9punkt - Die Debattenrundschau

Wie eine allergische Reaktion

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.10.2021. Tayyip Erdogan droht, zehn westliche Botschafter aus der Türkei auszuweisen. Hat er seinen politischen Kompass endgültig verloren?, fragt die taz. Die SZ hofft dagegen auf eine Versöhnung der Türkei mit sich selbst. Die NZZ erzählt die blutige Geschichte der Benin-Bronzen. In der FR problematisiert der Zukunftsforscher Daniel Dettling die Enteignungsfantasien, die hinter dem Volksentscheid in Berlin stehen. Viel wichtiger sei die Förderung von Wohneigentum.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2021 finden Sie hier

Europa

Tayyip Erdogan droht, zehn Botschafter westlicher Staaten auszuweisen. In Bedrängnis hat Erdogan schon immer attackiert, schreibt Jürgen Gottschlich in der taz. Diesmal wirkt der Schlag angesichts der türkischen Lage allerdings selbstmörderisch: "Die türkische Lira ist gegenüber dem Euro und dem Dollar schon jetzt im freien Fall. Nach der Ausweisung der BotschafterInnen wäre es wohl ein Fall ins Bodenlose. Die Türkei könnte wichtige Importe von Lebensmitteln über Industrieprodukte bis zu Öl und Gas nicht mehr bezahlen. Der Konflikt würde Erdogan letztlich mehr schaden als nutzen. Vollzieht er den Rauswurf in den nächsten Tagen tatsächlich, wäre es nicht nur für die Opposition, sondern wohl auch für einen Teil seiner AnhängerInnen ein Zeichen, dass er seinen politischen Kompass verloren hat." Hintergrund für Erdogans Wüten ist die Kritik westlicher Länder an der Inhaftierung des Menschenrechtlers und Kulturmäzens Osman Kavala, erläutert Gottschlich in seinem Bericht. Die taz bringt auch ein Porträt Kavalas, der seit vier Jahren in Untersuchungshaft sitzt.

Da mutet die Hoffnung von Tomas Avenarius fast utopisch an: Er besuchte für die SZ den Architekten Murat Tabanlioğlu, dessen Atatürk-Kulturzentrum kurz AKM in wenigen Tagen in Istanbul eröffnet werden soll, auf der Baustelle. Das alte abgerissene AKM war zwar baufällig, aber es war auch eine "Bühne der Volksbildung: Das Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit, das Programm, der freie Geist, ein Beweis der Modernität der Türkei", so Avenarius. Der Neubau am Taksim steht in der Nachbarschaft des Gezi-Parkes, dem Denkmal Atatürks, der neuen Taksim-Moschee Erdogans und der Aya Triada, der griechisch-orthodoxen Kathedrale: "Das ist der Ort, an dem Murat Tabanlioğlu gebaut hat: Zwischen Atatürks republikanischer Moderne und Erdoğans Islam des 21. Jahrhunderts, der Erinnerung an die Osmanenzeit und die Belle Epoque etwas Neues zu bauen und zugleich das Alte zu bewahren, das ist nicht leicht. Vielleicht sollte man das neue, alte AKM daher als das betrachten, was es im Idealfall sein kann: als gelungener Versuch, die Türkei ein wenig mit sich selbst zu versöhnen."

Die bosnischen Serben drohen, ihren Landesteil von Bosnien und Herzegowina abzutrennen. Europa muss handeln, warnt Erich Rathfelder in der taz: "Das Projekt Großserbien, das vor dreißig Jahren den damaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milošević beflügelte und das zum Ziel hatte, alle Gebiete des ehemaligen Jugoslawien, wo Serben leben, in einem Staat zusammenzufassen, scheiterte zwar. Es wurde jedoch nie aufgegeben und ist jetzt im neuen Gewand von 'Sprski Svet', der 'serbischen Welt', wieder aufgetaucht. Die vom serbischen Präsidenten Alexandar Vucić ausgerufene "serbische Welt" umfasst die Republika Srpska in Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Kosovo."
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Ideen

Wir leben heute in einer Risikogesellschaft, warnt der Medienwissenschaftler Norbert Bolz in der NZZ. Deshalb sollten wir auch endlich eine Kultur des Risikos entwickeln und uns nicht immerzu Gewissheiten wünschen (wann ist die Pandemie vorüber, wann ist der Klimawandel aufgehalten etc.), die es nicht geben kann: "Die moderne Gesellschaft ist radikal von Technik abhängig und deshalb durch einen latenten Bürgerkrieg zwischen Machern und Mahnern gekennzeichnet. Die Identität von Risiko und Chance wird nämlich vor allem an der Technik deutlich. Die Macher können darauf verweisen, dass man die Risiken moderner Technologien nur abschätzen kann, wenn man sich auf sie einlässt. Die Mahner dagegen proklamieren das 'precautionary principle', das die Installation technischer Innovationen davon abhängig machen möchte, dass deren Beherrschbarkeit im Vorhinein nachgewiesen werden kann. Dass es schwarze Schwäne gibt, ist ihr stärkstes Argument. Dieses Vorsichtsprinzip läuft auf die Vermeidung von Risiken hinaus - und damit auf eine Verdrängung der modernen, auf Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung basierten Rationalität durch Angst. Die Propagandisten des 'precautionary principle' haben deshalb in der Öffentlichkeit leichtes Spiel. Man muss nur ein dramatisches Bild des möglichen Schadens zeichnen, um jedes Risikokalkül zu blockieren. Die Angst vor der Katastrophe lässt sich nämlich nichts vorrechnen. Doch damit befinden wir uns auf dem Rückweg vom Risiko zum Tabu, das heißt von einem rationalen zu einem magischen Verhalten."
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Geschichte

Drei ÖkonomInnen, Andrei Markevich, Natalya Naumenko und Nancy Qian widerlegen in einem Zeitschriftenartikel "The Political-Economic Causes of the Soviet Great Famine" die Behauptung, der Holodomor habe nicht vorwiegend den Ukrainern gegolten, erzählt Philip Plickert in der ehemaligen Sonntagsausgabe der FAZ. "Bis heute sagt Moskau, es habe keine gezielte Anti-Ukrainer-Politik gegeben. In ihrer statistischen Auswertung, die bis auf Distriktebene differenziert, zeigen die drei Ökonomen, dass dies falsch ist... Markevich, Naumenko und Qian zeigen mit ökonometrischen Methoden, dass die Übersterblichkeit der ethnischen Ukrainer weit überproportional war - und das auch in angrenzenden Teilen der Sowjetunion. Ukrainer machten 21 Prozent der Bevölkerung der UdSSR aus, aber 30 bis 45 Prozent der Toten. Die stalinistische Politik war der entscheidende Faktor. Nach Rechnung der Ökonomen erklärt sie 77 Prozent der ukrainischen Übersterblichkeit in der Ukraine, Russland und Belarus."
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Stichwörter: Holodomor, Ukraine, Belarus

Kulturpolitik

Deutschland gibt die Benin-Bronzen zurück. In der NZZ zieht Philipp Meier die Augenbrauen hoch ob dieses Aktes der "deutschen Gewissensberuhigung", obwohl Benin nie zum deutschen Kolonialgebiet gehörte. Die Bronzen eignen sich auch generell ganz schlecht für den Moralismus von Identitätsaktivisten, schreibt er: "Viele sehen die Kunstobjekte als kulturelles Erbe. Andere betrachten sie als die Seele Nigerias oder sehen sie als Symbole eines kolonialen Traumas. Man gefällt sich dabei in der Opferrolle. Für die Benin-Bronzen als Zeugnisse von Menschenopfern hingegen ist man blind. In Nigeria wird dieser historische Kontext weitgehend ausgeblendet. Die Benin-Bronzen fanden Verwendung in sakralen Opferhandlungen, bei welchen Kriegsgefangene auf Ahnenaltären hingerichtet wurden. Das Königreich Benin trieb überdies Handel mit Sklaven im Tausch gegen die begehrten Metalllegierungen für den Guss der Kultobjekte. Belegt sind diese Tatsachen nicht nur von britischen Militärärzten, sondern auch von lokalen Historikern."
Stichwörter: Benin, Benin-Bronzen

Gesellschaft

Vor fünfzig  Jahren wurde in Berlin das erste Frauenhaus eröffnet. Patricia Hecht unterhält sich in der taz mit der Historikerin Franziska Benkel, die ein Buch zum Thema geschrieben hat und die Ablehnung schildert, die die Frauenbewegung überwinden musste: "Das Haus stand der Idee des unbedingten Erhalts der Ehe und Kernfamilie entgegen. Ein Ort, der die Autonomie von Frauen und Kindern stärkte, stieß auf massiven Widerstand. Es war wie eine allergische Reaktion. Die Springer-Presse lancierte diffamierende Artikel. Irgendwann veröffentlichte sie sogar die Adresse. Die Nachbarschaft war sowieso ziemlich genervt. Ehemänner machten zum Teil Telefonterror aus der Telefonzelle vor dem Haus, kletterten über die angrenzenden Gartenzäune, um ins Haus zu gelangen und legten sogar Feuer."

In der FR hinterfragt der Zukunftsforscher Daniel Dettling die Enteignungsfantasien, die hinter dem Volksentscheid in Berlin stehen. Neue Wohnung würde so ganz sicher nicht entstehen. Auch würden laut Umfragen zwei Drittel der Mieter heute am liebsten selbst in einer Eigentumswohnung leben, bei den 14-19-Jährigen seien es sogar 90 Prozent. "Das Ziel, dass möglichst viele junge Menschen bezahlbar Wohneigentum erwerben, lässt sich durch drei Maßnahmen erreichen. Erstens: Über Mietkauf werden Mieter zu Eigentümern und ihre Miete zur zinslosen Tilgung. Zweitens muss man sich Wohneigentum wieder leisten können. Dazu gehören eine Reform der Grunderwerbssteuer, Wegfall der Besteuerung für Ersterwerber:innen, Absetzbarkeit von Tilgungszinsen, Senkung der Mehrwertsteuer beim Bauen und Erwerb auf sieben Prozent, KfW-Bürgschaften und die Förderung von Genossenschaftsanteilen. Drittens geht es um die Förderung von innovativen Projekten und Programmen wie 'Jung kauft Alt', welche den Erwerb von Wohnungen und Häusern im Bestand ermöglichen. Wer die neue soziale Frage in den großen Städten und Ballungsgebieten lösen will, muss neue Wege gehen statt alten Parolen hinterherzulaufen.

Der Verein "Die neuen deutschen Medienmacher*innen", eine Organisation, die "diverse" Nachwuchsjournalisten fördert, wurde von mehreren Ministerien in den letzten drei Jahren mit 2,5 Millionen Euro gefördert, 1,5 Millionen Euro kommen in diesem Jahr hinzu, schreibt Anna Schneider in der Welt: "Dafür fragt der Verein schon jetzt regelmäßig bei Redaktionen an, wie viele Journalisten mit Migrationshintergrund dort angestellt sind. Und das, obwohl die Vorsitzende des Vereins, Ferda Ataman, die Frage nach der Herkunft eigentlich selbst ablehnt. Im Jahre 2019 veröffentlichte sie ein Buch mit dem Titel 'Ich bin von hier - Hört auf zu fragen!' Diese Ironie ist zu köstlich." Jüngst hat der Verein gleich allen "bürgerlichen Medien" für Kritik an linker Identitätspolitik den Negativpreis "Goldene Kartoffel" zugesprochen (unser Resümee).

Intimitäts-Coachs beim Film, sensitivity reader bei den Verlagen, Diversitätsbeauftragte überall: Die Identitätsdebatten haben in der Kultur einen unerwarteten Nebeneffekt, dessen Ironie auch Roman Bucheli in der NZZ auskostet: "Da wundern sich nun allerdings die Kunstschaffenden. Immerhin haben sie bis dahin ihr Publikum als die Zielgruppe ihrer Bildungsoffensive und pädagogischen Mission betrachtet, dem Menschen und der Welt musste ja geholfen, sie mussten verbessert werden. Und nun finden sie sich plötzlich mitten in einer Erziehungsanstalt, sind nicht mehr selber die Erziehungsberechtigten, sondern ihrerseits jene, die verbessert werden sollen."
Archiv: Gesellschaft