über Hermann von Gilm zu Roseneggs "Die Nacht":

"Aus dem Walde tritt die Nacht,
Aus den Bäumen schleicht sie leise,
Schaut sich um in weitem Kreise,
..."
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Design

Im Interview mit der taz spricht Roman Ehrhardt von Vitra über den "Figura"-Stuhl, mit dem die Firma bereits in den Neunzigern den Bundestag bestückt hat - und zwar schon damals vorausschauend in so hoher Stückzahl, dass auch der erneut angewachsene Bundestag keine Nachbestellungen ordern muss. Der Entwurf selbst stammt aus den Achtzigern von Mario Bellini. "Die Formgebung ist bewusst so gestaltet, dass man das Gefühl hat, man ist zu Hause und nicht in einem Büro. Die Silhouette wirkt durch die Form und Polsterung sehr weich. Das soll ein gemütliches Sitzgefühl vermitteln unter Einhaltung der ergonomischen Erfordernisse, die nicht immer deckungsgleich mit dem subjektiven Gemütlichkeitsgefühl sind." Bei den Task Chairs hat man das "das Gefühl, man sitzt auf einem Raumschiff. Das hat damals den Erfordernissen einer hochtechnisierten Bürowelt seht gut entsprochen. Beim 'Figura' geht es um das Gegenteil."

Besprochen wird ein Buch über den Designer Gio Ponti (Freitag).
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Kunst

Besprochen werden die große, bereits vielfach besprochene Goya-Schau in der Fondation Beyerle bei Basel (SZ), die ebenfalls weithin beachtete Tizian-Ausstellung im Kunsthistorisches Museum in Wien (NZZ) und die Ausstellung zur surrealistischen Künstlerin Toyen in der Hamburger Kunsthalle (FAZ).
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Bühne

Abgründig possierlich: Gonbrowicz' "Yvonne, die Burgunderprinzessin". Foto: Birgut Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Am Frankfurter Schauspiel hat Mateja Koleznik die selten gespielte Groteske "Yvonne, die Burgunderprinzessin" von Witold Gombrowicz inszeniert. In der FR kann sich Judith von Sternburg keinen Reim machen auf die Possierlichkeiten, die sie mal erheitern, mal an den Abgrund führen: "Ein in Selbstzufriedenheit und mildem Ennui erstarrter Märchen-Hofstaat stürzt sich auf eine angeschwemmte Fremde, deren Anderssein die Gesellschaft abstößt und anzieht. Das weitgehende Schweigen der Frau macht sie zum perfekten Opfer - der wehrlose Mensch, mit dem man alles unternehmen kann, wie das gelangweilte, aber auch traurige Prinzlein als erster klar erkennt." Auch in der FAZ sieht Simon Strauss das Explosive zu schnell verpuffen: "Gombrowicz' 'Yvonne' ist ein durch und durch misogynes, moral- und ideologieloses Stück. Es führt auf drastische, surreal-satirische Weise vor, was Menschen einander in Wahrheit sind: blitzblanke Spiegel des eigenen Nichts. So weit, so gut, so leer."

Besprochen werden Stefan Bachmanns Inszenierung von Max Frischs "Graf Öderland" am Münchner Residenztheater (SZ), Claudia Bauers Adaption von Ingo Schulzes Roman "Der Rechtschaffene Mörder" für das Dresdner Schauspiel (taz, Nachtkritik), Ibsens "Volksfeindin" vom Freien Schauspiel Ensemble in Frankfurt (FR), Verdis "Don Carlo" an der Dresdner Semperoper (FAZ) und das Stück "Das perfekte Geheimnis" im Theater in der Josefstafdt (über das der Standard als "reaktionären Schmafu" schimpft).
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Film

Nina Rehfeld porträtiert in der FAZ den Schauspieler Alec Baldwin (an dieser Stelle mehr zum tragischen Unfall, bei dem ein Schuss aus einer vermeintlich "kalten" Waffe der Kamerafrau Halyna Hutchins das Leben kostete). Im Standard spricht der Filmemacher Azazel Jacobs über seinen auf der Viennale gezeigten Film "French Exit". Gunda Bartels wirft für den Tagesspiegel einen Blick ins Programm des Dok.Leipzig-Filmfestivals, das heute beginnt. Kuratorin Manuela Kay plaudert im Tagesspiegel über das morgen beginnende Berliner Pornfilmfestival und ist dabei "der Meinung, je besser Pornografie ist, desto besser ist auch die Sexualität der Bevölkerung." Bert Rebhandl schreibt im Standard über die Retrospektive Henryk Galeen der Viennale.

Besprochen werden Clint Eastwoods "Cry Macho" (NZZ, mehr dazu bereits hier), Todd Haynes' Dokumentarfilm "The Velvet Underground" (Standard, mehr dazu hier) und Susana Nobres auf der Viennale gezeigter "Jack's Ride" (Standard).
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Stichwörter: Hutchins, Halyna, Viennale

Musik

Für ZeitOnline plaudert Daniel Gerhardt mit Warren Ellis, der als Bandleader von Nick Caves Bad Seeds nun auch sein erstes Buch veröffentlicht hat: Musik machen sie alle zusammen, aber die Texte sind von Nick Cave, so Ellis: "Ich frage ihn nicht nach ihrer Bedeutung. ... Ich habe gar keine Zeit dafür. Es ist nicht mein Job, die Botschaften seiner Lyrics zu kennen, und es ist auch besser für die Musik, wenn ich sie nicht kenne. Manchmal achte ich bei einem unserer Konzerte zum ersten Mal auf die Texte und denke dann: Oh, das ist aber schön."

Weitere Artikel: Die FAZ hat Kerstin Holms Bericht vom Moskauer Forum, einem Festival für Neue Musik, online nachgereicht. Michael Bartsch (taz) und Manuel Brug (Welt) schreiben Nachrufe auf den Komponisten Udo Zimmermann. Marco Frei (NZZ) und David Geringas (FAZ) gratulieren der Komponistin der Gegenwart Sofia Gubaidulina zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden ein Schostakowitsch-Abend mit Igor Levit (SZ), das Debütalbum der Hamburger Elektromusikerin Kuoko (Tagesspiegel) und das Comebackalbum "Future Past" von Duran Duran (Standard).

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