Efeu - Die Kulturrundschau

Blutopfer des Kapitalismus

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2021. Berlins Kritiker streiten über Barrie Kosky, der Brechts "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" an der Komischen Oper als tiefernstes Moralitätentheater macht. Die FAZ erklärt am Beispiel des Milliardärs Alischer Usmanow, wie Repression und Mäzenatentum in Russland zusammengehen. Die taz beleuchtet die Kontroverse um den Dokumentarfilm "Sabaya", dessen Mitwirkende von allen Seiten unter Druck gesetzt wurden. Der Tagesspiegel leidet am Deutschen Filmpreis.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.10.2021 finden Sie hier

Bühne

Nadja Mchantaf als Jenny Hill. Foto: Iko Freese / Komische Oper

Zum Auftakt seiner letzten Saison an der Komischen Oper inszeniert Barrie Kosky Bertolt Brechts und Kurt Weills Goldgräberdrama "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Im Tagesspiegel findet Frederik Hanssen diese Inszenierung meisterlich und von höchster Intensität: "Schrill und krachledern wird Weills Werk normalerweise auf die Bühne gebracht, als Zerrbild des american way of life mit jeder Menge meist missratenem Mummenschanz. Barrie Kosky geht einen anderen Weg: Er lässt alles weg, das Groteske wie auch die Ausstattungsorgie, und fokussiert sich ganz auf die biblischen Konnotationen, die er bei Brecht findet. Alttestamentarisch ist für ihn der erste Akt, ein neues Sodom und Gomorra, mit Hurrikane und Taifun als Plagen, den zweiten Akt sieht er als Variante der Passionsgeschichte, wenn Jim von jenen verleugnet wird, die ihm nahestehen, und kurz vor seinem Tod ein christusgleiches "mich dürstet" ausspricht. Kosky betont, dass Arnold Schönbergs 'Moses und Aron' zeitgleich entstanden ist. Schon als Teenager haben ihn beide Stücke berührt, als Parabeln, als tiefernstes Moralitäten-Theater."

Tilman Krause möchte in der Welt eher nicht auf die Knie gehen, zumal er Brechts Kapitalismussatire ohnehin nur wegen Weills cooler Musik ertragen kann: "So erstarrt in Ehrfurcht vor der hoffnungslosen Message dieses Stückes, dass dem Menschen auf dieser Welt, so wie sie ist, nicht mehr geholfen werden kann, hat man 'Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny' selten gesehen. Auch nicht so brutal. Jim Mahoney, zugleich Held und Antiheld, erlebt am Schluss des Stückes nicht den gnädigen Tod auf dem elektrischen Stuhl, den Brecht/Weill ursprünglich vorsahen. Er wird vielmehr als Blutopfer des Kapitalismus durch Messerstiche aller Darsteller, auch der Darstellerinnen, so zugerichtet, dass da am Ende nur noch ein Bündel Fleisch liegt. Dazu wird das oratorienhafte Aufrauschen im Orchestergraben, kräftig unterstützt vom Trommelwirbel, noch künstlich akustisch gesteigert. Das ist so peinvoll, dass in der Premiere eine empfindsame Seele vom Rang herunter ihrer Not in einem 'Alles Scheiße'-Schrei meinte Luft machen zu müssen. Prompt kam aus dem Parkett, ebenfalls gut berlinisch, ein derbes 'Schnauze!' zurück."

Weiteres: Wirklich großartig findet Verena Harzer in der taz die Oper "Fire Shut Up in My Bones" von Terence Blanchard, mit der die New Yorker Met zum ersten Mal überhaupt das Stück eines schwarzes Komponisten zeigte (mehr hier). Dass sich die Met um mehr Diversität bemüht, erklärt sich Harzer aber auch aus dem Niedergang der wachsenden Not der gegen sinkende Einnahmen und Besucherzahlen kämpfenden Institution.Sonja Zekri besucht für die SZ Themis, die Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt in Theater, Film und Fernsehen, die auch während des Corona-Lockdowns viel zu tun hatte. In der FAZ gratuliert Herbert Grönemeyer dem Theatermann Robert Wilson zum Achtzigsten.

Besprochen werden René Polleschs neues Stück "Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer" an der Berliner Volksbühne (dessen Banalität bei Welt-Kritiker den Verdacht aufkommen lässt, es klemmt bei Pollesch oder dem neuen Leitungskollektiv), Crystal Pites elektrisierende Choreografie "Angels' Atlas" am Opernhaus Zürich (NZZ), Kornél Mundruczós Inszenierung von Hanoch Levins "Krum" am Hamburger Thalia Theater (Nachtkritik), Kris Defoorts Oper "The Time of our Singing" nach Richard Powers' gleichnamigem Roman an der Brüsseler Opéra de la Monnaie (SZ), Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Corneilles "Spiel der Illusionen" am Nürnberger Staatstheater (SZ), Marc Beckers Komödie "Der Fall Nitribitt - gelöst!" an der Volksbühne Frankfurt (FR), Der Abend "Der Himmel über meinem Kopf" mit der AMP Dance Company im Frankfurter Gallus-Theater (FR), Wiener Inszenierungen von Claus Paymann, Simon Stone und Kay Voges (FAZ).
Archiv: Bühne

Film

Wirbel um den auf internationalen Festivals gefeierten Dokumentarfilm "Sabaya" über die Rettung von Zwangsprostituierten vor dem IS: Laut einer Recherche der New York Times seien viele Frauen unfreiwillig in Hogir Hiroris Film gelandet und fürchten nun um ihre Sicherheit, schreibt Silvia Hallensleben in der taz. Es hagelt übliche Stellungnahmen und Gegendarstellungen. "Am interessantesten aber vielleicht die Aussage einer Hauptprotagonistin, dass sie und andere Frauen vor und während des Drehs von der Vertreterin einer nicht näher benannten Organisation unter Druck gesetzt worden seien, ihr Einverständnis und die Beteiligung am Film zurückzuziehen. ... Es wäre von großem Interesse, Näheres über diese Organisation zu erfahren, und es erscheint durchaus plausibel, dass verschiedene Seiten Interesse an einer Sabotage des Films haben könnten. Die ist auch erst mal gelungen: Das Mitte Oktober stattfindende Kurdische Filmfestival Berlin etwa hat 'Sabaya' schon (leider ganz ohne Kommentar) aus dem Programm gestrichen."

Am Freitagabend wurde der Deutsche Filmpreis verliehen, die Branche macht auf gute Laune, während Andreas Busche vom Tagesspiegel unter den "zähen dreieinhalb Stunden voll peinlicher Hip-Hop-Einlagen und selbstverliebter Laudatoren" leidet. "Unter dem präpubertären Motto 'Kino ist geil' feiert der deutsche Film seine Rückkehr. Das aufdringliche Ranwanzen an eine falsch verstandene Jugendkultur ist bisweilen zwar zum Fremdschämen, aber man muss zumindest anerkennen, dass das Thema Diversität für die Filmakademie inzwischen mehr als bloß ein Lippenbekenntnis ist." Allerdings zeigte der Abend, bei dem ausschließlich auf der Berlinale gezeigte Filme gewannen, auch, "dass der deutsche Film international seit 'Toni Erdmann' wieder ins Hintertreffen geraten ist." Außerdem berichten Christian Mayer (SZ), Jenni Zylka (taz) und Bert Rebhandl (FAZ).

Der Standard bringt als Buchauszug Elfriede Jelineks Ode an die unvergleichliche Schauspielerin Erni Mangold, die im kommenden Jahr 95 Jahre alt wird. "Die Natur schaut auf diese schöne Frau zurück, die Worte spricht, auch meine. Die Natur überlegt, ob sie sowas noch einmal zusammenbringen wird, so wie diese Frau Geschriebenes mit sich selbst zusammenbringt, daß es nicht mehr geschrieben, sondern in selbstloser, nein, ichloser Schönheit einfach vorhanden ist, die irgendwann einmal herrenlos herumgerannt ist, weil sie nur so selten das Los einer Frau ist. Dieser Frau, Erni Mangold, kann das alles egal sein, mein Blödsinn zuallererst. Sie ist da und spricht. Und ich starre sie an, bevor die Schönheit sie mir wegnimmt und nur noch meine nackte Sprache da ist."

Weitere Artikel: Für ZeitOnline nimmt Gerhard Midding den nunmehr abgeschlossenen Craig-Zyklus im Bond-Franchise in den Blick. Urs Bühler resümiert in der NZZ das Zurich Film Festival. Besprochen werden Réka Szábos Dokumentarfilm "Das Glück zu leben" über Éva Fahidi (Tagesspiegel) und eine NDR-Langzeitdoku über Kevin Kühnert (ZeitOnline).
Archiv: Film

Kunst

Im Dresdner Albertinum wurde die deutsch-russische Romantik-Schau "Träume von Freiheit" eröffnet, die zuvor in der Moskauer Tretjakow zu sehen war. In der FAZ resümiert Kerstin Holm die bisherige Debatte zur Schau: "Die Dresdner Station wird finanziert von einer Stiftung des usbekisch-russischen Milliardärs Alischer Usmanow, den der im Gefängnis darbende Alexej Nawalnyj zu den politischen Oligarchen um Putin zählt, weshalb er die EU aufforderte, Einreise- und Vermögenssperren gegen Leute wie ihn zu verhängen. Der Metall- und Medienunternehmer Usmanow, der sich vor vier Jahren einen Youtube-Schlagabtausch mit Nawalnyj lieferte, besitzt Villen am Tegernsee, er hat die einst Putin-kritische Zeitung Kommersant gezähmt, zugleich ist er einer von Russlands größten Kunstsponsoren, fördert außer der Tretjakow-Galerie das Museum für zeitgenössische Kunst 'Garage', aber auch die junge Szene in den Regionen. Wie politische Repression und Mäzenatentum dialektisch zusammengehen, vergegenwärtigt auch die Romantik-Ausstellung, indem sie zeigt, dass der reaktionäre Zar Nikolai I. wichtige Werke des damals zeitgenössischen Caspar David Friedrich für die Eremitage erwarb." Stefan Trinks bespricht die Schau in der FAZ dann aber recht positiv.

Besprochen werden die Tony-Cragg-Ausstellung "Drawing as Continuum"" im Haus am Waldsee (taz) und Claudia Schiffers Glamour-Schau "Captivate!" mit der Modefotografie der Neunziger im Düsseldorfer Kunstpalast (FR).
Anzeige
Archiv: Kunst

Literatur

54books dokumentiert den offenen Brief "Dear Literaturbetrieb" des Kollektivs foundintranslation, das einen offeneren, flexibleren, diverseren Literaturbetrieb fordert: "Lieber Literaturbetrieb, we still love you, but we no longer find you attractive. Bitte, wechselt die Positionen. Wechselt häufiger Jurypositionen. Bezahlt Juryarbeit besser. Besetzt nicht die Jurys mit den immer gleichen Gesichtern. Neue Gesichter, neuere Literaturformen, neueres Publikum. Wir möchten den Klang aller Sprachen auf der Bühne erfassen. A través de la música de la lengua extranjera, to acknowledge that a world-view different to ours is possible. Wir möchten uns ins Nichtverstehen verlieben. What does 'Deutsche Literatur' even mean?"

Simon Sahner wundert sich auf 54books über die Merchandise-Maschine, die von Sally Rooneys Romanen angekurbelt wird. In gewisser Hinsicht sind diese "ein literaturgewordener Millenial-Theme-Park. Eine fiktionale Welt, in der weiße, europäische 20/30somethings, die größtenteils heterosexuell orientiert und oft kulturell engagiert sind und im Zweifel studiert haben, all das fühlen und erleben dürfen, was kollektive Narrative der letzten 20 Jahre an Lebenserfahrungen für dieses Generationenmilieu entworfen haben. Im Zentrum steht dabei nicht eine sorgenfreie Realitätskonstruktion, sondern eine letztlich konservativ-hoffnungsvolle Vorstellung davon, dass die eigene Zukunft in irgendeiner Form gut sein wird."

Außerdem: Andreas Pollmeier berichtet in der FR von der Shortlist-Lesung zum Deutschen Buchpreis.

Besprochen werden unter anderem Felicitas Hoppes "Die Nibelungen" (Tagesspiegel), Jonathan Franzens "Crossroads" (NZZ), Rocko Schamonis "Der Jaeger und sein Meister" (FR), Ricarda Bethkes "Rotes Erbe: Auf der Suche nach Richard Schmincke, meinem Vater" (Freitag), Raven Leilanis Debütroman "Hitze" (Standard), Nana Oforiatta Ayims Debütroman "Wir Gotteskinder" (Intellectures), Colm Tóibíns Thomas-Mann-Roman "Der Zauberer" (online nachgereicht von der FAZ), Dževad Karahasans "Tagebuch der Übersiedlung" (Standard), Alma M. Karlins "Dann geh ich in den grünen Wald" mit Erinnerungen der Reiseschriftstellerin aus der Nazizeit (Dlf Kultur), Dave Eggers' "Every" (FAS), Ethan Hawkes "Hell strahlt die Dunkelheit" (Standard), Edmund Whites "Meine Leben" (Jungle World) und neue Krimis, darunter Hannelore Cayres "Reichtum verpflichtet" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Helmuth Kiesel über Ulla Hahns "Ohne Gepäck":

"Diese mächtige flüchtige Zärtlichkeit
die ich auf Reisen
mitunter empfinde..."
Archiv: Literatur

Musik

Besprochen werden die Vinyl-Wiederveröffentlichung von O.V. Wrights Soulklassiker "A Nickel and a Nail and Ace of Spades" (Standard), Martin Scholz' Buch über Sting (FR) und Tim Storys "Moebius Strips", für das der Künstler Aufnahmen aus dem Nachlass von Dieter Moebius bearbeitet hat (Pitchfork). Wir hören rein:

Archiv: Musik