Efeu - Die Kulturrundschau

Werd ich Prinzessin oder Engel

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12.01.2021. Niemand versteht sich so gut auf Märchen wie Disney, denkt sich die NZZ und erlebt in der Doku "On Pointe" die Ballettschule als Hort der Fürsorge und Fairness. Nachtkritikerin Şeyda Kurt würde auch gern mal mit ihrer sechzigjährigen Mutter ins Theater gehen. Die FAZ überlegt, ob die Kunst eine Tätowierung ist. Mit Ringlicht werden wir in der Videokonferenz zu Influencern in eigener Sache werden, verrät die SZ. Außerdem trauern Dlf und SZ um die Lyrikerin Barbara Köhler, der alles Naturschöne so fern lag wie Epen, in denen Frauen sang- und klanglos verschwinden.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2021 finden Sie hier

Bühne

Teamgeist, Athletik, gute Luft: On Pointe. Bild: Disney+ 

Die School of American Ballet in New York gehört zu den bedeutendsten Ballettschulen der Welt, und NZZ-Kritikerin Sarah Pines verfolgt in der Disney-Doku "On Pointe" gebannt, wie George Balanchine dort das blässlich-ätherische Europa verabschiedete und in den Tanz amerikanischen Teamgeist und Athletik einführte. Aber warum, fragt sich Pine, ist hier alles so positiv, so "divers, umarmend, warm und fürsorglich"? Stress? Den gibt es an der School of American Ballet nicht, so suggeriert es diese Miniserie - ebenso wie Gewichtsprobleme: Es gibt keine Sorge, zu dick für eine Rolle zu sein (höchstens zu groß). Die Verschmähten, Durchgefallenen? Sie kommen nicht vor. Neid auf bessere Tänzer, Angst vor Rausschmiss oder Versagen? Kein Thema. Die 15-jährige Taela sagt, sie bewundere die, welche besser tanzten als sie. Von ihnen lerne sie ja. Alle sind, bis auf kleine Momente der Nervosität ('Werd ich Prinzessin oder Engel?'), immer froh und lachen viel."

In ihrer Nachtkritik-Kolumne würde Şeyda Kurt auch gern einmal mit ihrer Mutter ins Theater gehen - sie müsste nur ein passendes Stück finden: "Am liebsten ein feministisches Rache-Stück, bestenfalls in türkischer Sprache. Die Darstellenden sollten um die 60 Jahre alt sein. Und wir brauchen einen Hocker, auf dem wir die Beine hochlegen können, denn meine Mutter hat Rückenschmerzen. Und dazu wollen wir Brötchen mit Pastırma serviert bekommen."

Im Tagesspiegel-Interview mit Patrick Wildermann spricht der Regisseur und Performer Arne Vogelsang über Theater im Netz, seine eigene Gruppe internil und die Überkreuzung zweier Welten. Im Tagesspiegel gratuliert Patrick Wildermann dem English Theatre, das seit dreißig Jahren die freie Szene von Berliner beglückt. Im Standard meldet Stefan Weiss die ersten Budgetkürzungen für das Landestheater Vorarlberg.
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Architektur

Peter Richter schreibt in der SZ zum Tod des Architekten und Modernisten Georg Heinrich, der Berlin das Märkische Viertel und ein sechshundert Meter langes Hochhaus horizontal über der Stadtautobahn in Wilmersdorf vermacht.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Heinrich, Georg

Kunst

In der FAZ denkt der Kunstwissenschaftler Karlheinz Lüdeking mit Adolf Loos über Ornament und Verbrechen nach, erkennt in der Tätowierung einen rebellischen Akt gegen das Funktionale und kommt  schließlich zur Bedeutung der Kunst: "Wenn man sich die Kunst wie eine Tätowierung vorstellt, die sich die Gesellschaft als ganze zufügt, dann ist das nicht, wie man mit Loos sagen müsste, nur ein Akt des Sich-Schmückens, auf den man ohne weiteres verzichten kann. Es verbindet sich damit vielmehr eine unverzichtbare Vision. Die Kunst wird zu einem Versprechen, alles könne auch ganz anders sein. Das ist zwar reines Wunschdenken, aber genau daraus ergibt sich der Effekt. Dem tätowierten Sachbearbeiter wird das Leben im Büro erträglich, weil er im Grunde ein kühner Pirat ist. Und ebenso erklärt sich die Wirkung der Kunst."

Weiteres: Im Standard berichtet Olga Kronsteiner, dass der ehemalige Krone-Kolumnist Richard Nimmerrichter seine Kunstsammlung dem Land Niederösterreich vermachen wird, ein als Raubkunst bewertetes Gemälde sei aber nicht dabei.
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Archiv: Kunst

Literatur

Die Feuilletons trauern um die Lyrikerin Barbara Köhler, die zwar in der DDR aufgewachsen ist, ihren ersten Gedichtband aber 1991 veröffentlichte. Sie hat sich "schon in ihren frühen Texten mit den Grenzen der Sprache und auch den Bedingungen weiblichen Sprechens auseinandergesetzt", schreibt Michael Braun im Tagesspiegel. "Wenn in der traditionellen Interpretation des homerischen Epos 'Frauen sang- und klanglos verschwanden', wie Köhler in ihrem Nachwort zu 'Niemands Frau' anmerkt, so bestimmen nun Kirke, Nausikaa, Skylla, Kalypso und Penelope ihren Ort neu. Was bleibt, ist ein poetisches 'Polymorphem', also die Vielgestaltigkeit und Vieldeutigkeit der Akteure und Stimmen."

Sie war passionierte Gärtnerin, aber bukolischer Impressionismus des Naturschönen lag ihr fern, schreibt Tobias Lehmkuhl in der SZ: "Landschaften interessieren Barbara Köhler immer auch als Sprachlandschaften, die Emscher als verbindender Grenzfluss zwischen Deutsch, Niederländisch und Französisch, oder die Rhône am Fuß des Berges Gorwetsch im Wallis, dem sie mit einem Gruß an Hokusei ein Buch mit nun '36 Ansichten' gewidmet hat: 'die Rhone, in den Rotten, dans le Rhône' heißt es da, 'es scheint ein Wasser zu sein, mit dem die Dinge ihre Wörter, das Geschlecht ändern.'"

"Die Grammatik durchzuspielen und sie nach dem Politischen abzuklopfen, war immer Teil des Schreibens von Barbara Köhler", erklärt Paul Jandl in der NZZ. "Durch das Spiel mit Mehrdeutigkeiten und Enjambements, mit Reimen und Brüchen in den Gedichtzeilen hat sie Widersprüche kenntlich gemacht und ist dabei immer bei der Rede des Alltags geblieben: 'Ich habe das Sagen nicht. Ich lasse es / mir gesagt sein mir gefallen Wendungen / die verwandeln die EinRichtung zwischen / verrückten Wänden in ungehörige Räume.'"

Weitere Artikel: Hilmar Klute (SZ) und Jan Wiele (FAZ) schreiben Nachrufe auf den Schriftsteller Ludwig Fels. Besprochen werden unter anderem Viktor Martinowitschs "Revolution" (Berliner Zeitung), Ali Smiths "Winter" (SZ), Dag Solstads Roman-Memoir "16. 7. 41" (Tagesspiegel), Adrian McKintys Krimi "Alter Hund, neue Tricks" (FR), John Boynes "Die Geschichte eines Lügners" (Tagesspiegel), neue Bücher über Sprache von Jimmie Durham und Clemens J. Setz (Zeit) sowie Yvonne Adhiambo Owuors "Das Meer der Libellen" (FAZ).
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Design

Das Ringlicht, das bei Youtubern und Influencern für gesunde Gesichtsfarbe, wenig Schatten und ein geheimnisvolles Leuchten in den Augen sorgt, hält im Zuge von immer mehr Videokonferenzen auch in immer mehr gängigen Wohnstuben Einzug, schreibt Michael Moorstedt in der SZ und verweist auf eine neue Hürde, die zu nehmen ist: "Jeder Mensch der Gegenwart weiß zwar, welche Gesichtsmuskeln er bemühen muss, um auf einem schnellen Selfie halbwegs vorzeigbar auszusehen. Eine mehrstündige Videokonferenz unter dem kritischen Auge des Chefs zu überstehen, ist dagegen schon ein anderes Kaliber. Da hat man, während die Kinder im Hintergrund schreien und gleichzeitig schon die Töpfe auf dem Herd köcheln, weder Zeit noch Muße für einen Weißabgleich."

Dass das Designstudio Pantone ein mattes Gelb und ein schwaches Grau zu seinen Farben des Jahres erklärt, findet Jenni Zylka im Freitag den äußeren Umständen entsprechend angemessen trist: "Die Kombi setzt ganz unromantisch auf Schutz, neben der Sicherheitsweste erinnert sie an Straßenmarkierungen bei Baustellen oder an holztischschonende Platzdeckchen im dänischen Ferienhaus, an denen noch Röstzwiebeln von Hot Dogs der Vormieter*innen kleben. Nicht schön, aber einfach zu reinigen."
Archiv: Design
Stichwörter: Licht, Farben

Film

Die Geschichte der späten Leni-Riefenstahl-Rezeption ist alles andere als ruhmreich, schreibt Christina Dongowski auf 54books anlässlich von Nina Gladitz' neuer Auseinandersetzung mit der Nazi-Propaganda-Filmerin. Mit Gladitz bescheinigt Dongowski insbesondere dem Feuilleton der 90er "ein komplettes moralisches Versagen vor der Aufgabe, diese Frau und ihr Werk historisch, ethisch und ästhetisch adäquat zu verstehen und zu beurteilen. Und das alles für den Frisson, sich selbst auch einmal ein wenig in der sulfurisch-schimmernden Aura eines dämonischen Genies zeigen zu dürfen. (Da nimmt man sogar in Kauf, dass das Genie eine Frau ist. Für die feministische Verklärung Riefenstahls, wie sie Alice Schwarzer betrieben habe, hat Gladitz nur Verachtung übrig.) Dass der moralische Furor, mit dem Gladitz' schreibt, den meisten Verfasser:innen ein wenig peinlich oder gar unheimlich ist, merkt man gerade auch den wohlwollenden und positiven Rezensionen der Biografie an. Man schätzt ihre detektivische Arbeit in den Archiven, stellt Gladitz Verschränkung von philologischem, ästhetischem und ethischem Urteil aber unter den Verdacht der Distanzlosigkeit und des Obsessiven."

Weitere Artikel: Zumindest die Berliner Arthouse-Kinos kommen derzeit ganz gut über die Krise, hat tazler Andreas Hartmann herausgefunden: Neben den Hilfsprogrammen der Regierung sind es vor allem die Spenden der treuen Kunden, die die Häuser über Wasser halten. Die Kritikerinnen und Kritiker vom Freitag vermissen derweil das alltägliche Geschäft.

Besprochen werden Martin Scorseses Porträtserie "Pretend it's a City" über Fran Lebowitz (ZeitOnline), Marie Wilkes ZDF-Dokuserie "Höllental" über den Fall Peggy (taz, mehr dazu hier), Robert Rodriguez' für Netflix produzierter Superhelden-Kinderfilm "We Can Be Heroes" (SZ), Radha Blanks Tragikomödie "Mein 40-jähriges Ich" (Tagesspiegel) und die neue Staffel der SF-Serie "The Expanse" (Zeit).
Archiv: Film

Musik

Gestern morgen war es noch ein Verdacht, dann wurde es Gewissheit: Simon Rattle wird ab Herbst 2023 Chefdirigent des BR-Symphonieorchesters und folgt damit Mariss Jansons nach, der im Dezember 2019 überraschend gestorben ist. Die Feuilletons freut die Personalie sehr: Nun werde "eine wunderbare Liebesbeziehung legalisiert", jubelt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck, dem bei Erinnerungen an gemeinsame Konzerte noch immer freudige Schauer über den Rücken laufen: "Rattles Faible für die Moderne wie für Barockmusik wird die Münchner Konzertprogramme bereichern, die sich nur selten aus der Kielspur zwischen Ludwig van Beethoven und Dmitri Schostakowitsch hinauswagen. Und mit den BR-Sinfonikern hat er auch das richtige Orchester zur Hand, das durch die auf Moderne spezialisierte Reihe 'musica viva' ausreichend Erfahrung mit dem Ungewohnten und Querständigen hat."

"Na, da kommt einer, der wird dem stets gediegenen, mitunter auch selbstgefälligen Münchner Musikleben mal so etwas wie das Tanzen beibringen", glaubt auch Wolf-Dieter Peter in der NMZ. Rattles "von 2002 bis 2018, also ganze 16 Jahre währende Chef-Periode bei den Berliner Philharmonikern, führte das vor, was München jetzt gut tun wird: Neugier über gängige Repertoire-Bereiche hinaus."

Für Rattle ist es wohl eine Flucht aus Frust über den Brexit, kommentiert Jan Brachmann in der FAZ. "München freilich wiederholt in seiner Personalpolitik nur das eingefahrene Muster der Mutlosigkeit, einzukaufen, was woanders erprobt wurde." Für BR-Intendant Ulrich Wilhelm, dessen Vertrag am 31. Januar endet, ist es eine Lösung in buchstäblich letzter Minute, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel: Umworben habe er Rattle wohl schon länger, der aber war zögerlich wegen seiner Verpflichtungen in London. "Wilhelm scheint dem Maestro nach der langen Phase des Umwerbens schließlich ein Ultimatum gesetzt zu haben. Hoch gepokert, glücklich gewonnen: Ab der Spielzeit 2023 wird Rattle seinen persönlichen Brexit vollziehen." Beim BR gibt es eine Aufnahme des Orchesters unter Rattle vom November.

Weitere Artikel: In der Jazzkolumne der SZ staunt Andrian Kreye darüber, wie sehr der Pixarfilm "Soul" das Wesen des Jazz auf die Leinwand, respektive den Computerbildschirm gebannt hat. Bei einer Ausstellung in Köln ist auch die weitgehend in Vergessenheit geratene, schwarze Liedermacherin und Aktivistin Fasia Jansen wiederzuentdecken, die seit den Sechzigern in Oberhausen lebte, schreibt Max Florian Kühlem in der taz. Hier ein Auftritt mit Einführung aus dem Jahr 1965:



Besprochen wird das Debütalbum der Nettelles, für das Jungle-World-Kritikerin Du Pham jedes Date mit Elvis sausen lässt. Wir hören rein:

Archiv: Musik