Efeu - Die Kulturrundschau

Männer raus aus Westberlin

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.01.2021. In der FAZ verteidigt Cornelia Funke ihre Schriftstellerkollegin J.K. Rowling, gegen die Kampagne ihrer GegnerInnen. Die SZ erlebt mit Sohrab Shahid Saless' "Utopia", wie das Berliner Bürgertum auf der Kantstraße seine existenzielle Not erblickte. Die taz beobachtet, wie Leon Ferraris Kunst Spaniens Erzkatholiken noch immer provoziert. Die Welt erkennt die Logik in der Rückkehr von Simon Rattle aus London nach München. Und der Guardian blickt in die Zukunft hybrider Bürowelten in der Füßgängerzone.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.01.2021 finden Sie hier

Architektur

Drängelt sich künftig auf jedes Foto aus London: 22 Bishopsgate
Wer möchte sich eigentlich noch mit 12.000 anderen Angestellten in einen von sechzig Aufzügen drängeln?, fragt Oliver Wainwright im Guardian nach Fertigstellung von Londons neuestem und höchstem Wolkenkratzer: 22 Bishopsgate, auch bekannt als The Wodge, der Brocken oder der eisige Hulk. Die Zeiten sind eigentlich vorbei, erfährt Wainwright von der Sozialanthropologin Ziona Strelitz: "Die entscheidende Folge von Covid-19 wird ihrer Ansicht nach sein, dass Unternehmen ihre Flächen effizienter nutzen werden, was der Vorhersage von Deloitte entspricht, nach der sich die Nachfrage um 15 Prozent reduzieren wird. 'Es ist nicht gleich der Tod des Büros', sagt sie, 'aber es ist hoffentlich das Ende von exponentiell wachsenden Bürogebäuden'. Und was ist mit den kollaborativen Bierzapf-Tischtennis-Sitzsack-Ecken? 'Das war ja alles etwas unsinnig. Die hatten nichts damit zu tun, wie Menschen arbeiten wollen. Zusammenarbeit findet statt, wenn auf einer horizontalen Fläche zwei Hintern zusammensitzen.' Sie ist sich mit Peter Rees einig, dem früheren Chefplaner der Stadt London, dass es künftig neue hybride Orte geben wird, etwas zwischen Heim und Büro, mit dem man dem Küchentisch entkommen kann, ohne täglich in die Stadt pendeln zu müssen. Wir werden einen Anstieg in geteilten Nachbarschaftsbüros erleben, die vielleicht in die verlassenen Geschäfte und Kaufhäuser der Fußgängerzone ziehen werden."
Archiv: Architektur

Film

Die existenzielle Not des Bürgertums: Sohrab Shahid Saless' "Utopia"

Mit Sohrab Shahid Saless' "Utopia" kommt eine lange vermisste Rarität des BRD-Kinos der Achtziger endlich auf BluRay heraus. Der junge Manfred Zapatka spielt in dem Film des Exil-Iraners einen fiesen Zuhälter, der auf der Berliner Kantstraße ein Bordell betreibt. "Die Ruhe in diesen Filmen - 'Utopia' nimmt sich über drei Stunden Zeit - ist von tiefer Verzweiflung durchdrungen, das Bürgertum wird seiner existenziellen Not ansichtig", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Tschechow war ihm wichtig, ich bemühe mich sehr, sagt Saless, so zu filmen, wie er geschrieben hat. 'Utopia' ist kein missachteter Film, er wurde in der ganzen Welt gezeigt, auf vielen Festivals, lief im ZDF, das bei der Finanzierung einsprang, als das Geld knapp wurde, stand in zahlreichen Saless-Retrospektiven auf dem Programm.  ... Bei der Uraufführung bei der Berlinale gab es Transparente im Saal, 'Männer raus aus Westberlin' oder 'Neue Männer braucht das Land'. Die Entwicklung der 'Me Too'-Diskussion hat das Profil der Figur verändert, der knallharte Unterdrücker ist selber eine demolierte, hohle, jämmerliche Figur."

Weitere Artikel: Für den Standard spricht Dominik Kamalzadeh mit dem ungarischen Autorenfilmer Kornél Mundruczó über dessen auf Netflix veröffentlichtes Schwangerschaftsdrama "Pieces of Woman", dessen Hauptdarstellerin Vanessa Kirby Bert Rebhandl würdigt (mehr zum Film bereits an dieser Stelle). Esther Buss empfiehlt im Tagesspiegel eine Reihe mit Filmdebüts namhafter Regisseure beim Streamingdienst Mubi. Silvia Hallensleben legt uns derweil im Freitag die Online-Retrospektive Philipp Scheffner des Kinos Arsenal ans Herz (mehr dazu hier). Andreas Busche (Tagesspiegel), David Steinitz (SZ) und Claudius Seidl (FAZ) schreiben Nachrufe auf Michael Apted.

Besprochen werden Bert Rebhandls Biografie über Jean-Luc Godard (Jungle World) und die zweite Staffel der Fantasyserie "His Dark Materials" (Freitag).
Archiv: Film

Kunst

León Ferrari: Santa María (Carabela, Detail aus "La justicia / 1492-1992. Quinto centenario de la Conquista"), 1992. 

Die Retrospektive des argentinischen Künstlers León Ferrrari - "Die freundliche Grausamkeit" im Madrider Museum Reina Sofia - hat die Erzkatholiken auf den Plan gerufen, berichtet Reiner Wandler in der taz. Kirchenvertreter und Aktivisten überziehen das Museum mit Klagen und Protesten: "In der Ausstellung sind Jesusfiguren in einer Bratpfanne, auf einer Zitronenpresse oder einem Reibeisen zu sehen. Mehrere Collagen mischen religiöse und sexuelle Symboliken. Eines der wichtigsten Gemälde ist eine Kopie des Bildes 'Das jüngste Gericht' aus der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo, bedeckt mit Vogelscheiße.  'Die wahre Hölle ist, mental mit der Idee der ewigen Strafe zu leben', schrieb Ferrari einst. Der Teufel verstecke sich hinter Intoleranz und dem blinden Glauben."

Weiteres: Auch im Guardian empfiehlt jetzt Nadja Sadyej die Ausstellung über das Harlemer Künstlerkollektiv Kamoinge im New Yorker Whitney Museum (mehr hier). Im Tagesspiegel spricht der Galerist Aeneas Bastian über seine Rückkehr aus London nach Berlin.
Anzeige
Archiv: Kunst

Bühne

Im Tagesspiegel erinnert Sandra Luzina an die Verwerfungen in der Ballettwelt, in der immer wieder über Rassismus, Konformitätszwang und Schikanen diskutiert werden müssten: "Ist das Ballett nicht ein Anachronismus? Gabriele Brandstetter, Professorin für Tanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin, widerspricht: 'Das Ballett war und ist ständig im Wandel. Viele Leute setzen es aber gleich mit der Zuckerfee.' Wichtig sei, dass man frage, inwiefern das Repertoire, aber auch die Strukturen dieser historisch gewachsenen Institution, Diskriminierung unterstützten. Oft fehle das Bewusstsein dafür, dass eine kritische Bewertung bestimmter Werke notwendig sei."

Jan Brachmann trifft für die FAZ die finnische Sopranistin Camilla Nylund, die über die mittlerweile prekäre Lage vieler SängerInnen spricht: "Aber sie kenne viele Sänger, die nicht mehr wüssten, was sie jetzt machen sollten, weil ihnen das Wasser bis zum Hals stehe. 'Manche von ihnen arbeiten inzwischen im Supermarkt.' Es hat viel böses Blut gegeben in diesem Jahr, vor allem nachdem Bernd Loebe, Intendant der Oper Frankfurt, in einem Interview mit dieser Zeitung hatte verlauten lassen, Sängern mit kleinen Gagen werde geholfen, wer aber bislang achttausend Euro am Abend bekommen habe, hätte doch was zurücklegen können."

Weiteres: Das Berliner Theatertreffen hofft nach den Worten der Festivalleiterin Yvonne Büdenhölzer darauf, in diesem Jahr wieder auf der Bühne stattzufinden, meldet der Tagesspiegel. Besprochen wird Fabrice Mazliahs Choreografie "Telling Stories" beim Digitalen Mousonturm (FR).
Archiv: Bühne

Design

ZeitOnline erinnert mit einer Bilderstrecke an Coco Chanel, die vor fünfzig Jahren gestorben ist.
Archiv: Design
Stichwörter: Chanel, Coco

Literatur

Im FAZ-Gespräch äußert sich die Fantasy-Autorin Cornelia Funke auch zu den erhitzten Debatten, die in den letzten Monaten über J.K. Rowling geführt wurden: "Ich habe mich auf Twitter sehr bestimmt dagegen geäußert, weil einige meiner Leserinnen diese Hatz auf sie mitgemacht haben. Ich habe gesagt, dass ich in deren Äußerungen eine Hassrede sehe - ganz im Gegensatz Rowlings Äußerungen! Sie hat noch nie etwas Diskriminierendes, Sexistisches oder Rassistisches geschrieben. Es ist schon erschreckend, was sich da sofort an Rechthaberei regt. Das Gefühl, besser als andere zu sein, ist immer so gefährlich!"

Dass die Hauptfigur in ihrem Roman "Eine echte Mutter" denselben Vornamen wie sie selbst trägt, ist kein Zufall, sagt die Schriftstellerin Saskia de Coster im taz-Gespräch: Erstmals habe sie einen Roman über sich selbst geschrieben. Es geht ums Mutterwerden, ums Muttersein in einer lesbischen Beziehung. Eine Figur, Molly, "ist die Inkarnation des Muttermythos. Sie hat auf jede Frage eine Antwort und für jedes Problem eine Lösung. Ein sehr instinktiver Mensch. So ein Muttermythos ist für viele junge Mütter bis heute ganz schön belastend. Auch mich selbst hat dieses Mutterbild enorm gestresst. Außerdem hatte ich das Gefühl, alles aufgeben zu müssen, um ganz und gar Mutter zu sein. Und das wollte ich nicht."

Im SZ-Porträt erklärt der Musikproduzent Johann Scheerer, warum er mittlerweile auch in einem zweiten Buch die Entführung seines Vaters, Jan Philipp Reemtsma, verarbeitet: Er wolle den "True-Crime-Storys etwas entgegensetzen, die es über den Fall Reemtsma gibt, gerade sei im ZDF wieder eine Doku herauskommen, 'da erzählt nur die Polizei das übliche Blech'."

Weitere Artikel: Die Schriftstellerin Sandra Hoffmann wirbt in der SZ-Reihe mit Kulturschaffenden in der Coronakrise für das Wald- und Wiesenglück auf dem Land. Der Standard bringt zehn abstrakte Kurzporträts von Brunilda Castejón mit Texten der Schriftstellerin Tanja Paar.

Besprochen werden unter anderem Paul Austers Essaysammlung "Mit Fremden sprechen" (Tagesspiegel), Dominique Manottis Krimi "Marseille.73" (online nachgereicht von der FAZ), Kan Takahamas Manga-Adaption von Marguerite Duras' Klassiker "Der Liebhaber" (Tagesspiegel), Matias Faldbakkens "Wir sind fünf" (NZZ) und Anne Carsons "Irdischer Durst" (NZZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Hans Christoph Buch über Aras Örens Gedicht "Die Fremde ist auch ein Haus":

"Sehr geehrte Herren,
wenn ich etwas Falsches schreibe, verzeihen Sie mir
dieses Falsche, aber nehmen Sie mein Schreiben trotzdem an.
..."
Archiv: Literatur

Musik

Es sieht sehr danach aus, dass Sir Simon Rattle vom London Symphony Orchestra zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nach München wechseln und somit die Nachfolge Mariss Jansons antreten wird. Manuel Brug mutmaßt in der Welt über die Hintergründe dieser Entscheidung, die Rattles Engagement in London auf ein Intermezzo reduzieren würde: Dort machte man sich Hoffnungen, dass mit dem namhaften Dirigenten endlich auch ein eigener Konzertsaal für den Klangkörper zu erreichen ist - was aber immer unwahrscheinlicher wurde. Auch das BR-Orchester wäre angesichts von Sparmaßnahmen "mit einem so bedeutenden Chef einigermaßen sicher. Und Sir Simon ... könnte sofort in die anstehende Kampagne um den neuen, beschlossenen und bereits im Architekturwettbewerb abgeschlossenen Konzertsaal im Münchner Werkviertel einsteigen. ... Angesichts der steigenden Kosten und der finanziellen Post-Pandemie-Probleme wäre ein glanzvoller, zudem kampagnenerfahrener Name unbedingt vonnöten, um das Wolkenkuckucksheim auch klingende Wirklichkeit werden zu lassen."

In der Welt staunt Manuel Brug außerdem über den Erfolg, dessen sich die Sängerin Mina inItalien bis heute ungebrochen erfreuen kann, obwohl sie selbst als Person nicht mehr in Erscheinung tritt, sehr wohl aber regelmäßig Alben veröffentlicht. Sie ist "eine Marlene Dietrich des Schlagers. Die immer wieder mit neuen stilistischen Volten überrascht. Die ihre Songwelt wechselt wie das Chamäleon die Hautfarbe. ... Mina, die Wandelbare, die sich trotzdem stimmlich treu bleibt." Unvergessen: Monica Vitti tanzt zu Minas Schlager "Mai" in "L'Avventura":



Weitere Artikel: Juliane Streich stellt in der taz Lina Burghausens Label 365xx vor, auf dem die Rap-Journalistin ausschließlich Rap von Frauen veröffentlichen will. Michael Stallknecht schreibt in der NZZ über die Geschichte und Tradition des Klavierstücks für eine Hand, dem sich der Pianist Maxime Zecchini in einer auf mittlerweile enzyklopädische Ausmaße angewachsenen Serie von Aufnahmen widmet. Christiane Peitz stellt im Tagesspiegel neue Forschungen zum Musik- und Konzerterleben vor. Michael Kube sieht für die NMZ die Neuerscheinungen zum Beethoven-Jahr durch.

Besprochen werden Michael Allreds Comic "Sternenstaub, Strahlenkanonen und Tagträume" über David Bowie (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), M. T. Hadleys EP "There Isn't a Window That I Won't Look Out Of" (Jungle World), Navy Blues "Song of Sage: Post Panic!" (Pitchfork) und weitere neue Musikveröffentlichungen, darunter eine Aufnahme von Franz Schmidts Sinfonien des hr-Sinfonieorchesters unter Paavo Järvi (FAZ). Wir hören rein:

Archiv: Musik